Zwei Tuberkulinum- Fälle

erschienen in der Zeitschrift für Klassische Homöopathie, 2003; 47: 163 – 177

von Dr. med. Carl Rudolf Klinkenberg

Zusammenfassung

Fallbeschreibung von zwei Jungen mit chronischen Folgen nach BCG-Impfung und familiärer Tuberkulose. Der Heilungsverlauf unter Tuberkulinum wird beschrieben, die Materia medica-Quellen der Arznei untersucht. Weitere Themen sind die Erblichkeit infektiöser Krankheiten sowie die Bedeutung einer infektiösen Diathese für die Arzneiwahl.

Schlüsselwörter
Tuberkulinum, Bacillinum, Nosoden, tuberkulöse Diathese, BCG-Impfung, Vererbung, Materia medica, spezifische Infektion.

Chronische Folgen der BCG-Impfung

Am 9.03.2001 wird der 8jährige Tobias mit ausgeprägter Hyperaktivitätsstörung vorgestellt.
Die ersten Symptome begannen mit 3 Jahren. Die Eltern berichten, er sei sehr unruhig, habe immer etwas zum Spielen in der Hand und könne nicht ruhig sitzen. Nervös, unkonzentriert, wechselhaft. Für vieles interessiere er sich mit Feuereifer und kurz darauf habe er es vergessen. Er wirke oft abwesend, wie ganz woanders.
Er sei sensibel, nehme sich vieles sehr zu Herzen wie z.B. einen Bericht im Fernsehen über ein ermordetes Kind. Ziehe sich in ein kindliches Gehabe und Verhalten wie ein Baby zurück. Oder er spiele den Kasper und habe ein großes Mundwerk. Die Mutter meint, ihm fehle Selbstvertrauen, was er überspiele.

weiterlesen

Blühende Phantasien von Monstern und gruseligen Geschichten. Alpträume: Sieht Menschen als Leichen. Er bringt einen Räuber um. Dinge entfernen sich und kommen wieder zurück. Ein Mörder, der immer größer wird. Sein Kopf wird zusammengequetscht. Aus Angst steht er dann morgens nicht auf und ruft nach seinen Eltern.
Ständige Bewegungen der Zunge, beißt sich auf die Lippen. Störung der Feinmotorik beim Schreiben, Basteln und Spielen. Koordinationsschwierigkeiten beim Turnen.
Großes Süßverlangen. Schwitzt stark bei Anstrengung, besonders am behaarten Kopf. Kalt-feuchte Hände. Die Haut an den Oberarmen ist grießelig. Auffallend rote Lippen bei blassem Gesicht.
Im Alter von 6 Wochen antibiotisch behandelter Harnwegsinfekt, deshalb abgestillt. Freies Laufen mit 19 Monaten. Ein bis zweimal im Jahr Husten oder spastische Bronchitis. Laut Kinderarzt dreimal Scharlach ohne Hautausschlag mit 3, 4 und 7 Jahren.

Impfungen: BCG-Impfung 4 Tage nach Geburt, Merieux-Test 3 Monate später positiv. Zwischen 3. Lebensmonat und 7 Jahren Impfungen gegen Polio, Diph., Tet., Pert., Hib, HepB und MMR. Familiäre Erkrankungen: Beide Geschwister des Vaters – Neurodermitis. Der Kinderarzt diagnostiziert ein ADHS-Syndrom. Bisherige Therapie (Ergotherapie, Physiotherapie) erfolglos. Tobias soll in zwei Monaten in eine neurologische Spezial-Klinik eingewiesen werden.

Arzneiwahl

Wegen der ausgeprägten körperlichen und geistigen Unruhe und der roten Lippen bei BCG-Impfung vermute ich eine Tuberkulose-Infektion. Nicht nur die Tuberkulose (TBC) selbst, auch der abgeschwächte Krankheitserreger der Impfung ist offenbar in der Lage, chronische Störungen auszulösen, die ich auf eine tuberkulöse Infektion zurückführe. Für die Ausarbeitung wurden u.a. die Repertorien von Murphy und Pennekamp verwendet [25,28], in die klinische Tuberkulinum-Symptome eingearbeitet sind. Tuberkulinum findet sich in folgenden Rubriken:

Restlessness, in children (MMR 239): Tub. (2).
Hyperaktive, hypermotorische Kinder (PKR 85): Tub. (3).
Sensitive children (MMR 240): Tub. (2).
Childish behavior (MMR 1011): Tub. (1).
Ideen Reichtum, Phantasie (PKR 86): Tub. (3).
Gedanken, versunken in, Tagträume (PKR 79): Tub. (2).
Alpträume (PKR 433): Tub. (2).
Discoloration, lips, red (MMR 1126): Tub. (2).
Kopfschweiss (PKR 155): Tub. (1).
Süßigkeiten, Verlangen (SR II 274) [3]: Tub. (2).

Materia Medica

 A very restless feeling, not able to read with profit (Boocock, Bac.). Very weak and nervous, full of anxiety… (Boocock, Bac.). Nervous and irritable (Burnett, BCC 97, Bac.). (Intense restlessness; and inward restlessness. Comprehension and concentration almost impossible. Allen, AN 502).
 Very sensitive mentally and physically (Phatak, PMM 602).
Night very restless; …full of dreams (Boocock, Bac.). (Schreckliche Träume… CNC 6051, Nebel). Dreams… frightful. Awakes in horror (PMM 605).
 Craves cold milk, or sweets (Boger, SK 325).

Die Arzneiwahl Tuberkulinum wird nicht allein durch Symptomenähnlichkeit getroffen, sondern auch durch die spezifische Ansteckung, die durch die Impfung erfolgte. Dieses Vorgehen ist durch die Erfahrungstatsache begründet, dass Tuberkulinum ein verifiziertes Mittel bei tuberkulöser Diathese ist.

Verlauf

12.03.01 Tuberkulinum C1000 (Gudjons) 2 Glob. in etwas Wasser aufgelöst an zwei Abenden. Verbot von Zucker.
29.03. Der Junge ist viel ruhiger. Im Unterricht und beim Spielen mehr Ausdauer und Motivation. Keine Alpträume. Kaum Süßverlangen. Befund: Lippen weniger rot, Gesicht rosiger.
9.04. Rückfall nach einer Tüte voll Süßigkeiten, direkt am nächsten Tag extrem unruhig, unkonzentriert und wieder rote Lippen. Blaß. Zustand fast wie vor der Gabe.
12.04. Unverändert unruhig. Er fragt wieder mehr nach Süßem.
Tuberkulinum C1000 (Gudjons) 1 Glob. unter die Zunge.
8.05. Direkt nach der Einnahme wird er von Tag zu Tag ruhiger und konzentrierter, ähnlich wie nach der ersten Gabe. Weniger blaß.
Vor zwei Wochen hat er bei einem Freund viele Süßigkeiten gegessen, danach wieder zwei Tage unruhig. Keine schweißigen Hände mehr. Die Eltern sagen den Kliniktermin ab.
6.06. Es geht ihm gut. Nicht mehr hyperaktiv. Konzentration und Leistung in der Schule sind wesentlich besser geworden. Kein kindisches Verhalten mehr. Keine Alpträume mehr. Er hat Selbstvertrauen und übernimmt beim Spielen mit seinen Freunden mehr Initiative. Die Sensibilität, wenn z.B. anderen Menschen etwas Schlimmes passiert, ist gleich geblieben. Hin und wieder fragt er nach etwas Süßem. Gesichtsfarbe normal, keine roten Lippen.
21.12.01 Leichte Bronchitis, keine Arzneigabe.
17.04.03 In den letzten zwei Jahren hat sich Tobias normal entwickelt, er hat noch leichte Konzentrationsprobleme, keine Unruhe mehr. Alpträume, schweißige Hände und Infektneigung sind weg, der körperliche Zustand unauffällig.
Eine Weiterbehandlung wäre wünschenswert gewesen, aber die Eltern waren mit der Heilung der dringlichsten Symptome zufrieden.
Auch wenn ich daher nicht von einer vollständigen Heilung spreche, Voraussetzung hierfür wäre ein längerer Beobachtungszeitraum und eine Weiterbehandlung der Restsymptomatik, hat mich die tiefgreifende und anhaltende Wirkung von Tuberkulinum auf das Kind beeindruckt.

Tuberkulöse Diathese

TBC hat die Kraft, den Organismus mit einer bleibenden Störung der Lebenskraft zu hinterlassen. Frühere Homöopathen, z.B. C. M. Boger und E. A. Farrington beobachteten, dass eine konventionell kurierte TBC, die geheilt scheint, nicht wirklich geheilt ist. Sie werde zwar still, aber nicht eliminiert, was sich an Folgekrankheiten und Anfälligkeiten zeige [31].

Die akute Infektion mit Tuberkelbakterien ist unter den guten sozioökonomischen Bedingungen der industrialisierten Länder selten geworden , heute erfolgt die Ansteckung im wesentlichen über drei Wege:
1. TBC der Vorfahren.
2. Eine durchgemachte TBC.
3. Ansteckung durch BCG-Impfung oder Tuberkulin-Test.
Mit Ansteckung bzw. Infektion bezeichne ich im erweiterten Sinne die Übertragung einer Krankheit. Dabei ist der Mensch nicht mit positivem Erregernachweis infiziert, sondern durch eine dynamisch vererbte Diathese (familiäre TBC) oder eine schwelende Infektion (frühere TBC oder BCG-Impfung) chronisch krank. Diese tuberkulöse Diathese hat einen nachhaltigen Einfluss auf den Organismus und muß bei der Arzneiwahl beachtet werden. Tuberkulinum ist eine Arznei, die bei den chronischen Folgen einer TBC-Infektion häufig indiziert ist.


Chronische Folgen von familiärer TBC und BCG-Impfung

Am 16.08.2001 wird der 5jährige Peter mit rezidivierendem Reizhusten vorgestellt. Der Husten trat erstmals im Sommer 2000 nach Aufenthalt in einer feuchten Berghütte auf. Von November 2000 bis April 2001 ständig rezidivierender Reizhusten, oft ausgelöst durch feuchtes oder nebliges Wetter. Husten trocken, < nachts. Nach einem beschwerdefreien Intervall tritt im Juni nach Übernachtung in einer Berghütte erneut ein trockenes Hüsteln auf.

weiterlesen

Diagnose im Universitätsklinikum Tübingen: Hyperreagibles Bronchialsystem. Bisherige Therapien erfolglos, inhalative Kortisontherapie geplant.
Schwitzt leicht bei körperlicher Bewegung. Schweißneigung am behaarten Vorderkopf, auch nachts, und an Oberlippe und Fußsohlen. Ständig feucht-warme Hände und Füße, Füße oft unangenehm heiß. Immer Unwohlsein und Müdigkeit in warmen Räumen, fühlt sich wohl an der frischen Luft. Er friert nie und möchte immer ins Kühle. Abneigung gegen Sonnenhitze. Trinkt nur Kaltes. Warme Speisen lehnt er ab. Besondere Vorliebe für saure, salzige und pikante Speisen, z.B. saure Salatsoße, salzige Brezel, Oliven. Ißt auch gerne Eier und Nudeln.
Reizbarkeit vor Gewitter oder Sturm. Auch bei Vollmond gereizt und sehr unruhiger Schlaf. Psyche sonst unauffällig.
Gesicht blass. Zwei Warzen an der linken Hand. Während des Reizhustens sind Lippen und Lippenrand auffallend rot. Schon während der Zahnung hatte er rote Lippen, außerdem feuerrote, mit rauhen Papeln übersäte Wangen.
Körperlich normal entwickelt. Als Säugling starker Milchschorf. Infektanfälligkeit im Herbst und Frühjahr: Er hatte je dreimal Bronchitis und Otitis und zuletzt mehrere schwere Magen-Darminfekte.

Impfungen: BCG-Impfung 6 Wochen nach Geburt, anschließend lokal kleine eitrige Infektion ohne Fieber. Tuberkulin-Test (PPD) mehrfach negativ. Fünffach-Impfungen gegen Diph., Tet., Pert., Hib, Polio, Impfungen gegen HepB und MMR im 1. und 2. Lebensjahr, zweimalige FSME-Impfung im 4. Lebensjahr. Jeweils bei der ersten Fünffach- und ersten HepB-Impfung hatte er einen halben Tag lang erhöhte Temperaturen, Schlappheit und Muskelhypotonie.

Familiäre Erkrankungen: Gehäuftes Auftreten von TBC in der Familie der Mutter: Großmutter, Großtante, Onkel, Cousin. Die Mutter des Kindes wurde als Säugling gegen TBC geimpft. Der Vater hat Heuschnupfen, Asthma und nimmt Kortison.

Hier liegt eine doppelte tuberkulöse Belastung vor: Familiäre TBC und BCG-Impfung. D. M. Borland schreibt über Fälle dieser Art: „…Es ist angebracht, einige Bemerkungen über Tuberkulinum zu machen. Wenn in der Familiengeschichte eines Kindes Tuberkulose vorgekommen ist, empfiehlt es sich aus langer Erfahrung heraus früher oder später bei der Behandlung eines solchen Kindes unabhängig von dem im spezifischen Krankheitsfalle angezeigten Heilmittel, Tuberkulinum oder Bacillinum (C30, C100, C200, C500 und C1000) als Zwischengabe in vierwöchentlichen Abständen zu geben. Einschränkend muß man dazu sagen, dass oft auch eine einzige Gabe in 6 oder 12 Monaten manches zur Umstimmung durch die Nosode ausreicht“ [7].

Repertorisation

Bei tuberkulöser Diathese erfasse ich, wie in jedem Fall, die Gesamtheit der Symptome und achte genau auf Tuberkulinum-Symptome. Einige fallen sofort auf: Allergischer Husten, Infektanfälligkeit, < Wetterwechsel, schweißige Hände, rote Lippen. Auch wenn die Arzneiwahl getroffen ist, hier Tuberkulinum, repertorisiere ich nach der Erstanamnese. Jetzt sind die charakteristischen Symptome präsent, und die anfangs durchgeführte Reper-torisation gibt für die weitere Behandlung wichtige Hinweise auf Folge- und Zwischenmittel.

Die Repertorisation weist klar auf Phosphorus als Folgemittel. Die Arzneiwahl kann mit hinreichender Heilungsgewißheit wie folgt festgelegt werden:
1.) Tuberkulinum und 2.) ggf. Phosphorus.

Materia medica

Anämic, sickly, pale (BCC 39, Bac.).
Hard dry cough, …more during sleep (GS X 352, Boardman) [16]. Bad cough < at night; wakened by it (BCC 111,172, Bac.). (Trockener Husten nachts. CNC 6045, Nebel). Bad cough of about twelve month´s duration (BCC 116, Bac.).
Perspired profusely (GS X 353, Burnett, Bac.). (Reichlicher Schweiß nach geringer Anstrengung. CNC 6051, Nebel). Sweat; easy; …on hands (SK 326). Perspiration on head (GS X 353, Burnett, Bac.). (Viel Schweiß, besonders am Kopf, nachts. CNC 6051). Heat (SK 326).
Air Hunger. < Close Room. > Open air. < Weather: Damp (cold) (SK 325).
Constant disposition to take cold (PMM 86, Bac.). Takes cold easily; ends in diarrhoea (SK 325). Great susceptibility to taking cold (GS X 353, Burnett, Bac.).

Verlauf

Die meisten Termine sind Telefonate, da die Familie von auswärts kommt.

17.08.01 Tuberkulinum C1000 (Gudjons) 2 Glob. in 3 EL Wasser aufgelöst an zwei aufeinanderfolgenden Abenden. Daraufhin Besserung der Schweißneigung: Schwitzen bei Anstrengung weg, Hände nicht mehr schweißig, Schwitzen nachts >.
14.09. Erkältung mit Fließschnupfen und starker Heiserkeit nach Unterkühlung.
Phosphorus C30 (Spagyros) 1 Glob. pur, dann aufgelöst einige Tage.
20.09. Heiserkeit schnell vergangen, noch etwas Husten. Abwarten.
8.10. Der Husten nach der Erkältung ging nicht ganz weg. Nach Pilzesammeln im Wald ab 3.10. wieder trockener Reizhusten, < 22 bis 24 Uhr und 6 bis 7.30 Uhr, tags selten. Husten und Allgemeinzustand deutlich > im Freien; in warmen Räumen ist er richtig müde und schwach. Viel Durst. Ißt jetzt gerne Obst und saftige Dinge. Wieder schweißige Hände.
Kurz darauf entwickelt sich eine obstruktive Bronchitis, die Mutter gibt ohne Rücksprache Sultanol.

Repertorisation
Air open >, in Room <, Air Hunger SK 19 Tub. (3).
Verlangen nach Obst SR II –

Materia medica
Slight hacking cough (hackender Husten), continuing all day, < at bedtime and on rising (GS X 352, Burnett, Bac.). (Durst: extrem, Tag und Nacht. Trockener Husten; nachts. Reizhusten, < nachts. CNC 6045, Nebel).

Verlauf
15.10. Tuberkulinum C1000 (Gudjons) 2 Glob. in 5 EL Wasser.
24.10. Er hat sehr schnell auf das Mittel angesprochen: Die obstruktive Bronchitis, die auf dem Weg der Besserung war, ist schon am nächsten Tag weggegangen.
Am 31.10. plötzlich wieder trockener, bellender Husten und Schnupfen. Die Mutter gibt Peter in Eigenregie 1 Glob. Tuberkulinum C1000 (Gudjons).
6.11. Der Husten löst sich jetzt. Gesicht blaß, fiebrige Augen, hochrote Wangen, Lippen feuerrot. Bauchweh > Wärme. Stockschnupfen mit dicker, grünlicher Absonderung seit gestern Abend. Sehr weinerlich, ängstlich, will dass jemand bei ihm bleibt.
Pulsatilla C30 (Spagyros) 1 Glob., dann aufgelöst.
12.11. Alle Beschwerden innerhalb von zwei Tagen vergangen, auch der Husten.
26.11. Bei der U9 wird ein Tuberkulin-Test (PPD) durchgeführt, ohne die Mutter nach ihrem Einverständnis zu fragen. Der Test ist zum dritten Mal negativ. Am Folgetag Fließschnupfen, einen Tag darauf wieder trockener Reizhusten.
Tuberkulinum C1000 (Gudjons) 1 Glob. in 1 EL Wasser je eine Hälfte abends und morgens.
3.12. Husten schon nach der ersten Gabe Tuberkulinum besser: Er löst sich und tritt nur noch abends von 21 bis 22 Uhr und morgens von 7 bis 8 Uhr auf. Jetzt Stockschnupfen mit starker Krustenbildung und grasgrüner Absonderung.

Repertorisation
Nose, discharge, greenish- yellow MMR 1190 Tub. (3)
Nose, discharge, crusts MMR 1189, KD III 169 Tub. (3)

Materia medica
Hinweis: Absonderung von Schleim aus der Nase, …gelb-grün (CNC 6041).

Verlauf
Tuberkulinum Q6 (Rosegger), 5 Tropfen auf 100 ml Wasser, davon 1 TL morgens und abends.
10.12. Alle Beschwerden sind nach zwei Gaben der Q6 innerhalb von zwei Tagen verschwunden.
9.01.02 Mit dem Verschwinden des Reizhustens hat sich Peters Stimmung sehr gebessert: Singt viel, ist freundlicher und offener anderen gegenüber. Im Dezember einmal kurz Reizhusten, der nach einer Gabe Tuberkulinum Q6 verschwand. Normaler Durst, trinkt auch mal warme Getränke. Weniger Verlangen nach Saurem, kein Verlangen mehr nach Salz. Schwitzt weniger, Schweiße an Händen, Füßen und Kopf sind weg.
Trockener, manchmal geröteter Ausschlag zwischen Mittel- und Ringfinger seitlich und in der Falte, begann Mitte Dezember, zunächst links, jetzt bds. Rötung < nach Schwitzen. Warzen idem.

Repertorisation
DD Sulf., Sep., Calc., (Psor.).

Verlauf
Sulfur C30 (Spagyros) 2 Glob. unter die Zunge.
15.10. Nach Sulfur am nächsten Tag Bauchschmerz und Durchfall ohne Anlaß. Der Ausschlag zwischen den Fingern ist innerhalb von zwei Tagen weggegangen.
31.01. Stockschnupfen und Husten ohne Auslöser, < morgens, deutlich > an der frischen Luft, < im warmen Zimmer. Auch allgemein > im Freien. Trockene Lippen. Husten seit heute locker.
Pulsatilla C30 (Spagyros) 1 Glob. abends. Am Folgetag Husten verstärkt, danach alle Symptome vollständig verschwunden.
22.02. Sulfur C200 (Spagyros) 1 Glob.
4.03. Eine Erkältung mit Fließschnupfen, bellendem Husten < nachts, Herzklopfen, Unruhe und Hitze der Haut ohne Fieber heilt mit Aconitum C30 und Emser Salz-Inhalationen in wenigen Tagen aus. Eine Woche später schält sich die Haut an Handinnenflächen und Fußsohlen: Es war Scharlach.
14.03. Neues Symptom: Zwei kahle Stellen an der Kopfhaut, am Hinterkopf (1,5 cm ) und seitlich rechts (0,5 cm ). Diagnose des Hautarztes: Alopecia areata.
Immer noch etwas Husten und Schwäche nach Scharlach. Lippen rot, sehr trocken. Träumt viel und lebhaft wie noch nie, Schlaf unruhig.
Ich frage nach den chronischen Symptomen: Verlangen nach Salzigem, Saurem, Abneigung gegen heiße Speisen,Verlangen nach kaltem Wasser, Warzen: idem.
Auch wenn es klinische Hinweise auf die Wirksamkeit von Tuberkulinum bei Alopecia areata gibt, entscheide ich mich nach Repertorisation für Phosphorus, das diese Störung oft geheilt hat und von dem nach bereits häufiger Tuberkulinum-Gabe für die Gesundheit des Jungen mehr zu erwarten ist.
Phosphorus C1000 (Gudjons) 2 Glob.
11.04. Haare unverändert. Seit ein paar Tagen hochrote Wangen mit eitrigen Pickeln auf trockener Haut – ein altes Symptom, er hatte das während der Zahnung. Stimmung auffällig >, singt schon morgens im Bett und den ganzen Tag über.
17.05. Seit Anfang Mai wachsen die Haare nach. Wieder Ausschlag zwischen den Fingern seit einer Woche. Lehnt Süßigkeiten ab. Eine Warze verändert sich, sie wird hart mit schwarzen Punkten. Abwarten.
27.05. Ekzem zwischen den Fingern weg.

Die Mutter meldet sich wieder im April und im August 2003, um zu berichten, dass es Peter sehr gut geht: Kein Husten und keine Infekte mehr. Aufenthalte in Berghütten in zwei Sommerurlauben ohne Probleme. Die Haare sind vollständig nachgewachsen. Keine Schweiße mehr. Keine heißen Füße, keine Unverträglichkeit von warmen Räumen und Sonnenhitze mehr. Beide Warzen sind wenige Wochen nach dem letzten Termin verschwunden. Lippenfarbe normal. Süßes ißt er wieder, auch warme Speisen.
Geblieben sind: Peter trinkt immer noch nur kalte Getränke. Verlangen nach Salz und Saurem noch vorhanden, aber nicht sehr ausgeprägt. Leichte Reizbarkeit vor Gewitter oder Sturm.

Ursprung der Nosode

Die Wirkungen von Tuberkulinum Koch und Bacillinum scheinen identisch zu sein.
Prüfungssymptome und klinische Symptome von Bacillinum können daher als Hinweis für die Verordnung von Tuberkulinum verwendet werden und umgekehrt, sollten aber gekennzeichnet werden.
Als Erster stellte S. Swan ein Präparat aus tuberkulösem Sputum her und nannte es Tuberkulinum. J. C. Burnett, der die Nosode therapeutisch anwandte und bekannt machte, bezeichnete Swans Präparat als Bacillinum. Er stellte sein eigenes Bacillinum aus einem tuberkulösen Kaverneninhalt mit angrenzendem Lungengewebe her und nannte diese ebenfalls Bacillinum. Das von R. Koch aus einer Kultur von menschlichen Tuberkulose-bakterien hergestellte Alt-Tuberkulin wurde homöopathisch aufbereitet als Tuberkulinum Koch eingeführt. Schließlich präparierte J. T. Kent die Nosode aus tuberkulösem Lungengewebe der Kuh, Tuberkulinum bovinum genannt.

Materia medica

Prüfungen
Von Tuberkulinum sind nur vier verwertbare Arzneimittelprüfungen homöopathischer Ärzte bekannt. 1890 prüften J.C. Burnett und J. H. Clarke Bacillinum, R. Boocock machte 1892 beim Potenzieren von Bacillinum eine unfreiwillige Mittelprüfung [6] und H. Straten prüfte 1895 Tuberkulinum [30]. Die Prüfungen wurden einmalig und über wenige Tage durchgeführt und ergaben nur eine geringe Anzahl von Symptomen. Größere Bedeutung für die heutige Materia medica hat die Arzneimittelprüfung von A. Nebel aus dem Jahre 1900 an immerhin 50 Personen [26]. Nebel schreibt, dass es ihm unmöglich war, Tuberkulin am Gesunden zu prüfen. Hieraus kann man auf die zur damaligen Zeit große Angst vor Ansteckung schließen. Die Prüfer waren Initialtuberkulöse mit sehr leichten Krankheitserscheinungen, denen alle 6 bis 8 Tage Tuberkulinum C30 gegeben wurde. Nebel begründet den Wert seiner Prüfung mit der These, dass beginnend TBC-Kranke durch die Erkrankung geradezu sensibilisiert seien, Prüfungssymptome der Nosode zu entwickeln: „Hat doch… das Tuberculin schon im Mutterleibe auf sie eingewirkt und Jahre hindurch in geringen Mengen von den Bacillen secerniert, die ganze Körperconstitution durchdrungen und umgeändert, so dass dieselben nun auf geringe Dosen (einer C30, A.d.V.) mit… beträchtlichen Krankheitserscheinungen reagierten…“
Nebels Prüfung wurde von Clarke in dessen Materia medica [11] eingearbeitet und auf diese Weise als Basis für zahlreiche erfolgreiche Verschreibungen genutzt. Da die Prüfer nicht gesund waren, entspricht sie nicht vollständig den Voraussetzungen einer homöopathischen Arzneimittelprüfung. Nebels Prüfungssymptome können also nicht Grundlage, sondern nur Hinweise für eine Verschreibung sein.

Tuberkulin- Injektionen
Nebel stellte außerdem Symptome zusammen, die R. Koch in den Jahren 1890 bis 1891 durch Injektion von Alt-Tuberkulin (siehe Anm. 9) an TBC-Kranken hervorrief [27]. Diese Symptome sind nicht in die Materia medica eingegangen.
Clarke führt in seiner Materia medica zahlreiche Symptome, Nebenwirkungen und auch Heilwirkungen auf, die nach Tuberkulin-Injektionen an Kranken, vorwiegend TBC-Kranken beobachtet wurden, er entnahm diese Symptome medizinischen Journalen seiner Zeit. Injektionen mit materiellen Dosen Alt-Tuberkulin sind mit einer Vergiftung vergleichbar, deren Symptome Hahnemann als „Andeutungen ihrer homöopathischen Heilwirkungen“ in die Materia medica übernahm. Hier wurde Tuberkulin jedoch parenteral gegeben. Da es sich außerdem um Kranke handelte, läßt sich nicht ausschließen, dass sich Krankheitssymptome mit Prüfungssymptomen mischen. Zur Diskussion gestellt sei, ob Symptome dieser Art in eine Materia medica gehören. Sie wurden in dieser Arbeit nicht zum Vergleich herangezogen.
Ich konnte nicht belegen, dass regelrechte Krankheitssymptome der TBC in die Materia medica übernommen wurden, wie vielfach behauptet wird. Die Symptome der Materia medica von Tuberkulinum lassen sich entweder auf Prüfungssymptome, Symptome nach Tuberkulin-Injektionen oder auf geheilte Fälle zurückführen.

Klinische Symptome
In über 100 Jahren wurden zahlreiche klinische Erfahrungen mit Tuberkulinum gesammelt. Die meisten Tuberkulinum-Symptome werden als klinisches Erfahrungswissen seit Jahrzehnten überliefert, ergänzt und wechselseitig von Autoren abgeschrieben. Viele haben sich in der Praxis bewährt. Ausgewählte Tuberkulinum-Symptome sind: Rezidivierende Infekte und Bronchitiden, auch als langwierige Hustenphasen (Burnett, BCC; Boger, SK), Tendenz zu Abmagerung (H. C. Allen) [1], Verlangen nach frischer Luft (Boger), Schweißneigung (Burnett), schweißige Hände, Zornausbrüche (Boger), schlägt seinen Kopf gegen die Wand, leicht beleidigt (P. Schmidt, SR), Kopfschmerzen (Burnett; Straten), Drüsenschwellungen, besonders am Hals, Himbeerzunge, Zähneknirschen (Burnett), chronisch vergrößerte Tonsillen, Bettnässen (Boger), Ekzeme (Clarke, BCC), chronische Folgen von Influenza (Clarke, CNC).
Die klinischen Symptome von Tuberkulinum müssen nun im Rahmen einer angestrebten Materia medica-Revision auf Primärquellen, d.h. Kasuistiken zurückgeführt werden. Erst dann stehen sie auf wissenschaftlicher Grundlage und die Arznei kann nach homöopathischen Regeln sicher verordnet werden.
Man könnte nun einwenden, es sei egal, woher die Angabe komme, Hauptsache es funktiere. Wenn die Homöopathie Bestand haben soll, muss sie sich an ihre eigenen Regeln halten, und das heißt die Rückführung der Symptome auf Primärquellen bzw. die nachvollziehbare Verordnung aufgrund einer sicheren Materia medica.
Bis dies geschehen ist, halte ich ein pragmatisches Vorgehen für sinnvoll: Das vorhandene Erfahrungswissen in der Praxis anwenden und verifizieren, statt eine Arznei, die ihre Wirksamkeit vielfach bewiesen hat, links liegen zu lassen.

Materia medica-Literatur

Die Guiding Symptoms (GS) enthalten fast ausschließlich klinische Tuberkulinum-Symptome. Die meisten Kasuistiken Burnetts aus „The New Cure For Consumption“ [9] sind hier integriert, auch dessen Bacillinum-Prüfung. Einzelne Hinweise anderer Autoren, u.a. Rose, Boardman, Swan und Kent wurden übernommen. Die Prüfungen von Clarke, Boocock und Straten fehlen.
Clarkes Materia medica führt die Arzneien Tuberkulinum und Bacillinum getrennt auf. Erstere enthält vornehmlich Prüfungssymptome Nebels, gefolgt von Symptomen nach Tuberkulin-Injektion. Unter Bacillinum sind die Prüfungen Burnetts, Clarkes und, unvollständig, die Prüfung Boococks sowie klinische Symptome von Burnett und Clarke zusammengestellt.
Die Werke von Clarke und Hering (GS) bilden den Grundstock der heutigen Materia medica. In der Enzyklopädie von T. F. Allen sind Tuberkulinum und Bacillinum nicht enthalten.
Die Tuberkulinum-Materia medica von H. C. Allen, veröffentlicht im Jahre 1910 in „The Materica Medica of the Nosodes“, ist zum überwiegenden Teil eine Zusammenstellung der Symptome aus den GS und Clarkes Materia medica. Darüber hinaus finden sich eine Reihe neuer Symptome ohne Quellenangabe. Es ist unklar, ob es sich um klinische Nachträge oder Symptome aus einer Prüfung Allens an Studenten handelt [13].
Weitaus mehr klinische Symptome und Ergänzungen aufbauend auf Allens Materia medica bietet eine Tuberkulinum-Zusammenstellung von M. Burgess-Webster aus dem Jahre 1933 [8]. Die Autorin nennt immerhin am Ende Ihrer Arbeit Quellen.

Tuberkulinum als Zwischenmittel

Tuberkulinum kann die chronischen Folgen einer TBC-Infektion heilen, das übrige Kranksein des Menschen bleibt i.d.R. bestehen. Auch die Blockierung der Wirkung angezeigter Arzneien kann Folge einer chronischen Infektion sein. C. Hering schreibt über Nosoden: „Alle potenzierten Leibesprodukte dürfen nicht als absolute Spezifika betrachtet werden, sondern als chronische Zwischenmittel. Die nachher gegebenen Mittel bewirken dann dauerndere Reaktionen, die vorher gegebenen entfalten nun erst ihre Wirkung.“
Hierzu ein Beispiel:
Der 2- jährige Joshua wird am 9.05.2001 mit chronischem Wangenekzem seit dem 7. Lebensmonat vorgestellt. Auch hinter den Ohren und am Unterrand der Augenbrauen trockene gerötete Haut. Milchschorf. Häufiges Umknicken im Sprunggelenk. Ißt sehr gerne Ei und besonders Butter. Lippen rot. Bauchlage. Zurückhaltend gegenüber Neuem. Viermal Bronchitis. Nach Angabe der Mutter keine schwerwiegenden Krankheiten in der Familie.
Calcium carbonicum C200. Ekzem anfangs >, dann wieder <. Kein Umknicken mehr. Wiederholung. Nach Änderung der Symptomatik – Stuhl wundmachend, ekzematöser Ausschlag linke Hüfte – Sulfur C30 und später C200. Daraufhin Verschwinden des Ausschlags an der Hüfte und weniger Wundsein, aber < des Wangenekzems. Auch Rhus toxicodendron bringt keine Besserung von Ekzem und Milchschorf. Einige Wochen später neue Symptomatik: Zornig, außer sich vor Wut, wirft Dinge auf den Boden, schlägt nach seiner Mutter und provoziert andere Kinder. Kommt jede Nacht zu den Eltern ins Bett und sucht Körperkontakt, was er vorher nur tat, wenn er krank war. Hört auffallend gerne klassische Musik. Die Symptomatik besteht seit zwei Monaten.
Es ist ungewöhnlich, dass ein chronisches Ekzem trotz gut gewählter Mittel nicht ausheilt, besonders bei einem Kind. Offenbar wird hier die Arzneiwirkung verhindert. Ich frage noch einmal eindrücklich nach TBC in der Familie, da der Junge Tuberkulinum-Symptome wie Zorn, rote Lippen und Verlangen nach Butter hat. Die Mutter erkundigt sich bei ihren Eltern und erfährt jetzt, dass mütterlicherseits die Ur-Großmutter, die Großmutter und zwei Großtanten TBC hatten. Jetzt beziehe ich die chronische Folge einer TBC-Infektion als klinische Tatsache (Burnett) in die Mittelwahl mit ein und gebe nach Repertorisation und Materia medica-Vergleich Tuberkulinum C200 (Spagyros).
Am nächsten Tag singt Joshua im Kindergarten nach langer Zeit wieder mit. Weniger zornig. Wachstumsschub. Wangenekzem erst >, dann wieder <. Zwei Monate später: Sehr anhänglich, Stuhl veränderlich. Pulsatilla C1000. Nach einem Monat: Sucht nachts wieder Körperkontakt. Stuhl >, aber wieder wundmachend. Das Zähneknirschen – davon höre ich zum ersten Mal – ist wieder häufiger, es war zwischendurch besser. Zähneknirschen ist ein klinisch bestätigtes Tuberkulinum-Symptom. Tuberkulinum C1000 (Gudjons).
Das Mittel hatte folgende Wirkung: Wangenekzem nach drei Wochen vollkommen verschwunden. Stimmung ausgeglichen und fröhlich. Schläft wieder allein. Interessanterweise bevorzugt er nicht mehr klassische Musik, sondern Kindermusik. Keine rezidivierenden Erkältungen mehr, nur noch selten Verlangen nach Butter, Lippenfarbe normal, Zähneknirschen weg.
Von der ursprünglichen Symptomatik sind unverändert geblieben: Die trockene, leicht gerötete Haut hinter den Ohren und in den Augenbrauen und der Milchschorf. Die Behandlung wird weitergeführt.

Vererbung

Was hat das Kind mit der TBC seiner Großmutter zu tun?
Hahnemann hält eine durch „Erbschaft“ eingeprägte Krankheit für möglich. Das Phänomen einer Vererbung infektiöser Krankheiten wie TBC oder Gonorrhoe, die über eine bei der Geburt erfolgte Ansteckung hinausgeht, haben eine Reihe bekannter Homöopathen wie A. Nebel, J. T. Kent, L. Vannier, D. M. Foubister und M. Tyler beobachtet. M. Tyler spricht von einer Ansteckung, die durch mehrere Generationen hindurch „gefiltert“ worden ist. Über welchen Mechanismus vererbt wird, durch dynamische Prägung oder genetisch, läßt sich nicht sagen. Man kann von der Vererbung einer Diathese sprechen, wobei ich unter Diathese eine reale chronische Krankheit im Gegensatz zur Krankheitsanfälligkeit oder Disposition verstehe.
TBC kann offenbar über Generationen weitervererbt werden. Bis zur Mitte des 20ten Jahrhunderts war sie in Westeuropa überaus häufig. Daher wundert es nicht, dass viele Menschen heute TBC-kranke Vorfahren hatten.

Spezifische Infektion und Arzneiwahl

Infektionen können Schäden setzen, die weit über das akute Geschehen hinausreichen. Bei den dargestellten Fällen handelt es sich um die chronischen Folgen der TBC-Infektion, die der tuberkulösen Diathese konditional zugrundeliegt. Auch andere virale und bakterielle Infektionen einschließlich der Kinderkrankheiten zählen hierzu, wenn sie schwer verlaufen, der Kranke sich lange danach nicht richtig erholt oder vor der Infektionskrankheit völlig gesund war.

Am Beispiel der TBC zeigt sich, dass nicht nur die Totalität der chronischen Symptome, sondern auch die tatsächlichen und familiären Ansteckungen des Patienten eruiert werden müssen. Ich schließe mit einem Zitat von Klunker, der eine wesentliche Aussage meiner Arbeit in klare Worte faßt :
„Es ist keine Hypothese, dass der ‚Ansteckungsstoff‘ in einem konditionalen, nicht notwendig symptomatischen Ähnlichkeitsverhältnis zur chronischen Krankheit steht. Es ist auch keine Hypothese, dass er zu gewissen spezifischen Lokalsymptomen (gemeint sind Kondylome, Muttermale, Nagelveränderungen usw., A.d.V.) in einer konditionalen Beziehung steht. Das heißt: Bei der wissenschaftlich-homöopathischen Behandlung der chronischen Krankheiten können neben die symptomatischen Simillima noch die spezifischen Ansteckungsstoffe, die Nosoden treten.“


Literatur

[1] Allen H C: Leitsymptome der homöopathischen Materia Medica. Übers. M. F. von Ungern-Sternberg u. A. Grimm. Göttingen: Burgdorf Verlag 1992 (11898 Philadelphia „Keynotes and Characteristics with Comparisons…“).
[2] Allen H C: Materia Medica of the Nosodes (AN). Reprint Edition, New Dehli: B. Jain Publishers 2002 (11910 Philadelphia, U.S.).
[3] Barthel H, Klunker W: Synthetisches Repertorium (SR). Band 1-3. 4. Aufl., Heidelberg: Haug Verlag 1992.
[4] Bönninghausen C v: Therapeutisches Taschenbuch (TB). Hrsg. K.-H. Gypser. 1. Aufl., Stuttgart: Sonntag Verlag 2000.
[5] Boger C M: A Synoptic Key To Materia Medica (SK). Reprint Edition, New Dehli: B. Jain Publishers 1994 (11915 Parkersburg, U.S.).
[6] Boocock R: A Partial Proving Of Bacillinum. HRC 1892; No. 7: 260-262.
[7] Borland D M: Kindertypen. Übers. H. Zulla. Ulm/Donau: Haug Verlag 1961, S. 16 (11939 London „Children´s Types“).
[8] Burgess-Webster M: Tuberculinum. HRC 1933 (Vol. 48); No. 1,2,3.
[9] Burnett J C: The New Cure For Consumption By Its Own Virus (BCC). 4. Aufl. Reptint Edition. New Dehli: B. Jain Publishers 1998 (11890 London).
[10] Burnett J C: Vakzinose und Ihre Heilung mit Thuja. Übers. I. Torp. Nachdruck, München: Müller & Steinicke 1991 (11884 London „Vaccinosis and its Cure by Thuja“).
[11] Clarke J H: Der Neue Clarke (CNC). Übers. P. Vint. Bielefeld: Silvia Stefanovic 1990.
[12] Genneper T, Wegener A: Lehrbuch der Homöopathie. Heidelberg: Haug Verlag 2001.
[13] Gypser K H: Nosodenseminar 4./5.05.1996, Köthen.
[14] Hahnemann S: Die chronischen Krankheiten (CK). Band 1-5. Heidelberg: Haug Verlag 1995 (11835-39 Dresden und Leipzig).
[15] Hahnemann S: Organon der Heilkunst (ORG). Hrsg. J.M. Schmidt. Standardausgabe der 6. Aufl., Heidelberg: Haug Verlag 1992 (11842 Paris).
[16] Hering C: Guiding Symptoms Of Our Materia Medica (GS). Reprint Edition. New Dehli: B. Jain Publishers 1974 (11881 Philadelphia, U.S.).
[17] Imhäuser H: Homöopathie in der Kinderheilkunde. 7. Aufl. Heidelberg: Haug Verlag 1985, S. 81.
[18] Jahr G H G: Ausführlicher Symptomen-Kodex der homöopathischen Arzneimittellehre (JSK). Nachdruck ohne Jahrgang B.v.d. Lieth, Hamburg: Verlag für homöopathische Literatur (11848 Leipzig).
[19] Jahr G H G: Handbuch der Haupt-Anzeigen (JHA). Nachdruck. Euskirchen: Verlag Homöopathisches Wissen 1998 (11851 Leipzig).
[20] Keller G v: Psorinum, Psora und die Miasmen. AHZ 1984; 1: 10-17.
[21] Kent J T: Kent’s Repertorium der homöopathischen Arzneimittel (KD). Hrsg. u. Übers. G. v. Keller u. J. Künzli v. Fimelsberg. Bd. 1-3. 9. Aufl., Heidelberg: Haug Verlag 1986 (11897 Lancaster, U.S.).
[22] Klunker W: Clemens von Bönninghausen und die Zukunft von Hahnemanns Miasmenlehre für die Behandlung chronischer Krankheiten. ZKH 1990; 34: 229-236.
[23] Klunker W: Hahnemanns Miasmen und Organon § 3. ZKH 1998; 5: 179-186.
[24] Kropp R: Das Deutsche Tuberkulose-Archiv, Fulda.
[25] Murphy R: Homeopathic Medical Repertory (MMR). 1. Aufl. New Dehli: B. Jain Publishers 1994.
[26] Nebel A: Bruchstücke einer Tuberculinprüfung. Zeitschrift des Berliner Vereins homöopathischer Ärzte. Hrgs. Windelband und Burkhard. Berlin: B. Behr´s Verlag 1900; 19: 295-303.
[27] Nebel A: Symptomenregister des Tuberkulin Koch (Zusammenstellung aus: Robert Koch´s Heilmittel gegen die Tuberkulose. Heft 1-12. Berlin und Leipzig: Verlag G. Thieme 1890-1891). Zeitschrift des Berliner Vereins homöopathischer Ärzte. Hrgs. Windelband und Burkhard. Berlin: B. Behr´s Verlag 1902; Bd. 21, Heft 2-3: 81-133.
[28] Pennekamp H: Kinder-Repertorium (PKR). 2. Auflage, Osten-Isensee: Pennekamp MDT-Verlag 1999.
[29] Phatak S R: Materia Medica Of Homoeopathic Medicines (PMM). Reprint Edition, New Dehli: B. Jain Publishers 1993 (11977).
[30] Straten H: Tuberculinum. CMA 1895; 33: 97-101.
[31] Underhill E: Bemerkungen zu den Nosoden. Dt.J.f.Hom. 1991; 1: 15,16 (aus HRC 1929; 79).

Ich danke der Deutschen Homöopathie-Union (DHU) und Herrn K.-H. Gypser für die zur Verfügung gestellte Literatur.

Siglen
(ausführliche Angaben stehen im Literaturverzeichnis)

AN = Allen, Nosodes
BCC = Burnett, Cure for Consumption
CK = Hahnemann, Die chronischen Krankheiten
CNC = Clarke, Der Neue Clarke
GS = Hering, Guiding Symptoms
JSK = Jahr, Symptomen-Kodex
JHA = Jahr, Haupt-Anzeigen
KD = Kent, Repertorium deutsch, Keller-Künzli
MMR = Murphy, Medical Repertory
ORG = Hahnemann, Organon
PKR = Pennekamp, Kinder-Repertorium
PMM = Phatak, Materia Medica
SK = Boger, Synoptic Key
SR = Barthel/Klunker, Synthetisches Repertorium
TB = Bönninghausen, Therapeutisches Taschenbuch

Das Symptom

Dr. med. Carl Rudolf Klinkenberg, Eröffnungsvortrag auf dem Internationalen Hahnemann Congress (IHC) am 27.09.2007

symptom1

Liebe Kolleginnen und Kollegen, und liebe Referenten.

Ich begrüße auch die Ehrengäste des Kongresses, Dr. Gebhardt aus Karlsruhe und Dr. Rastogi aus Indien, den Ehrenbürger der Stadt Ettlingen und Bad. Wü. Sozialminister a.D., Dr. Erwin Vetter, und den Vorsitzenden des Dt. Zentralvereins Hom. Ärzte Lars Broder Stange und den Vorsitzenden des LV Baden-Würtemberg Andreas Gärtner.

Ich freue mich, daß der Hahnemann-Congress beginnt. Dieses Ereignis hat in den letzten zwei Jahren meinen Alltag ganz entscheidend mitbestimmt. Die häufigste Frage, die mir gestellt wurde war: Warum machen Sie diesen Kongress?

Ich mache den Kongress aus Liebe zur Homöopathie. Weil Homöopathie die einzige mir bekannte Heilmethode ist, die eine Heilungsgewißheit bietet.

Meine Frau und ich hatten in der Silvesternacht 2004 abends am Strand in Spanien die Idee, einen Kongress mit erstklassigem Niveau ins Leben zu rufen. Meine Vision ist es, ein weltweites Forum für Homöopathie zu schaffen. Mit Homöopathie meine ich: Homöopathie – keine klassische, klinische, systemische, psychologische oder genuine Homöopathie. Sondern eine Methode, die Hahnemann sehr klar definiert und Homöopathie genannt hat. Diese Methode ist sehr erfolgreich, das sehe ich in meiner Praxis. Und sie ist eine Methodik, die auch die Kliniker und die Öffentlichkeit ernst nehmen werden.

Was ist überhaupt Homöopathie? Vereinfacht gesagt: Die Herstellung einer Ähnlichkeits­beziehung zwischen den Symptomen des Patienten und den Symptomen der Arznei.

symptom2

Das, was am Patienten krankhaft und zu heilen ist, seine Symptome werden in Beziehung gesetzt mit den Symptomen, die die Arzneien beim Prüfer hervorgerufen haben.

Ich schaue in meinem Begrüßungsvortrag auf diesen Teil der Homöopathie und untersuche: Was ist ein Symptom?

Warum stellt sich überhaupt diese Frage? Weil das Symptom in der Homöopathie etwas völlig anderes ist als das Symptom in der übrigen Medizin und in unserem allgemeinen Sprachgebrauch.

Ein Begrüßungsvortrag hat ja einen gewissen Freiraum und darf über den homöopathischen Tellerrand schauen. Ich werde bei dieser Untersuchung mit Ihnen eine Reise in die Geschichte der Medizin machen, und zwar am Beispiel von Migräne und Kopfschmerzen:

Die Menschheit wurde durch alle Jahrhunderte hindurch von Kopfschmerzen geplagt, schon aus den ältesten medizinischen Aufzeichnungen ist die Behandlung von Kopfschmerzen bekannt.

Im Jahr 2500 v.C. lebt ein 40-jähriger Mann, und er hat einmal pro Woche halbseitige pulsierende KS an d. rechten Schläfe mit Übelkeit, schlimmer abends und besser in der Ruhe.

Hier sehen Sie eine Kugel: Sie zeigt symbolhaft einen Menschen mit seinen Symptomen. Die Symptome sind die kleinen Kugeln hier außen. Es sind die wahrnehmbaren krankhaften Veränderungen – deshalb sind sie außen an der Kugel dargestellt.

symptom3

Die blaue Kugel rechts oben ist die Migräne. Die übrigen Kugeln sind andere Symptome des Patienten.

symptom4

Als Beobachtender nehme ich nur die Symptome wahr, ich kann nicht in das Innere der Kugel hineinsehen.

symptom5

Aber die Migräne muß ja irgendeine Ursache haben, und diese Ursache muß sich im Inneren der Kugel befinden.

symptom6

Von 2500 v.C. bis ins späte Mittelalter waren viele Mediziner davon überzeugt, daß die Migräne des Patienten durch böse Wesen oder Geister verursacht wird. Wir finden das schon bei den alten Assyrern und Ägyptern.

symptom7

Anerkannte Therapie über viele Jahrhunderte war, diesem 40-jährigen Mann ein Loch in den Schädel zu bohren, damit die bösen Geister entweichen konnten.

symptom8

Im Mittelalter haben die Professoren an den Universitäten Abhandlungen darüber geschrieben, an welcher Stelle genau das Loch gebohrt werden muß und wie groß es bei welchem Geist sein muß!

Hier das berühmte Bild von Hieronymus Bosch, in dem eine Trepanation dargestellt wird.

symptom9

symptom10

Hier das Endergebnis mit verschiedenen, unterschiedlich plazierten und verschieden großen Löchern.

symptom11

Sie schütteln heute den Kopf darüber, aber vielleicht hatten unsere Kollegen damals gar nicht so unrecht: In jüngster Vergangenheit, Mitte der 90iger Jahre, fand eine Arbeitsgruppe um Olesen tatsächlich gasförmige Neurotransmitter im Gehirn, die eine Vasodilatation bewirken, nämlich das Stickstoffmonoxid. Es gibt also wirklich gasförmige Stoffe in unseren Köpfen, die bei der Migräne eine Rolle spielen. Trotzdem ist die Trepanation natürlich keine empfehlenswerte Methode!

Auch wurden viele Jahrhunderte lang bei Kopfschmerzen allgemeine Ursachen angenommen, wie z.B. die „Folge von Sünde“ oder „Schwäche der menschlichen Natur“.

symptom12

Also bei dem 40-jährigen Patienten ist Sünde die Ursache der Kopfschmerzen.

Im Jahre 100 n.C. behandelt der berühmte römische Arzt Galen die Migräne mit Leberpillen. Diesen Bezug zur Leber finden wir auch in der Chinesischen Medizin, eine der ältesten Heilkünste der Welt. Als häufigste Ursache der Migräne wird hier eine Blockade der Yang-Meridiane des Kopfes, meist bedingt durch eine innere Störung der Leber gesehen, das „aufsteigende Leber-Feuer“.

symptom13

Im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit ist die auf Hippokrates zurückgehende Vier-Säftelehre das dominierende Modell: Kopfschmerzen und Migräne werden durch ein Ungleichgewicht der vier Körpersäfte Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle verursacht.

symptom14

Und im 16. Jahrhundert postuliert der englische Arzt Thomas Willis, dass der Migräne-Kopfschmerz durch eine Schwellung der Blutgefäße hervorgerufen wird, die sog. vaskuläre Hypothese.

symptom15

Was sich immer noch nicht geändert hat sind die Kopfschmerzen des 40-jährigen Patienten, schlimmer abends und besser in der Ruhe.

symptom30

Bei ihm wird jetzt ein Aderlaß zur Ausleitung der Blutfülle vorgenom­men.

symptom17

Sie sehen: Seit der Antike suchen Mediziner die eigentliche, ursächliche Krankheit hinter der Migräne: Einen bösen Geist, die Sünde, die Leber, die Blutfülle oder die Schwellung der Blutgefäße. Auch unsere Mitmen­schen und Patienten sind es gewohnt, erstmal nach den Ursachen der Krankheit zu fragen.

Dann entdeckt im Jahre 1796 Samuel Hahnemann die Homöopathie.

symptom18

In der Homöopathie Hahnemanns sind nur die sinnlich wahrnehmbaren Symptome für die Behandlung wichtig – im Fall von Kopfschmerzen also das, was der Patient dem Arzt berichtet. Nach Hahnemanns Auffassung werden Krankheiten durch eine krankhaft gestimmte Lebenskraft hervorgerufen. Aber wie die Lebenskraft das macht, d.h. wie Krankheit entsteht, diese innere Ursache sei für den Menschen nicht erkennbar und bliebe verborgen. Die Symptome selbst sind die Krankheit:

symptom19

Hier sehe ich nur die Symptome, die innere Ursache ist nicht erkennbar, behauptet Hahnemann.

Aber: Macht er sich das hier nicht zu einfach? Sind wir nicht heute, im 21. Jahrhundert, was das Verständnis von Krankheit angeht, wesentlich weiter?

Hahnemann weist zwar in seinem wichtigsten Werk, dem Organon, darauf hin, daß der Gemütszustand bei der Arzneiwahl oft den Ausschlag gibt, aber ihm standen noch nicht die Erkenntnisse der Psychoanalyse und Psychologie zur Verfügung. Er kannte weder Freud und dessen Einsichten in die psychische Struktur und das Unbewußte des Menschen.

symptom20

Noch kannte er die Erkenntnisse der Tiefen-Psychologie und psychosomatischen Medizin, die Forschungen C.G. Jungs oder zum Beispiel Carl Rogers.

symptom21

Durch diese Wissen­schaftler ist es heute akzeptiert, daß die Psyche eine direkte Auswirkung auf den Körper hat, und daß auch Kopfschmerzen und Migräne tiefe psychische Ursachen haben: Das können verdrängte oder ungelöste Konflikte sein,

symptom22

z.B. durch lange zurückliegende Störungen in der Mutter-Kind-Beziehung oder eine problembesetzte Sexualität. Auch Kummer und anhaltender Ärger können Ursachen einer Migräne sein.

Der 40-jährige Patient mit Migräne bekommt jetzt eine Gesprächs­therapie.

Zeitgleich mit Freud weist der amerikanische Homöopath Kent daraufhin, daß die Geist- und Gemüts­symptome die wichtigsten Symptome für die Arzneiwahl sind – hier sehen wir, wie der Zeitgeist dieselben Erkenntnisse zeitgleich an verschiedenen Orten der Welt auftauchen läßt! In seiner Philosophie bezeichnet Kent das Gemüt als das Zentrum des Menschen, dem alle übrigen Funktionen untergeordnet sind und ohne den Heilung nicht möglich ist.

Kent sagt:

symptom23

symptom24

Ein anderer bedeutender Homöopath, Candegabe schreibt viele Jahre später, 1975 über ein „Silicea-Kind“ (er meint damit einen Patienten seiner Praxis):

„Wollen wir das Gesamtbild wirklich verstehen, so müssen wir uns auf den tiefsten Kern des Silicea-Bildes zurückziehen, der uns im tiefsten Grund als eine Persönlichkeit voller Angst … erscheint.“

(Zeitschr. für Klass. Homöopathie 2007 Heft 1).

symptom25

Es ist also wichtig, den Kern der Persönlichkeit zu verstehen. Diese Aussage Candegabes ist für viele von Ihnen bestimmt sehr einleuchtend.

Aber, vergessen Sie nicht, wir leben gerade hier:

symptom26

In einem Zeitalter, in dem Krankheiten auf psychische Ursachen zurückgeführt werden!

Wieder kommt der 40-jährige Patient, dieser arme Kerl in die Sprechstunde, heute wie vor drei Tausend Jahren. Er wird jetzt homöopathisch behandelt! Dabei ist es wichtig, seine Persönlichkeit, seine Charakterzüge, Gefühle und Schicksals­umstände in die Arzneiwahl mit­einzubeziehen.

Ein kurzer Seitenblick auf die Hochschulmedizin im 20. Jahrhundert:

Sie sucht weiterhin nach meßbaren organischen Ursachen der Migräne und erforscht die Rolle des Neurotransmitters Serotonin: Sie entdeckt, daß Migräne durch eine Fehlsteuerung biochemischer Vorgänge an den Serotonin-Rezeptoren ausgelöst wird.

symptom27

Aber das ist viel zu physiologisch gedacht, und bei der Behandlung mit Triptanen handelt es sich um eine rein symptomatische Therapie, die nicht an die wirklichen Ursachen geht!

Ein Blick in die Naturheilmedizin: Die Spezialisten der Naturheil­verfahren haben erkannt, daß Migräne auf einer Übersäuerung beruht: Der „Säureschmerz“ wird durch Nervenfasern über Nervenimpulse weitergeleitet, die zum Migräneschmerz führen.

symptom28

Unser Migränepatient bekommt jetzt eine Basenkur, Heilfasten und seine Ernährung wird grundlegend umgestellt.

In der Homöopathie wird im 20. Jahrhundert das Krankheitsverständnis bedeutend weiterentwickelt, wobei es hier auch unterschiedliche Richtungen gibt. Migräne ist Ausdruck eines Prozesses, der in der inneren Persönlichkeit des Kranken zu finden ist. Man sollte sie nicht nur als körperliches Phänomen sehen, sondern auch ihren Sinn verstehen. Ein Homöopath muß bereit sein, sich auf den Patienten einzulassen und herausfinden, was er uns mit seinen Symptomen sagen will. Das ist nicht nur im Sinne einer Ursache zu verstehen, sondern als die gegenseitige Beeinflussung von Geist und Körper.

Viele Homöopathen heute haben die Symptome besser verstehen gelernt und können sehen, daß der Patient ein bestimmtes Thema oder ein grundlegendes Problem hat. Sie fragen:

Was ist der Gemütszustand, die Psychodynamik, die dahinter steht? Was ist der Kernpunkt, das Wesen dieses Menschen? Was sind seine wesentlichen Charakterzüge? Was ist das Geheimnis dieses Menschen?

symptom29

Es geht also darum, den Patienten in seinem innersten Wesen, in seinem tiefsten Grund zu verstehen. Wenn man diese zentrale Störung erkennt, und behandelt, dann werden alle davon abhängigen Symptome wie so ein bißchen Kopfschmerz logischerweise auch verschwinden. Wenn der Kern geheilt ist, ist Heilung passiert, der migränekranke Mensch ist wieder ein Ganzes und „Heil“.

Was sich in der ganzen Zeit nicht geändert hat: Der 40-jährige Patient hat Migräne.

symptom30

Seit drei Tausend Jahren kommt dieser Mann in die Sprechstunde. Aber heute bekommt er eine homöopathische Hochpotenz für sein tiefliegendes Problem.

Auch die Arzneimittellehre der Homöopathie wird seit den 70iger Jahren durch ein neues Verständnis außerordentlich bereichert. Man findet spezifische Arzneimittelbilder mit typischen Charaktereigenschaften und Gemütssymptomen, die der Patient als Simillimum braucht.

Gelingt es uns nun, das richtige Arzneimittelbild bei unserem 40-jährigen Migräne-Patienten zu finden, dann werden alle seine Symptome einschließlich der Migräne geheilt.

Ein Blick in die Zukunft

Das ist der heutige Stand, aber Sie interessiert bestimmt, wie die Entwicklung weitergeht. Für diesen Zweck durfte ich mir bei Andreas Gärtner, unserem Landesverbandsvorsitzenden, der an diesem Wochenende die Tontechnik leitet, für wenige Minuten eine Zeitmaschine leihen. Und so kann ich Ihnen, verehrte Kolleginnen und Kollegen, die Frage beantworten: Welche Erkenntnisse wird die medizinische Kopfschmerzforschung in den nächsten 150 Jahren haben?

Folgendes wird passieren: Auch in der Schulmedizin setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, daß es mehr gibt, als nur Meßwerte. Aber als Übertreibung einer im Grunde vergangenen Epoche kommt im Jahre 2028 das klassische Infektionsmodell in Mode. Ähnlich wie beim Magengeschwür soll im Gehirn das Bakterium Campylobacter cerebrum für Migräne verantwortlich sein:

symptom31

Die Homöopathen können darüber natürlich nur lachen!

Wie zu erwarten: Der Behandlungserfolg ist mäßig. So einfach lassen sich Kopfschmerzen nicht erklären! Diese materialistische Ursachenforschung der Hochschulmedizin, die nur nach organischen Ursachen sucht, haben wir Homöopathen weit hinter uns gelassen.

Dann aber kommt das Jahr 2120, und mit ihm die größte Medizin, die Entdeckung der letzten Jahrhunderte:

Die meisten Krankheiten werden durch eine Dysharmonie der Chakren verursacht! – Wir befinden uns inzwischen im spirituellen Zeitalter.

symptom32

Sehen Sie, hier geht alles kreuz und quer mit den Chakren. Und das macht natürlich auch Kopfschmerzen!

Die Diagnose erfolgt mit hochentwickelten Chakra-Testgeräten.

symptom33

Durch dieses neue Modell wird die Perspektive endlich erweitert, das jahrhunderte­lange Paradigma seit Sigmund Freud, jede Krankheit hätte letztendlich eine psychische Ursache, wird endgültig verlassen. Man sieht jetzt, daß man 200 Jahre lang der Psyche eine viel zu große Bedeutung gegeben hat.

Die Chakren werden eine wirklich ganzheitliche Sichtweise sein, schauen Sie selbst, wie begrenzt und unbedeutend das Gehirn im Vergleich mit den Chakren ist!

symptom34

Resümee

Das war in Kürze die Geschichte der Kopfschmerzen. Wie geht es Ihnen damit?

Ich zeige Ihnen hier die ganze Geschichte im Überblick:

symptom35

Das ist zwar alles sehr anregend, aber ist es nicht immer das Gleiche? Stellen Sie sich vor – nur 100 Jahre später hat man auch das Chakrenmodell belächelt!

Was sich immer wiederholt:

Die Symptome der Migräne werden nur als eine Krankheits-Erscheinung gesehen, als eine Erscheinung von Krankheit. Nach dieser Sichtweise sind die Kopfschmerzen dann „nur“ Symptome. Behandelt werden muß eine Krankheit, die kausal, als wirkliche Ursache hinter den Symptomen steht.

Das Symptom als eine Krankheits- Erscheinung meldet nur etwas Dahinterliegendes, Verborgenes, etwas, das sich selbst nicht zeigt.

Hier ist dann das eigentliche Kranksein, die wirkliche Ursache.

Und genau an diesem Punkt beginnt Spekulation! Es ist vom Prinzip her kein Unterschied, ob ich einen Dämon im Kopf, ein übersteigertes Leberfeuer oder einen Kummer in der Ehe annehme: Ich schaue auf das vermeintlich Eigentliche, das ich hinter dem Symptom vermute:

symptom43

Früher hat man hier böse Geister gesehen, dann den Blutüberfluss, dann die frühkindliche Bindungsangst, und dann den Gemütszustand oder das Thema des Patienten. So bestimmt eine von der jeweiligen Epoche abhängige Theorie von Krankheit die Therapie.

Prinzipiell, damit meine ich, vom Prinzip her, sind die bösen Geister und die psychische Struktur des Patienten ein und dasselbe:

symptom37

Warum machen wir Menschen das, warum suchen wir nach etwas Dahinterliegendem?

Es liegt offenbar in der Natur unseres Geistes, daß wir zu einer Ursache eine Wirkung suchen. Der menschliche Geist strebt nach Bedeutung, nach einem tieferem Sinn, nach Erkenntnis. Wir sind gelehrt, haben viele Jahre studiert und eine Menge Bücher gelesen. Und jetzt sollen wir einfach nur die Symptome nehmen wie sie sind? Das reicht uns nicht. Und unseren Vorfahren hat das auch nicht gereicht.

Und deshalb fällt es vielen heute schwer, Homöopathie zu machen, diese in ihrem Prinzip ja sehr einfache Methode.

Außerdem glauben Menschen, daß das Übel eine Wurzel haben muß. Die Wurzel muß heraus. Jeder, der einen Garten hat, weiß, wenn man das Unkraut ohne die Wurzel ausreißt, wächst es wieder nach. Klar. Daß das Übel eine Wurzel hat, steckt schon tausende Jahre in unseren Köpfen, Luther hat es gesagt, in der Bibel steht es, alle haben darüber gesprochen. Und das prägt.

Was sagt Samuel Hahnemann dazu, dessen Namen wir diesem Kongress gewidmet haben. Warum suchen Menschen nach dem Dahinterliegendem?

Hahnemann war sich sicher, daß es einen Weg geben mußte, auf dem sich Krankheiten heilen lassen, und er fragt: Warum hat man diesen Weg nicht in den bisherigen zigtausend Jahren gefunden?

Er sagt:

symptom38

Die Symptome, so wie sie sind, ohne eine Erklärung für sie, liegen ganz nah. Ich will dahinter schauen, sie verstehen, und dabei laufe ich über das Ziel, das ganz nahe liegt, hinaus.

symptom5

Und die Homöopathie? Unterscheidet sie sich von den anderen Methoden?

symptom40

Sie sehen hier, wie deutlich sich die Homöopathie in der Geschichte der Kopfschmerzen von allen anderen Heil-Methoden abhebt.

Über das hier außen, die Symptome, sagt Hahnemann:

symptom41

Also Krankheit ist die Gesamtheit der Symptome. Die sinnlich wahrnehmbaren Symptome sind das einzige, wodurch die Krankheit anzeigt, welches Heilmittel sie braucht. Die Symptome sind das Einzige, was der Heilkünstler erkennen und behandeln kann.

Anders gesagt: In der Homöopathie ist ein Symptom nicht Ausdruck von etwas, sondern einfach existent. Das Symptom zeigt sich schon als das, was es ist! Es braucht keine Begründung, keinen Beweis, keine Erklärung, daß es existiert und warum es existiert. Hinter den Symptomen müssen keine seelischen Mechanismen gesucht werden. Es ist einfach nur Symptom, das unmittelbare sich selbst zeigende Kranksein.

Diese Sichtweise des Symptoms gibt es unter allen mir bekannten medizinischen Systemen nur in der Homöopathie, und sie geht zurück auf die eigentliche Bedeutung des Wortes:

symptom42

Das griechische „symptoma“ bedeutet: Zufall, Ereignis, Überkommnis, Befall. Das Symptom ist etwas, das einem zu-fällt, das einen überkommt oder befällt. Es ist ein Phänomen.

In unserem heutigen Sprachgebrauch ist ein Symptom aber etwas völlig anderes: Es wandelt sich vom Ereignis, Zu-Fall, Phänomen der alten Griechen zur Krankheits-Erscheinung. Die Krankheit zeigt sich also nicht mehr selbst, sondern ist ein Geschehen im Hintergrund, auf welches die Symptome nur verweisen. Krankheit ist jetzt nicht mehr eine Sache des Kranken, sondern des Arztes, der die „eigentliche“ Krankheit des Patienten sucht.

Homöopathie aber heißt: Der Patient kommt herein, man nimmt die Symptome und gibt das Heilmittel. Das ist alles.

Ist das nicht schrecklich? Das ist viel zu einfach. Simpel.

Außerdem ist das nüchtern, und langweilig.

Ich will meinen Patienten doch tiefgreifend heilen, und das heißt auch Transformieren.

symptom43

Das ist ein Urbedürfnis von uns! Wenn wir das nicht mehr tun dürfen, dann nimmt man uns das Schönste weg!

Also – ich bleibe dabei: Die Sache ist zu simpel. Warum lösen wir nicht das Problem, indem wir uns das Beste von allem nehmen und einfach beides machen: Wir nehmen die Symptome des Patienten – ganz nach Hahnemann – und wir interpretieren sie, aber mit unserem heutigen Wissen und Verständnis über den Sinn der Symptome und den Gemütszustand des Patienten. Haben wir dann nicht beides!?

Leider nicht, wir stehen wieder am Anfang. Wir sind wieder bei dem, was die Medizin schon drei Tausend Jahre vor Hahnemann gemacht hat: Löcher in die Köpfe bohren!

symptom10

Warum?

Weil man eine Aussage über die tiefere, innere Ursache von Krankheit nicht auf ihre Wahrheit überprüfen kann. Jede Aussage, die ich treffe kann stimmen, oder sie kann nicht stimmen. Eine erst noch zu beweisende Theorie über eine Krankheit ist immer auch jederzeit falsifizierbar. Gewißheit in der Therapie ist damit nicht möglich und wird nie möglich sein.

Deshalb lösen sich diese Wahrheiten seit Menschen­gedenken ab. Warum sollte die heutige Interpretation, der Patient hat Kummer in der Ehe, wahrer sein als die Interpretation vor 2000 Jahren, er hat einen Dämon in seinem Kopf?

Ende

Wie Sie sehen, ist die Homöopathie eine in der Medizingeschichte einzigartige Behandlungs­methode. Es geht mir darum, Ihnen diesen Unterschied vom Wesen her zu zeigen. Die Homöopathie ist ein Wendepunkt in einer jahrtausende alten Denkweise! Hahnemann hat seine Heilmethode im Jahre 1796 unter dem Titel: „Über ein neues Prinzip der Auffindung der Arzneikräfte“ bekanntgemacht. Die Ausgabe aus dem Hufelandjournal finden Sie übrigens draußen in der Vitrine. Es ist ein neues Prinzip, nicht mehr das Alte.

Zum Ende meiner Ausführungen zitiere ich große Fürsprecher dieses neuen Prinzips:

symptom45

Kant legt dar, daß der Mensch aufgrund seiner Denkstruktur nur das erkennt, was er mit seinen Sinnen wahrnimmt. Eine das Ding an sich erreichende Erkenntnis ist „allein dem Urwesen“ vorbehalten.

Goethe sagt:

Die Quantenphysiker sagen:

Es gibt keine Ursache, sondern ein Nichts, aus dem die Welt permanent neu erschaffen wird, wie die Wellen, die aus anderen Wellen hervorgehen und wieder verschwinden. Eine Ursache ist nicht sichtbar, man kann sie nicht denken. Alles ist mit allem verbunden und geht nicht von einem bestimmten Punkt aus. Wir leben immer nur in dem Wirken von etwas.

Ich schließe meinen Vortrag mit einem Zitat von Albert Einstein:

Der Weg nach vorne – Ein neues Repertorium

Dr. med. Carl Rudolf Klinkenberg, Eröffnungsvortrag auf dem Internationalen Coethener Erfahrungsaustausch (ICE) am 8.10.2009

der_weg_nach_vorne_01

Liebe Kolleginnen und Kollegen, dear colleagues, estimados colegas, doro’gije ko’legi,

das Thema des ICE sind die Werkzeuge unserer Praxis – Repertorium und Materia medica. Das Verhältnis zwischen den beiden ist nicht ganz unbeschwert. Und wichtiger noch: Die Gewichtung zwischen Materia medica und Repertorium hat sich im Laufe der Homöopathie­geschichte gewandelt. Ich möchte Ihnen das heute anhand der Entwicklung der Mittelwahl in der Homöopathie zeigen. Darauf aufbauend spreche ich über den „Weg nach vorn”.

Das Verhältnis von Materia medica und Repertorium

Die erste Symptomensammlung Hahnemanns ist die Fragmenta de viribus medicamentorum von 1805:

der_weg_nach_vorne_02

Die Fragmenta hat zwei Teile: Die Materia medica und einen Index. Im ersten Teil, in der Materia medica stehen die Prüfungen Hahnemanns seit dem Chinarindenversuch 1790. Für den ersten Teil schreibt Hahnemann ein 6-seitiges Vorwort.

Der zweite Teil ist der Index. Der Index ist eine lange alphabetische Liste der Symptome, ein ganz frühes Repertorium. Dieser zweite Teil ist fast doppelt so lang wie der erste Teil mit der Materia medica.

Trotzdem widmet ihm Hahnemann im Vorwort nur eine einzige Zeile. Er schreibt:

der_weg_nach_vorne_03

Pars secunda indicem complectetur, übersetzt: „Der zweite Teil umfaßt den Index”.

Stattdessen hebt Hahnemann im Vorwort 6 Seiten lang die Bedeutung der Materia medica hervor und schreibt:

der_weg_nach_vorne_04

Sie sehen: In der Anfangszeit der Homöopathie hat die Materia medica einen absoluten Vorrang gegenüber dem Repertorium: Der Homöopath kennt die Arzneien weitgehend auswendig und liest zur Kontrolle in der Materia medica nach. Das Arzneimittel wird direkt anhand der Materia medica bestimmt. Hahnemann schreibt:

der_weg_nach_vorne_05

Auf diese Weise wählen die ersten Homöopathen ihre Mittel:

der_weg_nach_vorne_06

Ein Homöopath um 1820 trifft mit seinem Arzneiwissen eine Vorauswahl. Diese Mittel vergleicht er miteinander in der Materia medica. Er hat nur die „Reine Arzneimittellehre” Hahnemanns zur Verfügung und schaut dort mit dem Kopf-zu-Fuß-Schema nach. Nebenbei gibt es einen Index, der das Finden der Symptome erleichtert.

Ein Fall von Attomyr

Aber die Suche in der Materia medica kann sehr zeitaufwendig sein. Manchmal muß der Homöopath alle Prüfungen von Aconitum bis Zincum durcharbeiten, bis er das richtige Mittel gefunden hat. Als Beispiel ein Fall von Attomyr aus dem Jahre 1829.

Attomyr (1807-1856) war ein Vordenker. Hahnemann schätzte ihn so sehr, dass er ihm die Übernahme seiner Köthener Praxis anbot.

Der Fall: Ein 18-jähriges Mädchen mit einer Amenorrhoe und vielen anderen Symptomen:

der_weg_nach_vorne_07

Attomyr schreibt:

der_weg_nach_vorne_08

Das ist auch der Fall. Aber was für ein Aufwand, bis Attomyr endlich Pulsatilla unter den vielen anderen Arzneien gefunden hat! Und achten Sie auf seine Formulierung:

Nach langem Deliberiren mit der Hahnemannschen Materia medica glaubte ich, die Pulsatille dürfte diesem Krankheitsfalle am meisten homöopathisch entsprechen.

Seine Formulierung wirkt unsicher – von Heilungsgewißheit keine Spur. Bestimmt ist Attomyr sehr neugierig auf den Folgetermin gewesen.

Bönninghausens Ileus-Behandlung

Ein anderes Beispiel: 1833, Bönninghausens Eigenbehandlung seines Ileus. Vier Homöopathen hatten ihm erst Nux vomica, dann Cocculus gegeben – beide Mittel ohne Erfolg. Er hatte nun schon 12 Tage keinen Stuhl mehr gehabt und beschloss am Abend des 12. Tages, er wolle nicht eher nachlassen, ehe er ein passendes Mittel gefunden oder durch den Tod von seinen Schmerzen befreit wäre.

Bönninghausen schreibt:

der_weg_nach_vorne_12

Bönninghausen hatte etwa vier Stunden (!) für die Mittelfindung gebraucht.

Thuja half.

Erste Schwierigkeiten mit der Materia medica

Die Mittelwahl in der Frühzeit der Homöopathie erfolgt also direkt aus der Materia medica. Das ist zwar manchmal zeitaufwendig, aber machbar.

Aber noch zu Lebzeiten Hahnemanns zeichnen sich erste Schwierigkeiten ab: Die Materia medica wird immer umfangreicher. Stetig kommen neue Prüfungen und klinische Fälle hinzu.

Ein Beispiel:

der_weg_nach_vorne_13

Sulfur: 1825 stehen 755 Symptome in der „Reinen Arzneimittellehre” Hahnemanns (RA). 1835 sind es schon 1969 Symptome in den „Chronischen Krankheiten” (CK), und 1880 stehen über 4000 Prüfungssymptome in Allens „Encyclopädie”. Dazu kommen noch die klinischen Symptome, die Allen nicht aufgenommen hat. Es wird immer schwieriger, das Symptombild des Kranken in dieser immer größer werdenden Materia medica zu finden. Man kann sich längst nicht mehr alle Symptome merken.

G.H.G. Jahr (1800-1875) beschreibt diese Entwicklung wie folgt:

der_weg_nach_vorne_15

Hahnemann hatte gefordert, die Arzneiwahl müsse auf der Materia medica basieren. Aber dies war nach etwa drei Jahrzehnten Homöopathie – um 1830 – praktisch nicht mehr durchführbar. Aus der Masse der Materia medica war eine Unmasse geworden. Ohne Hilfsmittel mußte man die gesamte Materia medica nach einem bestimmten Symptom durchsuchen.

Ein erster Lösungsansatz: Die Entwicklung der Repertorien

Der erste Lösungsansatz ist die Entwicklung eines Repertoriums als ein Nachschlagewerk für Symptome. Diese Nachschlagewerke gab es von Anfang an: Sie hießen Index, Verzeichnis, Repertorium, Lexikon, Register. Später etabliert sich die Bezeichnung „Repertorium”. Hier die wichtigsten frühen Repertorien, Lexika, Indexe:

der_weg_nach_vorne_16

Das erste praxistaugliche Repertorium erstellt Bönninghausen 1832:

Das „Systematisch-Alphabetische Repertorium der Antipsorischen Arzneien”.

der_weg_nach_vorne_17

Es ist das erste Repertorium mit Rubriken nach unserem heutigen Verständnis. Alle vorhergehenden Werke hatten noch die vollständigen Symptome aufgeführt!

Außerdem führt Bönninghausen erstmals 4 verschiedene Grade ein.

Diese Grade sind eine grandiose Idee! Sie sind ein Weg, die Materia medica beherrschbarer zu machen.

In den folgenden Jahren erscheinen weitere Repertorien: 1834 das Repertorium im „Handbuch der Hauptanzeigen” von Jahr, und 1835 Bönninghausens „Systematisch-Alphabetisches Repertorium der Nicht- Antipsorischen Arzneien”.

Die Repertorien kommen mehr und mehr in Gebrauch. Jetzt machen es sich manche Homöopathen einfach: Sie arbeiten nur noch mit dem Repertorium.

Hahnemann kritisiert das scharf. Er schreibt 1835 in den „Chronischen Krankheiten”:

der_weg_nach_vorne_18

Die Repertorien bis zum Ende des 19. Jahrhunderts sollten nur Hinweise auf die Mittel geben. Sie sind eine Erinnerungshilfe – „kurze, übersichtliche Wegweiser”, wie Bönninghausen schreibt. Mehr aber auch nicht:

Ihre Verfasser wollten keine vollständige Umsetzung der Materia medica ins Repertorium. Das ist ganz wichtig, sich das klar zu machen!

Zum Beispiel macht Jahr für sein Handbuch erst einen Auszug aus der Materia medica. Diesen Text indiziert er in seinem Repertorium. Die Repertorien des 19. Jahrhunderts sind also unvollständig und nicht für die alleinige Mittelwahl gedacht.

Sudler oder Halbwisser

1846 erscheint Bönninghausens Therapeutisches Taschenbuch. Bönninghausen bringt in der Einleitung zum Taschenbuch einen Fall, bei dem man gleich an Pulsatilla oder China denkt. Das Nachschlagen im Repertorium zeigt aber, dass Valeriana das angezeigte Mittel ist. Bönninghausen schreibt:

der_weg_nach_vorne_21

Das ist eine große Veränderung:

der_weg_nach_vorne_22

1835 war jemand, der nur im Repertorium nachschlagen will, ein Sudler. 1846, nur 11 Jahre später, ist jemand ein Halbwisser, der nur in den Quellen nachschlägt und kein Repertorium benutzt!!

Diese Veränderung zeigt: Die Homöopathie ist nicht fix und fertig „aus dem Ei geschlüpft”.

der_weg_nach_vorne_23

Sie entwickelt sich seit ihrer Geburtsstunde weiter. Deshalb müssen wir die Aussagen unserer Vorgänger immer vor dem Hintergrund ihrer Zeit sehen. Die homöopathischen Grundsätze wie Arzneimittelprüfung und Ähnlichkeitsprinzip bleiben. Aber ihre Anwendung wird kontinuierlich weiterentwickelt.

In der Anfangszeit der Homöopathie muß man die Materia medica nach den Symptomen durchblättern. Ggf. wird ein Index oder Register zur Hilfe genommen:

Methode der Arzneiwahl

1805 – ca. 1832

Symptome des Kranken

Arzneiwissen (ergänzt von Index)

Materia medica

Ab ca. 1832 wird für die Arzneiwahl häufiger ein Repertorium zwischengeschaltet – ich Ihnen hier die großen Linien, die Übergänge sind fließend:

Methode der Arzneiwahl

ab ca. 1832

Symptome des Kranken

Repertorium

Materia medica

Hahnemann selbst nutzte vor allem das Systematisch-Alphabetische Repertorium von Bönninghausen und eigene handschriftliche Symptomenlexika. Er hat damit nicht „repertorisiert” wie wir heute, sondern das eine oder andere Symptom nachgeschlagen. In seine Krankenjournale hat er sich manchmal Mittel aus dem Repertorium als Gedächtnis­­­stütze notiert.

Ein zweiter Lösungsansatz:

Die Charakteristischen Arznei­symptome

Die ersten Repertorien lösten aber noch nicht die Probleme, die durch die exponentiell wachsende Materia medica entstanden waren. Es ist wieder Bönninghausen, der ein intelligentes Konzept hat. Er konzentriert sich auf die charakteristischen Symptome der Arzneien. Zum Beispiel bei Causticum:

Die Lähmung einzelner Körperteile oder der Oberlider, die Wirkung auf die rechte Seite, das Gefühl von Rauheit oder Wundheit in der Brust, der Harnröhre, im Rektum usw. oder die Folge von Verbrennungen.

Oder dass zum Beispiel Belladonna ein rotes Gesicht, weite Pupillen und einen trockenen Mund hat.

Das Herausarbeiten dieser Charakteristika ist ein großer Verdienst Bönninghausens, mit dem er sich sein Leben lang befaßt. Die Charakteristika bilden eine reduzierte Materia medica, die man sich merken kann.

Das läutet eine Entwicklung ein, die sich bis heute fortsetzt: Die meisten Homöopathen lernen nur noch die charakteristischen Symptome. Wenn der Fall ihr Standardwissen überschreitet, schlagen sie in der großen Materia medica nach. Besonders in Nordamerika entstehen kleine übersichtliche Arzneimittellehren:

der_weg_nach_vorne_27

Hier finden Sie Namen wie Lippe, Hering, Farrington, Allen und Nash. Diese Bücher enthalten die Leitsymptome der Mittel – ein Arzneiwissen, das man sich einprägen kann.

Wieder ändert sich die Methode der Arzneiwahl:

Erst kam das Repertorium dazu. Jetzt – mehr und mehr – die Beschränkung auf charakteristische Arzneisymptome:

Methode der Arzneiwahl

Charakteristische Arzneisymptome

1. Repertorium

2. Materia medica

Die Zweistufigkeit der Mittelwahl

Die Mittelwahl erfolgt also in zwei Schritten:

Im 1. Schritt wird eine charakteristische Materia medica gedanklich abgerufen oder im Repertorium nachgeschlagen. Daraus ergeben sich Hinweise für mögliche Mittel.

Im 2. Schritt werden diese Mittel in der Original- Materia medica nachgelesen. Die Entscheidung für ein Mittel fällt durch das Materia medica-Studium.

Diese Zweistufigkeit der Mittelwahl hat aber mehrere Nachteile:

  • Die Beschränkung auf wenige Mittel.
  • Ein zeitaufwendiger Materia medica-Vergleich
  • Lückenhafte Repertorien = lückenhafte „Winke”

1. Die Mittelwahl beruht auf einer Reduktion der Materia medica. Sie beschränkt sich auf relativ wenige Mittel, deren Charakteristika man kennt und in der Praxis anzuwenden gelernt hat. Eine sichere Mittelwahl erfordert aber den Symptomvergleich aller in Frage kommenden Mittel.

2. Der weiterhin zeitaufwendige Vergleich mit der Materia medica.

3. Und drittens die bewußte Verkürzung des Repertoriums, das eben nur Winke bzw. Hinweise geben soll.

weg19

Ein unvollständiges Repertorium „winkt” aber keinesfalls sicher das passende Mittel herbei! Wurde das Simile beim Repertorisieren übergangen, dann kann es auch die Suche in der Materia medica nicht mehr herbeizaubern.

Bönninghausens lückenhafte Mittelwahl

Ein Beispiel von Bönninghausen aus seinen Krankentageblättern von 1835:

Johann Breimann, 62 Jahre aus Ostbevern bei Münster.

Bönninghausen notiert folgende Symptome:

der_weg_nach_vorne_32

der_weg_nach_vorne_33

Bönninghausen verordnet jedesmal zwei Mittel. Das erste gibt er sofort. Das zweite etwa eine Woche später. Diese Gabe von zwei Mitteln ist eine häufige Vorgehensweise Bönning­hausens. Den Behandlungserfolg notiert er nicht.

Ich habe die Schwindelsymptome des Patienten mit Kents Repertorium nachrepertorisiert:

der_weg_nach_vorne_35

Phosphorus, auch Calcium passen viel besser als die Mittel, die Bönninghausen gab:

der_weg_nach_vorne_36

Phosphorus z.B. hat die Schwindelsymptome des Patienten viel ähnlicher als Nux vomica, Sulfur oder Sepia. Alles ist enthalten: Das Vergehen des Gesichts, der Schwindel in der Früh nach dem Aufstehen, Schwindel mit Übelkeit. Es hat in den Guidung Symptoms sogar das Symptom Schwindel in Verbindung mit Herzklopfen.

Dieses Symptom – „Herzklopfen beim Schwindel” – steht nicht im Kent. Aber es gibt noch andere wichtige Repertorien.

Wenn ein Symptom nicht im Kent steht, schaue ich als erstes im Boger-Bönning­hausen („Boenninghausen´s Characteristics and Repertory”, 1905), dann im Knerr („Repertory of Herings´s Guiding Symptoms”, 1896) oder im Symptomrregister von Allen (1880) nach.

Im Boger-Bönninghausen steht die Rubrik „Schwindel, Begleitsymptome, bei Herz­symptomen” (vertigo, concomitans, heart symptoms, on), Phosphorus ist zweiwertig. (C.M. Boger, Boenninghausen´s Characteristics And Repertory, 1905, S. 248, Reprint edit. 1995)

Und in den Guiding Symptoms findet sich das Phos.-Symptom „Vertigo, cannot lie on left side because of palpitation.”

(C. Hering, The Guiding Symptoms of our Materia Medica, 1879)

Die Repertorisation rückt aber auch kleinere Mittel in den Vordergrund wie Sabadilla, das immerhin vier der fünf Schwindelsymptome hat:

der_weg_nach_vorne_37

Morgens nach dem Aufstehen schwindelig. Schwindel, bei steter Übelkeit

Bei … Schwindel wird es ihm ganz schwarz vor den Augen.

Dieser ausführliche Mittelvergleich geht nur mit einem großen Repertorium. Niemand kann sich die Schwindelsymptome von über 100 Arzneien merken!

Bönninghausen ist bei der Arzneiwahl nur auf seine Materia medica-Kenntnis, also auf sein Gedächtnis, und auf sein „Winke gebendes” Repertorium angewiesen. Also kommt er nur zu lückenhaften Arznei­vorschlägen. Ein modernes Repertorium bietet uns heute eine unvergleichlich größere und präzisere Auswahl von Mitteln zur Entscheidung an!

Hahnemanns Symptomenlexikon

Soweit zu den Schwierigkeiten der Mittelwahl 1835.

Auch Hahnemann sucht nach einer Lösung für die exponentiell wachsende Materia medica. Er möchte ein Symptomen­lexikon ausarbeiten lassen. Jedes Stichwort eines Symptoms, also Ort, Empfindung, Modalität will er hier alphabetisch anordnen. Hahnemann will

Jeden wichtigen Begriff in einem Symptom ins Alphabet bringen … ohne dessen Inhalt zu verfälschen…“

(Briefwechsel zwischen Hahnemann und Bönninghausen, Brief Nov. 1833. M. Stahl S. 91)

Das Pulsatilla-Symptom „Abends heiß im ganzen Gesichte” müßte demnach dreimal aufgeführt werden:

Abends heiß im ganzen Gesichte.

Gesicht, im ganzen, abends heiß.

Heiß im ganzen Gesichte abends.

Hahnemann sucht also einen Weg, den Inhalt, die Information der Materia medica in eine neue Form zu gießen, damit man besser an sie herankommt.

Er schreibt 1834 an Bönninghausen:

Nur ein Lexikon kann vollständigere Auskunft den Suchenden geben…“

(Briefwechsel zwischen Hahnemann und Bönninghausen, Brief Juni 1834. M. Stahl S.102)

Ein Lexikon, das vollständigere Auskunft gibt, das nicht bloß ein Wegweiser ist wie das Repertorium! Achten Sie auf seine Wortwahl, Hahnemann schreibt: „vollständiger”:

Ein 100% vollständiges Lexikon bzw. Repertorium kommt für Hahnemann noch nicht in Frage. Es ist noch nicht im Horizont seiner Zeit.

Wahrscheinlich aus prinzipiellen Gründen. Hahnemann stellt die Materia medica an erste Stelle. Ein Repertorium kann und darf sie nicht ersetzen. Das war seine Maxime.

Was bedeutet seine Maxime nun für die Praxis?

Die Information und die Form

Wir wählen die Arznei aufgrund der Information der Quellen – die Information sind die Symptome, die Symptomenreihen der Arzneien wie Hahnemann sagt, z.B. die Schwindel­symptome von Sabadilla.

Aber das bedeutet ja nicht, dass auch ihre Form – die Form, wie Sie sie hier am Beispiel von Sabadilla sehen, nämlich – die nach Mitteln im Kopf-zu-Fuß-Schema geordnete Materia medica – unentbehrlich ist!

der_weg_nach_vorne_41

Diese Form, also die Quelle selbst, ist für die Praxis die ungeschickteste! Eine nach den Symptomen geordnete Materia medica, eben ein Repertorium, ist viel praktischer.

Die Repertorien sind unvollständig

Ich gehe jetzt ans Ende des 19. Jahrhunderts. Die Homöopathie ist mit der Bewältigung der Symptomen­masse der Materia medica nicht fertig geworden. Sie steht immer noch an dem Punkt, den Hahnemann ihr vorgegeben hat: Man bestimme das heilende Mittel anhand der Materia medica „so wie sie ist“, d.h. anhand der Symptomreihen der Arzneien.

Die Repertorien wären für die praktische Arbeit besser geeignet. Aber den Repertorien mißtraut man – mit Recht. Denn die Repertorien bieten keine systematisch eingearbeitete Materia medica. Sie wurden bewußt beschränkt. Die Repertorium sind nicht vollständig, und – so merkwürdig es klingt – sie sollen auch gar nicht vollständig sein! So schreibt Bönning­hausen, Hahnemanns Lexikon aufgreifend, über sein Systematisch-Alphabetisches Repertorium:

der_weg_nach_vorne_43

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es viele Lösungsversuche für die Bewältigung der Materia medica. Man versuchte der Masse Herr zu werden mit Hilfe der Repertorien und den Charakteristika, mit den Arzneiverwandtschaften, der Verordnung nach Organbe­ziehungen, mit der Kombinations­methode von Bönninghausen usw. Keine Methode löste das Problem der immer weiter wachsenden Materia medica. Eine Lösung mußte her!

Wo ist das vollständige und verlässliche Repertorium?

Erastus E. Case nimmt 1892 wieder die Frage des Repertorium auf, er schreibt:

der_weg_nach_vorne_44

Er sagt: Es gibt zwar gute Spezialrepertorien wie das von Bell über Diarrhoe, von Lee über Husten. Das Taschenbuch von Bönninghausen ist eines der besten Repertorium, aber die feinen Schattierungen der Symptome findet man nicht darin.

Case fragt:

Aber wo ist das vollständige und verlässliche Repertorium?”

(„But where is the complete and reliable repertory?”)

Das Repertorium – die praktische Materia medica

Das vollständige und verläßliche Repertorium muß die gesamte Materia medica enthalten. Es muss eine repertoriale Materia medica sein – der gesamte Inhalt der Materia medica in die Form des Repertoriums gegossen.

Ein Repertorium in diesem Sinn ist nicht bloß ein Index für die Materia medica, sondern mehr als das: Es ist eine spiegel­bildliche Umkehrung der Materia medica!

Ich nenne dies die „praktische Materia medica“, weil sie unser Hauptwerkzeug in der Praxis sein wird. „Sein wird“ – denn sie gibt es noch nicht.

Die primäre Materia medica sind die Arzneimittelprüfungen:

der_weg_nach_vorne_47

Für die Praxis brauchen wir eine praktische Materia medica: Die Sammlung der Symptome mit den dazugehörigen Mitteln, eben das Repertorium. Hinzu kommen die klinischen Symptome, die Verifikationen und die generalisierbaren charakteristischen Symptome – die Symptome, die sich durch das Mittel hin­durchziehen bzw. der Genius des Mittels.

der_weg_nach_vorne_48

Die erste praktische Materia medica ist das Repertorium von Kent aus dem Jahr 1897.

der_weg_nach_vorne_49

Kent geht den bisher fehlenden Schritt, der endlich kommen musste:

Die konsequente Umkehrung der Materia medica ins Repertorium. Erstmalig kommt ein Repertorium mit dem Anspruch, möglichst vollständig zu sein. Das zeigt sich schon am damaligen Umfang von 1400 Seiten. Kent schreibt über sein Repertorium:

It has been built from all sources”.

Die Materia medica des Repertorium ist inhaltlich die gleiche wie die Materia medica aus Prüfungen und klinischen Erfahrungen. Die Symptome werden für das Repertorium formal, aber nicht inhaltlich verändert. Formal heißt: Sie werden sprachlich vereinfacht und gekürzt, umgestellt, und in ihre Einzelteile zerlegt.

Eine neue Möglichkeit

Im Prinzip sind mit dem Erscheinen des Kent die fast 100 Jahre andauernden Schwierigkeiten mit der Masse des Materials gelöst.

Ich sage: Im Prinzip sind sie gelöst. Aber noch nicht in der Realität – mir sind die Fehler im Kent absolut bewußt. Es geht mir um eine neue prinzipielle Möglichkeit. Um eine Vision. Lassen Sie diese neue Möglichkeit einmal unvoreingenommen auf sich wirken.

Bis zum Erscheinen des Kent hatten wir fast 100 Jahre lang die Schwierigkeiten mit der Masse der Materia medica. Die Wurzel dieser Schwierigkeiten war das Festhalten an der Materia medica als die oberste Instanz für die Mittelwahl. Anstatt den Inhalt der Materia medica von ihrer Darstellung zu trennen und in eine praxisgerechte Form zu setzen. Was bedeutet das?

Bisher sollten die Repertorien nur Hinweise auf die Materia medica geben. Jetzt stellt die praktische Materia medica des Repertoriums die Symptome schon direkt bereit! Prinzipiell könnten jetzt alle charakteristischen Symptome im Repertorium aufgesucht werden.

Damit gibt es jetzt erstmalig die Möglichkeit einer sicheren Arzneiwahl mit dem Repertorium:

der_weg_nach_vorne_51

Die Materia medica ist nicht mehr primäre Entscheidungsinstanz. Sie tritt in den Hintergrund und wird eine sekundäre Kontrollinstanz, und zwar für spezielle Fälle.

Das ist eine Revolution. Die Gewichtung zwischen Materia medica und Repertorium hat sich endgültig verschoben!

Repertorisation als Methode der Mittelwahl

Die Zäsur von 1897 ist so groß, dass sich eine neue Methode der Mittelwahl entwickelt: Die Repertorisation.

Repertorisation ist eine neue Methode der Mittelwahl, nicht nur einfach das Eingeben von Symptomen in einen Computer. Diese Methode wurde aus den neuen Möglichkeiten, die ein vollständiges Repertorium bietet, geboren. Vor dem Kent hat man nicht repertorisiert wie heute. Man hat nur in absichtsloser Zufälligkeit repertorisiert, aber nicht im Sinne einer Methode. Jetzt, wo man prinzipiell alle Symptome im Repertorium finden kann, wird es noch wichtiger als bisher, eine Vorauswahl zu treffen.

Das bedeutet:

1. die Trennung der wahlanzeigenden Symptome von den für die Mittelwahl unwichtigen Symptomen,

2. die Gewichtung, also Rangfolge der wahlanzeigenden Symptome.

Die Vorteile dieser neuen Methode sind:

  • Erweitertes Arzneispektrum
  • Präzision der Mittelwahl
  • Sicherheit der Mittelwahl
  • Materia medica direkt zugänglich

Der Homöopath muß sich nicht mehr auf die Mittel beschränken, deren Charakteristika er auswendig kennt. Vorausgesetzt, er wählt und gewichtet die Symptome richtig, ergibt die Repertorisation ein erweitertes und präziseres Spektrum von in Frage kommenden Mitteln – wie Phosphorus und Sabadilla in dem Fall von Bönninghausen. Das bedeutet mehr Sicherheit in der Mittelwahl. Die gesamte Materia medica ist direkt zugäng­lich – ohne die Begrenzung des Gedächtnisses und ohne das umständliche Suchen in der primären Materia medica.

Ein Paradigma: Das Repertorium ist nur ein Index

Hahnemanns Kritik am Repertorium wurde über die Jahrhunderte immer und immer wieder aufgegriffen und wiederholt. Die meisten Homöopathen sagen heute immer noch: Das Repertorium kann die Materia medica nicht ersetzen. Es ist nur ein Index.

Wir haben eine lange Tradition, das Repertorium auf diese Weise klein zu reden. Das ist in unseren Köpfen, es ist unser Paradigma. Es ist an der Zeit, dieses Paradigma endlich abzulegen.

Natürlich wird das Repertorium die Materia medica nicht ersetzen. Das Repertorium gehört zur Arzneimittel­lehre. Erst wenn ich die charakteri­stischen Symptome der Arzneien studiert habe und kenne, kann ich vernünftig mit einem Repertorium umgehen. Auch mit einem perfekten Repertorium wird man nicht vollständig auf die Materia medica verzichten können.

Hierzu zwei Beispiele: Wir brauchen in manchen Fällen für die Arzneiwahl die Symptome in ihrem Zusammenhang. Außerdem gibt es Fälle, in denen wir mehrere Symptome der Materia medica hintereinander lesen müssen, um eine vom Patienten geschilderte Empfindung gewissermaßen „einkreisen” bzw. um auf diese Weise die Ähnlichkeit zu der Patientensymptomik in der Materia medica festzustellen.Ein Index ist ein Anzeiger, ein Verzeichnis der Stichworte. Das Repertorium ist nicht bloss ein Index, es ist eine umgekehrte Materia medica.

Ein Index ist ein Anzeiger, ein Verzeichnis der Stichworte. Das Repertorium ist nicht bloss ein Index, es ist eine umgekehrte Materia medica.

Der Kent – eine Katastrophe

Das ist also der Kent, der Prototyp einer praktischen Materia medica:

der_weg_nach_vorne_53

der_weg_nach_vorne_55

Dann wäre ja alles in Ordnung und wir können uns jetzt drei freie Tage machen.

Nur, es gibt noch eine andere Seite: Das Kentsche Repertorium ist eine Katastrophe. Es ist fehlerhaft und inhomogen.

Wenn ich im Folgenden über den Kent spreche, dann meine ich auch seine verbesserten Nachfolger Synthesis und Complete.

Viele Rubriken und Einträge im Kent wurden von Homöopathen auf ihre Quellen hin untersucht, von Gypser, Klunker, Eppenich, Srinivasan und vielen anderen. Es fanden sich Übersetzungsfehler, falsche Mittel, verwechselte Mittel, eine unklare Definition der Grade usw. In den letzten 20 Jahren sind viele Anstrengungen unternommen worden, das Repertorium zu verbessern, z.B. mit dem Synthesis in Form von Fehlerkorrekturen, Quellenangaben, Nachträgen alter und neuer Quellen, Verbesserungen der Struktur usw.

Für Synthesis ist der Kent die Ausgangsbasis. Die Herausgeber versuchen, den Weg quasi „rückwärts“ zu gehen und nach und nach alle Fehler des Kent zu korrigieren.

Das hat allerdings Grenzen. Ich zeige Ihnen jetzt drei Beispiele, warum dieser Weg nicht funktioniert, warum wir das Repertorium nicht effektiv rückwärts verbessern können.

1. Beispiel: Unwillkürliches Weinen

Die Rubrik unwillkürliches Weinen (weeping involuntary, Kent 1981 S. 93) hat 23 Mittel:

der_weg_nach_vorne_56

Will Klunker hat die Primärquellen dieser Rubrik untersucht. Zum Materia medica- Abgleich wurden folgende Werke herangezogen:

T.F. Allen/ Encyclopedia 1879, S. Hahnemann/ Chronische Krankheiten, S. Hahnemann/ Reine Arzneimittellehre, C. Hering/ Guiding Symptoms 1881, C. Hering/ Amerikanische Arzneiprüfungen 1857, G.H.G. Jahr/ Symptomenkodex 1848 und E. Stapf/ Beiträge zur reinen Arzneimittellehre 1836.

Von den 23 Mitteln stimmen nur 8 Mittel mit der Rubrikenüberschrift überein, und zwar:

Alum., Cann-i., Merc., Nat-m., Plat., Rhus-t., Stram., Verat.

Die restlichen 15 Mittel haben Symptome, die nur weitgehend mit Weinen zu tun haben, wie z.B. einfaches Weinen, exzessives Weinen (Aur., Bell., Ign., Lach.), ist beim Weinen außer sich, kann Weinen nicht unterdrücken. Das sind zwar alle Symptome mit Weinen, aber alle diese Symptome haben kein unwill­kürliches Weinen! So hat Kent z.B. das exzessive Weinen und Schreien bei Aur., Bell., Ign. und Lach. in ein unwillkürliches Weinen uminterpretiert.

2. Beispiel: Kopfweh vom Fasten

Ein weiteres Beispiel: Die Rubrik „Kopfweh vom Fasten“ (head, pain, fasting, from, K 140) enthält 19 Mittel:

Ars-i., Caust., Cist., Elaps., Ind., Iod., Kali-c., Kali-s., Lyc., Nux-v., Phos., Ptel., Ran-b., Sang., Sil., Spig., Sulf., Thuj., Uran.

Es ist sehr zeitaufwendig, die Quellen einer Rubrik aufzusuchen. Von diesen 19 Mitteln haben 9 eine Besserung von Kopfschmerzen nach dem Essen. Die ‚Besserung von Kopfschmerzen nach dem Essen‘ ist aber etwas anderes als ‚Kopfschmerz vom Fasten‘. Die korrigierte Rubrik lautet:

der_weg_nach_vorne_61

Es bleiben also nur 10 von 19 Mitteln übrig!!

Immerhin befassen sich alle Einträge dieser Rubriken noch irgendwie mit ‚Weinen‘ oder ‚Kopfweh‘. Es gibt leider viele Rubriken im Kent, deren Einträge nicht annähernd dem Titel entsprechen:

3. Beispiel: Gemüt, Theorien aufstellen

Z.B. die Rubrik „Gemüt, Theorien aufstellen“. Sie enthält im Original-Kent 13 Arzneien:

der_weg_nach_vorne_62

Für 5 Mittel findet sich keine Entsprechung in den Primärquellen, und zwar für Ars., Aur., Lyc., Sel., Sil. Es bleiben 8 Mittel übrig:

Ang., Arg-n., Cann-i., Chin., Coff., Lach., Sep., Sulf.

Von diesen 8 Mitteln paßt der Rubrikentitel noch am ehesten für Cannabis indica mit dem Symptom „constantly theorizing“.

der_weg_nach_vorne_64

Bei Coffea findet sich in der Materia medica: „Lebhafte Phantasie, voll Pläne über die Zukunft…“

(Stapfs Archiv Bd. 3 S. 282 Nr. 185)

Aus „Pläne für die Zukunft machen“ wurde „Aufstellen von Theorien“!

Sulfur hat das Symptom: „Große Neigung zu philosophischen und religiösen Schwärmereien.“

(Hahnemann, CK V S. 330 Nr. 61)

Lachesis:

(Hering, C., Denkschrift d. N. Akademie d. hom. Heilkunst, 1837)

der_weg_nach_vorne_67

Sie sehen: In die Rubrik „Gemüt, Theorien aufstellen“ wurden unterschiedliche Symptome aufgenommen, die nur sehr entfernt etwas mit „Theorien aufstellen” zu tun haben. Jetzt, wo Sie diese Informationen haben: Würden Sie noch mit dieser Rubrik repertorisieren?

Die Notwendigkeit exakter Quellenangaben

Die Untersuchung einer Rubrik wie „Theorien aufstellen“ ist mühsam, denn Kent hat keine Quellen für seine Arzneieinträge angegeben. Er hat auch nicht angegeben, ob es sich um ein Prüfungssymptom oder ein klinisches Symptom handelt.

Daran hat sich bis heute nichts geändert: In der Computerversion von Synthesis werden alle Einträge aus dem Kent mit einem „k“ gekennzeichnet. Das „k“ bedeutet nicht, dass dieser Eintrag von Kent ist, sondern dass der Eintrag aus dem Kentschen Repertorium entnommen ist. Die eigentliche Quelle des Symptoms bleibt weiterhin unklar. Es wäre ein riesiger Aufwand, für jeden Eintrag im Repertorium die originale Quelle aufzusuchen und sie im Nachhinein auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.

Andererseits braucht jeder Eintrag eine exakte Quellenangabe, und zwar aus folgendem Gründen:

1. Die Quellenangabe ist heute ein wissenschaftlicher Standard. Sie macht die Nachprüfung durch den Anwender möglich. Deshalb werden bei wissenschaftlichen Arbeiten in der Medizin und anderen Naturwissenschaften grundsätzlich Quellen angegeben.

2. Der Anwender will unabhängig vom Bearbeiter sein. Homöopathen heute wollen sich selbst ein Urteil bilden und nicht auf die persönliche Einschätzung eines anderen Kollegen angewiesen sein.

Klinische Nachträge einzelner Autoren zum Beispiel basieren immer auf der persönlichen Einschätzung der Autoren. Selbst wenn es bekannte Homöopathen sind wie z.B. Alfons Geukens bleibt die Frage, ob sie den Wert der Symptome auch richtig gesehen haben. Es ist doch immer nur ihre subjektive Ansicht, und in dieser Erfahrung können sie auch irren. Deswegen brauchen wir im Repertorium eine genaue Kennzeichnung unterschiedlicher Symptom­arten wie der klinischen Symptome und eine Kennzeichnung der Autoren. Es gibt nun einmal Fälle, wo ein einziges Symptom entscheidet und man die Quelle ganz genau wissen will.

Eine Untersuchung: Die Angstsymptome von Pulsatilla

Das waren drei Kent-Rubriken. Umgekehrt können Sie sich auch ein x-beliebiges Mittel aus Hahnemanns Materia medica vornehmen und nachschauen, welche Symptome im Repertorium stehen und welche nicht. Sie werden feststellen:

Viele Symptome fehlen oder sind unvollständig, oft auch charakteristische Symptome.

Ich zeige Ihnen jetzt eine Stichprobe. Meine Überlegung war: Ich nehme ein bekanntes Mittel – nämlich Pulsatilla, und ein häufiges Symptom – die Angst. Und dazu die bekannteste Arzneiprüfung, nämlich die von Hahnemann.

der_weg_nach_vorne_68

Im Gemütskapitel von Pulsatilla stehen 14 Angstsymptome, also nicht viele. Ich halte es für selbstverständlich, dass diese Symptome im Kent und Synthesis verzeichnet sind, und auf eine Weise, dass man sie findet.

Das Ergebnis der Stichprobe ist erschreckend: Von den 14 Angstsymptomen von Puls. sind nur 3 korrekt im Kent und Synthesis aufgenommen, 3 von 14 Symptomen! 4 Symptome fehlen ganz.

der_weg_nach_vorne_71

Zum Beispiel fehlt das Symptom „…Große Angst, so daß er die Kleider von sich werfen muß.“

(Hahnemann, RA II: 340 Nr. 1101)

(Der Nachtrag von Pierre Schmidt im Synthesis „Angst, muß die Kleidung lockern und die Fenster öffnen. ist entweder ein anderes Symptom oder das Symptom wurde sehr ungenau transkribiert.)

Erstaunlich ist, dass die übrigen 7 Symptome falsch oder ungenau im Kent und Synthesis aufgenommen sind.

Zum Beispiel steht das Symptom „Nach dem Erwachen fortgesetzte Angst…“ (Hahnemann, RA II: 340 Nr. 1109)

unter „Gemüt – Angst – Erwachen – beim

Dieses Angstsymptom von Puls. hat Hahnemann gesperrt gedruckt:

Ängstliche Hitze, als wenn er mit heißem Wasser begossen würde…

(Hahnemann, RA II: 340 Nr. 1099/ Kents Repertory reprint edit. 1981, p. 6)

Die „ängstliche Hitze steht nicht unter „Gemüt, Angst, Hitze, wo Sie es suchen würden, sondern in der Rubrik „Gemüt, Angst, Fieber, während (Mind, Anxiety, fever, during).

Das bedeutet, Sie müssen erst einmal gedanklich umschalten von Hitze auf Fieber. Hitze und Fieber sind aber nicht dasselbe und werden auch im Kent als unterschiedliche Symptome behandelt.

Als wenn er mit heißem Wasser begossen würde steht nicht bei Angst, auch nicht bei Hitze, es steht bei Hitzewallung:

Allgemeines, Hitzewallungen, warmes Wasser, wie mit warmen Wasser übergossen. (Generalities, Heat, flushes of, warm water were poured over one)

(Hahnemann, RA II: 340 Nr. 1099/ Kents Repertory reprint edit. 1981, p. 1366)

Aus ängstlicher Hitze ist eine Hitzewallung geworden. Mit diesem Unsinn arbeiten wir heute, im 21. Jahrhundert!

Die meisten von uns setzen aber voraus, dass unser Arbeitswerkzeug, das Repertorium, in Ordnung ist. Wir können nämlich nicht während der Behandlung jeden Eintrag in den Originalquellen überprüfen. Dafür haben wir

1. nicht die Zeit,

2. nicht alle Quellen zur Verfügung und

3. ist das auch nicht unsere Aufgabe! Schließlich haben wir uns ein Buch oder Computer-Programm gekauft und erwarten, dass auch stimmt, was da drinsteht. Sind die Angaben im Repertorium falsch, werden wir ständig auf eine falsche Fährte geführt.

Andere Angst-Symptome wiederrum sind unvollständig. Überhaupt ist es ein grundsätzliches Problem, dass die meisten Symptome der Materia medica nicht vollständig im Kent übernommen wurden. Ich meine damit nicht den konkreten Wortlaut der Symptome, sondern ihre Information. All dies zeigt:

Der Kent ist keine vollständige Umkehrung der Materia medica.

Meine Beispiele sind keine Einzelfälle, sondern die Regel. Nicht einmal Hahnemanns Prüfungen sind vollständig im Kent eingearbeitet.

Eine amerikanische Geschichte: Karl Julius Hempel

Sie fragen sich vielleicht, wie es zu diesen Lücken in unserem Repertorium kommt, und ich nenne Ihnen einen Grund, der nicht so bekannt ist.

Der Großteil der Einträge im Kent stammt aus deutschen Prüfungen der Hahnemannzeit. Weil das Niveau der Homöopathie in der zweiten Jahrhunderthälfte in Amerika höher war als in Deutschland, hatten englisch­sprachige Werke einen großen Einfluss auf die Homöopathie und besonders auf die Entstehung der amerikanischen Repertorien.

Der Amerikaner Kent war auf Übersetzungen angewiesen. Die einzige Übersetzung der CK war die von Charles Hempel aus dem Jahr 1846. Sie war, wie erst viel später erkannt wurde, vollkommen fehlerhaft.

der_weg_nach_vorne_76

Karl Julius Hempel stammte aus Deutschland. Er wurde 1811 geboren und war 1835 in die USA ausgewandert. In der Zeit von 1845 bis mindestens 1879, also über mehr als drei Jahrzehnte (!) nutzten die amerikanischen Ärzte ausschließlich die Übersetzung von Charles Hempel. Es war die einzige auf dem Markt. Man muß davon ausgehen, dass Hempels Fehler ihren Weg in etliche Lehrbücher und Repertorien der amerikanischen Literatur gefunden haben.

Lippe und Dunham hatten Hempels Übersetzung schon 1852 stark kritisiert. Aber die homöopathische Presse in Amerika war bis 1858 fest in den Händen von Buch-Verlegern, die keinerlei Kritik an ihren Büchern erlaubten. 1862 meldete Wilson scharfe Kritik an. Er verglich 13 Arzneien Hempels mit dem Original und wies erschreckende Fehler nach:

1785 Symptome waren weggelassen worden, darunter auch sehr charakteristische, die Sie heute nicht im Repertorium finden. 1785 Symptome sind 13% – das sind mehr Symptome, als die Arznei Sepia hat! Möglicherweise hat Hempel aus diesem Grund auch die Durch-Nummerierung der Symptome Hahnemanns weggelassen. Zahlreiche Symptome hat Hempel falsch oder lückenhaft übersetzt. Die „Halsgrube“ z.B. übersetzt er mit „Herzgrube“, ein süßer Geschmack ist oft ein saurer, usw. Gegensätzliche Symptome läßt er oft einfach weg, z.B. das Symptom „Durst“, wenn ein Mittel auch mehrfach „Durstlosigkeit“ hatte.

Man muß davon ausgehen, dass Hempels Fehler ihren Weg in etliche Lehrbücher und Repertorien der amerikanischen Literatur gefunden haben. Diese wurden später wieder ins Deutsche rückübersetzt.

Hempels lückenhaftes Werk ist eine Sekundärquelle. Primärquellen sind die originalen Arzneimittel­prüfungen und Kasuistiken, die Erstveröffentlichungen. Der Kent als das Basis-Repertorium von Synthesis wurde größtenteils aus den damals gängigen Repertorien, also Sekundär­quellen zusammengestellt – mit all ihren Fehlerquellen!!

(Im Gegensatz dazu wurde z.B. das sehr zuverlässige Therapeutische Taschenbuch von v. Bönninghausen direkt aus Primärquellen erstellt).

Der Weg nach vorne – ein neues Repertorium

Wir können dieses Repertorium nicht rückwärts verbessern, wir können auf diesem Repertorium nicht aufbauen. Viele Homöopathen haben dieses Problem schon aufgegriffen: Von Keller, Gypser, Klunker und viele mehr. Sie kommen alle zu demselben Ergebnis: Immer weiter die Repertorien überarbeiten, ist tröstlich, löst aber nicht das Problem!

Wollten wir das Repertorium weiter rückverbessern, müßten wir – wie bei Pulsatilla – jeden Eintrag im Kent auf seine Original­quelle hin überprüfen. Und außerdem noch jedes einzelne Prüfungs-Symptom der Materia medica mit dem Eintrag im Repertorium überprüfen. Das ist dasselbe, als wollten wir ein Haus neu bauen, indem wir jeden Stein herauslösen, noch einmal anschauen und dann ggf. austauschen oder erneut einsetzen. Da ist es viel weniger Aufwand, jedes einzelne Symptom der Materia medica noch einmal quasi „anzufassen und direkt in ein neues Repertorium zu übertragen.

Das ist der Weg nach vorne: Ein neues Repertorium, direkt gebaut aus den Primärquellen. Die praktische Materia medica des Repertoriums, von der ich eben gesprochen habe.

Grundlage für das neue Repertorium wird eine überarbeitete Materia medica sein, eine Sammlung aller Primärquellen.

Wo sind unsere Primärquellen?

Es gibt die kurzgefaßten Arzneimittellehren, Kent´s Materia medica, Phatak, Vermeulen. Und wo sind die Primärquellen?

Es gibt Hahnemanns Prüfungen, Stapf´s Archiv, die amerikanischen Prüfungen. Aber viele Prüfungen und v.a. klinische Erfahrungen sind in der Weltliteratur verstreut. Die Arzneimittel z.B., die Hahnemann nicht selbst veröffentlicht hat, sind kaum bekannt geworden. Ein Beispiel:

Sabina ist bekannt als Mittel für Unterleibsblutungen und -entzündungen.

Stichwort: Unterleib. Das kann man sich zwar gut merken, ist aber viel zu begrenzt. Sabina hat viele detailliert beschriebene Symptome, es hat einen viel größeren Umfang und könnte bei vielen anderen Krankheiten angewendet werden. Aber die meisten Homöopathen kennen das Mittel nur als Uterus- oder Nierenmittel.

Das liegt an Folgendem:

Die Prüfung von Sabina erschien 1826 in der Zeitschrift Stapf´s Archiv. Im Hinblick auf unsere Materia medica ist das ganz wichtig:

Denn in der Anfangszeit wurden die Prüfungen noch überwiegend in Sammelwerken heraus­gegeben, und zwar in der „Reinen Arzneimittellehre und den „Chronischen Krankheiten von S. Hahnemann, der „Reinen Arzneimittellehre von C.G. Hartlaub und C.F. Trinks, in Stapf´s „Beiträgen zur Reinen Arzneimittellehre und in den

Amerikanischen Arzneiprüfungen von C. Hering. Das ist aber auch schon alles, was es an Büchern gibt.

Primärquellen in Zeitschriften

Ab 1835 wurden die meisten Prüfungen und Heilerfolge in Zeitschriften veröffentlicht.

Weltweit verstreut gibt es mehr als 700 Zeitschriften, die meisten mit einer Laufzeit von mehreren Jahren. Sie wurden 1984 in der „Bibliotheca biographica“ zusammen­gestellt. Damit Sie sich den Umfang dieser Zeitschriften vorstellen können, hier ein kleiner Teil nur der deutschsprachigen Zeitschriften:

der_weg_nach_vorne_81

In Amerika erschienen ca. 135 Zeitschriften, manche über mehrere Jahrzehnte:

der_weg_nach_vorne_82

Außerdem gibt es Zeitschriften aus Indien, England, Frankreich, Italien, Österreich, Südamerika und vielen anderen Ländern. Es ist erstaunlich, aber in diesen Zeitschriften stehen viele hochwertige Original­prüfungen und vor allem klinische Symptome, über die wir heute nicht verfügen.

Georg von Keller: Unsere Repertorien sind hoffnungslos veraltet…

Die Materia medica ist überall in der Weltliteratur verstreut. Sie ist nie an einer Stelle vollständig gesammelt worden. Und weil sie nie gesammelt worden ist, steht sie auch nicht in den Repertorien.

Ich lasse den 2003 verstorbenen Georg von Keller sprechen:

der_weg_nach_vorne_83

Welchen Umfang die neue Sammlung annehmen wird, läßt sich aus der Zahl der Symptome ablesen, die z.B. Kali-c. hergegeben hat: Bei T.F. Allen sind es 1695 Symptome, in der Monographie von G. von Keller 4939 Symptome.

(Georg v. Keller, AHZ 1989 S. 45-49)

Paul – Pseudokrupp

Vielleicht denken Sie: Was brauche ich all diese alten Erfahrungen? Hierzu ein Fall aus meiner Praxis:

weg47

Der 2 ½ jährige Paul (Name geändert) kam genau vor einem Jahr mit der dritten Lungenentzündung in Folge in Behandlung. Die Lungenentzündung war damals so massiv, dass das Röntgenbild weiß verschattet war. Es ging dem Jungen schlecht, er erbrach nur noch, man wollte bronchoskopieren. Das lehnten die Eltern ab. Er hatte schon drei Antibiotika bekommen ohne Effekt. Die Schulmedizin wußte nicht mehr weiter. Dafür aber die Homöopathie: Sulfur, Arsenicum und Tuberkulinum haben die Lungenentzündung in vier Wochen ausgeheilt. Das zur Vorgeschichte.

In den Monaten danach ging es Paul gut bis auf zwei, drei kleinere Infekte. Bis vor drei Wochen: Ein Virus ging herum, die ganze Familie war krank und am 17. September bekam Paul einen Pseudokrupp. Die Symptome waren:

  • Vor 2 Tagen Heiserkeit
  • Husten bellend
  • Kurzatmigkeit
  • Tagsüber: Husten < beim Essen
  • Starkes Herzklopfen
  • Befund: exspiratorischer Stridor – Dyspnoe – Tachykardie
  • Will getragen werden

Bellender Husten in 2er Salven; er hustet im Schlaf. Der Husten ist schlimmer beim Essen. Paul ist kurzatmig, er hat einen exspiratorischen Stridor. Starkes Herzklopfen. Vor zwei Tagen war Paul heiser. Keine weiteren Modalitäten.

Das sind keine spezifischen Symptome. Welches Mittel sollte man geben?

Ein Symptom habe ich Ihnen noch nicht genannt, das Auffälligste war: Paul wollte die ganze Nacht getragen werden, er hat der Mutter ständig gesagt: Tragen.

Im Kent Repertorium gibt es hier eine Unterrubrik: Gemüt, Verlangen getragen zu werden – Krupp, bei” mit Bromum als einzigem Mittel:

der_weg_nach_vorne_87

Es ist ein klinisches Symptom, ich konnte es in keiner Prüfung finden. Glücklicherweise steht es im Kent – denn sonst hätte ich nicht an Brom. gedacht! Herzklopfen ist ein weiteres charakter­istisches Symptom von Brom. und bestätigt die Mittelwahl. Brom. C200 führte zu einer sofortigen Besserung und raschen Ausheilung des Pseudokrupp.

Wir brauchen die Möglichkeit auf die gesamte Materia medica, d.h. auf alle jemals veröffentlichten Symptome zugreifen zu können. Und wir sollten die große Menge nützlicher Symptome aus den vielen Hunderten Zeitschriften und Büchern herausholen.

Die Revision der Materia medica

Deshalb plane ich eine Revision der Materia medica. Revision heißt: Die Sammlung, Bewertung und Zusammenstellung aller Primärquellen zu einer verläßlichen Basis-Materia medica. Die Materia medica also Stück für Stück mit den in Zeitschriften und Büchern enthaltenen Prüfungen und Heilungsberichten ergänzen.

Ein solches Projekt kann weder von einer Gruppe noch in einem Schritt geschehen. Es ist eine Herausforderung an die ganze homöopathische Welt.

Die Revision ist also der erste Schritt. Schon parallel dazu sollte ein Repertorium mit neuer Konzeption entstehen. Voraussetzung dafür ist, das die Symptome erstens gesammelt und zweitens auch bearbeitet werden. Mit Bearbeitung meine ich, dass sie auf das spätere Einfügen ins Repertorium vorbereitet werden. Hierfür muß man die Symptome indizieren, d.h. mit unsichtbaren Codes (Metastrukturen) versehen. Das wäre ein Thema für einen anderen Vortrag.

Durch den Einsatz der richtigen Software kann der Zeitaufwand enorm minimiert werden. Es gibt lernfähige Text-Programme, mit denen man Symptome indizieren kann, z.B.: Dies ist eine Modalität, das ist ein Ort, das eine Empfindung. Dieser Symptomteil ist ein Begleitsymptom. Eine Erstreckung. Oder: Zehen sind immer Teil des Fußes, der Fuß ist immer Teil des Beins. Der Begriff „Heiligenbein bedeutet Os sacrum usw.

Für die Bearbeitung müssen Kriterien festgelegt werden. Mit einem lernfähigen Programm ist es möglich, sehr große Textmengen zu bearbeiten. Sind die Metastrukturen einmal hinterlegt, kann das Symptom dann für unterschiedliche Repertoriumsstrukturen genutzt werden – Stichwort Bönninghausens Taschenbuch. Es kann mit einem Mausklick für andere Anordnungen der Materia medica genutzt werden – Stichwort Plates Symptomenlexikon.

Erinnern Sie sich an das Beispiel Hempel und an Pulsatilla? Wir haben bis heute noch keine korrekte Bearbeitung nicht einmal der Prüfungen Hahnemanns! Ich finde das peinlich für eine Methode, die beansprucht, eine Wissenschaft zu sein.

Das Repertorium der Zukunft

Welche Vorzüge wird das Repertorium der Zukunft, unsere praktische Materia medica haben?

Es wird verläßliche Arzneieinträge und vollständige Quellenangaben haben, eine Kennzeichnung der Symptomart – also ob es sich z.B. um ein Prüfungs- oder ein klinisches Symptom handelt. Die Symptomqualität (charakteristisch, verifiziert, nicht verifiziert) wird erkennbar sein. Und es wird eine konsequente logische Struktur und eine klare Definition der Grade haben. Das Repertorium der Zukunft wird die Vorzüge von Kent, Hahnemann, Bönninghausen, Boger und anderer Autoren vereinen:

der_weg_nach_vorne_91

Kent zerlegt das Symptom in seine einzelnen Teile, die er bis ins Detail im Repertorium abbildet, z.B. Furcht – vor dem Alleinsein – nachts: Stram.

Das Repertorium als eine vollständige Umkehrung der Materia medica.

Bönninghausen nimmt das Symptom aus seinem Zusammenhang. Er zerlegt es in die Symptomelemente Ort, Empfindung, Modalität und Begleitsymptom. Ein Symptomelement wie z.B. „Brennen“ oder „< durch Bewegung“ kann jetzt generalisiert, d.h. auf andere Körperbereiche übertragen werden.

Boger führt die Generalisierung noch weiter. Er arbeitet übergeordnete Charakteristika heraus wie z.B. die Farbe „Gelb“ für Absonderungen oder Hautfarbe, „Krampf“ als Symptom, das Auftreten eines Symptoms hier und da, wiederholte Anfälle”, wechselnde Effekte/ Zustände” oder einfach „Gemüt“.

Hahnemann hatte in seinen Symptomenlexika die vollständigen Arzneisymptome. Auch das brauchen wir: Der ungekürzte Wortlaut eines Symptoms sollte für jeden Eintrag ablesbar sein. Die Verbindung vom Arzneimittel zum Originaltext.

Erinnern sie sich an die Phantasiesymptome von Coffea und Lachesis in der Rubrik „Theorien aufstellen“:

Coffea: Lebhafte Phantasie, voll Pläne über die Zukunft, gegen seine Gewohnheit beständig entzückt und empfindelnd über Naturschönheiten, von welchen er Beschreibungen liest.

Lachesis: Erhöhte Tätigkeit der Phantasie, bei der sich Szenen und Begebenheiten in ungewöhnlicher Fülle aufdrängen.

Diese Feinheiten der psychischen Empfindung werden mit einem stichwortartigen Sammel­begriff wie „Phantasie“ nicht ausgedrückt.

Diese unterschiedlichen Bearbeitungsweisen eines Symptoms können mit unserer heutigen Computertechnik in ein Repertorium integriert werden.

Ich fasse zusammen

Immer nur die Repertorien überarbeiten, ist dauerhaft der falsche Weg. Wir können uns jetzt den Wunschtraum erfüllen, der schon unseren Vorgängern vorschwebte:

In einer gemeinsamen Aktion eine revidierte Materia medica schaffen – eine Arznei­mittel­lehre mit sicherer Quellenlage, die alle jemals veröffentlichten Symptome enthält. Von hier aus gehen wir den Weg nach vorne und entwickeln direkt aus den Primärquellen ein zuverlässiges Repertorium. Unsere heutigen technischen Möglichkeiten unterstützen uns dabei. Damit verbessern wir die Homöopathie enorm. Wir machen unsere Arzneiwahl sicherer.

Und: Die Homöo­pathie hat durch die Revision die Chance, eine eigenständige wissenschaft­liche Arzneitherapie zu werden. Mit unseren heutigen Werkzeugen ist sie das nicht. Jeder von uns kann zu ihrem Wachstum beitragen!

Krebsbehandlung 1

Heilkunst ist viel mehr als reparieren, sie ist beistehen, mittragen, aushalten, verstehen, verarbeiten, versöhnen.

K1024_DSC_0373

Die homöopathische Krebsbehandlung (Teil 1)

Übersichtsarbeit auf der Basis des Seminars „Die Krebsbehandlung in der Homöopathie“ vom Juni 1997 in Bad Imnau mit Dario Spinedi*
CR . Klinkenberg

Zusammenfassung

Wenige Homöopathen wagen sich heute an die Behandlung von Krebsfällen. Ausgehend von den Erfahrungen der alten Homöopathen wird gezeigt, wie in der Krebsbehandlung heute vorgegangen werden könnte. Im Teil 1 dieser Artikelserie werden die Prinzipien der Symptomwahl und die Verordnung des  Folgemittels bei einseitigen Krankheiten auf der Grundlage des Organons dargestellt.
Die Bedeutung der lokalen Tumorsymptome für die Mittelwahl und deren Unterbewertung bei Kent werden verdeutlicht. Schließlich wird die Vorgehensweise der meisten Homöopathen bei Krebsfällen, insbesondere die Verordnung nach der Gesamtheit der Symptome des Patienten, diskutiert und weitere mögliche Fehlerquellen der homöopathischen Krebsbehandlung aufgezeigt.

Schlüsselwörter: Homöopathische Krebsbehandlung, Krankheit, lokale Tumorsymptome, Totalität der Symptome. einseitige Nebenbeschwerden,

Summary: In our days only a few therapists dare to use homoeopathic medicine in treating cancer. According
to the experiences of the old homoeopaths it is shown how possible cancer treatment could look like today. In this article, which is part of a eries of articles, the principles of choosing Symptoms and prescription of consecutive medication or one-sided diseases on the basis of the „Organon“ are presented. The significance of local tumor Symptoms for choosing the medication and their undervaluation by Kent are emphasized. Finally, the methods of most homoeopaths in the case of cancer diseases, especially the prescription of medication according to the totality of the patient’s Symptoms is discussed and further possible causes of faults of the homoeopathic treatment of cancer are shown.

Keywords: Homoeopathic cancer treatment, one-sided disease, local tumor Symptoms, accessory symptoms,
totality of Symptoms.

Einleitung

Krebs1′ ist die zweithäufigste Todesursachengruppe nach den kardiovaskulären Erkrankungen. Bei Frauen zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr sind bösartige Tumoren der Brust die häufigste Todesursache überhaupt [35]. Daher ist es von großem Interesse für die homöopathischen Ärzte und von hohem Wert für die Patienten, Mittel und Wege zu finden, diese lebensbedrohlichen Zustände zu heilen.

Angst vor Krebs

„Wenn die Diagnose Krebs gestellt wird, kommt Angst auf, Angst bei dem Patienten und dessen Angehörigen, aber nicht selten auch Angst bei dem behandelnden Homöopathen. Diese Angst ist ein lähmendes Hindernis, und
so haben nur wenige homöopathische Ärzte den Mut, Tumor-Patienten eigenständig zu behandeln“*, d.h. ohne oder zumindest unabhängig von schulmedizinischer Therapie. Vielfach wird die Verantwortung an Klinik und Patienten abgegeben. Zudem wird in der heutigen homöopathischen Ausbildung sehr oft die Meinung vertreten, Krebs, besonders im fortgeschrittenen Stadium, sei homöopathisch nicht zu heilen. Dabei haben einige der alten Homöopathen offenbar erfolgreich Krebsleiden selbst fortgeschrittener Natur geheilt und weisen beachtliche Heilungsraten auf.

Erfahrungen früherer Homöopathen

Schon Samuel Hahnemann legte im Organon die Vorgehensweise bei der Behandlung und Heilung einseitiger Krankheiten fest (§§ 172-205), wobei Krebs häufig als einseitige Krankheit aufzufassen ist. Bereits Clemens v. Bönninghausen führte die wichtigsten Mittel zur Behandlung des Brustkrebses auf, auch wenn er einräumte, daß „die wirkliche Heilung des Brustkrebses, besonders des … Aufgebrochenen, zu den schwierigsten Aufgaben gehört
und nicht immer gelingt.“2′  J. Compton Burnett veröffentlichte über fünfzig Heilungsfälle meist bösartiger  Tumoren [6, 7] in der Absicht, „unzweifelhaft zu beweisen, daß Tumoren mit Hilfe von Arzneimitteln geheilt
werden können.“3′ Auch John H. Clarke [9], Elie G. Jones [23], Robert T. Cooper [10], Arthur H. Grimmer [13], Edmund Carleton [8] und andere verwiesen auf viele geheilte Fälle. Sehr optimistisch warH.L Peterman: „Meine Erfolge in der Krebsbehandlung sind so gut wie die in der Behandlung anderer schwerer Krankheiten. … Nie bin ich in meiner Praxis ohne Krebspatienten und ich heile sie“ [32]. W.E. Jackson behandelte innerhalb von zwölf Jahren an die 200 Krebsfälle bei einer Heilungsrate von 92%; die meisten der Fälle waren durch andere Ärzte als
hoffnungslos aufgegeben worden [21]. Etwas kritischer äußerte sich Emil Schlegel: „Ich verstehe von Krebs… so viel, als mich eine dreißigjährige Erfahrung im Umgang und in der Behandlung mit Hunderten solcher unglücklichen Kranken gelehrt hat. … Was ich bieten kann, sind stark gemischte Erfahrungen. …Dennoch bleiben viele positive Erfahrungen leuchtend und lockend bestehen; wir müssen suchen, forschen, ihnen das Gesetz der Heilung abgewinnen.“4′ So findet sich über die homöopathische Literatur verteilt eine große Zahl von Krebsfällen, die geheilt oder für viele Jahre gebessert wurden und die beweisen, daß „durchaus von der energetischen Ebene her in die Tumorbildung eingegriffen und sie … aufgehoben werden kann.“5′ Schon Schlegel beklagte, daß selbst
von Homöopathen „alle jene Mitteilungen nicht mit dem nötigen Respekt beachtet“ werden.6′ Ziel des Artikels
Da unsere homöopathischen Vorgänger ermutigende Ergebnisse in der Krebsbehandlung hatten, müssen wir uns heute fragen: Nach welcher Methode sind sie vorgegangen? Können wir Ähnliches erreichen? Oder haben wir
etwa andere Patienten? Was gilt es zu beachten? Dieser Artikel möchte aufbauend auf den Ausführungen Spinedis „zu einem neuen, vorläufigen Stand der Krebstherapie führen“* und zeigen, wie man bei der  Krebsbehandlung vorgehen könnte. Er möchte Mut machen, die homöopathische Behandlung von Tumorpatienten aktiv zu übernehmen. Und er möchte nicht zuletzt zum Erfahrungsaustausch und einer verstärkten Zusammenarbeit unter Homöopathen anregen. Mehr und mehr homöopathische Kongresse
und Seminare widmen sich dem Thema Krebs und es ist an der Zeit einzulösen, was Schlegel schon 1927 schrieb: „Ich sage mir umso mehr, daß die Nachkommenden es besser machen werden und nicht weniger, sondern noch stärker bevorrechtet sein werden, die Krebskranken innerlich zu behandeln.“7′

Einordnung der Krebserkrankung

Das Organon der Heilkunst enthält die von Hahnemann „mit absoluter Klarheit formulierten Grundprinzipien der Homöopathie, an die wir uns halten müssen. Hier finden wir die Gesetze der Heilung. Deswegen ist es unsere Pflicht, die Paragraphen des Organon zu studieren. Die meisten Krebsfälle, insbesondere die fortgeschrittenen Stadien, gehören zu den einseitigen Krankheiten8,, mit denen sich Hahnemann in den Paragraphen 172-205 auseinandersetzt“*: „Eine … Schwierigkeit entsteht von der allzu geringen Zahl der Symptome9) einer zu heilenden Krankheit“ (§172). „Bloß diejenigen Krankheiten scheinen nur wenige Symptome zu haben …, welche man einseitige nennen kann, weil nur ein oder ein Paar Hauptsymptome hervorstechen,  welche fast den ganzen Rest der übrigen Zufälle verdunkeln“ (§ 173). „Ihr Hauptsymptom kann entweder ein inneres Leiden …, oder ein mehr äußeres Leiden seyn. Letztere pflegt man vorzugsweise Local-Krankheiten zu
nennen“ (§ 174).
Begriffsbestimmung der einseitigen Krankheiten

Einseitige Krankheiten zeichnen sich durch einen „Mangel … einer hinlänglichen Anzahl charakteristischer Symptome“ aus.10) Es sind Krankheiten, die neben dem Hauptsymptom und seinen Begleiterscheinungen keine oder wenig charakteristische Nebensymptome aufweisen.11′ Außer dem Hauptleiden des Patienten (z.B. Krebs), den Begleiterscheinungen, die typischerweise mit der Erkrankung einhergehen (z.B. Schwäche, Schweiße), sowie Veränderungen im Bereich Allgemeinbefinden, Gemüt und Schlaf finden sich praktisch keine weiteren Charakteristika.12′ Die Lokalkrankheiten sind eine Untergruppe einseitiger Krankheiten mit lokalisierten pathologischen Veränderungen.13′ Zu dieser Untergruppe gehören auch die bösartigen Tumoren, da diese in der Regel „ein stetiges Local-Uebel zum Hauptsymptome haben“ (§ 197).14′

Symptomwahl bei einseitigen Krankheiten

Hahnemann schreibt hierüber in den nun folgenden Paragraphen 176-178: „Indeß giebt es doch einige wenige Übel dieser Art [die einseitigen Krankheiten], welche … außer einem Paar starker, heftiger Zufälle, die übrigen nur undeutlich merken lassen“ (§ 176). „Um nun auch diesem, obgleich sehr seltnen Falle mit gutem Erfolge zu begegnen, wählt man zuerst, nach Anleitung dieser wenigen Symptome, die hierauf nach bestem Ermessen
homöopathisch ausgesuchte Arznei“ (§ 177). Im folgenden Paragraphen 178 erklärt Hahnemann, daß die gewählte Arznei besonders dann „zur Vernichtung des … Übels darreiche,… wenn diese wenigen Krankheitssymptome
sehr auffallend, bestimmt und von seltner Art oder besonders ausgezeichnet (charakteristisch) sind.“ Eine Ergänzung dazu folgt in den Paragraphenzu den lokalen Leiden (§§ 185-203): „Dieß geschieht am  zweckmäßigsten, wenn … nächst der genauen Beschaffenheit des Local-Leidens, zugleich alle im übrigen Befinden bemerkbaren … Beschwerden … in Vereinigung gezogen werden, zum Entwürfe eines vollständigen  Krankheitsbildes“ (§ 192). Diese Organon-Paragraphen sind maßgeblich für die homöopathische Verschreibung bei Tumoren, die bereits lokale Beschwerden verursachen, sowie bei vielen Tumoren der Körperoberfläche.
Hierzu ein interessanter Fall aus der homöopathischen Literatur, die Heilung des Generalfeldmarschalls Graf von Radetzky im Jahre 1841 durch Härtung [19]: Graf von Radetzky war an einem bösartigen Tumor der rechten Orbita erkrankt. Nachdem der Graf im Auftrag des Habsburger Kaisers von zwei renommierten Professoren der Augenheilkunde untersucht und der Fall als hoffnungslos befunden worden war, wandte er sich an den in Mailand stationierten Feldstabsarzt Härtung, der den Tumor folgendermaßen beschrieb: Eine harte, graubläuliche  Geschwulst fungöser Natur15, innerhalb der ganzen Augenhöhle, die das Auge nach außen drückt (Exophthalmus). Der Augapfel ist zum äußeren Canthus hin verschoben und unbeweglich. Im Augapfel stechende, reißende, brennende Schmerzen und Juckreiz. Erblindung auf der betroffenen Seite. Augenlider geschwollen, schwarz, blau und unbeweglich. Konjunktiva und Caruncula lacrimalis sind schmutzig-rot und bedeckt von einem Gewebe variköser Gefäße. Härtung beginnt die Behandlung mit Ars. C 30: Die Wucherung nimmt weiter zu. Schon nach vier Tagen gibt er Psor. C 30: Druck im Auge, Kopfschmerz, Blutung. Nach weiteren drei Tagen Versuch mit Herpetin C 30: Kopfschmerz, leichte Blutung. Unter all diesen Mitteln nimmt der Tumor weiter an Größe zu. Am 13. Behandlungstag Carb-an. C 30: Keine Blutung mehr; das Tumorwachstum kommt zum Stillstand; der schwammartige Tumor sondert eine rahmähnliche Flüssigkeit ab; Juckreiz im inneren Augenwinkel. Am 19. Behandlungstag Gabe von Thuj. C 30, nach drei Tagen zusätzlich äußerliche Applikation von Thuj.16): Zunahme der milchigen Absonderung, aber weniger Schmerzen und deutliche schwerden, Verkleinerung des Tumors. Im weiteren Verlauf Verordnung von Carb-an. C 30 für zwei Tage. Dann erneut Thuj. innerlich und äußerlich, alle acht Tage im Wechsel mit Carb-an. innerlich und äußerlich. Sechs Wochen nach Behandlungsbeginn ist der bösartige fungöse Tumor vollständig verschwunden bei wiederhergestellter normaler Beweglichkeit und Sehfähigkeit des Auges! Graf von Radetzky starb 17 Jahre nach der Behandlung im Alter von 92 Jahren. Bei der Nach-Repertorisation dieses Falles können wir die folgenden Rubriken wählen: 1. Krebs des Auges, Fungus. 2. Tumor, leicht blutend. 3. Die blauschwarze Farbe des Tumors. 4. Die Empfindungen und Schmerzen: Brennen, Stechen, Reißen. 5. Das Venennetz bzw. Gewebe variköser Gefäße.17, Dafür passen Carb-an., Phos, und Sil., wobei im Materia medica-Vergleich besonders Carb-an. wegen
der Neigung zu bläulich-purpurnen Verfärbungen auffällt18).

Bedeutung der lokalen Tumorsymptome

Wir sehen an diesem Fall, wie wichtig die Paragraphen 176-178 des Organon sind: „Nicht nur der kranke Organismus als Ganzes ist fähig, seine Individualität auszudrücken, sondern auch der Tumor!“* Das Individuelle des Tumors19,, seine Farbe, das Aussehen, die Lokalisation, die Empfindungen und Modalitäten der Schmerzen sind keine weniger wichtigen Lokalsymptome nach Kent20,, sondern können charakteristische Symptome nach Paragraph 153 des Organon sein. „Sie sind auffallend, sonderlich und ungewöhnlich, da sie diesen Krebs charakterisieren. Die genaue Beschaffenheit des Lokalleidens und der Vorgang des Tumorwachstums müssen in die Symptomenreihe miteinbezogen werden.“* Die einseitigen Krankheiten stehen oft am Ende einer langen Entwicklung einer chronischen Krankheit, es sind meist Endzustände. Diese Endzustände sind die im Organon genannten „ein oder ein Paar Hauptsymptome“ (§ 173) und die „starken, heftigen Zufälle“ (§ 176).
Dies berührt ein Grundproblem der Homöopathie: Die Arzneimittelprüfungen an Gesunden als die wesentliche Grundlage der homöopathischen Verschreibung haben nicht zur Bildung von Endzuständen wie der Entartung von Gewebe geführt. Die Prüfungssymptome eignen sich daher eher für akute Krankheiten oder für die Anfangszustände chronischer Krankheiten, wodurch die Mittelwahl bei einseitigen Krankheiten deutlich erschwert wird.21, Statt dessen müssen hier die bei der Prüfung erkennbaren Arznei-Tendenzen und die klinische Erfahrung in besonderem Maße berücksichtigt werden. Auch der folgende Fall von James T. Kent aus
dem Jahr 1884 verdeutlicht die extreme Wichtigkeit der lokalen Symptome bei Krebs [26]: Frau H., 35 Jahre, sieben Kinder; bei allen Kindern schwierige Geburten. In der ersten Schwangerschaft wurde ein Abszeß der rechten Mamma offenbar schlecht behandelt; seither Beschwerden in der Narbe. Das jüngste Kind ist jetzt zwei Monate alt, wird gestillt, und die Patientin leidet an einem harten Knoten in der rechten Mamma. Graph, und Phyt. wurden bereits gegeben und brachten keine wesentliche Besserung. Inzwischen Einziehung der Brustwarze und axilläre Lymphknoten; Brennen und Stechen im Knoten der Brust. Menstruation trotz des Stillens; dunkel, klumpig. Die Patientin gibt an, daß sie bei allen Kindern in der Stillzeit menstruierte. Wenn sie schlafen
geht, schwitzt sie reichlich. Sie macht trotz nur mäßigen Blutverluste infolge der Menstruation einen sehr erschöpften Eindruck und ist etwas kachektisch.22> Kent wählt die folgenden Symptome: 1. Brennen in der Mamma. 2. Stechen in der Mamma. 3. Knoten in der Mamma. 4. Krebs der Mamma. 5. Schweiß während Schlaf. 6. Große Schwäche nach den Menses (auch das Symptom, Menses während der Stillzeit‘ bezieht Kent zunächst mit ein23)). Die Repertorisation ergibt Phos, und Carb-an.. Aber der dunkle, klumpige Menstrualfluß und die Erschöpfung nach den Menses sind nicht so charakteristisch für Phos, wie für Carb-an.24) Behandlung und Verlauf sind ungewöhnlich25′: Carb-an. 3M, eine Gabe. Für wenige Tage schneidende Schmerzen im Knoten; nach vier Wochen keine Schmerzen mehr, Achseldrüsen kaum noch tastbar. Wiederholung der Gabe nach 39 Tagen. Der Knoten in der Brust ist verschwunden. Wie dieser Fall und andere Kasuistiken26′ zeigen, werden natürlich nicht nur lokale Tumorsymptome zur Mittelwahl herangezogen; auch weitere Symptome, die in einem zeitlichen Zusammenhang mit dem Auftreten der Krebserkrankung27] stehen, wie auffallende Gemüts- und Allgemeinsymptome, sowie ätiologische Hinweise sind in die Mittelwahl mit einzubeziehen. Selbstverständlich erfordert jeder Krebsfall eine vollständige Anamnese, auf derenBesonderheiten im Verlauf dieser Arbeit noch
eingegangen wird. Fassen wir das Gesagte zusammen, so sind wichtige lokale Tumorsymptome: • Empfindung der Tumorschmerzen: Es ist bedeutsam, ob der Schmerz als ein Brennen, Stechen, Reißen, Kneifen, oder auf eine andere Weise empfunden wird. • Weitere Empfindungen im Bereich des Tumors, z.B. Empfindlichkeit, Taubheit,
Schwere-, Enge- oder Leeregefühl. • Modalitäten der Tumorschmerzen, z.B. Einfluß von Bewegung oder Ruhe, Körperstellung, Berührung, Druck, Erschütterung, Wärme oder Kälte, Witterung, Zeiten. • Aussehen und Beschaffenheit des Tumors: Alle sichtbaren Symptome sind zu beachten: Farbe, Konsistenz (hart, weich), Ober¬
fläche etc. • Art der Absonderungen: Menge, Farbe, Geruch, Beschaffenheit; übelriechende, blutige
Absonderungen etc. • Genaue Lokalisation: Es ist ein auffallendes Symptom, wenn gerade das Augenlid, die Zunge oder die Brust befallen wird. Körperseiten. • Art des Tumors: Sarkom, Epitheliom, Fungus etc. Pathognomonische Symptome sind weniger wichtig, können aber im Zweifelsfall oder mangels Besserem ebenfalls zur Mittelwahl
herangezogen werden.28′ Ein Beispiel für ein pathognomonisches Tumorsymptom ist der Exophthalmus im Fall Radetzky, da der Tumor das Auge aus der Orbita hervordrückt, Nebenbeschwerden führen zum Folgemittel. Zurück zu den folgenden Paragraphen des Organon, in denen Hahnemann darauf hinweist, daß die verabreichte Arznei nun Symptome hervorbringt, die auf das Simillimum hinweisen: „Da wird nun die … gewählte … Arznei … Nebenbeschwerden erregen …, die aber doch zugleich, obschon bisher noch nicht oder selten gefühlte Beschwerden der Krankheit selbst sind“ (§ 180). „Man werfe nicht ein, daß die jetzt erschienenen Nebenbeschwerden und neuen Symptome dieser Krankheit auf Rechnung des eben gebrauchten Arzneimittels kämen. Sie kommen von ihm; es sind aber doch nur solche Symptome, zu deren Erscheinung diese Krankheit und in diesem Körper auch für sich schon fähig war, und welche von der… Arznei… bloß hervorgelockt und zu erscheinen bewogen wurden“ (§ 181). „Das gibt uns viel Sicherheit und Mut: Aufgrund der meist dürftigen Symptomatik einer einseitigen Krankheit wird selten sofort das homöopathisch ähnlichste Mittel gegeben, sondern ein Simile, das nur zu einem Teil der Gesamtkrankheit homöopathisch ist. Durch dieses Simile werden Symptome erzeugt, die uns zur Verordnung eines passenderen Mittels leiten bis letztlich das ,Simillimum’29) die Heilung des Krankheitsfalles bewirkt.“* Möglicherweise können bei der Wahl des Folgemittels die Arzneimittel-Beziehungen berücksichtigt werden, die v.a. Bönninghausen lehrt: „Hier [bei den einseitigen Krankheiten] bringt eine, nur unvollkommen passende Arznei sehr häufig eine derartige Veränderung im Gesammtbefinden und zugleich mehrere charakteristische Indikationen hervor, daß es nun nicht mehr schwer ist, durch eins der verwandten und dem gegenwärtigen Symptomenkomplexe genau entsprechenden Mittel das gesamte Hauptleiden sammt den neu entstandenen Nebenbeschwerden zu tilgen.“ „Aber gewöhnlich wird man finden, daß unter mehreren zur Wahl konkurrierenden Heilmitteln … das Eine oder das Andere sich unter der Zahl der Verwandten befindet und es wird dann … gerathen sein, diesem vor den andern den Vorzug zu geben.“30′
Nehmen wir an, wir haben einem Krebspatienten Ars. verordnet. Nach einigen Tagen entwickelt der Patient ein Symptom. Mit Hilfe des Repertoriums und der Materia medica klären wir nun, ob dieses Symptom innerhalb der
Mittelwirkung von Ars. liegt, d.h., ob Ars. dieses Symptom in der Prüfung hervorgebracht oder klinisch mehrfach geheilt hat. Liegt es innerhalb der Mittelwirkung, sollte abgewartet werden.31′ Bei Q-Potenzen könnte mit der Einnahme pausiert werden. Handelt es sich dabei um ein schon früher durch dieselbe Arznei (hier: Ars.) geheiltes Symptom, so könnte eine Spät verschlimmerung vorliegen. „Der Organismus ist gesättigt mit der Arznei und man schaltet eine Pause ein“* (§§ 280, 281). Liegt das neu aufgetretene Symptom außerhalb der Wirkung von Ars., so wissen wir nach Paragraph 181 des Organon, daß Ars. die Symptomatik eines anderen Mittels hervorgelockt hat, und wenn diese anhält, sollten wir ein neues Mittel heraussuchen. Nach Spinedi sind die Q-Potenzen mehr noch als die C-Potenzen in der Lage, eine neue Symptomatik hervorzubringen32′; in der von ihm geleiteten Klinik werden den Patienten häufige Gaben von Q-Potenzen gegeben, z.B. zweimal oder dreimal täglich fünf Tropfen.33′ Sehr schnell treten dann neue Symptome auf, die das Folgemittel indizieren. Diese Dosierung erfordert eine
sehr genaue Beobachtung des Patienten in kurzen Intervallen, z.B. ein- oder zweimal täglich. „Hier sprechen wir von Krebsfällen mit einem oft raschen Verlauf, und wenn Metastasen im Wachstum begriffen sind, können wir nicht warten, sondern wir müssen handeln!“*

Kritik der Kentschen Bewertung pathologischer Symptome

An dieser Stelle erscheinen ein paar Worte zu James T. Kent und seiner Haltung gegenüber der Krebsbehandlung angebracht. Offensichtlich hatte Kent auf diesem Gebiet keine guten Erfahrungen, denn er schreibt in seiner Arzneimittellehre zu Carb-an. [25]: „Es hat in unheilbaren Fällen Erleichterung verschafft und die Krebsdiathese scheinbar für Jahre beseitigt, obwohl der Krebs nachher rezidiviert und zum Tode führt. Dieses Heilmittel ist oft ein großes Palliativum für die Schmerzen bei Krebs, für die Verhärtungen und die stechenden, brennenden Schmerzen. Natürlich wollen wir nicht lehren, noch möchten wir, daß Sie daraus den Schluß ziehen, daß die Gesundheit eines Menschen mit einem fortgeschrittenen Krebs … vollkommen wiederhergestellt und der Krebs entfernt werden könnte. … Es ist der Patient, der krank ist, und wenn ein Patient erst einmal so krank ist, daß er Krebs bekommt, so ist sein Gesundheitszustand derart gestört, daß keine Heilung mehr möglich ist.“ Wahrlich eine düstere Prognose, die viele Homöopathen bezüglich der Behandlung von Krebs entmutigt hat. So ernst die Krebserkrankung auch ist – „diese Prognose ist sicherlich eine Fehleinschätzung, da sie den Erfahrungen vieler Kollegen widerspricht.“* Weiterhin vertritt Kent, möglicherweise beeinflußt von der Anthropologie Swedenborgs [12], die Auffassung, daß die Krebsgeschwulst nicht die Symptome liefert, die es ermöglichen, das passende homöopathische Mittel zu finden: „Was dann, wenn er objektive pathologische Zeichen findet? Man muß sich erinnern …, daß nichts in der Natur einer pathologischen Gewebsveränderung eine  Indikation für ein tiefwirkendes Heilmittel abgibt … Das Feststellen des Tumors und die Untersuchung der äußeren Erscheinungsform, hilft absolut nicht aufhellen, welcher Natur die pathologische Störung ist…
Im Gegensatz dazu ist das, was man am Kranken selbst bemerkt, die Art, wie er sich benimmt, wie er handelt… Zeuge dessen, was in einem Inneren vorgeht. … Die Gesamtheit der Symptome dieses Patienten zeigt… die Natur
des Krankheitszustandes und setzt ihn in die Lage, das Heilmittel klar wählen zu können.“34, „Die Krebssymptome sind aber bloß Symptome von Endresultaten einer langen Entwicklung und nicht Symptome, welche die Krankheit selbst repräsentieren…. Da kommen dann die Ärzte und verschreiben für diese Endresultate, und das Ergebnis ist gleich Null.“35, Trotz der großen Verdienste Kents für die Homöopathie muß dieser Aussage jedoch deutlich widersprochen werden: „Zahlreiche Kasuistiken in der Fachliteratur zeigen, daß die Erscheinungen des Tumors wichtige Symptome für die Wahl des Heilmittels liefern und bestätigen damit Hahnemanns Prinzipien, die er nicht ohne Grund in mehreren Paragraphen dargelegt hat. Gerade diese Endzustände in Form weniger Symptome (§ 173) sind es, die den Krebs zu einer einseitigen Krankheit machen. Der Arzt verschreibt auf diese Endzustände ein möglichst passendes Mittel, das Symptomenbild verändert sich, ein der Grundkrankheit ähnlicheres Mittel zeigt sich und die Symptomatik wird zunehmend klarer.“*Kents Ausführungen entfernten sich von der damaligen Entwicklung in der homöopathischen Krebsbehandlung. Auch stimmten sie nicht mit dem überein, wie er zumindest in einigen Fällen seiner Praxis vorgegangen ist, wie die zitierte Kasuistik zeigt. Offensichtlich modifizierte Kent seine Auffassung über die wahlanzeigenden Symptome, denn er schrieb einige Jahre später [24]:  „Wenn z.B. einem Patienten mit bestehenden Gewebeveränderungen ein homöopathisches Mittel auf Grund des Symptomenbildes verordnet wurde, die Gewebeveränderungen dann zurückgingen, so ist dies ein wertvolles klinisches Symptom des Mittels. Dieses homöopathische Mittel kann dann in solchen Fällen angezeigt sein, in denen diese pathologischen  Veränderungen auftreten. Sie sind für die Auswahl des Medikamentes ebenso wichtig wie Symptome aus den Prüfungsberichten.“ Konstitutionsmittel“ in der Krebsbehandlung Die meisten Homöopathen behandeln bösartige Tumoren im wesentlichen wie andere chronische Krankheiten auch: Nach der Methode Kents werden dabei alle Beschwerden und Auffälligkeiten des Kranken erhoben und nach entsprechender Auswahl und Hierarchisierung in die Mittelwahl miteinbezogen. Dies können auch Symptome sein, die schon sehr lange,
gegebenenfalls bis in die Kindheit, zurückreichen. Manchmal konnten bösartige Tumoren im Frühstadium geheilt oder eine Rezidivfreiheit bei operierten Patienten erzielt werden. Jedoch können, unabhängig von jeder homöopathischen Methodik36′, einzelne Heilerfolge nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Behandlungserfolge insgesamt nicht überzeugen.

Was sind die Ursachen für unsere mäßigen Behandlungserfolge beim Krebs? Wichtige

Gründe liegen wahrscheinlich in der Bewertung der Totalität der Symptome37′ und des Wirkungsbereichs der Mittel. J. Compton Burnett war einer der Ärzte, der viele an Tumoren erkrankte Menschen geheilt hat. In seinem Buch ,Curability of Tumors‘ vertrat er die folgende Überzeugung38′: „Das Abdecken der Totalität der Symptome kann, und ist es auch oft, nichts anderes als …Palliation sein. … Es ist nicht genug, die Totalität der Symptome abzudecken; denn wenn dies getan worden ist, … müssen [wir] danach folgende Fragen stellen: Was ist die wahre Natur, … die Pathologie der Krankheit…? Was hat sie verursacht? Ist die Ursache noch vorhanden …? Ist das ausgewählte Mittel … homöopathisch zu dem krankhaften Prozeß – … und erreicht es ihn von Anfang bis Ende? Wenn nicht, dann sind wir auf der falschen Fährte, wenn es darum geht, wirklich zu heilen und nicht nur zu lindern.“
Der in der Krebsbehandlung erfahrene Schlegel bemerkte39,: „Das konstitutionelle Simillimum kann gelegentlich alles Krankhafte mitnehmen, aber häufig müssen die mehr letztlichen Widerstände zuerst beseitigt werden. Gewöhnlich erhält man beträchtliche funktionelle Besserungen, aber der Befund bleibt unverändert.“ Diese Aussagen sind von größter Wichtigkeit: Wenn wir bei einem Tumorleiden das Arzneimittel nach der Gesamtheit der Symptome des Patienten auswählen und ein sogenanntes „Konstitutionsmittel“40′ geben, passiert oft folgendes: Der Allgemeinzustand wird deutlich gehoben, und „der Patient sagt: ,Es geht mir besser. Ich fühle mich wohl, seit ich dieses Mittel nehme‘ – aber der Tumor weicht um keinen Millimeter!“* „Mit den ,letztlichen Widerständen‘ sind die Faktoren der Krebsentstehung (z.B. Impfungen, Traumata) gemeint. Und die Fälle in der
Literatur zeigen, daß das .konstitutionelle Simillimum‘ dann ,alles Krankhafte mitnehmen‘ kann, wenn es zufällig eines der Mittel mit der Fähigkeit ist, in den Pathomechanismus des Krebses einzugreifen.“* Einige der offenbar wichtigsten Fehler in der homöopathischen Krebsbehandlung können wie folgt zusammengefaßt werden: 1. Die lokalen Tumorsymptome, das Individuelle des Krebses, werden unterbewertet. 2. Die Gesamtheit der Patientensymptome wird in die Mittelwahl miteinbezogen. Das kann Palliation sein, wenn dabei nicht auch
die Natur der Krankheit erfaßt wird. 3. Der Wirkungsbereich der Arzneien bzw. deren Fähigkeit, auf das Krebsgeschehen einzuwirken, wird zu wenig berücksichtigt. Weitere Fehlerquellen liegen offensichtlich in der Vernachlässigung ätiologischer Faktoren, im Bereich der Dosierung und der Beurteilung des Verlaufs. Hierauf wird in den folgenden Artikeln noch ausführlich eingegangen. Zum Abschluß des ersten Teils dieser Arbeit
über die homöopathische Krebsbehandlung folgt ein bemerkenswerter Fall von Schlegel aus dem Jahre 1901: „Frau R., 45 Jahre alt, hatte über dem rechten Ohr eine harte Warze …, welche … ohne ersichtlichen Grund zu
wachsen anfing und einen anderen Charakter annahm. Sie … wurde sehr schmerzhaft, indem sie neuralgische Beschwerden im Hinterkopf und Hals erregte; sie war sehr stark venös injiziert und hinter dem Ohr … zeigte sich eine feste Drüsenschwellung. Sie wuchs noch … weiter, begann zu bluten und zu jauchen mit einem … furchtbaren Gestank. Das Haar der rechten Kopfseite war stets blutig serös durchtränkt. Ich hatte die Patientin auf die akute Gefahr der Sache hingewiesen und ermuntert, einmal in die chirurgische Klinik zu gehen [das heißt schon viel bei Schlegell}. Sie wollte aber durchaus nicht, und hielt fest an ihrem Vertrauen, das auch nicht getäuscht werden  sollte. Mit Nitri acidum, Arsenik, Calcarea carbon., Belladonna, Hepar sulf., China, Lachesis und anderen der Art ihrer Beschwerden angepaßten Mitteln nahm der stürmische Prozeß eine gute Wendung: Eines Tages war der üble Geruch … verschwunden, eine … Überhäutung der Geschwulst begann; allmählich verkleinerte sie sich und verschwand dann spurlos. Dieser Fall war mir sehr lehrreich, und ich habe seitdem öfters schweren Erscheinungen dieser Art gegenüber die Empfindung: Bangemachen gilt nicht!“

 

 

Anmerkungen * Spinedi D: Die Krebsbehandlung in der Homöopathie (Seminar). Bad Imnau, 27.-29.
6.1997, und nachfolgende Briefwechsel.
1) karkinos (gr.:): (Krebs)geschwür, cancer (iat): Krebs. Von Galen (129-199 n.Chr.) benannt nach einer seltenen Brustkrebsform, die entlang der Lymphbahnen mit krebsfußartigen Ausläufern metastasiert.

2) Bönninghausen, AHP 406.

3) Burnett, 1991-a. 11.

4) Schlegel, 1927. IX,8.

5) Risch, 1991.

6) Schlegel, 1927.120.

7) Schlegel, 1927.171.

8) Nach Hahnemann gehören zu den „einseitigen Krankheiten“ die inneren Leiden nach Paragraph 174, die Lokalleiden (§ 185) und die Geisteskrankheiten (§ 210).

9) „Alle Hervorhebungen in Kursivschrift, auch in den verwendeten Zitaten, stammen vom Verfasser.“

10) Bönninghausen, VHA. 6. In diesem Zusammenhang ist wesentlich, daß Bönninghausen unter „charakteristischen Symptomen“ nicht Symptome mit „Originalität“ {Kent, 1985. 220), kuriose oder seltsame Symptome verstand. Ein Symptom oder Symptomelement ist nach Bönninghausen dann charakteristisch, wenn es entweder in verschiedenen Leibesbereichen oder Arzneizeichen (Modalitäten, Nebensymptome) auftritt, sich häufig wiederholt, sich deutlich bemerkbar macht, oder wenn es nur bei einem oder sehr wenigen Mitteln gefunden wird [15, 30]. Eine „nicht hinlängliche Anzahl“ dieser Symptome bedeutet wahrscheinlich, daß v.a. die Mittel unterscheidende Modalitäten (oder, nachrangig, Empfindungen) fehlen [31].

11) Das Hauptsymptom ist das zuletzt aufgetretene Hauptleiden des Patienten bzw. das Symptom, welches den Patienten gegenwärtig und im wesentlichen als Kranken auszeichnet. Das Hauptsymptom deckt sich i.d.R. mit dem vorherrschenden Leiden des Patienten, das ihn zum Arzt führt [14]. Beschwerden, die das Hauptsymptom seit dessen Entstehung begleiten, werden in der Literatur bei Hahnemann (§ 95) und Bönninghausen als Nebensymptome oder begleitende Beschwerden bezeichnet {Bönninghausen, AHR 111, 386). Nebensymptome, insbesondere die zuletzt aufgetretenen, sind von großer Wichtigkeit für die Arzneimittelwahl [20].

12) Eine hiervon abweichende Auffassung einiger Homöopathen deutet die einseitigen Krankheiten als Erkrankungen mit im wesentlichen nur einem einzigen Symptom bzw. Hauptsymptom; sobald weitere Symptome auftreten, sei diese Erkrankung keine einseitige mehr, selbst wenn diese Symptome bekannte Begleiterscheinungen der Erkrankung sind. Ein Beispiel wäre der Psoriatiker, der außer dem Hautausschlag
keine weiteren Nebensymptome, Modalitäten oder Empfindungen zeigt. Nach dieser Auffassung sind fortgeschrittene Krebsleiden gerade nicht einseitig, da die Patienten wieder mehr Symptome aufweisen als
Krebspatienten in den Frühstadien, wie z.B. Kachexie, Schweiße, Ikterus, Änderungen im Temperaturempfinden etc. Es wäre sicherlich wünschenswert, anhand der Literatur einmal zu klären, was genau Hahnemann unter einer „einseitigen Krankheit“ verstanden hat. Bei der letztgenannten Anschauung gibt es m.E. folgendes zu bedenken:
1. Krankheitsfälle mit im wesentlichen nur einem Symptom sind relativ selten. Es scheint mir nicht einleuchtend, daß Hahnemann einer vergleichsweise seltenen Krankheitsform so viele Organon-Paragraphen gewidmet hat.
2. Hahnemann spricht von einer „geringen Zahl der Symptome“ und den „ein oder ein paar Hauptsymptomen“ (§§ 172, 173). So mit können durchaus mehrere Symptome vorhanden sein. 3. Die fehlende quantitative Abgrenzung weist darauf hin, daß es sich um ein mehr qualitatives Problem handelt. Nach der Definition Bönninghausens, der in engem Kontakt zu Hahnemann stand, mangelt es nicht an Symptomen an sich, sondern an Charakteristika, die es erlauben, zwischen den Mitteln zu differenzieren (s. Anm.10)). 4. Daß diese wenigen Symptome „fast den ganzen Rest der übrigen Zufälle [Symptome] … verdunkeln“ (§ 173), erinnert z.B. daran, daß bei fortgeschrittenen Krebsleiden die Tumorsymptome in zunehmendem Maße die gesamte Patientensymptomatik bestimmen. Immerhin stellt sich die Frage, warum Hahnemann im Paragraph 177 von dem „sehr seltnen Falle“ spricht.

13) Bei Hahnemann sind es offensichtlich in erster Linie die Erkrankungen, die üblicherweise von außen behandelt werden (s. Anm. §§ 197, 199, 205). Obwohl sich das Lokalleiden per definitionem auf eine bestimmte Stelle des Organismus beschränkt, so ist es ein „äußeres Zeichen einer inneren Krankheit“; andererseits wirkt „selbst eine örtliche Verletzung, wenn sie nicht gar zu unbedeutend ist, … krankmachend auf den ganzen Organismus“ {Bönninghausen, HOM. 18). In der Homöopathie kann demnach keine scharfe Grenze zwischen Lokalleiden und inneren Leiden gezogen werden.

14) In der Anmerkung zum Paragraphen 205 zeigt Hahnemann, daß er den „Lippen- oder Gesichts-Krebs“ den Lokal-Übeln und damit
den einseitigen Krankheiten zuordnet. Die Paragraphen 172-205 über einseitige Krankheiten beziehen sich demnach u.a. auf bösartige Tumoren der Körperoberfläche. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob auch die übrigen Krebsleiden (z.B. Darmkrebs) als Lokalleiden aufzufassen sind.

15) Fungus (lat): Schwamm; breit aufsitzende, meist flache, granulomatöse Geschwulst mit Blutungsneigung.

16) Thuj. C 30 Dil., 1 Tropfen in 3 Unzen dest. Wasser gelöst (1 Unze = 8 Drachmen = 29,2 g; altes preuß. Medizinalgewicht), davon dreimal täglich 1 TL. Befeuchten des Tumors alle zwei Stunden mit einer Lösung
Thuj. C 18 Dil., 6 Tropfen in 4 Unzen warmem dest. Wasser gelöst.

17) Complete Repertory [36]: 1. eye-cancer-fungus (S. 588): Carb-an., Phos., Sil. 2. z.B. generalities- wounds-bleeding-freely (S. 2664): Carb-an., Phos., Sil. 3. z.B. skin-discoloration-bluish (S. 2348): Carb-an., Phos.,
Sil. -blackish: Phos. 4. eye-pain-burning (S. 624): Carb-an., Phos., Sil. -stitching (S. 634): Carb-an., Phos., Sil. -tearing (S. 637): Carb-an., Phos., Sil:, eye-itching (S. 609): Carb-an., Phos., Sil. 5. Findet sich nicht im Repertorium; hier ist die Materia medica gefragt.

18) Die Indikation für Thuj. sah Spinedi in den unter Soldaten häufigen Geschlechtskrankheiten (mit der Gonorrhoe als mykotisches Element“).

19) Die Begriffe „individuell“ und „charakteristisch“ sind in diesem Zusammenhang als synonym zu betrachten. Eine genaue Definition des Begriffes „individuell“ in Abgrenzung zu „charakteristisch“ ist dem Verfasser nicht bekannt.

20) Kent, 1985. 24, 62-65; Künzli, 1986. XII-XIV.

21) Burnett, 1991-a. 81; Risch, 1991.

22) Dieser Fall aus der Frühphase Kents (Beginn der homöopathischen Praxis im Jahre 1881) ist bemerkenswert wegen der hohen Bewertung gegenwärtiger und lokaler Symptome. Das Hierarchisierungssystem führte Kent
erst in den 90er Jahren (Post Graduate School, Philadelphia) ein [16].

23) Dies scheint jedoch kein charakteristisches Symptom für den aktuellen Krankheitsfall zu sein, da es auch in den übrigen Stillzeiten auftrat. Carb-an. und Phos, kommen in dieser Rubrik nicht vor.

24) Carb-an.: „The flow weakens her; she can hardly speak; blood dark“ (GS). Die Guiding Symptoms waren im wesentlichen die Materia medica-Quelle Kents [16].

25) Ungewöhnlich, weil die meisten Krebsfälle in den beschriebenen Kasuistiken 1. sich über Jahre erstrecken, 2. fast immer mehrere homöopathische Mittel und 3. häufigere Mittelgaben zur vollständigen Ausheilung benötigen.

26) Burnett [6, 7], Clarke [9], Schlegel [34] und andere haben in ihren Kasuistiken leider nur vereinzelt Hinweise für die wahlanzeigenden Symptome der Arzneimittel aufgeführt. Dennoch läßt sich aus den zahlreichen Krankengeschichten ersehen, daß v.a. die Symptome heranzogen wurden, die im Rahmen der Krebserkrankung entstanden waren, wie z.B. in dem folgenden Fall von Schlegel: „Frau F., 55 Jahre alt … Später entwickelte sich ein wiederholt rezidivierendes Magenkarzinom, welches bei Mezereum, Arsenik, Hydrastis, Ornithogalum und anderen Mitteln … geheilt wurde, d.h. jedesmal, sowohl in den Erscheinungen der … Verdauungsstörung, des Erbrechens und der Entkräftung, als auch in dem Hervortreten einer festen Geschwulst im Epigastrium … mit Erfolg bekämpft wurde. Patientin ist gesund{Schlegel, 1927.149).

27) Insbesondere, wenn keine lokalen Tumorbeschwerden vorhanden sind (gelegentlich bei Frühstadien), sollte gefragt werden, welche Symptome sich im Zusammenhang mit der Entwicklung des Tumors (in den letzten
Monaten, im letzten Jahr etc.) entwickelt haben. Der Patient sagt z.B.: „Seit ich den Tumor habe, ist dieses lästige Hüsteln aufgetreten.“ Auch ein verändertes Allgemeinbefinden, der Gemütszustand und der Schlaf sollten vorrangig mitberücksichtigt werden.

28) Hier taucht die Frage auf: Was sind pathognomonische Symptome bei den Tumoren? Welche Symptome werden notwendigerweise durch den Tumor hervorgerufen, welche sind demgegenüber auffallend, sonderlich
und eigenheitlich (nach § 153)?

29) Die Unterscheidung zwischen dem „Simile“ und dem „Simillimum“ wurde erst in neuerer Zeit von bekannten Homöopathen eingeführt. Dabei wird unter dem „Simile“ ein Arzneimittel verstanden, das eine zur gegenwärtigen Krankheit nur hinreichend ähnliche Kunstkrankheit erzeugt, somit nicht zu einer vollständigen Ausheilung führt und Symptome hinterläßt, die erst nach Gabe weiterer Mittel vergehen. Das „Simillimum“ hingegen bezeichnet eine Arznei, welche dem derzeitigen Krankheitskomplex so vollständig ähnlich ist, daß zu dessen Heilung dieses eine Mittel ausreicht. Die Homöopathen des letzten Jahrhunderts wie auch Hahnemann haben die Begriffe der „Ähnlichkeit“ und des „Simile“ benutzt.

30) Bönninghausen, VHA. 5, 6. Die Praxis muß zeigen, ob im Behandlungsverlauf eines Krebsleidens die Folgemittel nach Bönninghausen wahrscheinlich sind oder ob hier z.B. eigene Gesetze der Tumorprogression vorliegen.

31) Es kann sich um ein altes Symptom des Patienten handeln und zeigt eine gute Entwicklung der Krankheit, wenn es sich allmählich wieder verliert. Oder es handelt sich um ein neues Symptom, was sich dadurch erklärt, daß die Mittel häufig eigene Symptome kurz einblenden, die dann wieder vergehen [17]. Nur wenn das Symptom anhält oder sehr lästig ist und der Zustand sich insgesamt verschlechtert, kann ein Mittelwechsel indiziert sein; dabei sollte das folgende Mittel wenn möglich eine homöodotierende Beziehung zu Ars. haben [4,17].

32) Vielleicht liegt das nicht an den Q-Potenzen selbst, sondern an der häufigen Gabe. So ist bekannt, daß Hahnemann in seinen letzten Lebensjahren dazu überging, die C-Potenzen auch in chronischen Fällen relativ häufig zu geben (z.B. Bell. C 30 in 7 EL Wasser aufgelöst und geschüttelt, davon 1 EL in ein Glas Wasser gerührt; von dieser Lösung täglich 1 TL morgens einzunehmen) [1].

33) Üblicherweise werden Q-Potenzen nur einmal täglich oder alle zwei Tage verabreicht; solange eine Besserung der Beschwerden ohne Änderung der Symptomatik fortschreitet, sind häufigere Gaben durchaus vertretbar. Nach Kent ist auch die kumulative Gabe von Hochpotenzen ohne weiteres möglich, wenn bei Besserung der Beschwerden sofort pausiert wird.

34) Kent, 1985. 62. „Der Originaltext lautet: „What if there are changes in tissue present? There is nothing in the nature of diseased tissue to point to a remedy; it is only a result of the disease … There is nothing in the fact that it is a tumor or in the aspect of the tumor, that would lead you to the nature of the change of State. The things that you can see, i.e., the changes in the tissues, are of the least importance, but what you percieve in the patient himself, how he moves andacts…“ [27].

35) Kent, 1985.94.

36) Unter den verschiedenen Methoden in der Homöopathie (wie z.B. die Gewichtung nach CM. Boger oder die Keynote-Methode H.N. Guernseys) gibt es zwei Wege der Fallanalyse, die sich im wesentlichen durchgesetzt haben: Die im Text genannte Methode Kents, bei der meist eine Arznei, das chronische Mittel, in größeren Abständen in Hochpotenz gegeben wird und i.d.R. immer wieder indiziert sein soll, und die Methode nach Bönninghausen; hier sollen die meist wechselnden Krankheitszustände mit den jeweils angezeigten Arzneimitteln behandelt werden und der Patient erhält mitunter verschiedene Mittel in vergleichsweise rascher
Folge; dabei werden die Symptome der gegenwärtigen Krankheit, nicht die übrigen Symptome des Kranken, zur Mittelwahl herangezogen.

37) Der Begriff der „Totalität der Symptome“ wird in der Homöopathie nicht einheitlich definiert und kann folgende Bedeutungen haben [16]: 1. Alle Symptome der gegenwärtigen Krankheit bzw. das im gegenwärtigen
Krankheitsfall zu Heilende, bestehend aus Haupt- und Nebensymptomen [Hahnemann bezeichnet als das „Total der Krankheit“ den „ganzen Inbegriff der wahrnehmbaren Zeichen und Zufälle der Krankheit“ (§17)). 2. Alle Symptome des Patienten (bezogen auf das ganze Leben). 3. Alle (charakteristischen) Symptome, die für die Mittelwahl herangezogen werden. Bei den Homöopathen des letzten Jahrhunderts wie Burnett wird der Begriff i.d.R. im Sinne der ersten Bedeutung verwandt {Burnett, 1991-b. 22, 25, 95).

38) Burnett, 1991-b. 23, 25.

39) Schlegel, 1927.158.

40) Der Begriff der „Konstitution“ wird in der Homöopathie für unterschiedliche Vorstellungen verwendet. Das  Konstitutionsmittel“ wird nach den Merkmalen der Konstitution verschrieben. In der folgenden Übersicht sollen einige der häufig unklar abgegrenzten Definitionen aufgeführt werden [11]: • Innerste Natur des Menschen „Seele“); Art und Weise seines Denkens („Geist“); Persönlichkeit, Charakter des Menschen, d.h. hier wird die Konstitution allein auf die Gemütsverfassung bezogen. • Merkmale oder Eigenschaften eines Menschen, wie „zerlumpter Philosoph“. • Ein bestimmter „Typus“, bei dem immer wieder ähnliche Krankheitsbilder auftreten, die ein bestimmtes Arzneimittel (z.B. Puls.) benötigen. • Bei G.H.G. Jahr: Die i.d.R. konstanten Körpermerkmale (mager/fett, blond/brünett etc.), die Temperamente (phlegmatisch, gutmütig etc.), Geschlecht und Alter [22].
• Bei P. Schmidt: Die Gesamtheit der Symptome des Kranken (Kent, 1986. 157, Anm. von P Schmidt). • Synonym für „chronisch“; „konstitutionelle Krankheit“ wird mit „chronischer Krankheit“ gleichgesetzt.

41) Schlegel, 1927.139,140.
Literaturverzeichnis
[I] Bönninghausen C: Bönninghausens kleine medizinische Schriften. Hrsg. von K.-H. Gypser. Heidelberg: Arkana, 1984, (11831-1864, vorw. Zeitschriftenveröffentlichungen Bönninghausens), S. 322-326, 795-796.

[2] Bönninghausen C: Die Aphorismen des Hippokrates. Nachdr, Göttingen: Burgdorf, 1979 (11863, Leipzig) [AHP].

[3] Bönninghausen C: Die Homöopathie. Nachdr., Göttingen: Burgdorf, 1979 (11834, Münster) [HOM].
[4] Bönninghausen C: Systematisch-Alphabetisches Repertorium der antipsorischen Arzneien, Teil 1. 2. Aufl.,
Münster, 1832, S. IX.
[5] Bönninghausen C: Versuch über die Verwandtschaften der homöopathischen Arzneien. Münster, Coppenrathsche Buchhandlung, 1836 [VHA].
[6] Burnett J C: Tumoren der Brust. Übers, von H. Pscheidl. 1. Aufl., München: Müller & Steinicke, 1991-a
(11888, London, Tumors of the breast‘).
[7] Burnett JC: Die Heilbarkeit von Tumoren durch Arzneimittel. Übers, von G. Risch. 2. Aufl., München: Müller & Steinicke, 1991-b (11893, London, ‚Curability of Tumors‘).
[8] Carleton E: Homoeopathy in Medicine and Surgery. Reptint Edition, New Delhi: B. Jain Publishers, 1996
(11913, Flushing, U.S.).
[9] Clarke J H: Die Heilung von Tumoren durch Arzneimittel. Übers, von G. Risch. 1. Aufl., München: Müller &
Steinicke, 1991 (11908, London, ‚Cure of Tumors‘).
[10] Cooper R T: Krebs und Krebssymptome. Übers, von K.-H. Reinke. 1. Aufl., München: Müller & Steinicke,
1996 (11898, Feltham, U.K., ‚Cancer and Cancer Symptoms‘).
[II] Furlenmeier M: Der Konstitutionsbegriff in der Homöopathie. ZKH 1992; 5:180-185.
[12] Galen E: Swedenborg und Kent. Übers, von E. Heyinga. ZKH 1995; 1:19-29.
[13] Grimmer A H: The Collected Works of Arthur Hill Grimmer M.D. Hrsg. von A.N. Currim. Greifenberg:
EOS, 1996, S. 735-856.
[14] Gypser K-H: Bönninghausens kleine medizinische Schriften, Supplementband (Bönninghausen, C), Zum
Geleit. Heidelberg: Haug, 1994, S. 9.
[15] Gypser K-H: Das Keynote-System (Vortrag). Eisenach, 6.05.1996.
[16] Gypser K-H: Persönliche Mitteilung.
[17] Hahnemann S: Die chronischen Krankheiten, Band 1. Heidelberg: Haug, 1995 (11828, Dresden), S. 147,148.
[18] Hahnemann S: Organon der Heilkunst. Hrsg. von J.M.Schmidt. Standardausgabe der 6. Aufl., Heidelberg:
Haug, 1992 (11842, Paris) [ORG].
[19] Härtung E: Dr. med. Christoph Härtung (1779-1853). Dokumenta Homoeopathica 1986; 7: 23-33.
[20] Hering C: Hahnemann’s Three Rules Concerning The Rank Of Symptoms. The Hahnemannian Monthly, Aug.
1865, S. 11, 12.
[21] Jackson W E: Treatment Over and Under. Hom. Rec. 1941; 56: 7 (aus: Stephenson J, ,Homöop. Krebsbehandlung‘, Statistische Auswertung, ZKH 1959; 6: 273-283).
[22] Jahr G H G: Klinische Anweisungen. 3. Aufl., Leipzig: Lit. Institut, 1867, S. 89-91.
[23] Jones E G: Cancer, It’s Causes, Symptoms and Treatment. New York: Greaves, 1911.
[24] KentJT: Heilbare pathologische Zustände. Übers, von C. Barthel. Dt. J. f. Hom. 1984; 4: 321 (aus: The Homeopathician, Aug. 1912).
[25] Kent J T: Journal of Homoeopathics 1903; April. 369 (Zitat vom Verfasser übersetzt).
[26] KentJT: Kents Minor Writings. Hrsg. von K.-H. Gypser. Heidelberg: Haug, 1987 (11881 -1914, Zeitschriftenveröffentlichungen Kents), S. 91, 92.
[27] Kent J T: Lectures on Homoeopathic Philosophy. 5. Aufl., Chicago: Ehrhart & Karl, 1954 (11900), S. 64.
[28] Kent J T: Zur Theorie der Homöopathie. Übers, von J. Künzli. 3. Aufl., Leer, Grundlagen und Praxis, 1985 (11900).
[29] Künzli J: Kent’s Repertorium der homöopathischen Arzneimittel (KentJT), Einführung. Bd. I, 9. Aufl., Hei¬
delberg: Haug, 1986 (11960).
[30] Möller B: Einführung in die Methodik C. v. Bönninghausens. ACD 1997; 6: 13, 14, 17.
[31] Möller B: Persönliche Mitteilung.
[32] Peterman H L: Cases. Hom. Rec. 1905; 20:116.
[33] Risch G: Die Heilung von Tumoren durch Arzneimittel (Clarke J H), Einleitung. 1. Aufl., München: Müller &
Steinicke, 1991.
[34] Schlegel E: Die Krebskrankheit, Ihre Natur und Ihre Heilmittel. 2. Aufl., Stuttgart: Hippokrates, 1927.
[35] Statistisches Bundesamt Wiesbaden: Häufigkeitsverteilung der Todesursachen, 1993.
[36] Zandvoort R: The Complete Repertory. Mapple (Holland), Krips Repro, 1994-1996.
Dr. med. Carl Rudolf Klinkenberg
Thiebauthstr. 2 D-76275 Ettlingen

 

Erschienen in der Zeitschrift für klassische Homöopathie, Haug Verlag:

pdf symbol Die Homöopathische Krebsbehandlung (1)

Krebsbehandlung 2

Die Homöopathie ist eines der wenigen Spezialgebiete der Medizin, das keine Nachteile, sondern nur Vorteile mit sich bringt. Yehudi Menuhin

Die homöopathische Krebsbehandlung (Teil 2)

Übersichtsarbeit auf der Basis des Seminars „Die Krebsbehandlung in der Homöopathie“ vom Juni 1997 in Bad Imnau mit Dario Spinedi*
CR . Klinkenberg

Zusammenfassung

Im 2. Teil dieser Artikelserie wird auf der Basis des Organons die Behandlung von gut- und bösartigen Tumoren weiter ausgeführt. Tumoren entstehen wie andere Lokalerkrankungen aufgrund einer inneren Störung des Organismus (chronische Krankheit). Die Tumorheilung geht mit einer deutlichen Verbesserung des Gesundheitszustandes einher. Die Bedeutung des Tumors als Verlaufsparameter wird aufgezeigt. Die Problematik von Operation und äußerlicher Behandlung wird dargestellt. Es wird eine mögliche Zusammenarbeit von Homöopathie und Chirurgie diskutiert und gezeigt, wie bei Patienten, die operiert  werden, vorgegangen werden kann. Für die Tumor-Behandlung ist das Studium von Hahnemanns Lehre der chronischen Krankheiten unerläßlich. Abschließend wird auf die Bedeutung hingewiesen, Krebspatienten homöopathisch zu behandeln und unbeirrt mit der Behandlung fortzufahren.

Schlüsselwörter

Krebs, Tumor, Operation, äußerliche Behandlung, chronische Krankheit.

Abstract

In the second part of this series of articles, the treatment of non-malignant and malignant tumors is further explained on the basis of the Organon. Tumors develop like other local diseases as a result of an infernal disturbance of the organism (chronic disease). The healing of tumors is associated with a clear improvement of the State of health. The significance of the tumor as process parameters is demonstrated. The problems of surgery and external treatment are shown. A possible cooperation of homeopathy and surgery is discussed and it is shown how the procedure can look like for patients who will be operated. The study of Hahnemann’s teachings of chronic diseases is indispensable for the treatment of tumors. Finally we point out how important it is, to treat Cancer patients homeopathically and to proceed with the treatment unswervingly.

Keywords

Cancer, tumor, surgery, external treatment, chronic disease.

Krebs als Ausdruck einer chronischen Krankheit

Das ,Organon der Heilkunst‘ [14] als ein grundlegendes Werk der Homöopathie und die ‚Chronischen Krankheiten‘ [13] enthalten neben Theorien über die Entstehung von Tumoren Grundsätze und praktische Anweisungen für ihre Behandlung. In den Paragraphen 185-205  erläutert Hahnemann die sogenannten Lokal- oder örtlichen Übel, denen er, wie bereits in Teil 1 dargelegt, auch die Krebserkrankung zuordnet: „Unter den einseitigen Krankheiten nehmen die sogenannten Local-Uebel eine wichtige Stelle ein, worunter man an den äußern Theilen des Körpers erscheinende Veränderungen und Beschwerden begreift, woran … diese Theile allein erkrankt seyn sollten, ohne daß der übrige Körper daran Theil nehme – eine … ungereimte Satzung, die zu der verderblichsten arzneilichen Behandlung verführt hat“ (§ 185). „Diese [Local-Uebel] haben ihre Quelle in einem innern Leiden“ (§ 187). „Man hielt diese Uebel für bloß örtliche und nannte sie deßhalb Local-Uebel, … wovon … der übrige lebende Organism nichts wisse“ (§ 188). „Und dennoch ist schon bei geringem Nachdenken einleuchtend, daß kein … äußeres Uebel ohne innere Ursachen, ohne Zuthun des ganzen (folglich kranken) Organisms entstehen und auf seiner Stelle verharren … kann. … Ja dessen Emporkommen läßt sich, ohne vom ganzen … Leben dazu veranlaßt zu seyn, nicht einmal denken, so innig hängen alle Theile des Organisms zusammen und bilden ein untheilbares Ganzes in Gefühlen und Thätigkeit. Keinen Lippenausschlag, kein Nagelgeschwür gibt es, ohne vorgängiges und gleichzeitiges inneres Uebelbefinden des Menschen“ (§ 189). Krebs ist wie jede Art von Tumoren eine chronische Erkrankung des ganzen Menschen. Diese Erkenntnis, die sich auch in der naturwissenschaftlichen Medizin immer mehr durchsetzt, hatte Hahnemann schon vor über 150 Jahren. „Alles, was an der Haut erscheint – eine Zyste, ein kleiner Tumor, eine Warze – weist auf eine innere Störung des Organismus hin. Auch kleine Zeichen am Körper müssen beachtet werden.“* Spinedi berichtete in diesem Zusammenhang über einen Patienten seiner Praxis, dessen chronische Migräne unter Einzelgaben von Lyc. verschwunden war. Er hatte eine flache, braune Warze in den Haaren, die während der Behandlung mit Lyc. unverändert blieb. Dies bewog Spinedi, die Krankengeschichte des Patienten erneut zu studieren und es zeigten sich weitere Hinweise auf Thuj.2) Nach Gabe von Thuj. XM traten die anfallartigen Kopfschmerzen wieder auf; die Warze blieb zunächst bestehen. Gabe von Lyc. XM. Nach 40 Tagen waren Kopfschmerzen und Warze vollständig verschwunden. „Dieser Patient befand sich in einem Thuja-Zustand, wie er z.B. durch die Unterdrückung von Gonorrhoe oder durch eine Pockenimpfung entstehen kann.“ *Auch andere Homöopathen haben bei lokalen Leiden eine innere Störung vorausgesetzt. So schreibt Burnett im Jahre 1893: „Eine Dame von 44 Jahren … stellte sich mir… mit einem sehr harten Tumor der linken Brust … vor. … Der Tumor war neun Jahre lang gleichbleibend ruhig gewesen …, bis … die Periode aufhörte; da begann er auf einmal zu wachsen, und das ziemlich schnell. Beim Überdenken dieser Sachlage schien es festzustehen, daß, wenn ein Knoten neun Jahre lang vorhanden ist, es eine innere Ursache … dafür geben mußte, die die ganze Zeit am Werk war. Denn wenn diese nicht fortgesetzt ihr Werk getan hätte, dann hätte der Knoten schon längst verschwunden sein müssen: Ein Knoten ohne Ursache kann nicht vorhanden sein.“3) Diese Worte erscheinen banal und sind doch von größter Wichtigkeit! Verleitet nicht die heutige  schulmedizinische Ausbildung und Praxis dazu, diesen einfachen, scheinbar selbstverständlichen Sachverhalt aus den Augen zu verlieren?

Lokal-Übel beschwichtigen eine innere Krankheit

Hahnemann schreibt dazu im Paragraphen 201: „Offenbar entschließt sich … die menschliche Lebenskraft, wenn sie mit einer chronischen Krankheit beladen ist, die sie nicht durch eigne Kräfte überwältigen kann, zur Bildung eines Local-Uebels …, um … jenes … innere Uebel zu beschwichtigen und … auf ein stellvertretendes Local-Uebel … abzuleiten. … Indessen bleibt … das Local-Uebel … ein von der … Lebenskraft einseitig vergrößerter Theil derselben [der inneren Krankheit], an eine gefahrlosere .(äußere) Stelle des Körpers hinverlegt… Die Anwesenheit  des Local-Uebels, bringt … die innere Krankheit … zum Schweigen, ohne sie jedoch weder heilen, noch wesentlich vermindern zu können. … Es wird … für die Heilung des Gesammt-Uebels [dadurch] so wenig gewonnen, daß … das innere Leiden dennoch allmählich zunimmt und die Natur genöthigt ist, das Local-Symptom immer mehr zu vergrößern und zu verschlimmern, damit es zur Stellvertretung für das innere … Uebel und zu seiner Beschwichtigung noch zureiche.“4) „Das ist ein wichtiger Paragraph des Organon. Die Natur bemüht sich, den menschlichen Organismus von einem gefährlichen in einen weniger gefährlichen Zustand zu bringen. Wenn ein Tumor entsteht, so bedeutet dies zunächst eine weniger gefährliche Situation als das, was latent im Körper vorhanden sein muß. Entfernen wir den Tumor, könnte diese latente innere Ursache ausbrechen.“*5)

Folgen der Operation aus Sicht der früheren Homöopathen

In seiner Einleitung zum Organon läßt Hahnemann keinen Zweifel daran, daß er die ausschließlich operative Tumorbehandlung ablehnt: „Ferner glaubt… die alte … Arzneischule durch Abbindung von Polypen, durch Ausschneidung, … durch Ausschälung der Balg-…Geschwülste, durch Operation der Pulsader-Geschwülste, der … Mastdarm-Fisteln, durch Entfernung der skirrhösen Brust mittels des Schnitts, der Amputation eines knochenfräßigen Gliedes u.s.w. den Kranken gründlich geheilt… zu haben … Aber… die darauf, bald oder spät, doch unausbleiblich erscheinenden Metaschematismen, … welche allemal schlimmer, als das erstere Uebel sind, … sollten ihr die Augen öffnen über die tiefer liegende … Natur des Uebels und seinen dynamischen …, bloß dynamisch zu hebenden Ursprung.“6) Auch Burnett lehnte die alleinige operative Behandlung ab, wie viele andere Homöopathen, die Krebspatienten erfolgreich behandelten 7):
„Das Bemühen, einen Tumor mit Hilfe … einer Operation zu heilen, ähnelt dem Versuch, einen Apfelbaum von seinen Äpfeln zu heilen, indem man … den Apfelbaum an seinen Äpfeln operiert. Der einzige Unterschied der beiden Prozesse … liegt in der Tatsache, daß das Äpfelwachsen ein Teil der normalen Biologie der Apfelpflanze ist, während das Tumorwachsen durch den menschlichen Körper pathologisch ist. Dieser Unterschied ist natürlich ein sehr großer, aber worauf ich hinaus will, ist zu zeigen, daß das Tumorwachstum, obwohl sicher krankhaft, dennoch ebenso ein durch die Lebenskraft bedingter Prozeß ist.“ Es könnte eingewendet werden, daß die ablehnende Haltung der frühen Homöopathen gegenüber Operationen durch die damalige Operations- und Narkose-Technik bedingt war und somit historisch zu erklären wäre. Dennoch sollte nicht außer acht gelassen werden, daß die Kritik an der operativen Behandlung in erster Linie grundsätzlicher Art ist, wie bereits mehrfach ausgeführt.8) Burnett fährt fort, daß eine Operation niemals irgendeine Heilung sein kann, „da es nur die Frucht ist, derer man sich operativ entledigt und nicht die eingewurzelte Krankheit“. Zum Beweis beschreibt erfolgenden Fall 9):
„FräuleinX, 49 Jahre alt, … litt früher an einem schlimmen Ekzem, wurde aber davon in 14 Tagen durch eine Salbenbehandlung geheilt. Einige Jahre später, im Juni 1885, wurde ein Tumor aus ihrer linken Brust geschnitten. Dieser Tumor kehrte in derselben Brust wieder und wurde im Juli 1887 erneut entfernt, zusammen mit der ganzen linken Brust. Danach erschien ein Tumor in der rechten Brust. Im Januar 1888 wurde auch dieser Tumor und die ganze rechte Brust durch eine tadellose Operation entfernt. Sie kam [1893] zu mir, weil der Prozeß in … der Narbe auf der rechten Seite wiederkehrte und mit einer starken Entzündung verbunden war.  Die Behandlung dauerte vier Jahre und endete im Verlauf der Heilung mit einem Ekzem. Die Patientin ist nun tatsächlich bei besserer Gesundheit als jemals zuvor in ihrem Leben.“

Krebsheilung als Heilung des ganzen Menschen

So sollte die Heilung von Krebs verlaufen: Sie sollte mit einer Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustandes einhergehen! Hahnemann verdeutlicht dies in den Paragraphen 190-193: „[Die] Behandlung … muß daher auf das Ganze, auf die … Heilung des allgemeinen Leidens mittels innerer Heilmittel gerichtet seyn…“ (§ 190). „Unzweideutig wird dieß durch die Erfahrung bestätigt,… daß jede kräftige, innere Arznei … bedeutende Veränderungen so wie im übrigen Befinden … so insbesondere im leidenden äußern,… isolirt scheinenden Theile … verursacht und zwar die heilsamste Veränderung, die Genesung des ganzen Menschen, unter Verschwindung des äußern Uebels (ohne Zuthun irgend eines äußern Mittels)…“ (§ 191). „Durch diese bloß innerlich gegebne Arznei … wird dann der gemeinsame Krankheitszustand des Körpers, mit dem Local-Uebel zugleich aufgehoben…“ (§193). Was lehrt uns dieser Abschnitt des Organon für die Behandlung von gutartigen und bösartigen Tumoren? Ein Tumor zeigt sich am oder im Körper. Wir geben eine innere Arznei. Nehmen wir an, der Tumor verschwindet und der Allgemeinzustand des Patienten wird besser. Dann haben wir die Chance genutzt, die ein äußerlicher Tumor bietet, um die Gesundheit wiederherzustellen. Einen größeren Gefallen können wir dem Patienten nicht tun! 10) Wenn jedoch, wie in Teil 1 dargestellt, ein „Konstitutionsmittel“ gegeben wird und der Tumor nicht verschwindet, dann sind wir auf dem falschen Weg.

Der Tumor als Verlaufsparameter für den Behandlungserfolg

In den Paragraphen 197-200 hebt Hahnemann den Wert der sichtbaren Symptome für den Behandlungsverlauf hervor: „Diese [äußerliche] Behandlung ist aber … durchaus verwerflich [und] … führt den großen Nachtheil herbei, daß … dieses Hauptsymptom (Local-Uebel) gewöhnlich früher… verschwindet, als die innere Krankheit… und uns nun mit dem Scheine einer völligen Heilung täuscht…“ (§ 197). „So bleibt nun die … innere Cur im ungewissen Dunkel. … Es sind nur noch die andern, unkenntlichem Symptome übrig, welche weniger stetig und bleibend als das Local-Leiden und oft von zu weniger Eigentümlichkeit und zu wenig charakteristisch sind“ (§ 198) So wird der Fall… weit schwieriger weil, was die Wahl des treffendsten Heilmittels … noch am meisten hätte leiten und bestimmen können, nämlich das äußere Hauptsymptom, unserer Beobachtung entzogen worden ist“ (§ 199). „Wäre es bei der innern Cur noch da, so würde … bei dessen alleinigem, innerm Gebrauche die noch bleibende Gegenwart des Local-Uebels zeigen, daß die Heilung noch nicht vollendet sey; heilete es aber …, so bewiese dieß überzeugend, daß das Uebel bis zur Wurzel ausgerottet… sey“ (§ 200).

Ein anschauliches Beispiel hierzu schilderte Spinedi 11): „Eine 70-jährige Patientin kommt…mit folgendem Befund: Seit fünf Jahren allmählich entstandener Tumor an der linken Wange, 1,5 x 1,4 cm Ausdehnung, deutlich erhaben, rosarot, in der Mitte unruhig, mit Krusten belegt. Dermatologische Diagnose: Basaliom.“ Die Patientin hatte eine Operation abgelehnt und war in der Folgezeit ohne Erfolg von zwei homöopathischen Ärzten behandelt worden. Die Beschaffenheit des Tumors und ein Ekzem, das vor 20 Jahren äußerlich behandelt worden war, führten zur Verordnung von Sulf. M 12). Trotz einer psychischen Verschlechterung begann der Tumor, sich langsam zurückzubilden, sodaß mit der Gabe von Sulf. bis zum völligen Verschwinden des Basalioms fortgefahren wurde. In meist zweimonatigen Abständen wurden gegeben: Sulf. M – M – XM – XM – C 200 – C 200 – M. „Zur Wiederholung des Mittels stützte ich mich immer nur auf die Beschaffenheit des Basalioms, unbekümmert von der psychischen Symptomatik. Wenn es zu einem Stillstand im Rückgang des Basalioms kam, wiederholte ich eine Dosis. Psychisch war nie eine Besserung zu verzeichnen.“ „Erst gegen Ende der Behandlung, als das Basaliom verschwunden war, kehrte das ursprüngliche Ekzem zurück und es war eine Besserung in jedem Sinne festzustellen. Dieses Basaliom war ein großer Freund der Patientin und verhalf ihr zu einem deutlich gebesserten Gesundheitszustand. Es wuchs weiter und zeigte, daß das richtige Heilmittel noch nicht gefunden war. Wäre es unterdrückt worden, so hätte niemand an Sulf. gedacht. Warum sollte man einen Tumor, etwas, das wir sehen, entfernen? Wir können ihn messen und feststellen, ob unsere Therapie Erfolg hat. Wenn der Tumor kleiner wird, hat unsere Therapie Erfolg; bleibt er stationär, dann hat unsere Therapie vielleicht Erfolg; wächst er, muß das Mittel falsch sein. Durch eine Operation oder äußerliche Behandlung beraubt man sich eines sehr wertvollen Verlaufsparameters. Die äußeren Übel mit inneren Mitteln behandeln – dies ist ein grundlegendes Prinzip der Homöopathie!“* Der Fall demonstriert nochmals den Wert der sieht- und meßbaren Symptome für den Behandlungsverlauf: „Bei objektiven Befunden, z.B. Tumoren, … Ödemen, Warzen, … usw. haben wir dieselben Kriterien wie die Schulmediziner, um den Verlauf zu beurteilen…. Wenn ein objektiver Befund, Tumor, … Leberwerte, Nierenwerte sich bessern, sind wir auf einem guten Wege unbekümmert der psychischen Konstellation oder der… Lebensenergie.“13)

Zur äußerlichen Behandlung von Tumoren

Hahnemann lehnt also die äußerliche Behandlung von Tumoren ab (§§ 197-200), da sich der Arzt durch Unterdrückung eines äußeren Leidens des wichtigsten Hauptsymptoms zur Beurteilung des Heilungsverlaufs beraubt. Dieser Auffassung schließen sich auch andere wie Bönninghausen und Peterman an.14) Jedoch wurden durch äußerliche Applikation einer homöopathischen Arznei hin und wieder Heilungen erzielt. Auch wurden einzelne Fälle durch Kombination von äußerlich und innerlich angewandten Mitteln geheilt.15. Diese Behandlungsmethoden stimmen nicht mit den Anweisungen Hahnemanns überein. „Doch auch Hahnemann hat sein ganzes Leben lang eperimentiert und seine Werke bis zu seinem Lebensende immer wieder überarbeitet. Letztlich muß hier die Praxis entscheiden.“* Möglicherweise kann in einzelnen Fällen eine zusätzliche äußerliche Behandlung indiziert sein. So meint Burnett 16): „Äußerlich anzuwendende Heilmittel [sind] nicht völlig außer acht zu lassen … Es gelang mir, eine große Menge von Augenlidtumoren im allgemeinen rein konstitutionell zu heilen. Jedoch mußten die sehr harten, schmerzlosen [Lidtumoren] bisweilenmit dem Medikament bepinselt werden oder es als Salbe aufgetragen bekommen. Sie befanden sich, wie es schien, außerhalb des Organismus.“ Selbst Hahnemann nennt eine Ausnahme und schreibt bei der Behandlung der Gonorrhoe 17): „Der … Tripper … als auch die Auswüchse werden … am … gründlichsten durch den innern Gebrauch des … Lebensbaums [Thuja] … [geheilt], ohne daß etwas Aeußeres anzubringen nöthig wäre, als in den veraltetsten und schwierigsten Fällen das täglich einmalige Betupfen der größern Feigwarzen mit dem … ganzen Safte…“

Über die Zusammenarbeit von Homöopathie und Chirurgie

In den vorangehenden Kapiteln wurde dargelegt, daß durch eine Operation möglicherweise wertvolle Symptome des Patienten beseitigt und damit die Mittelwahl und die Verlaufsbeurteilung erschwert werden. Die chirurgische Entfernung eines bösartigen Tumors wird jedoch heute neben der Strahlen-, Chemo- und Hormontherapie als einzige effektive Behandlungsmethode anerkannt. Damit geht eine entsprechende Rechtssprechung einher. Zudem haben sich die diagnostischen Methoden, die Operationstechniken und die Tumornachsorge seit dem vorigen Jahrhundert beträchtlich verbessert. Durch eine Operation kann in vielen
Fällen Rezidivfreiheit erzielt werden, wie besonders häufig beim Melanom, Basaliom, Hoden-Karzinom, Mamma-Karzinom, um nur einige zu nennen. Vor diesem Hintergrund wäre es für den Patienten und den  homöopathischen Arzt fatal, wenn bei einem bösartigen, operablen Tumor im Frühstadium nicht die richtigen Mittel gegeben würden oder Heilungshindernisse 18) vorlägen und der Tumor in ein nicht-kuratives Stadium fortschritte. Andererseits muß beachtet werden, daß gerade Krebsfälle im Frühstadium homöopathisch heilbar sind: A.H. Grimmer, ein Schüler Kents, der in 57 Jahren homöopathischer Praxis mehrere Tausend Krebspatienten behandelte, erzielte eine Heilungsrate von ca. 80% bei Frühstadien bösartiger Tumoren und 10% bei späten und terminalen Krebsfällen; in den meisten der nicht geheilten Fälle konnte er eine Palliation mit deutlich gebesserter Lebensqualität über 7-15 Jahre erreichen. Grimmer schrieb: „In den frühen Fällen … mit schon beginnender Kachexie und Schmerzen, und in einigen Fällen, die schon eine beginnende pathologische Veränderung zeigen – kleine Knoten in der Brust und die charakteristische Drüsenbeteiligung – werden Sie staunen, was eine sorgfältige Verschreibung in den meisten dieser Fälle tun kann.“19) Daher stellt sich dem heutigen Homöopathen die Frage: Was sind die Indikationen für eine Operation? Worin könnte heute eine sinnvolle Zusammenarbeit von Homöopathie und Chirurgie bestehen? Diese Fragen werden die Aufgaben der nächsten Jahre sein. 20) Die Entscheidung, einem Patienten eine ausschließlich arzneiliche Behandlung oder eine Operation zu empfehlen, kann dem homöopathischen Arzt zu keinem Zeitpunkt abgenommen werden. Diese Empfehlung wird selbstverständlich – nicht zuletzt aus forensischen Gründen – vor allem auch den erklärten Willen des Patienten berücksichtigen müssen. Wir sollten seinen Wunsch anerkennen und auch jeden Patienten, der sich einer schulmedizinischen Therapie unterzieht, weiterbehandeln. Clarke schreibt 21): „Ich möchte nicht den Versuch unternehmen, eine Linie zu ziehen, die den Aufgabenbereich des Chirurgen von dem des Arztes … trennt. Diese Linie gibt es nicht, oder besser gesagt: Es ist eine Linie, die jeder Arzt… für sich selber ziehen muß.“

Die homöopathische Behandlung vor und nach einer Operation

Eine homöopathische Behandlung muß bei allen Krebsfällen in Betracht gezogen werden, auch vor oder nach einer Operation. Clarke stellte nachdrücklich fest 22): „Bei Homöopathen … ist es in höchstem Maße zwingend, die  arzneiliche Behandlung in derartigen Fällen von Anfang bis zum Ende nutzbar zu machen. … Ich halte es für absolut unentschuldbar, wenn ein .homöopathischer Chirurg‘ die arzneiliche Behandlung unterläßt, und zwar vom ersten Augenblick an, … also noch vor der Operation. Und es ist noch viel unentschuldbarer, wenn er einen Patienten nach der Operation einfach auf die Straße setzt, um ihn auf das warten zu lassen, was kommt. … Die Patienten verstehen schnell, wenn man ihnen die Situation erklärt, und sie unterwerfen sich gern einer längeren Behandlung“ [um die Krebsdiathese auszuheilen]. Wie sieht die Zusammenarbeit von Homöopathie und Chirurgie in der Praxis aus? Die Paragraphen 197-200, in denen Hahnemann auf die Bedeutung der sichtbaren Symptome hinweist, sind auch maßgeblich für das Vorgehen bei Krebspatienten, die nicht nur homöopathisch behandelt, sondern auch operiert werden. Spinedi, der seit Jahren voroperierte Krebspatienten mit gutem Erfolg behandelt [26], empfiehlt folgendes Vorgehen: Nach Anamnese des Patienten wird ein passendes homöopathisches Mittel als Q-Potenz in häufigen Gaben verordnet. Erst bei beginnender Besserung (Nachlassen der Schmerzen, Besserung des Allgemeinbefindens …) läßt man die Operation durchführen. Unmittelbar danach wird dasselbe Mittel weiter gegben, auch parallel zu einer etwaigen Chemo-oder Strahlentherapie. Spinedi hat beobachtet, daß sich hierdurch die Überlebenschancen deutlich erhöhen. „Auch bei manifest krebskranken Patienten sollten wir nicht erschrecken oder zu früh resignieren. Wir bestellen den Patienten ein, nehmen die Symptome genau auf und verordnen das passende Mittel schon vor der geplanten Operation. Wenn wir den Mut zu dieser Vorgehensweise haben, tun wir allein damit dem Patienten einen großen Dienst.“* Auch wenn Patienten erst nach einer Operation, Chemo- oder Strahlentherapie 23) in die homöopathische Behandlung kommen, kann viel erreicht werden. Der Nutzen einer sofortigen homöopathischen Weiterbehandlung wird eindrucksvoll durch eine griechische Studie demonstriert, die 1987 vorgestellt wurde [10]: Jeweils 28 Patienten mit metastasierendem Kolonkarzinom der Stadien C1 und C2 nach Astler-Coller 24) wurden postoperativ ausschließlich schulmedizinisch oder schulmedizinisch und homöopathisch behandelt. Sechs Jahre nach Beginn der Studie zeigten sich folgende 5-Jahres-Überlebensraten:
• Stadium C1 homöopathisch-schulmedizinisch behandelte Gruppe: 81,8%
• Stadium C1 schulmedizinisch behandelte Gruppe: 30,0%
• Stadium C2 homöopathisch-schulmedizinisch behandelte Gruppe: 42,0%
• Stadium C2 schulmedizinisch behandelte Gruppe: 15,3%

Die deutlich verbesserte Überlebensrate der zusätzlich homöopathisch behandelten Gruppe ist im Stadium C1 außerdem statistisch signifikant. Nach Beobachtungen Spinedis werden auch die Nebenwirkungen einer Chemotherapie unter gleichzeitiger homöopathischer Behandlung deutlich vermindert, sowohl bei Q-Potenzen als auch bei Gabe von Einzelmitteln. Dabei ist die Arznei, die zur Behandlung des Tumors in Frage gekommen wäre, oft das beste Mittel, um die Nebenwirkungen der Chemotherapie zubehandeln. Die Nebenwirkungen selbst werden nur als Symptome zur Mittelwahl herangezogen, wenn das aufgrund der Totalität der Symptome gewählte Mittel nicht wirkt.

Psora und Krebs

In den Paragraphen 194 und 195 weist Hahnemann darauf hin, daß Krebs oft die Folge einer manifesten Psora 25) ist: „Weder bei den … akuten Local-Leiden, noch bei den schon lange bestandenen örtlichen Uebeln, ist es dienlich, ein … Mittel… äußerlich an die Stelle einzureiben …; denn die acuten topischen Uebel … weichen am sichersten … den … homöopathisch angemessenen, innern Mitteln … Weichen sie ihnen nicht völlig …, so war… das acute Local-Uebel ein Product auflodernder, bisher im Innern schlummernder Psora …“ (§ 194). „In solchen, nicht seltnen Fällen muß dann nach … Beseitigung des acuten Zustandes gegen die noch übrig gebliebnen Beschwerden und die dem Leidenden vorher gewöhnlichen, krankhaften Befindens-Zuständen zusammen, eine angemessene, antipsorische Behandlung gerichtet werden …, um eine gründliche Heilung zu erzielen. Bei chronischen Local-Uebeln … ist ohnehin die antipsorische, innere Heilung vorzugsweise erforderlich“ (§ 195). 26)  Auch in seinen Schriften über die „Chronischen Krankheiten“ beschreibt Hahnemann an verschiedenen Stellen den Krebs als sekundäres Symptom einer bisher inneren, latenten Psora 27):

„Für die Krebsbehandlung ergibt sich daraus folgendes:
1. Oft finden wir in der Anamnese von Krebskranken eine Reihe von Unterdrückungen 28): Frühere Ausschläge und Geschwüre, unterdrückte Absonderungen oder Gelenkbeschwerden. Auch Impfungen, Traumata und frühere Arzneimittelbehandlungen können ein ätiologisches oder begünstigendes Moment sein. 29) So weist zum Beispiel eine unterdrückte Gonorrhoe auf Medorrhoinum hin, insbesondere bei Krebs der Ovarien und bei Brustkrebs. Wer Tumoren behandelt, muß Hahnemanns Lehre der chronischen Krankheiten, wie er sie in der oben erwähnten Arbeit dargelegt hat, eingehend studieren. 30)
2. Häufig zeigen sich im Laufe der Behandlung die Symptome der antipsorischen Arzneien.“*
Hierzu ein interessanter Fall des amerikanischen Homöopathen Carleton [7]: „Magenkrebs bei einem 55-jährigen Geschäftsmann.31) Wegen schlechter Prognose wird sofortige Operation empfohlen. Ohne … allzu rosige Hoffnungen zu wecken, teilte ich ihm meine Überzeugung mit, daß reine Homöopathie mehr Gutes vollbringen würde als irgendeine andere Methode. Die Symptome: Kolikartige Schmerzen im Magen, die sich zur linken Brust und zur rechten Scapula ausdehnen, begleitet von Übelkeit und einem gürtelförmigen Schmerz um die Taille, schlimmer bei leerem Magen und beim Liegen auf der rechten Seite, besser durch heiße Getränke und  wenn er sich zurücklehnt – Chel. CM, aufgelöst in heißem Wasser, 1 TL alle 5 Minuten während der Koliken. Gute Wirkung der Arznei für 48 Stunden. Ängstlich, unruhig; urst auf kleine Schlucke Wasser; Besserung der Schmerzen durch äußere Wärme – Ars. C 200, aufgelöst, alle 2 Stunden. Erleichterung für 6 Tage. Schmerzen kommen und gehen schnell, sind pochend, schlimmer um 15 und um 24 Uhr- Beil., häufige Gabe.32) Besserung für eine Woche. Rasches Sättigungsgefühl nach wenigen Bissen; abdominelle Auftreibung; fühlt sich allgemein schlechter am frühen Abend – Lyc. C 200, häufige Gabe. 8 Tage lang Wohlbefinden; Körpergewicht und Kraft nehmen zu. Dann ist das Mittel aufgebraucht, Verschlechterung; Brennen im Pylorus, übelriechender Flatus – Carb-an. CM, eine Gabe. Sofortige Besserung, die 21 Tage anhält, dann erneute Verschlechterung; fühlt sich jedoch nicht so schlecht, wie vorher – jedes Mittel bringt einen weiteren Fortschritt, dem Patienten geht es zunehmend besser. Durst auf kaltes Wasser; jedoch verursacht sogar Wasser von Raumtemperatur Übelkeit kurz nach dem Trinken, gefolgt von saurem Aufstoßen; ißt schon immer viel Salz – Phos. C 200, aufgelöst, bei Zunahme der Schmerzen einzunehmen. Nach 7 Tagen hört Phos, auf zu wirken. Flatus heiß, feucht, übelriechend – Carb-v. C 200, häufige Gabe. Gute Wirkung des Mittels für 20 Tage. Jetzt tritt ein bedeutender Wandel ein: Flaues, ungutes Gefühl in der Magengegend, mit Hungergefühl um 11 Uhr. Aha! Hatten wir durch harten Kampf unseren Gegner in den Bereich des großen, antipsorischen Mittels gezwungen? Schauen wir mal: Als junger Mann Unterdrückung einer rezidivierenden, eitrigen Tonsillitis; mit 32 Jahren Entfernung der Uvula; später Zurückdrängen von Hämorrhoiden und eines Rektumprolapses durch äußerliche Behandlung – Sulf. CM, eine Gabe. Besserung folgt für einige Wochen: Die Gesichtsfarbe wird gesünder, der Schlaf erholsam. Der Tumor verschwindet! Fühlt sich insgesamt wohl, aber noch nicht sehr kräftig. Dann erscheint unerwartet eine heftige Neuralgie am linken Hinterkopf, mit Sehstörungen während der Schmerzattacken. Diese Neuralgie, ein „alter Bekannter“, war früher einmal mit Morphin-Injektionen behandelt worden. Zahlreiche Narben an der betreffenden Stelle bestätigen dies. Für all diesen Mißbrauch hatte sich die Natur gerächt, indem sie eine bösartige Erkrankung des Magens hervorbrachte. Wie lange wird es noch dauern, bis wir verstehen, daß niemals eine Heilung durch Contraria vollbracht wurde, daß auf eine Palliation mit Sicherheit die Rückkehr der Erkrankung in einem stärkeren Grade folgt und daß die vollständige Unterdrückung unausweichlich zu einer Metastasenbildung an einem wichtigeren Körperteil und einer Zunahme des Leidens für den Patienten führt? Gerade war der Magentumor verschwunden, als diese Neuralgie an ihrer ursprünglichen Lokalisation wiederkehrte, in alter Form, aber mit stärkeren Schmerzen und begleitet von zerebraler und nervöser Erschöpfung! Schlaf unmöglich; Füße zappelig, besonders abends. Ohne Zögern gebe ich Zinc. CM, eine Gabe. Bereits nach wenigen Stunden Besserung, die kontinuierlich fortschreitet. Sechs Monate später sind zwei äußere Hämorrhoiden sichtbar; Juckreiz; Rektumprolaps beim Stuhlgang. … Dieses letzte Relikt einer langen Krankheit … wird schnell durch eine Einzelgabe Sulf. CM geheilt. Der Patient bleibt gesund.“ Was immer man über die Vorgehensweise Carletons denken mag, er hat einen bösartigen Tumor behandelt und geheilt. Ich denke, es ist an der Zeit, daß wir heute wieder den Mut haben, die Therapie manifest krebskranker Patienten aktiv zu übernehmen. 33)

Nicht locker lassen!

„Carletons Fall lehrt uns, nicht vor der Diagnose Krebs zurückzuschrecken, sondern sofort mit der Behandlung zu beginnen und fortzufahren. Das ist äußerst wichtig für jeden Homöopathen und alles andere als selbstverständlich in der homöopathischen Praxis! Selbst wenn die Behandlung schwierig oder der Verlauf ungünstig ist, sollte man nicht daran denken, die Behandlung aufzugeben. Was immer auch geschieht: Nicht den Mut verlieren, behandeln Sie den Patienten.“*
Der erfahrene Burnett hält diese Maxime für das Zentrale in der Krebsbehandlung überhaupt. Er schreibt 34): „Ist es … nicht eine fast tägliche Erfahrung von … Homöopathen, daß sie zu den letzten, unheilbaren Stadien von Krankheiten gerufen werden? … Doch die Ärzte müssen unerschütterlich dabei bleiben und dürfen nicht zulassen, daß sie … von ihrer Pflicht abgebracht werden, sondern sie müssen immer versuchen, alles zu heilen. Ich meine nicht, es einfach zu behaupten, sondern es zu versuchen! Viele klinische Schlachten habe ich schon geschlagen und gewonnen, obwohl ein Sieg bis dahin für unmöglich gehalten worden war. … Die große Kunst, Tumoren mit Hilfe von Arzneien zu heilen, läßt sich wie folgt zusammenfassen: Nicht locker lassen!“

Anmerkungen

* Spinedi D: Die Krebsbehandlung in der Homöopathie (Seminar). Bad Imnau, 27.- 29.6.1997, und nachfolgende Briefwechsel.
1) Alle Hervorhebungen in Kursivschrift, auch in den verwendeten Zitaten, stammen vom Verfasser.
2) Thuj. hat sich häufig bewährt bei Warzen und bräunlichen Flecken: „Braune Flecken, erhaben, treten an verschiedenen Stellen auf, besonders im Gesicht, Brust, Nacken“ [22]; „Bräunliche Warzen besonders auf der
Bauchhaut“ [17]; „Flache schwarze Warze in der rechten Schläfengegend“ (Clarke, 1990. Bd. 10).
3) Burnett, 1991-b. 139. Im genannten Fall verschwand der Tumor schließlich unter Gaben von Tub., Nat-m., Frag., Sil., Puls, und Hydr. Die Patientin konnte eineinhalb Jahre später als geheilt entlassen werden.
4) Hahnemann bezieht sich im Paragraphen 201 offensichtlich auf die äußeren Lokalleiden von Psora, Sykosis und Syphilis – den Krätzausschlag, die Feigwarzen und das Ulcus durum (vgl. hierzu ORG § 203 und Fußnoten zu den §§ 197, 199; daher auch der Hinweis, das Lokal-Übel sei an eine „äußere Stelle des Körpers“ verlegt), sowie auf äußere Lokalleiden ähnlicher Art (z.B. Ulcus cruris: §201; Basaliom, Atherom: § 205). Wie in den CK Bd. 1 [13] dargestellt sah Hahnemann die Lokalleiden der drei Miasmen als Beschwichtigungsübel der Grundkrankheit an, und er machte deren örtliche Beseitigung für den vollständigen Ausbruch der bis dahin latenten chronischen Krankheit verantwortlich. Die inneren Malignome können m.E. hier nicht gemeint sein. Ein Malignom wie z.B. das Lungen-Karzinom ist eine höchst bösartige Erkrankung und kann daher nicht als „Beschwichtigungs-Lokalübel“ angesehen werden. Außerdem kann sich nach Hahnemanns Theorie die Psora durch die Entfernung eines Lokalleidens als inneres Malignom manifestieren (vgl. Anm. 27). Es handelt sich also um zwei Ebenen von Erkrankungen, die nicht miteinander vermischt werden dürfen: Das Lokalübel als Beschwichtigung einer chronischen Krankheit auf der einen, das Malignom als eine Form der chronischen Krankheit selbst auf der anderen Seite.
5) vgl. ORG. 54, 55. Hier können m.E. nur gutartige Wucherungen, präkanzeröse Veränderungen oder langsam wachsende bösartige Tumoren wie das Basaliom gemeint sein. Ein rasch metastasierender Tumor wie das maligne Melanom ist selbstverständlich kein „beschwichtigendes“ Lokalsymptom, sondern bereits der Ausbruch der lebensgefährlichen chronischen Krankheit selbst (vgl. ORG § 34, 38, 40; Klunker, 1991. 95).
6) Hahnemann, ORG. 35 (vgl. auch § 199 und § 205 Fußnote). „Metaschematismus“ leitet sich von „metaschematizö“ (gr:. verändern, umgestalten) ab, das sich aus den Wörtern metá {gr.: nach) und Schema (gr.: Aussehen, Gestalt) zusammensetzt. Hiermit ist der „Gestaltwandel“ einer Krankheit in eine andere gemeint [Klunker, 1991. 93). Ein Beispiel für einen Metaschematismus findet sich bei Burnett, der über Grützbeutel (Atherome) schreibt: „Warum folgen Nierenkrankheiten, wenn man sie mit Gewalt entfernt?“ (Burnett, 1991-b. 124). Oder in dem folgendem Fall von Bönninghausen: „Eine bejahrte Frau, welche viele Jahre lang eine … Warze am Unterschenkel hatte, dabei aber der ungetrübtesten Gesundheit sich erfreute. Endlich kommt sie auf den unseligen Einfall, sich dieses, sie wenig belästigendes Übel durch einen Chirurg mit dem Messer wegnehmen zu lassen, und sehr bald danach entstand ein Krebsgeschwür an der Brust, welches allen Heilmitteln trotzte und einen baldigen, schmerzhaften Tod herbeiführte“ (Bönninghausen, HOM. 19).
7) Burnett, 1991-a. 56.
8) So äußerte Schlegel, daß die Operation „eines heilenden Einflusses gänzlich ermangelt…, so daß der Krebs in den meisten Fällen abermals auftritt, entweder an der operierten Stelle, in der Narbe, … einem benachbarten oder auch entlegenen Körperteil“ (Schlegel, 1927. 5). Auch zitierte er Fälle, bei denen nach Operation scheinbar
unbedeutender Tumoren oder sehr frühzeitig diagnostizierter Tumoren eine rasche Metastasierung eintrat, z.B.: „Eine Patientin wurde mit Amputation der Mamma und Ausräumung der Achselhöhle operiert wegen eines Brustknötchens, das nicht größer war als eine halbe Erbse. Sie starb binnen sechs Monaten am Rezidiv“ (Schlegel, 1927.73). Diese Aussagen stehen auf dem Boden der Medizin zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit seinen begrentzteren diagnostischen und operativen Möglichkeiten. Sie sollten daher nicht unkritisch mit heilgesetzlichen Grundsätzen vermengt werden. Jedoch wird hier die Operation als solche als Ursache für
einen ungünstigen Krankheitsverlauf angesehen.
9) Burnett, 1991-a. 68; 1991-b. 12 (Zitat vom Verfasser übersetzt).
10) Dies wird auch sehr schön durch einen Fall Burnetts veranschaulicht: „Am 1.4.1886 wurde ein … Mädchen von neun Jahren zu mir gebracht… wegen eines kleinen Tumors hinter dem linken Ohr. Zart als Baby, wurde
sie später kräftig. In der Folgezeit wurde sie dünn und taub, und vor zwei Jahren brachte man sie zu einem Ohrenspezialisten, der ihr Teile der Mandeln herausschnitt … Die Taubheit wurde besser, aber die Patientin
selbst wurde sehr krank…. Alles bei ihr geht in Eiter über. … Anorexie. Einmal geimpft. Verordnung: Thuj. C 30 in seltenen Gaben. 11. Mai: Knoten … kleiner. … Psor. C 30. … 30. Sept.: Gesund; kein Knoten, und sie ist schön rundlich“ {Burnett, 1991-b. 123).
11) Spinedi, 1993. 181-185.
12) Zur Beschaffenheit des Tumors vgl.: „Geschwüre mit erhabenen, geschwollenen Rändern; … mit rotem oder bläulichen Hof“ (Sulf.); „herpesartige, rote, unregelmäßige, kleieartige Flecken“ (Sulf.); „schorfige Hautausschläge … mit rotem Hof“ (Sulf.); „schorfiges Geschwür … am Rande … der Unterlippe“ (Sulf.) {Clarke, 1990. Bd. 9). Man denke auch an die Kongestion und die Röte bei Sulf.: „Körperöffnungen sind sehr rot“; „hellrote Lippen“ [1]. Das Ekzem bestand aus „juckenden Bläschen zwischen den Fingern“.
13) Spinedi, 1993. 183.
14) Bönninghausen, HOM. 19; AHP. 149. Peterman veröffentlichte bis 1911 eine Serie von 80 geheilten Krebsfällen bei nur zwei Todesfällen [27] und schrieb: „Aus meiner Erfahrung und meinem Erfolg heraus muß ich jedweden Versuch, Krebs mit äußeren Mitteln zu heilen, als kriminelle Farce verurteilen. Eine gut gewählte homöopathische Behandlung ist der einzige Weg, der zur Heilung führt. Ich habe mich sorgfältiger und intensiver mit dieser Krankheitsgruppe befaßt als die meisten Allgemeinmediziner“ [23].
15) Schlegel nennt einige Substanzen, die sich bei der nur äußerlichen Behandlung von Tumoren bewährt haben, z.B. das Bestreichen mit Ichthyollösung bei Brustkrebs im Frühstadium, das Auftragen einer Mischung von Thiol und Olivenöl bei Hautkrebs usw. Er bleibt jedoch skeptisch: „Der Eindruck war, daß das … Verfahren … gewirkt hatte wie eine Operation …, welcher bald ein schweres und unheilbares Rezidiv folgte“ (Schlegel, 1927. 37, 112). Beispiele für die zusätzlich äußerliche Anwendung der innerlich gegebenen Arznei finden sich u.a. bei Clarke [9], Jones [16] und Schlegel [24]. M. Fortier-Bernoville bringt eine kurze Anleitung, wie die lokale Behandlung durchgeführt wird, und nennt die von ihm am häufigsten verwendeten Urtinkturen [11]. Auch Jahr scheint eine äußerliche Applikation des angezeigten Mittels zu befürworten [15]. Schlegel hält die ablehnende Haltung ahnemanns zur äußerlichen Behandlung zwar für „prinzipiell berechtigt“, beschließt jedoch dieses Thema mit den Worten: „Zweifellos kann auch eine solche gut ausgebildete Methode Bedeutendes leisten und vielleicht selbst heilsame konstitutionelle Rückwirkungen haben. Mich dünkt: Wo Optimismus, wo Zufassen, Tätigkeit, da ist auch Erfolg, und jeder fähige Arzt hat… Möglichkeiten, gute Gedanken zu verwirklichen, wenn er nur verständnisvoll  an die organischen Erhaltungskräfte anknüpft“ {Schlegel, 1927. 85,86).
16) Burnett, 1991-a. 14.
17) Hahnemann, CK. 105,106.
18) Auf die Heilungshindernisse in der Behandlung Krebskranker wird in einer späteren Folge eingegangen. Heilungshindernisse können z.B. ein anhaltender Kummer oder übermäßige körperliche Anstrengung des
Patienten sein.
19) Grimmer, 1996. 789, 790, 812 (Zitat vom Verfasser übersetzt).
20) Die praktische Arbeit wird hier zu konkreten Empfehlungen für bestimmte Arten und Stadien von Tumoren führen. Um ein interessantes Beispiel zu nennen: J. Künzli behandelte ca. 30 Fälle von Brustkrebs ausschließlich homöopathisch. Nach seiner Erfahrung hatten Patienten mit einer – im Sinne der Mittelwahl – vielversprechenden Symptomatik eine bessere Prognose bei alleiniger homöopathischer Behandlung als
bei zusätzlicher Operation [21]. Andererseits entspricht die vielfach geäußerte Annahme, eine Operation sei ein
Heilungshindernis für die homöopathische Behandlung, nicht der Erfahrung. So veröffentlichte z.B. Barthel [4] Fälle voroperierter Patienten mit z.T. ungünstiger Prognose, be ienen unter homöopathischer Behandlung
eine seit Jahren anhaltende Rezidivfreiheit erreicht werden konnte. Clarke und Burnett waren zwar der Auffassung, die Beseitigung des Tumors und die Heilung der Tumor-Konstitution mit homöopathischen Arzneien seien „viel leichter …, wenn keine Operation vorgenommen wurde“. Aber sie machten ebenso die Erfahrung, daß „eine Heilung … nach einer Operation und nach Beginn eines  Rückfalles erreicht werden kann“ {Clarke, 1991.75; Burnett, 1991-a. 37). In den §§ 186 und 7 (Fußnote) des Organon finden sich Indikationen für chirurgische Eingriffe, die Hahnemann für vertretbar hielt; sie können im wesentlichen noch heute als Anhaltspunkt herangezogen werden.
21) Clarke, 1991.29.
22) Clarke, 1991.45.
23) Grimmer lehnte die Strahlentherapie in der Krebsbehandlung grundsätzlich ab, da Röntgenbestrahlung und Radiumtherapie nach seiner Erfahrung die Lebenserwartung verkürzten und die Wirkung homöopathischer
Arzneien sowie Heilungsprozesse im Organismus behinderten {Grimmer, 1996. 767). Als Antidote verwendete er Cadm-m. (Folgen von Radium und von Röntgenstrahlen), Cadm-i. (bei Radium- oder Röntgen-Verbrennungen; auch bei hartnäckiger Geschwürsbildung in einem Nekroseareal), Phos, (nach Radiumtherapie), Fl-ac. und Sil. (nach Röntgenbestrahlung) {Grimmer, 1996. 768, 797, 798, 809). Nach Spinedi ist die Strahlentherapie „in der Regel kein Hindernis für die homöopathische Behandlung“. Gelegentlich könne jedoch eine Art „Blockade“ entstehen, sodaß angezeigte Mittel nicht wirken; daher behandele z.B. Payrhuber (Österreich) bestrahlte Patienten initial mit Injektionen von X-Ray.*
24) Stadieneinteilung nach Astler-Coller: A: Tumor auf die Mucosa begrenzt; B1 Ausdehnung auf die submucöse Muskelschicht; B2: Ausdehnung auf die Muskelschicht; C1: Lymphknoteninfiltration, Tumor durch die Darmwand begrenzt; C2: Lymphknoteninfiltration, Ausdehnung auf alle Schichten der Darmwand.
25) Unter dem Begriff der „Psora“ gr.: Krätze) bzw. dem „Krätzesiechtum“ subsummierte Hahnemann mehrere juckende Dermatosen, die er allesamt für infektiös hielt (Scabies, verschiedene chronische Ekzeme, Neurodermitis …). Nach Hahnemanns „Psora- Theorie“ ergreift die Psora nach erfolgter Ansteckung eines Menschen (Miasma = Ansteckungsstoff) dessen gesamten Organismus und führt zu einem chronischen
Krankheitszustand. Danach bildet sich ein äußeres Lokal-Symptom (z.B. eine der o.g. Dermatosen), das den vollständigen Ausbruch der latenten chronischen Krankheit vorläufig verhindert und diese somit beschwichtigt. Wird das Lokal-Symptom („Lokal-Übel“) jedoch äußerlich vertrieben oder tritt es von selbst zurück, so können vielfältige Symptome als Ausdruck der zugrundeliegenden, jetzt „manifesten Psora“ (siehe CK 67) entstehen [18, 19]. Wir können die Psora im Sinne Hahnemanns somit als eine chronische Infektionskrankheit verstehen, für deren Erscheinungsformen (abhängig z.B. von der Konstitution, Lebensweise, Gemütsart des Kranken; CK 66 Fußnote, 67, 98) im Bd.1 der CK zahlreiche Beispiele aufgeführt werden.
26) Hahnemann erwähnt in den folgenden Paragraphen immer wieder die drei stellvertretenden Lokalübel der Miasmen (vgl. §§ 197, 199, 203, 204; Anm. 4). Nach Ansicht Spinedis kann in diese Paragraphen ohne weiteres „alles, was als Ausdruck einer inneren Krankheit an die Oberfläche des Körpers kommt“*, mit einbezogen werden.
27) „Hat der sogenannte Mutterkrebs einen andern Ursprung als jenes (Psora-)Siechthum?“ „Haben wohl die verschiedenen Abarten von … Brustkrebse einen anderen Grund als dieses Psora-Siechthum?“ (Hahnemann, CK 84, 86; vgl. auch CK 9,17,20, 72, 99 Fußnote).
28) Hahnemann selbst spricht in diesem Zusammenhang (Vertreibung eines Lokalsymptoms) nicht von „Unterdrückung“ bzw. „Zurückdrängen der Krankheit nach innen“, sondern von Metaschematismus (Klunker,
1991. 93; vgl. Anm. 6).
29) Heute sind eine Vielzahl weiterer ätiologischer Faktoren bekannt, z.B. energiereiche Strahlung, chemische Karzinogene (z.B. Nitrosamine, Mykotoxine, Arsen, Asbest, Teer), onkogene Viren u.v.m.
30) Die Bedeutung der Miasmen für die Symptom- und Mittelwahl wird unter heutigen Homöopathen kontrovers diskutiert [18]. Aber davon abgesehen hat die praktische Erfahrung immer wieder gezeigt, daß beispielsweise  Sulf. als sog. „antipsorische“ Arznei oderThuj. als „antisykotisches“ Mittel häufig Körperzustände beseitigen, die  der Heilungswirkung anderer Arzneien im Wege stehen. Hahnemanns Theorie der Miasmen trägt daher m.E. dazu bei, Heilungshindernisse in der Behandlung chronischer Krankheiten zu erkennen und zu korrigieren.
31) Die Diagnose eines Magen-Karzinoms war durch „spezielle mikroskopische und chemische Untersuchungen eines Spezialisten“ gestellt worden (mikroskopische Untersuchungen mit entsprechender Anfärbung gehörten zu dieser Zeit, um 1905, schon zum medizinischen Repertoire).
32) Zur Dosierung: Aufgrund anderer Fälle Carletons kann man davon ausgehen, daß Mittel ohne genaue Dosierungsangabe häufig gegeben wurden. Daher wurde nach Nennung der betreffenden Mittel (Beil., Lyc,
Carb-v.) in den Übersetzungstext der Zusatz „häufige Gabe“ eingefügt.
33) Oder wie Burnett sagt: „Gleicherweise bin ich der Meinung, daß derjenige Arzt, der sich daran macht, Tumoren mit Hilfe von Arznei mitteln zu heilen, der Menschheit und der Medizin mehr dient als jener, der nur davon redet“ (Burnett, 1991-a. 13).
34) Burnett, 1991-b. 14; 1991-a. 12 (Zitat vom Verfasser übersetzt).

Literatur

[1] Allen H C: Leitsymptome der homöopathischen Materia Medica. Hrsg. von M. Freiherr v. Ungern-Sternberg,
A. Grimm. 3. Aufl., Göttingen: Burgdorf, 1992, S. 397, 398.
[2] von Bönninghausen C: Die Aphorismen des Hippokrates. Nachdr., Göttingen: Burgdorf, 1979 (11863, Leipzig) [AHP].
[3] von Bönninghausen C: Die Homöopathie. Nachdr., Göttingen, 1979 (11834, Münster) [HOM].
[4] Barthel H: Homöopathie – Der Erfolg gibt Recht. Schäftlarn: Barthel & Barthel, 1996, S. 22ff.
[5] Burnett JC: Tumoren der Brust. Übers, von H. Pscheidl. 1. Aufl., München: Müller & Steinicke, 1991-a
(11888, London, ‚Tumors of the breast‘).
[6] Burnett JC: Die Heilbarkeit von Tumoren durch Arzneimittel. Übers, von G. Risch. 2. Aufl., München: Müller & Steinicke, 1991-b (11893, London, ‚Curability of Tumors‘).
[7] Carleton E: Homoeopathy in Medicine an Surgery. Reptint Edition, New Delhi: B. Jain Publishers, 1996,
S. 293-298 (11913, Flushing, U.S.) (Text vom Verfasser gekürzt und übersetzt).
[8] Clarke J H: Der Neue Clarke. Übers, von P. Vint. Bielefeld: Silvia Stefanovic, 1990.
[9] Clarke J H: Die Heilung von Tumoren durch Arzneimittel. Übers, von G. Risch. 1. Aufl., München: Müller &
Steinicke, 1991 (11908, London, ‚Cure of Tumors‘).
[10] Diamantidis S, Hadjikostas C: Comparative Clinical Study Of Parallel Allopathie And Homoeopathic Treatment To Allopathie Treatment In Cancer Of The Large Intestine (Kongreß). Zypern, 1987.
[11] Fortier-Bernoville M: Die homöopathische Behandlung von Krebs. Übers, von A. Tippett. 1. Aufl., München:
Müller & Steinicke, 1996, S. 128, 153 (aus: ‚General Review Of The Present Hom. Treatment Of Cancer‘, Übers, von S.A. Klein. Hom. Rec. 1937; 52: 5, 54-56) (engl. Übers, des 1933 in ,L’Homoeopathie Moderne‘ erschienenen Artikels von Fortier-Bernoville).
[12] Grimmer AH: The Collected Works of Arthur Hill Grimmer M.D. Hrsg. von A.N. Currim. Greifenberg: EOS, 1996.
[13] Hahnemann S: Die chronischen Krankheiten, Band 1. Heidelberg: Karl F. Haug, 1995 (11828, Dresden) [CK].
[14] Hahnemann S: Organon der Heilkunst. Hrsg. von J.M. Schmidt. Standardausgabe der 6. Aufl., Heidelberg:
Karl F. Haug, 1992 (11842, Paris) [ORG].
[15] Jahr G H G: Therapeutic Guide. Hrsg. von F.E. Boericke. Philadelphia: 1896, S. 98.
[16] Jones E G: Cancer, It’s Causes, Symptoms and Treatment. New York: 1911.
[17] KentJT: Kent’s Arzneimittelbilder. 5. Aufl., Heidelberg: Karl F. Haug, 1985 (11905), S. 765.
[18] Klunker W: Die Behandlung der chronischen Krankheiten in der Praxis nach Hahnemanns Lehre. ZKH 1988; 32: 135-145.
[19] Klunker W: Die chronischen Krankheiten, Band 1 {Hahnemann S), Zur Einführung. Heidelberg: Karl F. Haug, 1995 (11988).
[20] Klunker W: Zum Begriff der Unterdrückung in der Homöopathie. ZKH 1991; 35: 91-96.
[21] Künzli von Fimelsberg J: Persönliche Mitteilung an D. Spinedi.
[22] Mezger J: Gesichtete Homöopathische Arzneimittellehre, Band 2.10. Aufl., Heidelberg: Karl F. Haug, 1993 (11951), S. 1458.
[23] Peterman H L: Cases. Hom. Rec. 1905; 20: 118 (Zitat vom Verfasser übersetzt).
[24] Schlegel E: Die Krebskrankheit, Ihre Natur und Ihre Heilmittel. 2. Aufl., Stuttgart: Hippokrates, 1927.
[25] Spinedi D: Heilung eines Basalioms an der Wange. 48. Kongreß der Liga Medicorum Homoeopathica Internationalis (LMHI), Wien 1993.
[26] Spinedi D: Persönliche Mitteilung.
[27] Stephenson J: Homöopathische Krebsbehandlung. Übers, von J. Künzli von Fimelsberg. ZKH 1959; 3: 274.

Erschienen in der Zeitschrift für klassische Homöopathie, Haug Verlag:

 

pdf symbolDie Homöopathische Krebsbehandlung (2)

K1024_2011 Praxis 010

Krebsbehandlung 3

Die milde Macht ist groß. Constantin Hering

Die homöopathische Krebsbehandlung (Teil 3)

Übersichtsarbeit auf der Basis des Seminars „Die Krebsbehandlung in der Homöopathie“ vom Juni 1997 in Bad Imnau mit Dario Spinedi
CR . Klinkenberg
K1024_IMG_0867

Zusammenfassung

Dem manifesten Krebs geht in der Regel ein präkanzeröses Stadium voraus. Dieses sollte frühzeitig erkannt und behandelt werden. Die Zeichen des präkanzerösen Stadiums und die wichtigsten krebsbegünstigenden Faktoren werden dargelegt. In vielen Fällen verschwinden die präkanzerösen Symptome, sobald sich der Tumor entwickelt; im Verlauf der Heilung können sie wieder auftreten. Die erneute „Unterdrückung “ eines früher bereits unsachgemäß behandelten Symptoms kann gravierende Folgen haben. Schließlich wird gezeigt, daß sich eine langjährige homöopathische Behandlung als besonders effektive Krebsprävention erwiesen hat.

Den kompletten Text als Download, aus der Zeitschrift für klassische Homöopathie, Haug Verlag:

pdf symbolDie Homöopathische Krebsbehandlung (3)

 

Leitlinien zur homöopathischen Krebsbehandlung

Zeitschrift für klassische Homöopathie 6/1999 Band 43

Leitlinien zur homöopathischen Krebsbehandlung

Von Dr. med. Carl Rudolf Klinkenberg, 1. Preisträger des Emil-Schlegel-Preises des Landesverbandes Baden-Württemberg des DZVHÄ.

Zusammenfassung

Die Besonderheiten der Krebserkrankung haben dazu geführt, dass viele homöopathische Ärzte im Verlauf ihrer praktischen Tätigkeit ihre Behandlungsmethoden bei Krebs modifiziert haben. Anhand der homöopathischen Literatur des 19. Und 20. Jahrhunderts werden die verschiedenen Methoden der Arzneiwahl und Dosologie bei Krebs besprochen. Die unterschiedlichen Behandlungsansätze und ihre gemeinsamen Tendenzen werden herausgearbeitet. Hierzu gehören die relativ häufigen Arzneigaben, die guten Erfahrungen mit Hoch und Q-Potenzen und die Gabe von Nosoden. Die wesentlichen Verlaufsparameter werden aufgezeigt und wichtige Aspekte der Verlaufsbeurteilung und Folgemittelverschreibung ausgeführt. Es wird auf die Verwendung von Zwischenmitteln, adjuvanten Arzneien und Drainagemitteln eingegangen. Schließlich werden Heilungshindernisse, die Bedeutung von Ernährung und psychologischer Betreuung der Patienten verdeutlicht.

Schlüsselwörter

Homöopathische Krebsbehandlung, Arzneiwahl, Dosologie, Verlaufsparameter, Folgemittel, Zwischenmittel, Drainagemittel, Ernährung, Heilungshindernisse, psychologische Betreuung.

Abstract

The special features of carcinosis have lead to the fact, that many homeopathic physicians have modified their methods of treatment in the case of cancer during the course of their medical practice. With the homeopathic literature of the 19th and 20th Century the different methods of the choice of drugs and dosiology in the case of Cancer are discussed.The different approaches for treatment and their common tendencies are worked out. This includes the relatively frequent administration of drugs, the good experience with high-potencies and Q-potencies as well as the administration of nosodes. The essential parameters of the course are shown and important aspects of the assessment of the course and the prescription of consecutive remedies are explained. We consider the use of intermediate remedies, adjuvant drugs and drainage remedies. Finally the healing obstacles, the importance of nutrition and of psychological care of the patient are made clear.

Keywords

Homeopathic treatment of cancer, choice of drugs, dosiology, parameters of the course, consecutive remedies, intermediate remedies, drainage remedies, nutrition, healing obstacles, psychoiogical care.

Einleitung

Heute widmen sich homöopathische Ärzte wiederzunehmend der Behandlung von Krebsleiden. In der homöopathischen Literatur finden sich eine Reihe von Abhandlungen und Fallberichte, die zusammengenommen sehr instruktiv sind. Auch in jüngerer Zeit erschienen einzelne Arbeiten, deren Aufarbeitung lohnenswert ist. Ziel dieser Arbeit ist es, anhand der vorliegenden Veröffentlichungen einen systematischen, praxisorientierten Überblick über die verschiedenen Methoden der Arzneiwahl und Dosierung sowie andere wesentliche Aspekte der homöopathischen Krebsbehandlung zu geben. Der Verfasser bezieht sich in erster Linie auf die Behandlung bösartiger Neubildungen, wenngleich die dargestellten Prinzipien auch auf Tumoren im allgemeinen anwendbar sind. Die Krebserkrankung weist im Vergleich zu anderen chronischen Krankheiten einige Besonderheiten auf:

  • Das unkoordinierte, verselbstständigte Tumorwachstum führt über vielfältige Mechanismen zu einer Schwächung der Immunabwehr und des Gesamtorganismus.1′
  • Besonders im fortgeschrittenen Stadium kann ein Mangel an charakteristischen Symptomen bzw. eine Einseitigkeit vorliegen.2′
  • Unbehandelt führt die Krebserkrankung fast immer schnell zum Tode. Die Behandlung steht unter Zeitdruck.

Diese Besonderheiten haben schon im 19. Jahrhundert dazu geführt, dass krebserfahrene Homöopathen ihre Behandlungsweise modifiziert haben. „Ich habe keine … fertige .Heilmethode‘ anzubieten,“ schreibt John H. Clarke,„es ist eine Arbeit, die verlangt, alle Möglichkeiten der Beobachtung auszuschöpfen.“3′ Zuerst sollen die Kriterien für die Arzneiwahl dargestellt werden. Folgende Methoden, die kombiniert werden können, sind zu unterscheiden: Die Arzneiwahl nach der Totalität der Symptome, die Arzneiwahl unter Berücksichtigung der sog. Krebsarzneien, die Gabe von Nosoden, die Arzneiwahl unter Berücksichtigung ätiologischer Hinweise und andere Methoden, z.B. die Gabe von isopathischen Krebsnosoden.4′ 

Die Arzneiwahl nach der Totalität der Symptome

Die gegenwärtige Symptomatik des Patienten ist maßgeblich. Alle Symptome, die in einem zeitlichen Zusammenhang mit der Entwicklung der Krebserkrankung stehen, insbesondere die zuletzt aufgetretenen Symptome, werden für die Arzneiwahl herangezogen.5» Hierzu gehören die begleitenden Beschwerden wie Schweiße, Art des Schlafes, Durst und noch bestehende präkanzeröse Symptome, z.B. Obstipation, Fissuren oder Warzen.6′ Die Bedeutung der lokalen Tumorsymptome, vor allem die Empfindungen und Modalitäten der Schmerzen, die Lokalisation und Art des Tumors, wurde in einer früheren Arbeit erläutert.7′ Eine Arzneiwahl, die sich auf die Totalität der Symptome stützt, ist vom präkanzerösen Stadium bis zum Frühstadium eines Karzinoms besonders erfolgversprechend.8» Jedoch ist sie offenbar in den wenigsten fortgeschrittenen Fällen geeignet, eine Heilung zu bewirken. Der in der Krebsbehandlung erfahrene J. Compton Burnett hebt es sogar als Seltenheit hervor, wenn eine Tumorheilung „alleinaufgrund der Symptome“ gelingt und schreibt: „Ist es nicht an der Zeit, unsere Definition von Homöopathie in Bezug auf die Arzneiwahl zu erweitern, eine Arzneiwahl, die allein auf die Totalität der Symptome … gegründet ist zu verlassen und stattdessen alle Hilfen zuzulassen, die zur richtigen Arzneiwahl führen können?“9′ A.U. Ramakrishnan, der 1996 die Ergebnisse von über 3000 behandelten Krebsfällen präsentierte [68, 69], konstatiert, dass die alleinige „konstitutionelle“ Behandlung sehr schlechte Ergebnisse zeigt.10′ Die Gründe hierfür werden vorrangig in der Symptomarmut bei austherapierten Patienten und in der Nichtbeachtung des Wirkungsbereichs der Arzneien gesucht.11′ Aber das entscheidende Problem liegt möglicherweise in den oben genannten, häufig übersehenen Besonderheiten der Krebserkrankung selbst! An diesem Punkt stellt sich die Frage: Nach welchen weiteren Kriterien kann die Arzneiwahl bei Krebs getroffen werden?

Die Arzneiwahl unter Berücksichtigung der Krebsarzneien

Mit dem Fortschreiten der Krebserkrankung kommt den sog. Krebsarzneien eine wachsende Bedeutung zu.12′ Spätestens im fortgeschrittenen Stadium sollten diese Arzneien in besonderem Maße berücksichtigt werden. Emil Schlegel empfiehlt, bei deutlichen Hinweisen auf eine bestimmte Krebsarznei diese zunächst als einzige zu geben. Er schreibt: „Hat man Zeit, d.h. bei noch nicht dringenden Krankheitserscheinungen, so kann man hier durch die überragendsten Kuren machen.“13′ Viele Krebsarzneien haben sich bei bestimmten Tumorlokalisationen bewährt. Besonders instruktiv sind die therapeutischen Hinweise von Arthur H. Grimmer, Ramakrishnan und Henry N. Guernsey, auch wenn Hinweise dieser Art nicht zuletzt von den Lebensbedingungen und ätiologischen Faktoren der jeweiligen Patienten abhängig sind.14) Die meisten Krebsarzneien sind in den Krebs und Tumorrubriken der Repertorien aufgeführt. Diese Rubriken können, insbesondere bei fortgeschrittenen Krebsfällen, zur Arzneiwahl herangezogen werden. Im Frühstadium sollten sie nicht als Ausschlussrubriken, sondern zur Kontrolle nach bereits erfolgter Arzneiwahl verwendet werden.15. Wie schon an anderer Stelle diskutiert, wäre es mit Sicherheit ein Fehler, sich ausschließlich auf verifizierte Krebsmittel und -rubriken zu verlassen.16. Ein Mittel, das die charakteristischen Symptome und Modalitäten des Falles abdeckt, aber nicht in der betreffenden Krebsrubrik vertreten ist, muss in die Arzneiwahl miteinbezogen werden. So berichtet Ramakrishnan über die Heilung eines Astrozytoms einer 31-jährigen Patientin durch Aeth. Die Symptome waren: Starke Kopfschmerzen mit Erbrechen und Bewusstseinstrübung, dabei Augen nach unten verdreht; besonders Milchgenuss ruft Erbrechen hervor. Aeth. C30 wurde in wiederholten Dosen bis zur XM gesteigert. Ramakrishnan berichtet, er habe weder vorher noch später Aeth. bei einem Tumor gegeben.17′ Zu den Krebsarzneien zählen auch die sog. organ-spezifischen Arzneien, von denen die meisten nicht gründlich geprüft wurden und die daher vorwiegend nach empirischen Indikationen gegeben werden wie Cholesterinum (Leberkrebs), Ornithogalum umbellatum (Magenkrebs), Sedum repens (Darmkrebs), Ceanothus americanus (Milztumoren), Hecla lava (Osteosarkom), Galium aparine, Lapis albus usw. 

Die Arzneiwahl unter Berücksichtigung ätiologischer Hinweise

Die relevanten ätiologischen Faktoren und deren Einbezug in die Arzneiwahl wurden in früheren Arbeiten ausführlich dargestellt.18′ Die wichtigsten seien noch einmal genannt: Frühere, schwere Erkrankungen des Patienten; eine Verletzung; ein psychisches Trauma; schwere Erkrankungen in der Familie, v.a. Krebs oder Tuberkulose; belastende Faktoren wie Impfungen oder Intoxikationen. Besonders Clarke und Burnett stützen sich häufig auf diese Methode der Arzneifindung. Letzterer schreibt: „Mein eigenes Vorgehen bei schwierigen, scheinbar hoffnungslosen Fällen besteht darin, mich fest auf einen bestimmten Punkt zu stützen, der als vernünftiger therapeutischer Ausgangspunkt für die Heilkur dient … Dieses Vorgehen …, sich auf irgendein hilfreich erscheinendes Mittel zu stützen, ist zumindest eine Basis für weitere Überlegungen.“19′ Unter dem „Ausgangspunkt“ sind die ätiologischen Faktoren zu verstehen.  

Beispiele zur Arzneiwahl

Durch die Kombination unterschiedlicher Methoden kann der Krebs von verschiedenen Seiten angegangen werden. Im folgenden soll ein Eindruck von möglichen Vorgehensweisen vermittelt werden: Burnett, der zahlreiche Tumorfälle geheilt hat [13, 14], führt nur in wenigen Kasuistiken die wahlanzeigenden Symptome auf. Zur Heilung eines großen Brusttumors bei einer 44-jährigen, die sich 1888 bei ihm vorgestellt hatte, schreibt er: „Meine Vorstellung von den Arzneiwirkungen ist folgende: Zuerst heilte das Tub. die von der Mutter stammende tuberkulöse Anlage; das Nat-m. antidotierte die langanhaltende Wirkung von Chinin; die Fragaria vesca wirkte auf die weibliche Brust als sanftes Stimulans und rüttelte ihre Lebensgeister ein wenig wach; Sil., Puls, und Hydr. sind … Arzneien, die als maßgebliche Polychreste bezeichnet werden können.“20, Schlegel, der 40 Jahre später den Begriff der spezifischen Krebsmittel prägte, beschreibt seine Vorgehensweise wie folgt: „Die Mittel der ersten Kategorie, welche … der gegenwärtigen Lage entsprechen, können in öfteren Gaben etwa zweimal täglich in dritter, sechster oder zwölfter, auch 30. Potenz eine Zeitlang verabreicht werden, etwa ein bis … drei Wochen je nach Wirkung… Dann tritt möglichst eine Beobachtungszeit ohne Arznei ein. Die Arzneien der zweiten Kategorie, welche auf ermittelte ältere Krankheitserscheinungen oder Anlagen zurückgehen, … werden in 30. oder in höherer Potenz [an einem sonst arzneifreien Tag] gegeben. Sie sollen … etwa vier bis sieben Tage und  länger nachwirken können. Hierher gehören auch … Tub., Med. und andere.“21, „Auch wenn gar keine symptomatischen Anhaltspunkte für ein Mittel zu finden wären, könnte man … wenigstens Sil. geben, wovon viele Hebungen beobachtet sind.“ Man kann auch von beiden Seiten… zugleich einzuwirken versuchen, indem man z.B. Ars. nach annähernder Ähnlichkeit und Sil. nach geweblicher Rücksicht nehmen lässt.“22′ „Es ist immer besser zu handeln, als ohne handelnde Teilnahme nur zu beobachten.“ „Fehlen deutliche Symptomhinweise, so sind wenigstens Kachexie erzeugende Mittel zulässig, also … Ars., Chin. und Hydr., auch Cond. Man gibt dann eines von diesen oder auch zwei, wenn es eilt, und überzeugt sich vielleicht doch von einer Prävalenz bei diesem oder jenem… So kann man für mehrere Wochen den Gebrauch eines solchen renommierten Krebsmittels‘ verordnen … und man wird Erfolge sehen. Damit ist gewöhnlich eine Verschiebung des Symptombildes verbunden, so dass nachher z.B. Phos, oder Lyc. in Betracht kommen.“23′ Die Krebsarzneien mit ihrer mehr lokalen Wirkung auf den Tumor werden also im Laufe der Behandlung zunehmend von den tieferwirkenden, antipsorischen Arzneien abgelöst, sobald der Patient aus der größten Gefahr herausgeholt ist. Ramakrishnan zählt zu den heutigen Homöopathen mit großer Erfahrung in der Krebsbehandlung. Er hält es für sehr wirkungsvoll, eine Arznei nicht länger als eine Woche zu geben. Außerdem empfiehlt er die interponierte Gabe von Nosoden. Am häufigsten gibt er Carc. gefolgt von Sein, seltener auch Tub. und Med., wobei er Scir. bei steinharten Tumoren und Carc. bei allen übrigen Tumoren verwendet. Normalerweise wird wöchentlich zwischen einer Krebsarznei und der Nosode gewechselt. Die Arzneien werden nach einem besonderen Verfahren zubereitet und mehrmals täglich eingenommen (siehe Kapitel „Dosologie“). Nach vier bis sechs Wochen kann zur nächsthöheren Potenz übergegangen werden. Die Krebsarznei, von Ramakrishnan als „organ-spezifisches“ oder „lokales Mittel“ bezeichnet, wird nach den charakteristischen Symptomen des Tumors ausgewählt. Wenn keine Charakteristika vorhanden sind, auf die eine tumorspezifische Verordnung gegründet werden kann, gibt er Arzneien, die sich nach seiner Erfahrung bei der betreffenden Tumorlokalisation bewährt haben. In hoffnungslosen Fällen verordnet er – sich bei Hahnemann entschuldigend – bis zu drei Arzneien gleichzeitig.24, Erst wenn eine Stabilisierung erreicht ist, wird das Krebsmittel allmählich zugunsten eines chronischen Mittels verlassen. Dieses wird ebenfalls wöchentlich mit der Nosode gewechselt. Die Nosode wird schließlich abgesetzt und das Krebsmittel bei Bedarf weitergegeben. Ist das Krebsgeschehen unter Kontrolle gebracht, egal, ob durch eine homöopathische oder konventionelle Behandlung, behandelt er den Patienten nach der Allgemeinsymptomatik weiter. Das Vorgehen bei Patienten, die sich einer Operation unterziehen, wurde in einer früheren Arbeit besprochen.28*

Arzneiwahl bei vorbehandelten Patienten

Bei vorbehandelten Patienten ist folgendes zu beachten: Symptome, die durch die Operation ausgelöscht oder verändert wurden – am häufigsten die lokalen Tumorsymptome mit Modalitäten und Empfindungen – können in die Arzneiwahl miteinbezogen werden [2,74]. Dies zeigen u.a. die postoperativ behandelten Fälle Horst Bartheis, der unter Verwendung präoperativer Symptome häufig eine der Krebsarzneien wählt.26′ Wie hochwertig diese Symptome zu berücksichtigen sind, muss die Praxis noch zeigen. Bei wenige Wochen oder Monate zuvor operierten Fällen sollten sie höher bewertet werden als Jahre nach der Operation [4]. Sie werden auch dann herangezogen, wenn postoperativ ein Mangel an charakteristischen Symptomen besteht. Dieses Vorgehen ist schlüssig. Durch die plötzliche Entfernung des Endproduktes einer chronischen Krankheit wird die Diathese nicht ausgelöscht. Auch die Beschwerden, die durch konventionelle Therapien induziert werden, sind bei der Arzneiwahl zu berücksichtigen, da jeder Mensch individuell auf therapeutische Stimuli reagiert.27. Während einer Chemotherapie wird die Arznei gegeben, die auch ohne diese Therapie zur Behandlung des Tumorleidens gewählt worden wäre, es sei denn, aufgrund der gegenwärtigen Symptomatik ist ein anderes Mittel indiziert. Nur bei unbefriedigender Wirkung werden auch die Nebenwirkungen der Chemotherapie zur Arzneiwahl herangezogen [74]. Da sich die Arzneiwirkung während einer Chemotherapie schnell verbraucht, sollte die Arznei mindestens einmal täglich wiederholt oder in Q-Potenzen gegeben werden [59].

Häufiger Arzneiwechsel

Es hat sich gezeigt, dass fast immer mehrere Arzneien notwendig sind, um eine Heilung oder Besserung zu erreichen. „Krebs ist eine Kette von Gliedern,… eine Verkettung von Komplexitäten …, und jedes Glied ist ein biologischer Prozess. Und nun will man sich daranmachen, dies alles durch ein Mittel zu ändern? Das ist absolut undenkbar“, stellt Burnett fest.29. Nur selten werden Krebsfälle durch ein einziges Mittel geheilt.30′ Weiterhin fällt in den Kasuistiken, besonders bei Burnett und Clarke auf, dass häufig eine Arznei gewechselt wird, die gerade eine gute Wirkung gezeigt hatte. Burnett behandelte ein 12-jähriges Mädchen mit einem wachsenden, warzenartigen Tumor am Mundboden: „Ich verordnete Thuj. 30 innerlich in seltenen Gaben, und eine Mundspülung mit Thuj.-0… .Weil dies das Gewächs auf die Größe einer Erbse zusammenschrumpfen ließ, wurde die Behandlung unterbrochen. Aber dann biss sie dreimal hintereinander darauf, worauf es wieder zu wachsen begann … Diesmal verordnete ich Sabin., genau wie ich vorher Thuj. Gegeben hatte. Unter Sabin, nahm die Patientin ein gesundes Aussehen an, aber ein Stück des Gewächses blieb noch vorhanden. Da verordnete ich Cupressus lawsoniana …“ Der Tumor verschwindet darunter vollständig. „Nun könnte die Frage gestellt werden: ,Warum sind Sie nicht bei Thuj. geblieben, statt danach Sabin, und dann Cupressus lawsoniana folgen zu lassen?‘ Weil ich aus der praktischen Erfahrung gelernt habe, dass ein Rundumwechsel zu ähnlich wirkenden Mitteln sehr viel schneller zu einer Heilung führt, als wenn man mit demselben Mittel dauernd fortfährt.“31. 

Dosierung und Potenzwahl

Die krebserfahrenen Homöopathen haben immer wieder verschiedene Methoden der Dosierung und Potenzwahl erprobt. Obwohl die Frage der Dosologie bei bösartigen Neubildungen noch weiterer Forschung bedarf, lassen sich in den Kasuistiken Tendenzen erkennen, die im Folgenden dargestellt werden.

Häufige Arzneigaben

Die Arzneien werden – ähnlich wie bei Akutkrankheiten – relativ häufig gegeben. Dies gilt besonders, wenn verifizierte Krebsarzneien verordnet werden. Bereits Clemens v. Bönninghausen schreibt: „Solche Fälle von einseitigen Krankheiten, wobei oft der Körper für die Arzneiwirkungen wenig Empfänglichkeit zeigt und Nebenbeschwerden eben erwünscht sind, waren in der letzten Zeit die Einzigen, wo ich zuweilen etwas stärkere Gaben anwenden musste.“32) Mit den „stärkeren Gaben“ sind bei Bönninghausen häufige Gaben gemeint [10]. Schlegel stellt fest, dass „der Krebs … nur in Ausnahmefällen eine lange Nachwirkung der Mittel zu erfordern oder zu lohnen [scheint], weshalb denn auf dem Wege der orthodoxen Homöopathie mit Hochpotenzen und einzelnen Gaben nicht viel ausgerichtet wird.“33) Edmund Carleton verwendet meist eine C200, die er in Wasser aufgelöst mehrmals täglich einnehmen lässt. Bei einem Uterus-Karzinom z.B. verordnet er Kreos. C200 alle zwei Stunden. Eine bösartige Geschwulst auf der Stirn einer älteren Frau, vermutlich ein Basaliom, behandelt er mit Phos. C200 viermal täglich ein ganzes Jahr lang! Bei Besserung werden die Intervalle sukzessive vergrößert.34. In einigen Fällen beginnt er mit dieser häufigen Arzneigabe und geht bei zunehmender Stabilisierung auf Einzelgaben in Höchstpotenzen über. Auch Arzneien, die er wegen ihrer antipsorischen Wirkung einsetzt, werden in Einzelgaben gegeben.35′ Ramakrishnan ist der Überzeugung, dass die Arzneigaben bei Krebs heute nicht häufig genug wiederholt werden. Nach seiner Erfahrung treten bei den allgemein üblichen Arzneiwiederholungen in größeren Abständen oft Rückfälle auf. Er verwendet ein eigens entwickeltes Dosierungsverfahren, das er „plussing-protocol“ nennt. Dabei wird die Arznei in Wasser aufgelöst auf zehn Gaben verteilt täglich eingenommen.36* Die Methode eigne sich besonders für die C30, die C200 und die M, aber auch für die XM. Durch dieses Verfahren meint Ramakrishnan, seine Resultate gegenüber den Einzelgaben oder wiederholten Einzelgaben enorm verbessert zu haben. Bei Krebspatienten werde keine Prüfungssymptomatik induziert, wie dies normalerweise zu erwarten wäre. Ramakrishnan wendet das „plussing“-Verfahren bei allen Arzneien, auch den Nosoden, und bei allen Krebsfällen an. Im präkanzerösen Stadium oder in der Remissionsphase ist diese häufige und intensive Arzneigabe nicht erforderlich. Hier gibt er eine Einzelgabe des chronischen Mittels in der C30 oder C200 einmal pro Woche oder in zwei Wochen, später einmal im Monat oder alle zwei Monate.37′ Anne Clover, eine zeitgenössische Homöopathin, verordnet initial eine C30 oder C200 dreimal täglich. Die Patienten werden angeleitet, bei Besserung die Einnahme auszusetzen, bei Stagnation oder Rückkehr der Beschwerden wieder einzusetzen, so dass die Intervalle der Arzneigaben individuell durch den Patienten gesteuert werden.38′ James T. Kent hat vielleicht deshalb der Krebserkrankung eine so aussichtslose Prognose gegeben, weil er in gewohnter Weise Hochpotenzen in seltenen Gaben verordnete.39′ Möglicherweise müssen wir heute davon ausgehen, dass viele homöopathische Krebsbehandlungen an der zu seltenen Arzneigabe scheitern. Wie in allen Bereichen der Medizin gibt es auch zur Gabenhäufigkeit bei Krebs gegenteilige Auffassungen. So lehnt William E.Jackson, der bei Krebsfällen vorwiegend tiefe Potenzen verwendet, häufige Arzneiwiederholungen ab.40) Selten kann bei bösartigen Tumoren durch eine einzige Arzneigabe eine langanhaltende Wirkung erzielt werden.41′ Auch scheinen bei langsam wachsenden Tumoren wie dem Basaliom Einzelgaben vertretbar zu sein, wie Fälle von Carleton und Dario Spinedi zeigen. Beide verwendeten Hochpotenzen. Carleton wiederholte die Arznei alle zwei Monate oder bei einem Stillstand der Besserung; Spinedi wiederholte nur dann, wenn ein Stillstand im Rückgang des Basalioms festzustellen war.42′ 

Gute Ergebnisse mit Hochpotenzen 43,

Die Frage der Potenzwahl wird wie in anderen Bereichen der Homöopathie kontrovers diskutiert. Vereinfacht lassen sich drei Gruppen von Homöopathen unterscheiden, die Übergänge sind fließend: Eine erste Gruppe verwendet bei Krebs nur niedrige und mittlere Potenzen. Einige dieser Homöopathen meinen, durch hohe Potenzen zu starke Verschlimmerungen auszulösen. Jackson zum Beispiel behandelt Krebspatienten gewöhnlich mit Potenzen zwischen der C3 und C6, gelegentlich auch C12 bis C18. Er schreibt, dass hohe Potenzen „zuviel Reaktion verursachen“ [79]. Andere Homöopathen versuchen einen Mittelweg und beginnen meist mit Potenzen um die C30. Grimmer z.B., der in über 50-jähriger Praxis mehrere tausend Krebspatienten behandelte, schreibt: „Wenn wir die Potenz zu Beginn zu hoch wählen und speziell, wenn die Fälle im fortgeschrittenen Stadium sind, so verursachen wir… unnötige Leiden, ja rufen vielleicht eine solche Verschlimmerung hervor, dass wir ihrer nicht mehr Meister werden …“44) Grimmer beginnt gewöhnlich mit der C30, geht dann auf die XM und noch höhere  Potenzen über. Bei fortgeschrittenen Fällen verordnet er niedrige und mittlere Potenzen wie D6 bis D30.45) Eine dritte Gruppe Homöopathen wie Carleton und in heutiger Zeit Barthel, Ramakrishnan und Cremonini geben fast ausschließlich Hoch- und Höchstpotenzen. Barthel schreibt: „Die Behandlung meiner dargestellten … Malignome widerspricht der Hypothese, dass bei bösartigen Prozessen keine Hochpotenzen angewendet werden dürfen.“46. Der argentinische Homöopath Cesar L. Cremonini verordnet bei Krebsfällen mit ausgeprägter Schwäche und schlechtem Allgemeinzustand wiederholte Gaben von Hochpotenzen. Er gibt zum Beispiel die XM aufgelöst zehn Tropfen alle zwölf Stunden. Bei einem Patienten mit Hirntumor wird diese Dosierung 15 Tage lang fortgeführt. Mit dieser Methode konnte Cremonini in den letzten Jahren in allen Fällen bessere Resultate erzielen als mit wiederholten Gaben niedriger C-Potenzen oder mit Q-Potenzen. Bei allen Patienten, die mit dieser Methode behandelt wurden, traten starke Ausscheidungsreaktionen wie Diarrhoen, Erbrechen, Eiterungen oder Schweiße auf, die schließlich von einer generellen Besserung begleitet waren.47′ Zum Vorgehen von Carleton und Ramakrishnan siehe das Kapitel „Häufige Arzneigaben“. Einige Homöopathen wie Clarke, Schlegel und Burnett verwenden sowohl hohe als auch tiefe Potenzen. Schlegel gibt meist Potenzen zwischen der 3 und der 30; in vielen Kasuistiken überwiegen wiederholte Gaben einer 30.48, Bei Clarke und Schlegel kann nicht immer nachvollzogen werden, nach welchen Kriterien die Potenzstufe gewählt wurde. Wahrscheinlich wurde mit tieferen Potenzen eine mehr organotrope Wirkung auf die lokalen Vorgänge beabsichtigt, mit höheren Potenzen eine Wirkung auf die innere Ursache der Erkrankung, auf die auslösenden Faktoren oder die allgemeine Intoxikation beabsichtigt.49. Insgesamt lässt sich feststellen, dass nach organotropen Gesichtspunkten gewählte Krebsarzneien und organspezifische Arzneien häufig in einer tieferen Potenz gegeben werden. Je klarer und umfassender ein Mittel homöopathisch indiziert ist, desto höher wird i.d.R. die Potenz gewählt.50* Die guten Resultate mit Hochpotenzen spiegeln eine statistische Untersuchung wider, die James Stephenson 1959 anhand von 95 Fällen aus der Fachliteratur durchführte. Stephenson fasst die Ergebnisse der Auswertung wie folgt zusammen: „Bei den mit höheren Potenzen [ab C30, AdV] behandelten Fällen verloren alle mehr Krebszeichen als bei den mit niederen Verdünnungen behandelten. …Die mit Hochpotenzen behandelte Gruppe enthält zweimal soviel Fälle mit [schon vorhandenen] Metastasen wie die mit Tiefpotenzen behandelte Gruppe, was uns anzeigt, dass mit der ersteren bessere Resultatetrotz der schlimmeren Bedingungen … erreicht wurden. Ferner sind in der mit Hochpotenzen behandelten Gruppe ein Viertel mehr exklusiv homöopathisch behandelte Kranke.“51′ Dies ist ein wichtiger Hinweis in der Potenzfrage bei Krebs, der durch größere Fallzahlen bestätigt werden müsste. Die Potenzwahl hängt auch von der Arznei oder ihrer Zubereitung ab. Cond. z.B. wirkt in tiefen Potenzen offensichtlich besser als über der C30.52) Cremonini hat gute Resultate mit Carc. XM, weniger gute mit niedrigeren Carc-Zubereitungen, wogegen Lach, in der C200 am besten wirke.53. Die Dosierung und Potenzwahl bei gutartigen Tumoren und im präkanzerösen Stadium unterscheidet sich in der Regel nicht von dem Vorgehen bei anderen chronischen Krankheiten.54*

Q-Potenzen und sog. Schüttelpotenzen

Bei fortgeschrittenen Fällen gibt Spinedi Q-Potenzen meist einmal täglich. Nach seiner Erfahrung führt dies zur schnellen Entwicklung von Symptomen, die auf das Folgemittel hinweisen.55′ Die indischen Homöopathen M.L. und P. Agrawal behandelten einen Patienten mit Prostata-Karzinom mit Ign. Q1, Q3 und Q6 mehrmals täglich. Die Arzneien wurden nur bei Beschwerden wie z.B. Harnträufeln gegeben [1]. Barthel verwendet Q-Potenzen, wenn gleichzeitig ein allopathisches Medikament oder ein Mistelpräparat eingenommen wird.56′ Gotthard Behnisch gibt in Fällen, in denen die Arznei zunächst gut wirkt, sich aber schnell wieder verbraucht, eine sog. Schüttelpotenz. Bei Bedarf werden zwei bis fünf Tropfen der hergestellten Lösung eingenommen. Zustände mit einem raschem Auswirken der Arznei finden sich häufig bei fortgeschrittenen und präfinalen Krebsfällen.57′ 

Gabe und Dosierung von Nosoden

Nosoden spielen in der Krebsbehandlung einegroße Rolle.58′ Sie werden meist in hohen Potenzen zwischen die Krebsarzneien oder chronischen Arzneien interponiert. Clarke z.B. gibt Carc. 100 alle zehn Tage und die Krebsarznei täglich; oder er verordnet Thuj. 30 als Pocken-Impfnosode einmal in zehn Tagen oder in ansteigenden Potenzen in der M, XM, CM.59) Ramakrishnan hat in hunderten von manifesten Krebsfällen Carc. gegeben. Er verwendet es meist in der C200 großzügig in allen Stadien der Krankheit und hat bis dato keine unerwünschten Wirkungen beobachtet. Carc. ist nach seiner Erfahrung die wirksamste Nosode bei Krebs überhaupt. Bei Patienten mit hohem Krebsrisiko und Patienten in Remission gibt er es dreimal im Abstand von einem Monat.60*

Verlaufsparameter für den Behandlungserfolg

Während der Behandlung muss der Patient sorgfältig beobachtet werden, damit auch kleine Veränderungen seines Zustandes erfasst werden können. Je nach Tumorstadium sind engmaschige Kontrollen in Abständen von Tagen bis Wochen erforderlich. Homöopatisch behandelte Krebspatienten befinden sich häufig parallel in schulmedizinischer Diagnostik und Behandlung. Die Patienten sind darauf hinzuweisen, dass bei allen neuen Beschwerden und Reaktionen zuerst der Homöopath zu Rate gezogen werden muss! Dies kann bei Heilreaktionen wie Fieber – auch während einer Chemotherapie – von Bedeutung sein. Dass die Veriaufsbeurteilung nicht einfach ist, bemerkt Schlegel: „Wir können von einzelnen … pathologischen Erscheinungen nicht wissen, ob sie der Befestigung oder dem Abbau des Lebens dienen. Selbst… Vorgänge wie Schmerz oder Fieber haben ihre teleologische, ihre das Leben konservierende Seite … [Es] kann leicht geschehen, dass ein lebhafterer Fluss in die sich abspielenden Ereignisse kommt und … die erhaltenden Kräfte des Lebens … sich frischer regen und fühlbarer machen im Ablauf der Erscheinungen. Dann geht es der Heilung zu.“61* Die Größe des Tumors ist ein äußerst wichtiger Parameter in der Krebsbehandlung.62* Für die Verlaufsbeurteilung der Tumorgröße ist eine exakte schulmedizinische Diagnostik maßgeblich. Ramakrishnan z.B. lässt bei einer 29-jährigen Patientin mit Stimmbandkarzinom Stadium 1b, die eine Bestrahlung abgelehnt hatte, zur Verlaufskontrolle der homöopathischen Behandlung alle zwei Wochen eine Laryngoskopie und alle vier Wochen ein CT durchführen. Die Diagnostik sollte nebenwirkungsarm und möglichst wenig invasiv sein wie z.B. Ultraschall oder Kernspin-Tomographie.63′ Ein Rückgang der Tumorgröße, auch ein Wachstumsstillstand sind gute Zeichen bei einem Tumor, der zuvor progredient war. Dies gilt grundsätzlich für jede Art von Tumoren. In manchen Fällen bleibt ein beschwerdefreier Resttumor bei gutem Allgemeinzustand über Jahre oder lebenslang stationär. Ob hier von einer Heilung gesprochen werden kann, sei dahingestellt. Immerhin schreibt Schlegel: „Ein Stillstand des Tumors oder ein leichter Rückgang ist oft von praktisch höchstem Wert, zumal bei älteren Leuten. So erwünscht eine volle Heilung wäre, genügen doch oft Stillstand und leichter Rückgang, um das Leben bei relativem Wohlsein zu erhalten.“64* Neben der Größenabnahme sind eine zunehmende Verschieblichkeit oder Weichheit, eine abnehmende Schwellung oder Infiltration um den Tumor prognostisch gute Zeichen. Dazu gehört auch die Normalisierung von tumorbedingten Deformierungen, z.B. der Brustwarze bei Brusttumoren. In einem Fall von Carleton verlagert sich ein Weichteilsarkom im Heilungsverlauf allmählich nach distal.65. Im allgemeinen kann gesagt werden: Solange ein Tumor an Größe abnimmt, hat die Therapie Erfolg; wächst er weiter, dann wurde die falsche Arznei gewählt.

Die Schmerzen sind ein empfindlicher Verlaufsparameter. Der Rückgang der Tumorschmerzen ist gewöhnlich von einer Besserung der Gesamtkrankheit begleitet. Auch eine vorübergehende Zunahme der Schmerzen spricht nicht gegen die gegebene Arznei. So wertet Clarke eine verstärkte Druckempfindlichkeit des Tumors als gutes Zeichen. Nach der Zweitkonsultation einer Patientin mit einem Brusttumor schreibt er: „Der Knoten ist empfindlicher, sie fühlt nun den leichtesten Druck der Kleidung. Allgemeine Gesundheit sehr gut. Die gesteigerte Empfindlichkeit des Tumors zeigte mir, dass das Mittel seine Arbeit tat.“66* Cooper, der Einzelgaben der Urtinktur verordnete, berichtet in einigen Kasuistiken von einer initialen Schmerzzunahme, die einem zum Teil  dramatischen Heilungsverlauf vorangeht. Eine Patientin mit Uterus-Karzinom erhält am 5. Januar 1900 Laur.-0. Am 19. Januar berichtet sie, dass sie „in der ersten Woche Tag und Nacht große Schmerzen gehabt hatte, … aber in der zweiten Woche weniger Schmerzen als in den vergangenen zwei Jahren, und nun fühle sie sich überhaupt nicht mehr krank …“ Cooper hält diesen Fall für ein gutes Beispiel dafür, wie leicht es sei, die heilende Arznei zu verwerfen: „Anstatt die Schmerzen zu lindern, verursachte Laur. in der ersten Woche sehr viel größere Beschwerden…. Hätte ich ihr empfohlen, sie nach drei oder vier statt nach 14 Tagen zu sehen, … [wäre] das richtige Arzneimittel möglicherweise abgesetzt… worden.“67* Auch frühere Schmerzzustände zum Beispiel in Form rheumatischer Schmerzen können unter der Behandlung wiederauftreten. 68*

Die Heilung von Tumoren geht mit einer Verbesserung des Allgemeinzustandes einher. Dies wurde schon an anderer Stelle ausgeführt.69* Clarke berichtet über eine 41-jährige Patientin mit Krebs der rechten Brust, der unter Thuj., Scir., Sil., Carc, Natrium cacodylicum, Phyt. – interponiert mit Scir. – sowie Scrophularia nod. zur äußerlichen Einreibung einer vergrößerten Achsellymphdrüse ausgeheilt wurde. Er schreibt: „Als die Patientin zwei Monate später wieder vorsprach, war der Knoten total verschwunden und die Patientin war von ihrer Diathese geheilt. Es ist eine erstaunliche Besserung ihrer allgemeinen Gesundheit und in ihrem Aussehen festzustellen.“70* Vorübergehende Verschlechterungen des Allgemeinzustandes im Sinne einer Erstverschlimmerung sind selbstverständlich auch bei Krebsfällen möglich. In diesem Zusammenhang sei an folgende Aussage Bönninghausens zur Erstverschlimmerung erinnert: „… Die Zeit des Abwartens [ist] … je nach der Natur und der Dauer der Krankheit äusserst verschieden… Wo in den akutesten Krankheiten … diese Zeit sich nach Minuten abmisst,… da gehen bei chronischen Krankheiten oft ganze Wochen um, ehe die heilbringende Nachwirkung sich zu zeigen beginnt.“71′ Auch darf man sich nicht durch eine Besserung des Allgemeinzustandes bei unverändertem Tumorbefund täuschen lassen. Ramakrishnan bedeutet es nichts, wenn ein Krebspatient sagt, es gehe ihm gut. Er hört mit der Behandlung nicht auf.72*

Ein weiterer Verlaufsparameter ist die Gewichtszunahme. „Die Gewichtskurve … muss als allererstes korrigiert und berücksichtigt werden“, schreibt Maurice Fortier-Bernoville. „Der Patient sollte jede Woche gewogen werden. Nach dieser Kurve wird sich die Wiederholung der konstitutionellen Mittel oder der Nosoden richten… Die Gewichtskurve wird uns sehr schnell die von der Behandlung zu erwartenden Ergebnisse und Hoffnungen mitteilen.“ Besonders bei kachektischen Patienten ist das Gewicht eines der Hauptkriterien für den Behandlungsverlauf. 73* Nach Anton Nebel verbessert sich die Prognose eines Krebspatienten, wenn die Urinausscheidung gesteigert und eine bestehende Obstipation geheilt wird. Auch Clarke hält die Obstipation für einen wichtigen Behandlungsparameter.74′ Den Verlauf der Menses erfragt Clarke vor allem bei Brusttumoren.75* Der Blutdruck sollte kontrolliert werden, da es besonders in fortgeschrittenen Fällen zu einer Schwächung des Herzens mit Hypotonie kommen kann. Ein schwacher Puls sollte im Verlauf stärker werden. Die Augen werden wieder glänzend und bekommen eine bessere Ausstrahlung. Auch die Gesichtsfarbe ändert sich. Eine vorhandene Anämie sollte sich klinisch und laborchemisch bessern. Viele Krebspatienten haben eine belegte Zunge, die bei gutem Verlauf kontinuierlich sauberer wird.76′ Nach Cooper sind vorübergehende Unterschenkelödeme nach Arzneigabe Zeichen einer erhöhten Aktivität der Ausscheidungsorgane. 77* Verschiedene Heilreaktionen können im Behandlungsverlauf auftreten. Schlegel nennt hier Fieber, Erbrechen, Durchfälle, Abszedierung, Erysipel, Ausdünstungen, Schweiße, akute und chronische Katarrhe und Ausschläge. Diese Vorgänge können durch Zwischenmittel abgemildert werden. Schlegel schreibt: „In vielen Fällen verlaufen … diese … Heilreaktionen ganz insensibel und bestehen … nur in zunehmendem Wohlsein, in abnehmenden Erscheinungen und Produkten der Krankheit“.78′ Fieber scheint die Zurückbildung von Krebs v.a. durch Immunstimulation zu begünsten. Bei Auftreten von Fieber sollten nicht ohne Rücksprache Antipyretika oder Antibiotika eingenommen werden.79′ Das Auftreten eines Erysipels oder von erysipel-, Scharlach- oder masernähnlichen Ausschlägen kann eine Heilreaktion sein, wie Schlegel und andere Krebsärzte in mehreren Fällen beobachteten. 80*

Tumoren heilen langsam

Heilungsfälle in wenigen Wochen oder Monaten sind eine seltene Ausnahme. Die meisten Krebsheilungen benötigen mehrere Jahre. Auch bei operativ oder chemotherapeutisch vorbehandelten Patienten braucht es Jahre, bis die Krebsdiathese beseitigt ist. Schon Hahnemann weist darauf hin, dass die „ständigen Lokalübel“ als letzte geheilt werden.81′ Burnett betont, dass viele Krebsfälle geheilt werden können, wenn die arzneiliche Behandlung „lange und ohne Unterbrechung“ erfolgt: „Es ist völlig sinnlos, … Tumoren … heilen zu wollen, es sei denn, Sie verfügen über eine außergewöhnliche Geduld. …Einige frisch entstandene Tumoren [heilen] innerhalb weniger Wochen oder Monate, während andere ebenso viele Jahre benötigen. Allgemein gesagt dauert die Heilung eines Tumors mit Hilfe von Arzneien ebenso lange, wie dieser für sein Wachstum benötigte. Und hierbei darf nicht vergessen werden, dass ein Tumor häufig lange Zeit existierte, bevor er gefunden wird. …Tumoren sind lebende Wucherungen. Sie … müssen auf vitale Weise geheilt werden und für diesen Vorgang ist Zeit nötig, oftmals viel Zeit.“ „Was auf vitalem Wege kommt, muss auch auf vitalem Wege gehen, und das bedeutet: Sanft, schmerzlos und vergleichsweise langsam.“82* Die Erfahrung, dass die Behandlung von Tumoren über lange Zeit durchgeführt werden muss, ist überaus wichtig:

  1. Ein häufiger Fehler in dringenden Fällen ist das zu schnelle Wechseln der Arzneien aus Übereilung oder Ungeduld. 83*
  2. Solange der Tumor bei sonstigem Wohlbefinden stabil bleibt oder langsam an Größe abnimmt, muss der Fall nicht abgegeben werden. Die Behandlung kann ohne Bedenken weitergeführt werden.

Beurteilung der Arzneigabe und Folgemittel

Im Rahmen dieser Arbeit können und sollen nicht alle Verlaufsmöglichkeiten besprochen werden. Es soll sich auf wenige Beispiele aus der Literatur beschränkt werden: „Bei entschiedener Besserung eines Krebsfalles darf man nicht ablassen, weiter zu behandeln, und es wird darin oft durch Nachlässigkeit seitens der Patienten gefehlt. Von Seiten des Arztes dürfen wohl seltener Mittelgaben zur Anwendung kommen und Pausen von vier bis sieben Tagen, wo der Genesende gar nichts nimmt. Jedoch muss die Mittelwahl womöglich noch sorgfältiger sein als anfangs. Dies kann sie auch sein, weil im Verlaufe … manches Symptom … in erwünschter Weise an den Tag kommt …“, schreibt Schlegel.84]

Neue, anhaltende Symptome bedeuten den alten Homöopathen einen Mittelwechsel, selbst wenn der Tumor sich bessert.85* Hierzu ein Fall von Clarke: Er verordnet einer 35-jährigen Patientin mit rechtsseitigem Brusttumor Scir. 100 alle zehn Tage. Darunter verkleinert sich der Knoten der rechten Brust. Aber es kommt zu einer deutlichen Verstärkung der schon zuvor vorhandenen Einziehung der Brustwarzen; die linke Brust ist empfindlicher und leicht knotig. „Offensichtlich hatte Scir. in diesem Fall zu wirken begonnen. Es hatte eine Verkleinerung des Tumors in der rechten Brust … und die Symptome der linken Brust hervorgerufen. Ich sah die bemerkenswerte Einziehung der Brustwarzen als eine Verschlimmerung an.“ Clarke gibt Sars. 30 einmal täglich sowie Scir. 100 alle zehn Tage. Darunter verschwindet der Tumor in zwei Monaten. 86* Es gibt immer wieder Tumorheilungen in erstaunlich kurzer Zeit. Wie lange in solchen Fällen weiter behandelt werden sollte, kann nicht beantwortet werden. In dem bereits erwähnten Fall eines Stimmbandkarzinoms einer 29-jährigen (siehe Kapitel „Verlaufsparameter“), das unter Phos. C200 im Wechsel mit Carc. C200 in acht Wochen ausheilt, gibt Ramakrishnan die Arzneien in unveränderter Dosierung für weitere acht Wochen und schreibt: „Es war eine zu ernste Angelegenheit, als dass ich die übliche Regel, bei einer Besserung aufzuhören, hätte anwenden können.“87*

Folgemittelverwandtschaften

In einer früheren Arbeit wurden die wesentlichen Aspekte der Folgemittelverschreibung bei einseitigen Krankheiten erläutert.88′ Bönninghausen schreibt über die symptomarmen und daher schwierig zu heilenden chronischen Krankheiten: „Daher habe ich es oft auch sehr vorteilhaft gefunden, … gleich von vorn herein unter den anzuwendenden Heilmitteln eine solche Ordnung zu treffen, dass – (wenn nicht etwa später auftretende Symptome Abänderungen nöthig machten) – jedesmal nur verwandte Arzneien, und zwar am besten solche, wovon die eine dem Hauptleiden, die andere den Nebenbeschwerden mehr entsprach, auf einander folgten.“89* Die Praxis muss zeigen, ob die Arzneiverwandtschaften der chronischen Krankheiten auch für die z.T. rasch progredienten Krebsleiden anwendbar sind. Bei einem Fall von Zungenkarzinom einer 62-jährigen, das unter Puls, im Wechsel mit Visc. mäßige Fortschritte zeigt (Geschwür etwas besser), lässt Ramakrishnan drei Monate nach Behandlungsbeginn Thuj. mit der Begründung folgen, es sei das chronische Mittel zu Puls. Das karzinomatöse Geschwür und die Leukoplakien heilen unter Thuj. im monatlichen Wechsel mit Visc. vollständig ab. Er stellt fest, dass Thuj. auf der Besserung durch Puls, aufbaut. 90* Barthel wendet die Arzneiverwandtschaften bei der Nachbehandlung von Krebsfällen in vielen Kasuistiken mit Erfolg an. 91* Möglicherweise lassen sich bei Krebsleiden andere Arzneiverwandtschaften oder Gesetzmäßigkeiten unter den Arzneien feststellen. Hierzu ein interessanter Fall von Clarke, der in kurzer Zeit durch eine Folge von Arzneien geheilt werden konnte. Es handelt sich um eine Frau kurz vor der Menopause mit einem Tumor der linken Brust. Konsultation am 7. Mai 1894: Schmerzen im Inneren der Brust, ein Knoten von der Größe einer grünen Bohne ist unter der Mamille tastbar, linke Axilla geschwollen; war nie sehr kräftig gewesen; vor acht Jahren und erneut drei Jahre später Entfernung von Hämorrhoiden; zwei- oder dreimal geimpft; Obstipation, Stühle hell; Einschlafprobleme. Clarke schreibt: „Da ich die Patientin mehrere Wochen nicht sehen würde, gab ich ihr eine Serie von Mitteln mit. Jedes … sollte sie dreimal täglich eine Woche lang nehmen und zwar in der …Reihenfolge: 1) Con. 30. 2) Phyt. 30. 3) Lyc. 30. 4) Sil. 30.“ Konsultation am 20. Juni: Fühlt sich „sehr viel besser und kräftiger… Der Darm arbeite besser… Der Knoten konnte immer noch gefühlt werden, aber er war beweglicher. Der Schmerz war verschwunden und die Achseldrüse konnte kaum bemerkt werden. …Nun wurde eine neue Serie verschrieben … : 1) Con. 30. 2) Sil. 30. 3) Thuj. 30. 4) Phyt. 30. Konsultation am 19. Juli: [Der] Knoten … kann kaum gefühlt werden… .Sie hatte noch nie eine Medizin, die ihr so gut tat… Wiederholung des Rezepts.“ Der Knoten verschwand vollständig, wie Clarke 13 Jahre später von der Patientin erfuhr.92*

Zwischenmittel bei akuten Krankheiten

Die Zwischengabe von Arzneien kann erforderlich werden, wenn sporadische oder epidemische Akutkrankheiten auftreten. Wenn z.B.im Behandlungsverlauf eine akute Bronchitis auftritt, sollte diese genau repertorisiert und eine möglichst passende Arznei gewählt werden. Häufig ist das Mittel für die Akutkrankheit das für den Gesamtzustand angezeigte Mittel und führt zu einer Besserung des ganzen Falles.93* Somit weist die akute Erkrankung auf die aktuell angezeigte Krebsarznei hin! Hierzu ein Fall von Burnett: Während der Behandlung einer 35-jährigen Frau mit Uterus-Karzinom tritt am 29.9.1882 eine Erkältung und ein „schlimmer Husten“ auf. „Der Husten ist sehr quälend. … Dulc. D1. 9.11.1882: Immer noch etwas Husten, der, wie sie glaubt, vom Magen kommt. Der Tumor ist kleiner.“94* Außerdem wurde immer wieder beobachtet, dass nach Gabe eines wirksamen Zwischenmittels bei Schmerzen die chronische Arznei wieder eine bessere Wirkung zeigte [74]. Deswegen schreibt Schlegel über die Zwischenmittel und die Forderung Hahnemanns und besonders Kents, nach Gabe eines chronischen Mittels solange keine neue Arznei anzuwenden, bis die erste ausgewirkt habe: „Man muss sich fragen, ob jene orthodoxen Vorschriften noch ihre volle Geltung behalten, wenn es möglich und erfolgreich ist, durch … oberflächlicher wirkende Arzneien das von ihnen begründete Werk glücklich weiter zu führen.“95* Barthel berücksichtigt die Arzneiverwandtschaften auch bei der Behandlung akuter Zwischenkrankheiten. So verordnet er für die akute Bronchitis eines mit Sulf. behandelten Krebspatienten Puls, und schreibt: „Puls, als Ergänzungsmittel zu Sulf. unterbricht dessen Wirkung nicht, sondern ergänzt sie.“ Eine gute Wirkung des Zwischenmittels wiederum dient ihm als indirekte Bestätigung des laufenden chronischen Mittels.96*

Zwischenmittel und adjuvante Mittel

Die Exazerbation von Schmerzen kann die Gabe von Zwischenmitteln, unter Umständen auch die Gabe von mehreren Arzneien gleichzeitig erfordern. Auch bei Blutungen, Ulzerationen oder Folgezuständen nach Operation, Bestrahlung, Blutverlust usw. sind gegebenenfalls homöopathische Arzneien erforderlich. In den Kasuistiken von Krebsspezialisten wie Schlegel finden sich daher immer wieder Arzneien wie Beil., Bry. oder China in den Mittelfolgen. Im Folgenden sollen einige Zustände, die Zwischenmittel oder adjuvante Mittel erforderlich machen, aufgeführt werden. Die Arzneien sind selbstverständlich nach der individuellen Symptomatik zu wählen. Einige der Arzneien, die sich bewährt haben, werden beispielhaft genannt: Bei Schmerzen: Arn., Aur-m-n., Beil., Cham., Eup-per., Euph., Nit-ac, Rhod., Ox-ac.97, Bei maligner Ulzeration: Ars-L, Aster., Hep. 98* Bei Blutungen, z.B. Blutung bei einem Blasen- Karzinom: Mill.; Blutung eines Krebsgeschwürs: Sang., lokal Harn. 99* Bei Zuständen nach Flüssigkeitsverlust (langwierige Blutungen, Diarrhoen usw.): Chin. Bei postoperativen Beschwerden: Arn., Bell-p., Hyper. Während oder nach Bestrahlung oder Radiumtherapie: Cadm-m., Cadm-i, Fl-ac, Phos., Sil.100*; Canth., Rad-br., X-ray.101* Bei ausgeprägter Hypotension infolge Herzschwäche empfiehlt Nebel adjuvante Arzneien wie Adonis vernalis, Convallaria majalis, Moschus und besonders Strychninum.102* Zur Palliation bei Komplikationen in fortgeschrittenen Krebsfällen: Acon., Ars., Ars-br., Kaliumsalze, Lyc, Mag-p., Op., Rad-br.103* Grimmer schreibt, dass bei fortgeschrittenen Fällen mit Schädigung lebenswichtiger Organe palliative statt kurative Arzneien gegeben werden sollten. Manchmal könne das Simillimum in niedriger Potenz als ein Palliativum wirken. 104* 

Drainagemittel

Tumorstoffwechsel- und -Zerfallsprodukte mit toxischen Eigenschaften belasten den Organismus. Die Ausscheidung toxischer Substanzen kann durch ausleitende Mittel, sog. Drainagemittel angeregt werden. Nebel, der die Drainagemittel in die Krebsbehandlung einführte, unterscheidet Drainagemittel im allgemeinen und im engeren Sinne. Unter den erstgenannten versteht er jede gut gewählte chronische Arznei. Deren Einnahme führe häufig zu starken Ausscheidungsreaktionen wie vermehrter Auswurf, Diarrhoe, gesteigerte Urinausscheidung, Ekzem, Schweiße oder Schmerzen in verschiedenen Körperteilen.105* Aber bei geschwächter Vitalität und verminderter Funktion der Ausscheidungsorgane (Niere, Darm, Haut, Leber usw.) wirken die chronischen Arzneien nur noch unvollkommen. Dann sollte, so Nebel, auf die Drainagemittel im engeren Sinne zurückgegriffen werden. Er nennt Arzneien wie Apis, Beil., Bry., Chel., Chin., Con., Cond., Crat., Hydr., Lach., Phyt., Puls., Scrophularia nodosa, Sedum acre, Tarax. Unklar bleibt, nach welchen Kriterien diese Arzneien als Drainagemittel im engeren Sinne definiert werden. Hauptsächlich scheint er die Drainagewirkung aus den Organaffinitäten der Arzneien abzuleiten, Con. (Lymphsystem, Drüsen), Cond. (Magendarmtrakt), Hydr. (Schleimhäute, Magen, Mamma) usw.106′ Auch die Folgemittelverwandtschaften und Antidotwirkungen bezieht Nebel in die Drainagetheorie ein, wenn die betreffenden Arzneien zu Ausscheidungsreaktionen führen. Zum Beispiel bestehen bei einer durch Sulf. aktivierten Tuberkulose ein trockener Husten und Fieber; Puls., das Auswurf induziert und das Fieber senkt, bezeichnet Nebel als Drainagemittel von Sulf.107′ Hier kommt es jedoch zu einer Vermischung der Begriffe Folgemittel, Zwischenmittel und Drainagemittel, die für die Sache wenig hilfreich ist und vom eigentlichen Nutzen der Drainagemittel ablenkt. Die Arzneiverwandtschaften lassen sich keinesfalls allein mit Drainagewirkungen erklären! Für Drainagemittel im engeren Sinne nennt Nebel folgende Indikationen: Fortgeschrittene Tumorfälle, verminderte Vitalität, Kachexie, Herzschwäche, verminderte  Urinausscheidung und hartnäckige Obstipation, trockene, runzlige Haut (behinderte Hautatmung), sehr große Tumoren und Tumoren alter Menschen. Bei großen Tumoren sollten zuerst die toxischen Substanzen ausgeleitet werden, die in Organen wie Leber und Milz gespeichert sind. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass diese Gifte zusammen mit toxischen Tumorsubstanzen unter der Behandlung freigesetzt werden.108* Auf welche Weise können die Drainagemittel bei den genannten Indikationen in der Krebsbehandlung eingesetzt werden? Wegen ihrer vorwiegend lokalen Wirkung werden sie meist in niedrigen Potenzen oder in Urtinktur gegeben. Fortier-Bernoville verordnet Drainagemittel parallel zur laufenden homöopathischen Medikation. Auch im präkanzerösen Stadium versucht er, durch „ausleitende“ Arzneien wie Tarax., Chel. oder Card-m. eine gute Leberfunktion zu erreichen.109′ Drainagemittel können auch als Zwischenmittel nach einer Reihe tiefwirkender Arzneien gegeben werden. So führt Nebel den Erfolg Burnetts in der Krebsbehandlung auf die Zwischengabe von Drainagemitteln zurück.110* Nebel selbst gibt die Drainagemittel zu Beginn einer Behandlung über zwei bis drei Wochen.111* Abschließend sei darauf hingewiesen, dass auch andere, z.B. diätetische Maßnahmen und Ernährung die Ausscheidung toxischer Substanzen fördern.

Ernährung und zusätzliche Maßnahmen

Es gilt heute als gesichert, dass die Ernährung bei der Krebsentstehung eine entscheidende Rolle spielt. Bei 60 % der Krebserkrankungen der Frauen und bei 40 % der Männer ist ein Zusammenhang mit den heute üblichen Ernährungsgewohnheiten feststellbar [24, 25]. Die Ernährung ist auch deshalb so wichtig, weil sie täglich auf den Organismus einwirkt. Hahnemann weist im Organon darauf hin, dass die „die Gesundheit störenden und Krankheit erzeugenden und unterhaltenden Dinge“ vom Arzt erkannt und entfernt werden müssen. 112* Schlegel schreibt zur Bedeutung der Ernährung bei Krebskranken: „Das Kraftmaß [zur Gesundung] muss der erkrankte Organismus selbst aufbringen…. Die Richtung der inneren Kräfte gewinnt er … durch harmakodynamische Einflüsse. Er gewinnt sie auch … durch [die] Ersparnis an dem überhaupt vorhandenen Kräftevorrat. Von diesem wird viel vergeudet durch unzweckmäßige Ernährung, auf welche das Leben einen großen Teil seiner Energien richten muss, um aufzuschließen und zu entgiften.“ „Das homöopathische Prinzip … stützt sich auf die organische Regulierung, ohne die Diät in so fundamentaler Weise zu beachten. Dies sollte aber in Zukunft … mehr geschehen, und es wäre dann zu hoffen, dass ein höherer Satz von Heilungen durch die kombinierten Methoden zu erreichen sei.“113) Grimmer führt dies weiter aus, indem er feststellt: „Abgesehen von der Homöopathie ist die einzige wirkliche Chance und die einzige hilfreiche Maßnahme, die sich als nützlich … erwiesen hat, die Ernährung. Diätetische Maßnahmen sind genauso wichtig wie die Auswahl der passenden Arznei, denn wenn die Ernährungsregeln nicht genau eingehalten werden, wird Ihr homöopathisches Mittel in der Mehrheit der Fälle keine dauerhafte Heilung bewirken können.“ „Der Diätplan vervollständigt die arzneiliche Seite der Behandlung, da beide mit der Blutzusammensetzung des Patienten zusammenhängen. In allen Fällen ist die Blutchemie der allerwichtigste Faktor, den es zu ändern gilt, bevor pathologischen Prozessen Einhalt geboten werden kann … Die Ausscheidung von akkumulierten Krebstoxinen wird durch die geeignete Ernährung ebenfalls begünstigt, was auch in frühen Behandlungsstadien … von Wichtigkeit ist.“114* Grimmer und besonders Schlegel geben zahlreiche Hinweise für eine zweckmäßige Ernährung.115* Bei allen Krebspatienten sollte also eine sorgfältige Ernährungsberatung durchgeführt werden. Über das Gesagte hinaus kann eine geeignete Ernährung auch krebshemmend wirken. Ein hoher Anteil krebshemmender und der Verzicht auf krebsfördernde Nahrungsbestandteile können das Fortschreiten der Krebsgeschwulst verlangsamen, in Einzelfällen sogar hemmen. Auf diesem Gebiet wurden in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Erkenntnisse gesammelt, die in der Fachliteratur nachgelesen werden können. Die wichtigsten Empfehlungen seien kurz aufgeführt: Leicht verdauliche Speisen; reichlich Obst, Gemüse und Salat (mit hohem Gehalt der Vitamine A, E und C, Enzymen, Mineralstoffen und Spurenelementen); leicht bekömmliche Vollkorngetreide und Kohlenhydrate (z.B. Reis, Hirse, Dinkel, Kartoffeln, Nudeln), keine Auszugsmehlprodukte; Eiweiß vorwiegend in Form gesäuerter Milchprodukte, Frischkäse und Hülsenfrüchte; Einschränkung des Fleischverzehrs, Verzicht auf Schweinefleisch und -produkte, Verzicht auf rotes Fleisch, Innereien, gegrillte, gepökelte sowie geräucherte Waren; Reduzierung des Fettverzehrs und Bevorzugung hochwertiger Pflanzenfette; Verzicht auf raffinierten Weißzucker und Süßigkeiten; Einschränkung des Kochsalzkonsums; ausreichende Flüssigkeitszufuhr; Verzicht auf Alkohol, Kaffee und schwarzen Tee. Es soll auf Ruhe beim Essen und gutes Kauen geachtet werden. Allgemeine Maßnahmen wie körperliche Bewegung, Frischluftzufuhr, Behandlung einer Obstipation usw. sind wesentlich.116* Begleitende Therapien aus dem Bereich der Naturheilverfahren wie die Gabe von antioxidativen Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen (Selen, Zink), Mistelpräparaten, Enzymen usw. können im Rahmen dieser Arbeit nicht näher besprochen werden.117* Andere Verfahren wie Entspannungstechniken, Meditation usw. können die homöopathische Behandlung unterstützen [19, 20].118)

Heilungshindernisse

Es ist wichtig, den Patienten auf mögliche Störfaktoren und Risiken hinzuweisen. Krebskranke dürfen sich nicht überanstrengen. Es sind schwerkranke Patienten, die mehrere Stunden Ruhe am Tag benötigen. Ein zu langer Spaziergang, übermäßige Haus- oder Gartenarbeit können sie schon aus dem Gleichgewicht bringen. Es finden sich Fälle in der Literatur, bei denen nach erfolgversprechendem Verlauf eine einzige Überanstrengung alle weiteren Bemühungen zunichte machte und der Patient bald verstarb. Clarke schreibt: „Man kann in kritischen Fällen dieser Art nicht bestimmt genug in seinen Anweisungen sein. Die Erholung hängt … an einem dünnen Faden und die kleinste Überanstrengung kann schon alles entscheiden.“119′ Emotionale Belastungen und Traumata spielen bei Krebs eine bedeutende Rolle. Dies können Kummer, Depression, eine unglückliche Ehe, ein schlechtes Gewissen oder Ärgernisse sein.120* Der Arzt muss dazu beitragen, derartige Probleme zu lösen. Hahnemann sagt: „… Der gute Arzt … wird … alles anwenden, was im Bereiche seines Einflusses auf den Kranken und seine Angehörigen … liegt, um Gram und Ärgerniß von seinem Kranken zu entfernen. Dieß … muß der Haupt-Gegenstand seiner Sorgfalt … seyn.“121* Weiterhin sind die Heilungshindernisse zu beachten, die in Hahnemanns „Chronischen Krankheiten“ nachzulesen sind. 122* Auch die in einer früheren Arbeit erwähnten krebsbegünstigenden Faktoren oder Blockaden wie Impfungen, frühere Krankheiten oder Verletzungen, frühere Bestrahlungen, geopathogene Strahlung, Ernährungsfehler können die Wirkung homöopathischer Arzneien beeinträchtigen und Heilungshindernisse sein.

Psychologische Betreuung

Der Patient muss neben der arzneilichen Behandlung psychologisch betreut werden. Er ist mit dem Tod konfrontiert. Er weiß nicht, ob er jemals wieder ohne Angst und Verunsicherung leben kann. Er weiß nicht, ob er seinen sozialen Rollen weiter gerecht werden kann. Fragen wie „Kann ich noch meine Familie, meinen Partner versorgen?“ tauchen auf. Der Patient braucht Wertschätzung, Akzeptanz und Liebe, um sich selbst annehmen zu können. Er sollte den Raum haben, über seine Ängste und über sein Leben zu sprechen. Viele Patienten  unterstellen zwar, dass der Arzt nicht dazu da ist, außer der medizinischen Behandlung sich mit ihren Gefühlsäußerungen zu beschäftigen. Darin irren sie jedoch. Jede Krankheit hat zwei Seiten, die körperliche und die seelische. Beide bedürfen der Verantwortung und Sorge des behandelnden Arztes. Im Gespräch selbst sollten Wendungen wie „Sie müssen Vertrauen haben, positiv denken, sich mit ihrer Krankheit auseinandersetzen“ usw. vermieden werden, da dies für den Patienten neue Forderungen von außen sind. Letztlich wissen auch wir Ärzte nicht, was für die Patienten das Beste ist, versöhnen sie sich mit ihrem Schicksal oder sind sie bereit, um ihr Leben zu kämpfen. Der Kranke findet dies am besten für sich selbst heraus. Hier geht es manchmal mehr um Zuhören als um das eigene Reden. Es darf auch mal gesagt werden: „Das weiß ich auch nicht.“ Und es darf auch mal geschwiegen werden. Es ist wichtig, dem Patienten Zuversicht zu vermitteln, ohne den Ernst der Lage zu bagatellisieren. Dazu ist notwendig, dass der Arzt selbst eine innere Haltung einnimmt, die Heilung möglich macht. Wenn er von vornherein nur an Palliation glaubt, dann entsteht keine Atmosphäre, die den Patienten und den Arzt in ihren Bemühungen unterstützt. Im Übrigen sagt die Diagnose Krebs noch lange nichts über den individuellen Verlauf der Erkrankung. Schlegel schreibt: „Jeder Arzt sollte sich verpflichtet fühlen, die Krankheitserscheinungen eines Menschen zuerst unter dem individuellen Gesichtspunkt, worin sie für den Kranken lebenswichtig sind, anzusehen. Damit rückt das, was eine Krankheit mit anderen Fällen Gemeinsames hat, in die zweite Linie.“123* Der Krebspatient muss seine innere Gestimmtheit, seinen inneren Frieden wiedererlangen. Der Arzt kann auf die Kraft des Gebets hinweisen. Letztlich kann dieser Friede nicht allein durch Arzneien und Gespräche erreicht werden. Auch die bewusste Bemühung des Patienten ist hierfür nötig und es liegt in der Verantwortung des Arztes, den Patienten hierin zu unterstützen.

Zum Abschluss

Die Heilung von Krebsfällen durch homöopathische Arzneien ist nichts Neues. In der Literatur finden sich zahlreiche Fälle von Tumoren, die trotz eindeutiger Zeichen von Bösartigkeit geheilt wurden. Die Homöopathie ist somit eine reale therapeutische Option. Diese Arbeit möchte Homöopathen dazu ermutigen, Krebsfälle  eigenständig zu behandeln, auch vor, parallel zu oder nach einer schulmedizinischen Behandlung. Sie möchte dazu anregen, homöopathische Behandlungskonzepte, die sich bei vielen chronischen Krankheiten bewährt haben, zu überdenken und andere Methoden zu erproben. Jeder behandelte Krebsfall sollte gut dokumentiert, Erfahrungen ausgetauscht werden – wir brauchen mehr Teamarbeit. Auch Misserfolge sind eine Gelegenheit zum Lernen. Wenn sich alle Mühe als vergeblich erweist, sollten wir das Geschehene genau abwägen, um potentielle Fehler beim nächsten Patienten zu vermeiden. Es war die Absicht dieser Arbeit, für die behandelten Themen den derzeitigen Wissensstand aufzuzeigen. Uns Homöopathen kommt die Aufgabe zu, dieses Wissen im Dienste des krebskranken Patienten anzuwenden und weiter zu entwickeln.

Anmerkungen

Alle Hervorhebungen in Fettschrift stammen vom Verfasser. Die Arzneien werden, auch in den verwendeten Zitaten, in der internationalen Abkürzung geschrieben. Einige seltene Arzneien werden ausgeschrieben.

1) Kachexie: Der Tumorzellstoffwechsel entzieht dem Körper lebenswichtige Substanzen. Stoffwechselprodukte des Tumors (z.B. sog. Toxohormone) inaktivieren körpereigene Enzyme. Eiweiß- und Fettverlust, Anämie, die Beeinträchtigung lebenswichtiger Organe und andere Schäden tragen ebenfalls zur Entstehung der Kachexie bei.

2) Toxische Belastung: Stoffwechselprodukte mit toxischen Eigenschaften, die Streuung von Tumorzellen in Blut- und Lymphgefäße sowie Zerfallsprodukte durch Zerstörung von Krebszellen führen zu einer toxischen Belastung des Organismus

3) Schwächung des Immunsystems: Bei Krebskranken werden verschiedenartige Immundefekte gefunden; v.a. die zellgebundenen Reaktionen sind beeinträchtigt. Im Zuge der Progression kommt es zum Überleben von Zellklonen mit verringertem Antigenbestand. Außerdem können Tumoren z.B. durch vermehrte Produktion von Prostaglandin E2 die Einwirkung zytotoxischer Lymphozyten verhindern [33, 41, 55, 65, 73, 81]. Zum Begriff der Einseitigkeit siehe Hahnemann, ORG. §§ 172 ff.; Klinkenberg, 1998-a. 17. 31 C/arte, 1991.27. “ Zu den anderen Methoden zählen u.a. die Arbovital- Methode nach Robert T. Cooper und die „Grimmer“-Box. Diese Methoden spielen heute offenbar keine Rolle mehr, zumindest liegen dem Verfasser keine neueren Publikationen vor. Zur Bedeutung der gegenwärtigen Symptomatik siehe Klinkenberg, 1998-a. 19,25 (Anm. 26,27). Zum Begriff der Totalität der Symptome siehe Klinkenberg, 1998-a. 27 (Anm. 37). Wie lange braucht ein Krebs, um sich zu entwickeln? Präkanzeröse Symptome können schon Jahre bestehen und müssen gegebenenfalls berücksichtigt werden. Sie gewinnen zusätzlich an Bedeutung, wenn der Primärtumor operativ entfernt wurde. Dies zeigt ein Fall von Clover. Nach Entfernung eines Brusttumors einer 52-jährigen rückt die Behandlung der Migräne in den Vordergrund, unter der die Patientin schon zwei Jahre vor Auftreten des Tumors litt (Clo., 1993. 178).

6) Zu den begleitenden Beschwerden siehe Klinkenberg, 1998-c. 6. Zu den präkanzerösen Symptomen siehe Stockebrandt, 1976. 96,108 und Burnett, 1991-b. 19.

7) Klinkenberg. 1998-a. 17-19. Durch die hohe Gewichtung der lokalen Tumorsymptome wird häufig den sog. Krebsarzneien der Vorzug gegeben. Zwei interessante Fälle, bei denen allein aufgrund der lokalen Merkmale die passende Arznei gefunden wurde, finden sich bei Burnett {Bu., 1991-a. 45) und Kent (Ke., 1987. 341).

8) So schreibt Grimmer. „In den frühen Stadien von Krebs, besonders der Haut, wenn noch viele therapeutische Leitsymptome vorhanden sind, kann jedes unserer tiefwirkenden konstitutionellen Mittel zur Heilung ausreichen“ (GΑ:, 1996-a. 802). Mit dem Begriff „Frühstadium“ dürften die klinischen Stadien T1S (Carcinoma in situ) oder T1 (Tumor lokalisiert, gut beweglich), NO (keine Lymphknotenvergrößerungen) und MO (keine Fernmetastasen) gemeint sein. Dass Krebs der Gesichtshaut und der Zunge besonders gut auf homöopathische Behandlung anspricht, stellt auch Stephenson fest, der eine statistische Untersuchung zur homöopathischen Krebsbehandlung durchführte (Sfe., 1959. 276; siehe auch Anm. 51 dieser Arbeit).

9) Burnett, 1991-a. 15, 95; vgl. 22-25. 10) Ramakrishnan, 1996-a. 14. Mit der „konstitutionellen“ Behandlung ist die Behandlung des chronischen Zustandesnach der Totalität der Symptome gemeint. Die Totalität der Symptome wiederum kann unterschiedliche Definitionen haben (siehe Klinkenberg, 1998-a. 27 [Anm. 37]). Wie wenig sich Ramakrishnan von der „konstitutionellen“ Arznei in der Initialphase der Krebsbehandlung verspricht, kommt darin zum Ausdruck, dass er sie als „unterstützende Arznei“ neben dem organ-spezifischen Mittel bezeichnet und nicht umgekehrt (Ra., 1997-b. 131).

11) Zum Wirkungsbereich der Arzneien siehe die Ausführungen zum „Haltepunkt der Wirkung“, Klinkenberg, 1999. 16 und 1998-a. 22-23.

12) Die Bedeutung der sog. Krebsarzneien wurde in früheren Arbeiten des Verfassers eingehend behandelt [50,53]. Die Krebsarzneien zeigten in Arzneimittelprüfungen und Vergiftungsfällen destruktive Tendenzen, die durch die klinische Anwendung bei Krebsfällen verifiziert werden konnten.

13) Schlegel, 1927. 251. Derartige Hinweise erfolgreicher Krebsärzte werden häufig von nachfolgenden Homöopathen übernommen. Ramakrishnan z.B. behandelte 1994 einen Patienten mit Larynx-Karzinom, der sich mit typischen Zeichen von Lach, vorstellte: Geschwätzigkeit, Verschlimmerung durch Schlaf und durch enge Kleidung. Im Gegensatz zu seinem Vorgehen in anderen Fällen beginnt Ramakrishnan die Behandlung mit Lach, als einzige Arznei. Im weiteren Verlauf werden Lach, und Carc. im Wechsel gegeben. Die Heilung erfolgt innerhalb von drei Monaten (Ra., 1997-b. 131).

14) Ramakrishnan, 1997-a. 17-21. Grimmer, 1996-a. 812- 819 („Some Cancer Remedies and their Indications“; auch in dt. Übersetzung erhältlich: Grimmer, 1996-b. 162-172). Guernsey, 1995.137-148,183-191; hier findet sich eine ausgezeichnete Differenzierung der Arzneien bei Uterus- und Brustkrebs. Ob zum Beispiel die Cadmiumsalze, die Grimmer besonders im Spätstadium als wirksamstes Antidot gegen Aluminiumintoxikation empfiehlt, auch unter heutigen Lebensbedingungen eine so große Rolle spielen, muss die Praxis zeigen (Gr., 1996-a. 13-16,754,802).

15) Von manchen Autoren werden bestimmte Rubriken besonders hervorgehoben, z.B. die Rubrik „Krebsartige Leiden, Drüsen: Aur., Carb-an., Con.“ (Kent, KK Bd.1. 424) bei metastasierenden Karzinomen [3,66]. Barthel zeigt, dass das Zurückgreifen auf eine Krebsrubrik auch Jahre nach Behandlungsbeginn wieder zu einer passenden Arzneiwahl führen kann (ßa., 1996. 62).

16) Siehe Klinkenberg, 1999. 19; v. Bönninghausen, AHP. 406-408.

17) Ramakrishnan, 1997-b. 128,129. Zu dem Symptom „Augen nach unten verdreht“ siehe die Rubrik „Augen, Aussehen, weggedreht, nach unten“: Aeth., Canth., Cham. (Kent, KK Bd.3. 4). Nachbeobachtungszeit des Falles: 17 Jahre.

18) Klinkenberg, 1999. 21-23 und 1998-c. 189-192. Unter ätiologischen Faktoren sind Faktoren zu verstehen, die Auslöser oder Anstoß für die Krebsentstehung sein können. Zu den psychischen Traumata siehe Hahnemann, ORG. § 93 Fußnote.

19) Burnett, 1991 -a. 61 (Übers, v. Verf. und v. A. Gärtner).

20) Burnett, 1991-a.140,141 (Übers, v. Verf.).

21) Schlegel, 1927. 176; vgl. 251. Die Mittel der „ersten Kategorie“ sind die spezifischen Krebsarzneien. Zu den Arzneien der „zweiten Kategorie“ zählt Schlegel v.a. die „Konstitutionsmittel“ und die Nosoden (Schi, 1927. 176,177). Siehe auch die Ausführungen in Klinkenberg, 1999.17,18. Schlegel macht seine Potenzangaben mit den Bezeichnungen 3, 6, 30, 200 usw., d.h. er gibt den Potenzgrad, nicht aber die Potenzart an. Aus seinen Werken geht hervor, dass er mit der britischen und amerikanischen Literatur sehr vertraut war. Nach dem damaligen Gebrauch im angelsächsischen Sprachraum – hier wurden nur die „Nicht-C-Potenzen“ mit der Potenzart bezeichnet – handelt es sich wahrscheinlich um Centesimal-Potenzen, die im Mehrglas- oder Einglasverfahren hergestellt wurden [54,70]. Dies sollte allerdings durch eingehendes Studium aller Werke Schlegels, ggf. auch der Arbeiten zeitgleicher Homöopathen gesichert werden.

22) Schlegel, 1927. 252. Hierzu äußert sich Schlegel auch an anderer Stelle: „Hat man … kein durch Symptomähnlichkeit stark gesichertes Mittel finden können, so versucht man durch biochemische Gesichtspunkte zum Ziel zu kommen, wählt z.B. Kali-chl. oder Calc-f. oder – in weitem Umfang gerechtfertigt – Sil.“ (Schi,1927.252). Schlegel, 1927.252. Bei Leukämie und beim M. Hodgkin kombiniert er folgende Arzneien, wenn keine charakteristischen Symptome vorhanden sind: Kali-ar., Chin-ar., Ferr-p. bei Leukämie; Pyrog. und Ars-i. bei M. Hodgkin (Ramakrishnan, 1997-a. 17,18). In der Literatur finden sich immer wieder Heilungen oder Besserungen in schwierigen oder hoffnungslosen Fällen durch Mehrfachgabe homöopathischer Arzneien, z.B. bei Schlegel {Schi., 1927. 165: Bell, und Hep.; siehe auch 163,164), Clarke (CL, 1991. 55: Nux-v. und Surf.), Fritz Stockebrand (Sto., 1976. 102: Lyc. und Arg-n.) und Dagmar Radke (Radke, 1992. 109: Carb-an. und Bry.). Über derartige unkonventionelle Vorgehensweisen schreibt Schlegel: „Diese entfernen sich natürlich vom Ideal der homöopathischen Heilkunst … Immerhin sind sie höchst dankenswert bei einer Krankheit wie Krebs, gegen welche doch nur der Erfolg zählt“ (Schi., 1927. 112). Ramakrishnan, 1997-a. 17; 1997-b. 126,128. In einigen älteren Kasuistiken Ramakrishnans wird schon zu Behandlungsbeginn eine Krebsarznei im Wechsel mit dem chronischen Mittel gegeben {Ra., 1997-b. 129 [Fall 9 und 10]). Zur Vorgehensweise Ramakrishnans vgl. Friedrich, 1998-b. 78-80. Barthel, 1996. 21-93. Vgl. auch den Fall eines Patienten mit operiertem Rektum-Karzinom von Gerhard Resch [52, 71]. Vgl. Hahnemann, ORG. §§ 91, 92.Klinkenberg, 1998-b. 103. Hierzu schreibt Carleton: „Vor einer Operation pflege ich sorgfältig zu verschreiben. … Die betroffenen Körperteile und der Organismus werden so auf die Operation vorbereitet … und der Erfolg der Operation wird wahrscheinlicher“ (Ca.,1996. 299, 300; Übers, v. Verf.). Burnett, 1991-a. 152; vgl. Burnett, 1991-a. 65, 68 und Grimmer, 1996-a. 765. Hahnemann schreibt: „Hier komme ich auf den … Umstand, dass … die … Psora sehr selten von einem einzelnen … Mittel geheilt werden kann, sondern die Anwendung mehrer dieser Arzneien, in den schlimmsten Fällen auch wohl vieler nach und nach zur vollständigen Heilung bedürfe“ (Ha., CK. 130). Auf die Beziehung von Psora und Krebs wurde in einer früheren Arbeit des Verfassers eingegangen (Klinkenberg, 1998-b. 103-105). Siehe Kasuistiken von Schlegel (Schi., 1927. 144) und Carleton (Ca., 1996. 293 [Fall 5], 298 [Fall 7]). Burnett, 1991-a. 69,70 (Hervorheb, v. Burnett). Nach Burnett sind Sabin, und Cupressus I. Komplementär mittel von Thuj. (Clarke, 1990. 1589). Burnett verwendet für Centesimalpotenzen einfache Zahlen (z.B. 6, 30). Dabei bleibt unklar, ob es sich um im Mehrglas- oder im Einglasverfahren hergestelltePotenzen handelt. Das Vorgehen Burnetts lässt an eine Aussage Bönninghausens zu den Arzneiverwandtschaften denken: „[Es] … ist der Fall vorgekommen, dass zwei Arzneien, die mit einander verwandt waren, … um den Vorzug stritten, dass die Wahl schwer war, und jede … einige Neben-Symptome deckte, welche der andern fehlte. Hier sah ich den besten Erfolg, wenn ich mit beiden Arzneien fortwährend wechselte, und zwar in nicht gar zu langen Zwischenräumen, so dass jedes mal die Eine gereicht wurde, ehe die andere völlig ausgewirkt hatte“ (ßö., VHA. 8). Es sollte allerdings bedacht werden, dass auch ein zu schneller Mittelwechsel bei Krebsfällen ungünstig sein kann (vgl. Schlegel, 1927. 171). Bönninghausen, VHA. 6 (Fußnote). Schlegel, 1927. 252. Hier stellt sich die Frage: Kommt es bei Krebserkrankungen zu einem schnellen Auswirken der Arzneien? (Vgl. Hahnemann, CK. 157).

Carleton, 1996. 299 (Uterus-Karzinom), 289 (Basaliom). Carleton gibt meist nicht an, um welchen Zeitraum die Intervalle verlängert werden (vgl. 305, 306 [Fall 10]; 287, 288, 290 [Fall 1], 293 [Fall 5], 299 [Fall 7] u.a.). In zwei Fällen von Tumoren mit kolikartigen Schmerzen werden die rzneien nur während der Koliken gegeben (Ca., 1996. 280 [Fall 2], 294 [Fall 6]; vgl. Cooper, 1996. 75). Siehe z.B. Carleton, 1996. 295-297 (Fall 6: Carb-an.CM, Sulf. CM); 301 (Fall 8: Bry. MM, Nit-ac. CM). Drei Globuli der Arznei werden in elf Teelöffeln Wasser aufgelöst. Davon werden täglich zehnmal hintereinander ein Teelöffel in Abständen von 15 Minuten eingenommen. Vor jeder Einnahme wird die Lösung umgerührt. Ein Teelöffel bleibt übrig und wird für den folgenden Tag aufgehoben. Am folgenden Tag werden zehn Teelöffel Wasser und erneut drei Globuli der Arznei hinzugefügt. Die so entstandene Lösung wird wie am Vortag eingenommen. Dies wird eine Woche lang täglich durchgeführt. Ramakrishnan, 1997-a. 17; 1997-b. 128; 1998. 9. Clover, 1993.175,178. Kent, 1903 und 1987. 369; siehe Klinkenberg, 1998-a. 21. Kent spricht sich nicht grundsätzlich gegen die kumulative Gabe von Arzneien aus, vorausgesetzt dass bei Besserung mit der Einnahme pausiert wird (Ke., 1987.438,439). Sutherland, 1941. 24. Cooper schreibt, die häufige Arzneigabe führe bei großer Krebsmasse dazu, dass das „Krebsgift“ zu schnell ausgeschüttet und das Leben des Patienten gefährdet werde (Co., 1996. 38,94). Allerdings lässt sich die Arbovital-Methode Coopers, die Gabe von Einzeldosen der Urtinkur in Intervallen von ca. zwei bis drei Wochen, nicht ohne weiteres mit der Gabe potenzierter Arzneien vergleichen. Leider geht aus der Literatur nicht hervor, ob es sich bei der Feststellung Coopers um eine Hypothese oder einen Erfahrungswert handelt. Zum Beispiel in dem bemerkenswerten Fall von Dietrich Berndt, der einen Patienten mit präfinaler chronisch Lymphatischer Leukämie behandelte [7]: Eine einzige Gabe Carb-an. C30 besserte die Allgemeinsymptomatik, den klinischen Befund und die Laborparameter derart, dass eine weitere schulmedizinische Behandlung für nicht erforderlich gehalten wurde. Da der Patient fortzog, konnte der Behandlungsverlauf nur über acht Monate beobachtet werden.Carleton, 1996. 291 (Fall 3): Carleton verwendet den allgemeinen Begriff des „Epithelioms“; die klinische Beschreibung lässt auf ein Epithelioma basocellulare (Basaliom) der Nase schließen. Carleton, 1996. 292 (Fall 4): Auch hier liegt die makroskopische Diagnose eines Basalioms vor. Spinedi, 1993. 181-185; siehe auch Klinkenberg, Teil 2.100,101. Die Potenzstufen werden in der Homöopathie nicht einheitlich definiert. Im Rahmen dieser Arbeit wird die folgende Einteilung zugrundegelegt: Tiefpotenzen – 0 bis D12 (die D12 ist von der Konzentration her vergleichbar mit einer C6), Hochpotenzen – ab C30 (die C30 ist von der Konzentration her vergleichbar mit einer D60); der dazwischen liegende Bereich wird als mittlere Potenz definiert. Grimmer, in: Stephenson, 1959. 278. Grimmer nennt allerdings keine Kasuistiken. Somit bleibt unklar, ob seine Warnung auf eigenen Erfahrungen basiert oder sich allein auf die Aussagen Kents stützt: „Wenn eine Krankheit schon zu Gewebeveränderungen geführt hat, … dann sieht man … sogar Verschlimmerungen, aus denen sich der Organismus nicht mehr auffängt“ {Kent, 1985. 296,297). Grimmer war ein direkter Kent- Schüler. Grimmer, 1996-a. 753, 793, 814. Barthel, 1996. 31. Auch bei nicht vorbehandelten Krebsfällen hat Barthel keine nachteilige Wirkung von Hochpotenzen beobachtet [4]. Er verwendet in auf steigenden oder  abfallenden Potenzen die C200, M, XM, CM, MM. Cremonini, 1993. 160,161,162. Das Verfahren der Zubereitung der Arzneilösung wird nicht genau angegeben. Cremonini berichtet, er habe in anderen Fällen wiederholte Gaben niedriger Potenzen versucht, aber die Resultate waren weder zufriedenstellend noch dauerhaft. Siehe u.a. Schlegel, 1927.160-168. Zu den Potenzangaben siehe Anm. 21. Zum Begriff der inneren Störung siehe Klinkenberg,1998-b. 97, 98. Hiermit ist die innere Ursache einer chronischen Krankheit, die schon vor der Manifestation des Tumors als Krebsdiathese vorhanden war, gemeint. Unter der allgemeinen Intoxikation wird die „Vergiftung“ des Körpers durch Stoffwechsel- und Zerfallsprodukte des Tumors verstanden (siehe Anm. 1). Tiefpotenzen werden in häufigen Gaben verordnet. Schlegel z.B. gibt in dem hoffnungslosen Fall eines metastasierenden Brustkrebses dreimal täglich drei Tropfen einer Mischung aus Hydr. 3 und Chin. 3 (Schi.,

  1. 170). Hochpotenzen: Clarke zum Beispiel gibt einem 38- jährigen Patienten mit zwei Knoten in der Brust, der deutliche Zeichen von Thuj. zeigt (u.a. Impfungen in der Anamnese; früher Warzen an den Händen) die Arznei in der XM statt, wie in vielen anderen Kasuistiken, in einer 30. Innerhalb weniger Monate sind die Tumoren verschwunden und der Patient ist bei guter Gesundheit (C/., 1991.42). Stephenson, 1959.277. 84 Krebsfälle aus der Fachliteratur (JAIH und Hom. Rec. von 1900-1959; Werke von Kent, Clarke, Schlegel, Jahr, Buford, T. Allen, Peterman

u.a.) und elf aktuelle Fälle wurden zusammengetragen. Nur die eindeutig bösartigen Tumorfälle (insgesamt 40) wurden statistisch bzgl. Überlebensraten, verwendete Potenzen, äußerliche Behandlung usw. ausgewertet, die übrigen auch bzgl. der verwendeten Arzneien. Es war die Absicht des Autors, etwaige Tendenzen herauszuarbeiten, die später durch größere Fallzahlen überprüft werden sollten. Vgl. Burnett, 1991-b. 21. Ramakrishnan schreibt, Cond. wirke am besten von der Urtinktur bis zur C30 (Ra., 1997-a. 19). Auch Hydr. scheint vorwiegend in tiefen und mittleren Potenzen eine gute Wirksamkeit zu besitzen {Clover, 1993.175), [12, 58, 60], Cremonini, 1993.162. Vgl. Friedrich, 1998-a. 156,158: Möglicherweise spielen auch unterschiedliche Ausgangssubstanzen und die Herstellungsqualität eine Rolle. Cremonini gibt nicht an, welche Carc.-Präparation er verwendet. Zum Beispiel verwendet Carleton bei gutartigen Tumoren wie dem Uterusfibrom meist Einzelgaben hoher Potenzen {Ca., 1996. 281, 284). Zur Behandlung des präkanzerösen Stadiums siehe Klinkenberg, 1998-c. 190. Zu Spinedis Vorgehen siehe Klinkenberg, 1998-a. 20, 21. In Bezug auf die Einnahmeanweisung orientiert sich Spinedi am § 248 ORG. Barthel, 1996. 46, 53. Schüttelpotenzen können auch bei weniger fortgeschrittenen Fällen z.B. einmal wöchentlich oder monatlich gegeben werden. Zur Herstellung der Lösung: Zwei Globuli der Hochpotenz (z.B. C200, M, XM, 50M, CM, MM) werden in 10 ml 20 %-iger Alkohollösung aufgelöst. Davon wird 1 ml abgeschüttet und die fertige Arzneilösung in 40 bis 60 kräftigen Schüttelschlägen hergestellt. Vor jeder Einnahme wird die Lösung fünfmal geschüttelt. Das Verfahren wurde von Peter Mattmann-Allamand entwickelt [6]. Die Nosoden wurden in einer früheren Arbeit des Verfassers besprochen (Klinkenberg, 1999. 20); vgl. Clarke, 1925.105 (Carc, Scir.). Clarke, 1991. 55, 72, 73; vgl. 42, 47. Clarke verwendet – wie Burnett einfache Zahlen (z.B. 30, 100, 200) für Centesimalpotenzen; siehe hierzu Anm. 3). Bei Burnett und Fortier-Bernoville finden sich ähnliche Dosierungsangaben (Bu., 1991-a. 110, 113, 147; Forf/er-a, 1937-b. 61). Ramakrishnan, 1997-a. 16, 19; 1997-b. 128. Er verwendet eine Carc.-Präparation der Lunge.  Auch Cremonini und einige seiner Kollegen haben in „zahlreichen Fällen“ von Hirntumoren mit Erfolg Carc. als Nosode benutzt (Hier bleibt unklar, ob Hirntumoren im allgemeinen oder Gliome gemeint sind.). Der Zustand der Patienten besserte sich nach wiederholten Gaben Carc. in kurzer Zeit und sie reagierten wieder auf das Simillimum (Cr., 1993. 162). Schlegel, 1927.174. Dies wurde in einer früheren Arbeit eingehend erläutert (siehe Klinkenberg, 1998-b. 100,101). Ramakrishnan, 1998.9. Schlegel, 1927. 176. Stockebrandt behandelte seit Februar 1939 eine damals 41-jährige Patientin mit einem bösartigen Brusttumor, die eine Operation abgelehnt hatte. Er schreibt: „Seit … 1954 ist keine Behandlung mehr notwendig, weder des Tumors, noch des kanzerösen Terrains. Sie wurde dann und wann wegen Cholezystitis … behandelt. In der rechten Brust ist ein pflaumengroßer Knoten ohne jede Beschwerden geblieben“ (Sto., 1976.101). Carleton, 1996. 304, 305. Vgl. ein Brustkrebsfall von Clarke, bei dem der Knoten im Verlauf „kleiner und locker“ wird (C/., 1991.63). Clarke, 1991. 75; vgl. eine weitere Kasuistik Clarkes:  79ff. Auch im Heilungsverlauf eines Weichteilsarkoms treten vermehrt Schmerzen und Wundheitsgefühl auf (Carleton, 1996.305). Cooper, 1996. 70, 71. Die initiale Schmerzzunahme findet sich in vielen Kasuistiken Coopers (vgl. 44, 55, 66). Auch bei Krebsheilungen durch geringe materielle Dosen von Kaliumsalzen wurde eine anfängliche Steigerung der Schmerzen beobachtet Robinski S, 1891, in: Schlegel, 1927. 89, 90). Hier stellt sich die Frage, inwieweit diese Verläufe durch die relativ starken Arzneigaben bedingt sind (vgl. Hahnemann, CK. 148). Vgl. Klinkenberg, 1998-c. 189, 193. „Rheumatische Schmerzen … können [im präkanzerösen Stadium] … den Magenkrebs verbergen. Scharfe, gichtige … Schmerzen erscheinen dagegen, wenn die Geschwulst sich auflöst …“ (Nebel A, in: Schlegel, 1927.

272). Klinkenberg, 1998-b. 100; vgl. Hahnemann, ORG. §§ 190-193, CK. 170 und Schlegel, 1927. 176. Kasuistiken hierzu finden sich u.a. bei Schlegel (Schi., 1927. 170) und Burnett (Bu., 1991 -a. 123). Clarke, 1991.61-65. Bönninghausen, AHP. 56. Andere subtile Verlaufsparameter bessern sich meist jedoch recht bald, zum Beispiel die Gemütsverfassung und der Schlaf. Ein Fall von Clarke: Brusttumor bei einer 48-jährigen.

Nach Carc. 100 und Con. 30 wird Mamillinum 100 alle zehn Tage verordnet. „Am Anfang der Einnahme … fühlte sie sich ganz und gar krank. Als sie die Einnahme beendet hatte [d.h. nach einem Monat, AdV], fühlte sie sich äußerst gut…“ (C/., 1991. 75, 76). Ramakrishnan, 1997-b. 127; vgl. Klinkenberg, 1998-a. 22. Ramakrishnan machte die Erfahrung, dass unter homöopathischer Behandlung überraschende Besserungen in fortgeschrittenen Fällen vorkommen, die aberhäufig nur wenige Wochen anhalten (Ra., 1997-a. 16). Fortier-Bernoville, 1937-b. 61 (Übers, v. Verf.); vgl. Ramakrishnan, 1997-b. 127 (Fall 4). Nebel, 1915. 157. Clarke, 1991. 47: „Die gebesserte Funktion des Darms nach einer einzigen Dosis des Mittels … ist ein sehr gutes Zeichen dafür, dass eine heilende und ausleitende Wirkung eingesetzt hat.“ Clarke, 1991.69. Nebel weist auf die möglicherweise hypotensive Wirkung der „Krebstoxine“ hin (Ate., 1929. 143). Der Puls und die Farbe der Augen sind zwei der Verlaufsparameter von Elie G. Jones [44]. Krebspatienten haben häufig matte Augen. In einem Fall von Brustkrebs schreibt Schlegel: „Das Aussehen wurde besser, der Blick heller“ (Schi, 1927. 116). Nach Spinedi ist die Änderung der Gesichtsfarbe von blass zu rosig ein wichtiger Verlaufsparameter bei Kindern mit Leukämie [75]. Nebel schreibt über die Beschaffenheit der Zunge bei Krebs: „Oft gibt die Zunge Merkmale, die eingeschnitten, violett, dunkelrot… , manchmal … weißgelb oder schmutziggrau belegt [sein kann] (Nebel A, in Schlege/, 1927.271). Cooper, 996.46,56. Schlegel, 1927. 100. Vgl. Cooper, 1996. 32 (Diarrhoe), 52 (Erbrechen), 56 (Schwäche), 66 (Leukorrhoe). Hierzu gehören auch die Reaktionen, die Cremonini beobachtete (siehe im Kapitel „Gute Ergebnisse mit Hochpotenzen“). Siehe hierzu der bereits erwähnte Fall von Resch [71], bei dem nach Einnahme der homöopathischen Arznei jedesmal ein deutlicher Fieberanstieg zu verzeichnen war. Aufgrund der oft günstigen Wirkung von Fieber wurde die Hyperthermie in die komplementäre Krebstherapie eingeführt (vgl. Schlegel, 1927. 76). Als Ursachen für Fieber nicht-infektiöser Genese bei Krebs wird die Freisetzung nicht näher bestimmbarer pyrogener Tumorzellbestandteile oder Hormonmetaboliten angenommen. Auch durch immunologische Reaktionen freigesetzte, pyrogene Substanzen spielen eine Rolle [55]. Schlegel, 1927. 16, 28. Erysipel oder erysipelartige Ausschläge: Schlegel, 1927. 16, 28; Czerny, in Schlegel, 1927. 76; Schlegel, 1927. 90; Schlegel O, in Schlegel, 1927. 274; Cooper, 1996. 36. Nach Klaus-Henning Gypser sind kurz auftretende Dermatosen bei chronischen Krankheiten prognostisch günstig [36].

Hahnemann, CK. 168, 170; vgl. Carleton, 1996. 283 (Fall 3). „Ständige Lokalübel“ können u.a. gut- und bösartige Tumoren sein. Burnett, 1991-b. 23, 24,58. Vgl. Hahnemann, CK. 159. Schlegel z.B. beklagt, dass manche Heilungen verzögert oder verhindert werden „durch mangelnde Einfachheit der Mittelwahl – oft mit verschuldet wegen des Gefühls … helfen zu sollen – und … auch durch den großen Überfluss an Arzneikräften“ (Schi, 1927. 171). Schlegel, 1927. 253; vgl. 176. Grimmer schreibt: „Während der Behandlung werden sich die Symptome des Patienten viele Male ändern und damit eine Änderung des Mittels erfordern“ (Gr., 1996-a. 793); vgl. Kasuistiken von Carleton (u.a. Ca., 1996.300,305). Zum Vorgehen bei Auftreten von neuen oder früheren Symptomen siehe auch Klinkenberg, 1998-a. 20, Anm. 31 und 1998-c. 193. Clarke, 1991. 76-78; vgl. 65-71. Auch andere Krebsspezialisten sind so vorgegangen, siehe z.B. beiCarleton, 1996. 281 (Fall 2), 291 (Fall 3) und Barthel, 1996.69. Barthel stellt fest: „In der Behandlung chronischer und besonders bösartiger Prozesse ist es notwendig, auch die akuten Symptome zu lösen (Mit den „akuten Symptomen“ meint er neu hinzugetretene Symptome; Ba., 1996. 56.). Vgl. Hahnemann, CK. 169 und Bönninghausen, AHP. 467; [61]. Ramakrishnan, 1998. 9,10 (Übers, v. Verf.). Klinkenberg, 1998-a. 20; Anm. 30, 31 (Nebenbeschwerden, Arzneibeziehungen nach Bönninghausen, alte und neue Symptome) und Klinkenberg, 1998-b. 103,104 (Symptome antipsorischer Arzneien zeigen sich im Verlauf der Behandlung). Bönninghausen, VHA. 7. Ramakrishnan, 1997-b. 129, 130 (Fall 11). Barthel, 1996. 35: Ein 57-jähriger Patient mit Nieren- Karzinom erhält die Mittelfolge: Thuj. – Merc. (folgt gut) – Thuj. (folgt gut) – Merc. (folgt gut) – Thuj. – Sulf. (als Zwischenmittel bei Z.n. nach grippalem Infekt) (folgt gut) usw. (Nach Guernsey folgen auf Thuj. am besten Merc. und Sulf.; Gα, 1993. 251.). Vgl. weitere Kasuistiken von Barthel (Ba., 1996. 41, 55, 80, 88, 93) und das Kapitel „Zwischenmittel bei akuten Krankheiten“ dieser Arbeit. Clarke, 1991. 40, 41. Clarke, ein großer Kenner der Materia medica, nennt leider keine Gründe für diese Mittelfolge. Con., Phyt, und Sil. zählen zu den wichtigsten Mitteln bei Brustkrebs. Con.: „Hühnereigroßer Tumor unter der linken Brustwarze“ (Guernsey, 1995. 187, 608). Lyc. dürfte die Arznei sein, welche der Totalität der Symptome des Falles am ehesten entspricht (Stuhl hellgefärbt (Kent, KK Bd.3. 654): Lyc.Sil; Z.n. Hämorrhoiden; Obstipation; spätes Einschlafen usw.), Thuj. die Arznei für die Impffolgen. Bislang bekannte Arzneibeziehungen zu diesem Fall sind für die erste Mittelfolge Lyc. folgt Con., Sil. folgt Lyc, für die zweite Mittelfolge Sil. folgt Con. [8, 48]. Diese Erfahrung Spinedis [74] steht im Gegensatz zu einer Bemerkung Clarkes über die Influenza (C/., 1991. 49, 50). Burnett, 1991-a. 81, 82. Schlegel, 1927.266. Barthel, 1996. 55,88. In anderen Fällen gibt er bei einer Erkältung Phos, nach dem chronisch verordneten Con. oder wegen einer Verstauchung Rhus-t. nach Sulf. (6a., 1996. 88, 93). Clover, 1993.175,176; Grimmer, 1996-a. 817. Zu denken ist auch an Arzneien wie Acon., Apis, Ars., Bry.,  Hydr., Mag-p. und, besonders in fortgeschrittenen Fällen, an z.T. ungeprüfte Arzneien wie Calc-ox. Und Calc-ac. (Schmerzen ohne besondere Modalitäten), Natrium cacodylicum (Krebs der Becken- oder Bauchorgane), Eosinum (brennende Schmerzen), Lobeliaerinus (Schmerzen bei Befall des Peritoneums oder Mesenteriums) [16, 59]. Ox-ac. kann nach Grimmer in Fällen mit extremen Schmerzen hilfreich sein. Typisch sind die Verschlimmerung der Schmerzen beim daran Denken [57], neuralgische, stechende Schmerzen oder Schmerzen an kleinen Stellen [16]. Kent schreibt: „Kein anderes Mittel verursacht heftigere Schmerzen“ [80]. Clover, 1993.176. Therapeutische Hinweise hierzu finden sich auch bei Clarke [18].Clarke, 1925.107.

Grimmer, 1996-a. 768, 797, 798, 809. Clover, 1993.176. Nebel, 1929.143. Ramakrishnan, 1997-a. 21. Ramakrishnan hat große Erfahrung in der palliativen Krebsbehandlung (Ra., 1997-b. 126). Zur Palliation im Finalstadium schwerer Krankheiten wie Krebs und Tuberkulose nennt Kent: Ars., Carbv., Lach., Phos., See, Tarent-c. (Ke., 1885-b. 330, 331). Grimmer, 1996-a. 753. Hier greift Nebel auf die Vorstellung der sog. Ausleitung zurück, die Hahnemann selbst strikt abgelehnt hat (siehe u.a. Ha., ORG. 36 und CK. 173, 174). Aufeine Diskussion dieser Thematik wird im Rahmen dieser Arbeit verzichtet. Die Drainagetheorie lässt sich nicht auf Hahnemann zurückführen, wie es Schlegel allein durch die Unterscheidung in tiefwirkende und weniger tiefwirkende Arzneien bei Hahnemann annimmt(Schi., 1927.266,288). Eine Übersicht über die organotrophen Beziehungen einiger Drainagemittel findet sich bei Fortier-Bernoville (Fortier-B., 1937-b. 53), [26]. Nebel, 1915. 154-156. Das Einsetzen von Absonderungen mit Schmerzerleichterung in akuten Fällen, z.B. bei einer Stirnhöhlenaffektion mit Kopfschmerzen durch Gabe von Lach., betrachtet Nebel ebenfalls als Drainagewirkung der gegebenen Arznei (Ate., 1915.155). Dies könne zu einer lebensgefährlichen Intoxikation ähnlich dem heute als Tumorlysesyndrom (massiver Zerfall von Tumorzellen z.B. bei zytostatikasensiblenTumoren) bekannten Krankheitsbild führen. Fortier-Bernoville, 1937-b. 53, 54, 62. (Ate., 1915. 157, 158); siehe hierzu eine Mittelfolge Burnetts (Bu., 1991-a. 164). Dies scheint eine nachträgliche Interpretation Nebels zu sein. Dem Verfasser ist keine Aussage Burnetts zur Gabe von Drainagemitteln bekannt. Nebel, 1915.149,150, 157, 158; 1929.144. Bei klaren Indikationen verordnet Nebel eine der von ihm als Drainagemittel angesehenen Arzneien, z.B. Tarax., Chel., Cond., oder eine bestmöglich passende Arznei mit mehr oberflächlicher Wirkung. In vielen Fällen verwendet er jedoch ein aus verschiedenen Drainagemitteln zusammengesetztes Komplexmittel und weicht damit von den Prinzipien der genuinen Homöopathie ab (Ate., 1929. 144; 1915. 140, 150). Hahnemann, ORG. §§ 3, 4, 94. In den „Chronischen Krankheiten“ erläutert Hahnemann den großen Stellenwert einer geeigneten Ernährung (Ha., CK. 116 und 131 ff.). Schlegel, 1927. 269 und 35. Grimmer, 1996-a. 757, 758, 800. Schlegel, 1927. 33-36, 46-48, 246-251; Grimmer, 1996-a. 750, 757, 763, 798, 800. Siehe auch Burnetts Empfehlungen zur Ernährung (ßu.,1991-b. 24, 52, 72). Bemerkenswert ist, dass Schlegel großen Wert auf die Beseitigung einer Obstipation durch diätetische Maßnahmen legt. Er schreibt; „Eine Forderung, auf die wir … wohl zu wenig Wert in direkter Anwendung legen, weil wir von der Ansicht ausgehen, dass die reine homöopathische Behandlung mit der Zeit Wandel schaffe“ {Schi, 1927.36,47). Barthel lehnt die Gabe von Mistelpräparaten und Enzymen ab [4]. Vgl. u.a. Hahnemann, ORG. §§ 286-291. Clarke, 1991. 59, 60. Siehe hierzu eine Kasuistik von Schlegel (Schi., 1927. 170). Cooper z.B. schreibt: „Krebsleiden … scheinen von depressiven Gefühlen genährt zu werden“ (Co., 1996. 65; vgl. 64). Hahnemann, CK. 140; vgl. 61. Hahnemann, CK. 139 ff.; vgl. ORG. §§ 259, 260, 261. Schlegel, 1927.80.

Literatur

[1] Agrawal M L P: Mind and Cancer. Simile 1993; 3: 14- 15.

[2] Barthel H: Expertenkonferenz zur homöopathischen Behandlung bei Krebs (Seminar). Bad Imnau, 26.- 28.6.1998.

[3] Barthel H: Homöopathie – Der Erfolg gibt Recht. Schäftlarn: Barthel & Barthel, 1996.

[4] Barthel H: Persönliche Mitteilung.

[5] Barthel H: Welche Therapie stoppte die Metastasierung? Dt. J. f. Hom. 1996; 3: 272-273.

[6] Behnisch G: Expertenkonferenz zur homöopathischen Behandlung bei Krebs (Seminar). Bad Imnau, 26.- 28.6.1998, und persönliche Mitteilung.

[7] Berndt D: Landpraxis – Kasuistisches Mosaik. ZKH 1959; 3: 96, 97.

[8] von Bönninghausen C: Bönninghausen’s Therapeutisches Taschenbuch 1846. Nachdr., Hamburg: Bernd von der Lieth(11846)[TB].

[9] von Bönninghausen C: Die Aphorismen des Hippokrates. Nachdr., Göttingen: Burgdorf, 1979 (11863, Leipzig) [AHP].

[10] von Bönninghausen C: Systematisch-Alphabetisches Repertorium der antipsorischen Arzneien, Teil 1. Münster: 1832 XIX.

[11] von Bönninghausen C: Versuch über die Verwandtschaften der homöopathischen Arzneien. Münster: Coppenrathsche Buchhandlung, 1836 [VHA].

[12] Boericke W: Handbuch der homöopathischen Materia medica. Heidelberg: Karl F. Haug, 1994.

[13] Burnett J C: Die Heilbarkeit von Tumoren durch Arzneimittel. Übers, von G. Risch. 2. Aufl., München: Müller & Steinicke, 1991 -a(11893, London, „Curability of Tumors“).

[14] Burnett JC: Tumoren der Brust. Übers, von H. Pscheidl. 1. Aufl., München: Müller & Steinicke, 1991-b (11888, London, „Tumors of the breast“).

[15] Carleton E: Homoeopathy in Medicine and Surgery. Reprint Edition, New Dehli: B. Jain Publishers, 1996 (11913, Flushing/U.S.).

[16] Clarke J H: Der Neue Clarke. Übers, von R Vint. Bielefeld: Silvia Stefanovic, 1990.

[17] Clarke J H: Die Heilung von Tumoren durch Arzneimittel. Übers, von G. Risch. 1. Aufl., München: Müller & Steinicke, 1991 (11908, London, „Cure of Tumors“).

[18] Clarke J H: The Prescriber. New Delhi: Pratap Medical (11925).

[19] CloverA: Complementary cancer care. BHJ 1992; 81: 176-182.

[20] Clover A: Complementary cancer therapy: A pilot study of patients, therapies and quality of life. Compl. Therapies in Medicine 1995; 3: 129-133.

[21] CloverA: Patients with cancer of the breast. BHJ 1993; 82: 174-178.

[22] Cooper R T.: Krebs und Krebssymptome. Übers, von K.-H. Reinke. 1. Aufl., München: Müller & Steinicke, 1996 (11898, Feltham/U.K., „Cancer and Cancer Symptoms“).

[23] Cremonini C L: 20 Anos despues. 48. Kongress der Liga Medicorum Homoeopathica Internationalis (LMHI), Wien 1993.

[24] Deutsche Gesellschaft für Nährstoffmedizin und Prävention e.V.: Krebs, Ernährung, Schutzfaktoren. Frankfurt: pmi, 1996.

[25] Doll R, Peto R: The Causes of Cancer: Quantitative Estimates of avoidable risk of Cancer in the United States today. J. Nat. Cancer Inst. 1981; 66: 1191.

[26] Fortier-Bernoville M: Die homöopathische Behandlung von Krebs. Übers, von A. Tippett. 1. Aufl., München: Müller& Steinicke, 1996, S. 149-150.

[27] Fortier-Bernoville M: General Review Of The Present  Hom. Treatment Of Cancer. Hom. Rec, 1937-a; Bd. 52, Heft 1 (Übers, des 1933 in „L’Homoeopathie Moderne“ erschienenen frz. Artikels ins Englische: S.A. Klein; deutsche Übers.: A. Tippett).

[28] Fortier-Bernoville M: General Review Of The Present Hom. Treatment Of Cancer. Hom. Rec, 1937-b; Bd. 52, Heft 2 (Übers, des 1933 in „L’Homoeopathie Moderne“ erschienenen frz. Artikels ins Englische: S.A. Klein; deutsche Übers.: A. Tippett).

[29] Friedrich U: Die homöopathische Krebsbehandlung unter Praxisbedingungen. ZKH 1998-a; 4: 154-159.

[30] Friedrich U: Internat. Referate: A homeopathic approach to the treatment and palliation of cancer, Part 1+2. ZKH 1998-b; 42: 78-80.

[31] Grimmer A H: The Collected Works of Arthur Hill Grimmer M.D. Hrsg. von A.N. Currim. Norwalk (U.S.): Hahnemann Internat. Institute, 1996-a (11917-1967, Manuskripte und Zeitschriftenveröffentlichungen Grimmers) (Übers, aller Zitate v. Verf.).

[32] Grimmer A H: Die Homöopathische Behandlung von Krebs. Übers, von A. Tippett. 1. Aufl., München: Müller &Steinicke, 1996-b.

[33] Grundmann E: Einführung in die Allgemeine Pathologie. 5. Aufl., Stuttgart: Gustav Fischer, 1985.

[34] Guernsey H N: Homöopathie in Gynäkologie und Geburtshilfe. 1. Aufl., Ruppichteroth: Similimum, 1995

(11867, Philadelphia, „The application of the principles and practice of Homoeopathy to obstetrics“).

[35] Guernsey H N: Keynotes Zur Materia Medica. Hrsg. von S. Reis. Oberhausen: Dynamis, 1993 (11887, „Keynotes to the Materia Medica“)

[36] GypserK-H: Persönliche Mitteilung.

[37] Hadjikostas C, Diamantidis S: Comparative Clinical Study Of Parallel Allopathie And Homoeopathic Treatment To Allopathie Treatment In Cancer Of The Large Intestine. Athen: Researches of MIHRA, 1987.

[38] Hadjikostas C, Diamantidis S: Comparative Clinical Study Of Parallel Homoeopathic And Allopathie Treatment To Allopathie Treatment In Cancer Of The Lung. Athen: Researches of MIHRA, 1987.

[39] Hahnemann S: Die chronischen Krankheiten, Bd. 1. Heidelberg: Karl F. Haug, 1995 (11828, Dresden) [CK].

[40] Hahnemann S: Organon der Heilkunst. Hrsg. von Ü.M. Schmidt. Standardausgabe der 6. Aufl., Heidelberg: Karl F. Haug, 1992 (11842, Paris) [ORG].

[41] HierholzerK, Schmidt R F: Pathophysiologie des Menschen. Weinheim: VCH, 1991.

[42] Jackson W E: A New Lease On Life. Hom. Rec. 1951; 66:242-249.

[43] Jackson W E: Treatment – Over and Under. Hom. Rec.1941;56:24-38.

[44] Jones E G: Cancer, It’s Causes, Symptoms and Treatment. New York: Greaves Publishing Co., 1911.

[45] Kent J T: Heilbare pathologische Zustände. Dt. J. f. Hom. 1984; 4: 321 (11912, erschienen in „The Homeopathician“).

[46] KentJT: Journal of Homoeopathics, April 1903.

[47] KentJT: Kents Minor Writings. Hrsg. von K.-H. Gypser. Heidelberg: Karl F. Haug, 1987 (11881 -1914, Zeit

schriftenveröffentlichungen Kents).

[48] Kent J T: Kent’s Repertorium der homöopathischen Arzneimittel. Übers, von G. v. Keller. Bd.1-3, 9. Aufl., Heidelberg: Karl F. Haug, 1986 (11897, Lancaster/U.K.) [KK].

[49] Kent J T: Zur Theorie der Homöopathie. Übers, von J. Künzli v. Fimelsberg. 3. Aufl., Leer: Grundlagen und Praxis, 1985 (11900).

[50] Klinkenberg C R: Die homöopathische Krebsbehandlung (Teil 1). ZKH 1998-a; 42: 15-28.

[51] Klinkenberg C R: Die homöopathische Krebsbehandlung (Teil 2). ZKH 1998-b; 42: 97-110.

[52] Klinkenberg C R: Die homöopathische Krebsbehandlung (Teil 3). ZKH 1998-c; 42: 188-197.

[53] Klinkenberg C R: Die homöopathische Krebsbehandlung (Teil 4). ZKH 1999; 43: 16-27.

[54] Klunker W: Persönliche Mitteilung.

[55] Krück F: Pathophysiologie, Pathobiochemie. 2. Aufl., München: Urban & Schwarzenberg, 1994.

[56] Leroi R, Bühler l/l/, Werner H: Krebs – die Krankheit unserer Zeit. 18. Aufl., Bad Liebenzell: Verein f. Anthroposoph. Heilwesen e.V., 1997.

[57] von Lippe A: Text Book of Materia Medica. Philadelphia: 1866.

[58] Maliekal T P: Homoeopathic Medicines successful in Tumor Reduction. CCRH Quarterly Bulletin 1996; 18:14.

[59] Masters F: Expertenkonferenz zur homöopathischen Behandlung bei Krebs (Seminar). Bad Imnau, 26.- 28.6.1998.

[60] Mezger J: Gesichtete Homöopathische Arzneimittellehre, Bd. 2. 10. Aufl., Heidelberg: Karl F. Haug, 1993

[61] Möller B: Einführung in die Methodik C. v. Bönninghausens. ACD 1997; 6:155-163.

[62] Nebel A: On the Causes and Treatment of malignant Disease. BHJ 1929; 19:135-147.

[63] Nebel A: The Treatment of Cancer. BHJ 1915; 5:147- 163.

[64] Peterman H L: Cases. Hom. Rec. 1905; 20:116-118.

[65] Pschyrembel Klinisches Wörterbuch. 255. Aufl., Berlin: de Gruyter, 1986.

[66] Radke D: Carbo animalis. Dt. J. f. Hom. 1992; 2: 102- 109.

[67] Ramakrishnan A U: A case of cancer that responded to homeopathy. Resonance 1998; März/April: 8-11.

[68] Ramakrishnan A U: A Homeopathic Approach to the Treatment and Palliation of Cancer Part 1 (seminar report by S. Skinner). JAIH Spring 1997-a; 90:14-21.

[69] Ramakrishnan A U: The Treatment of Cancer with Homeopathic Medicine Part 2: Case Studies (seminar report

by S. Skinner). JAIH Autumn 1997-b; 90:126-131.

[70] Reis S: Persönliche Mitteilung.

[71] Resch G: Rectum-Carzinom. Dt. J. f. Hom. 1985; 4: 354, 355.

[72] Schlegel E: Die Krebskrankheit, Ihre Natur und Ihre Heilmittel. 2. Aufl., Stuttgart: Hippokrates, 1927.

[73] Siegenthaler W: Klinische Pathophysiologie. Stuttgart: Georg Thieme 1970, S. 934-946.

[74] Spinedi D: Die Krebsbehandlung in der Homöopathie (Seminar). Bad Imnau, 27.-29.6.1997.

[75] Spinedi D: Expertenkonferenz zur homöopathischen Behandlung bei Krebs (Seminar). Bad Imnau, 26.- 28.6.1998. KH 6/1999

[76] Spinedi D: Heilung eines Basalioms an der Wange. 48. Kongress der Liga Medicorum Homoeopathica Internationalis (LMHI), Wien 1993.

[77] Stephenson J: Homöopathische Krebsbehandlung. Übers, von J. Künzli v. Fimelsberg. ZKH 1959; 3: 273- 283.

[78] Stockebrand F: Die homöopathische Behandlung der Tumoren. ZKH 1976; 3: 95-109.

[79] Sutherland A: Treatment – Over and Under (Introduction). Hom. Rec. 1941; 56: 24.

[80] Vermeulen F: Synoptische Materia Medica. 2. Aufl., Groß Wittensee: Kai Kroger, 1998 (11992).

[81] Zwiener U: Allgemeine und Klinische Pathophysiologie. Bd.1, Jena: Gustav Fischer, 1993.

Ich bedanke mich bei der Deutschen Homöopathie-Union (DHU), Abteilung Wissenschaft & Forschung, für die freundliche Unterstützung bei der Literaturrecherche.

Dr. med. Carl Rudolf Klinkenberg, Thiebauthstr. 2, 762 75 Ettlingen