Die Kasuistik als Verifikationswerkzeug

Dr. Carl Rudolf Klinkenberg, Vortrag auf dem 8. Internationalen Coethener Erfahrungsaustausch (ICE) am 21.11.2008 in Köthen

 

Ich begrüße Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Ich spreche über „Die Kasuistik als Verifikationswerkzeug“.
Der Begriff „Verifikation“ leitet sich vom Lateinischen ab. „Verificare“ heißt „die Wahrheit erweisen“. In der Homöopathie spricht man von Verifikation, wenn ein Symptom, das in der Arzneiprüfung auftrat, bei einem Kranken geheilt wird. Wenn also das Prüfungssymptom den Praxistest besteht. Mit Verifikationen verbessern und erweitern wir die Materia medica.

So läuft das ab:

Verifikation

 – A
        – B
            – C
                – D
Patient hat Symptome A, B, C, D.
⇒ Arznei X.
Symptom B Verschwindet.

Ich habe einen Patienten mit den Symptomen A, B, C und D. Ich gebe die Arznei X und das Symptom B verschwindet dauerhaft. Das bedeutet, ich habe das Symptom B durch die Arznei X verifiziert, vorausgesetzt, es ist ein Prüfungs-Symptom der Arznei X.

Ein Beispiel aus meiner Praxis

Frau A., 37 Jahre, 21.6.2001

♦Magenbeschwerden
       ♦ „Klumpen im Magen“
          ♦ Heisshunger
               ♦ Frostig
                   ♦ Traurig
                    ♦ Nase verstopft

Frau A., 37 Jahre, hat seit drei Jahren ständige Magenbeschwerden, sie hat das Gefühl eines Klumpens im Magen wie ein schweres Gewicht oder einen Stein. Dieses Gefühl wechselt mit Heißhunger ab. Seit zwei Jahren ist sie verfroren. Oft traurig in letzter Zeit. Verstopfte Nase.
Die Magenbeschwerden sind Prüfungssymptome von Sepia:

S. Hahnemann, Die chronischen Krankheiten (CK)

Sepia

Schmerz mitten im Bauch…; es lag da wie ein Klumpen fest… (CK5, Nr. 666).

Drücken auf den Magen, wie von einem Stein. (Nr. 603)

Gefühl wie von einer Last im Bauch, beim Bewegen. (Nr. 665)

Aufgrund der Gesamtheit ihrer Symptome gebe ich Frau A. Sepia Q3.
In den ersten drei Wochen verschwinden die Traurigkeit und die Frostigkeit. Unter Sepia Q6 und Q9 heilen die Magenbeschwerden und die anderen Symptome vollständig innerhalb der nächsten fünf Wochen. Nachbeobachtungszeit sechs Jahre.

Frau A., 37 Jahre, 21.6.2001

Magenbeschwerden
       „Klumpen im Magen“            ⇒ Sepia Q3 (Zinsser)
           Heisshunger                         ⇒ Sepia Q6, Q9
               Frostig
                   Traurig
                   Nase verstopft

Die Empfindung eines Klumpens im Magen wie ein Gewicht oder Stein wurde für Sepia verifiziert. Durch wiederholte Verifikation steigt das Symptom in seiner Wertigkeit im Repertorium. Im Kent, im Synthesis 9 und im Complete steht Sepia bisher zweiwertig in der Rubrik „Magen, Empfindung eines Klumpens“ (stomach, lump, sensation of, K 504) und nur einwertig unter „Magen, Empfindung eines Steins“ (stomach, stone, sensation of, K 527):

Bild1Bild2

 

Dennoch ist dieser Fall keine besondere Verifikation. Ich bin überzeugt, dass Sepia für dieses Symptom schon hunderte Male verifiziert worden ist. Der Fall zeigt nur, dass wir keine Kultur mit Verifikationen haben, sonst stände das Symptom heute schon dreiwertig im Repertorium. Wir sind bei den Verifikationen auf dem Stand von Kent stehengeblieben!

Für eine Verifikation muß das Mittel den Patienten nicht endgültig geheilt haben. Es müssen auch nicht alle Symptome verschwinden. Verifikation heißt, dass das Mittel ein oder mehrere Prüfungssymptome eindeutig weggenommen hat.

Hierzu eine Kasuistik von E.E. Case:

CaseEine dunkelhaarige Witwe, 64 Jahre
alt, hatte seit einigen Jahren
Husten…
Der Auswurf ist grün mit salzigem
Geschmack.
Nach dem Husten fühlt sich die
Brust schwach und leer an. …
Sie erwacht morgens mit
reichlichem Schweiß, schwach
und erschöpft.

Some Clinical Experiences of Erastus E. Case, 1991, S. 180

 

 

29.03.1913: Eine Dosis (ein Pulver) Stannum M von Boericke & Tafel.
18.05.1913: Der Husten ist verschwunden und sie kommt schnell wieder zu Kräften.

Im Kent Repertorium ist Stannum bei den Symptomen hochgradig vertreten: Grünlicher Auswurf – dreiwertig; salziger Auswurf – zweiwertig; Leeregefühl der Brust, Schwäche in der Brust und Schwäche in der Brust nach Husten sind jeweils dreiwertig im Kent.
Diese spezifischen Husten- und Brustsymptome von Stannum wurden in diesem Fall erneut verifiziert.¹
Aber: Die Patientin ist noch nicht geheilt. Sie hat neue Symptome, ein schwaches, nagendes Gefühl im Magen um 11 Uhr, und Verstopfung mit vergeblichem Stuhldrang:  Eine Dosis Sulfur M heilt die restlichen Symptome.

Stannum hat nicht die ganze Krankheit geheilt. Für eine Verifikation muß es das auch nicht! Unterscheiden Sie zwei Dinge:

(1) Einzelne Symptome einer chronischen Krankheit werden im Behandlungsverlauf eindeutig verifiziert.
(2) Eine chronische Krankheit wird über Jahre mit einem oder meist mehreren Mitteln geheilt.

Das relativiert Fragen wie: „Was ist Heilung?“ „Bedeutet Heilung, dass alle Symptome des Kranken geheilt sind?“ „Bedeutet Heilung, dass er auf Jahre nie wieder chronisch krank werden darf?“ usw.

Sie sehen: Verifikationen werden als Kasuistiken vorgestellt. Ich nenne Ihnen heute die Angaben, die eine Kasuistik meiner Meinung nach enthalten muß, damit man sie als Verifikation verwerten kann.

Die Verifikation in der Literatur

Welche Angaben der Fallbericht enthält, variiert je nach Epoche und Autor. Es gibt seitenlange Fälle wie dieser hier von Carlos Cámpora, der über sieben Seiten Din-A-4 Seiten geht, mit einer sehr ausführlichen Darstellung der Geistes- und Gemüts¬symptome – oft in den eigenen Worten des Patienten -, einer Darstellung der Allgemeinsymptome, mit Angaben zur Vorgeschichte, eine detaillierte Fallanalyse, Repertorisation und Differentialdiagnose der Arzneien, ein ausführlicher Verlauf.

C. Cámpora

CámporaEin Fall von Schizophrenie und seine Heilung mit Cenchris contortrix (ZKH 2/2007 Bd. 51)

This paper is a shortened version of the ideas presented by Dr. Cámpora at the 60th LIGA-Congress in Berlín on May 2005. Upon the request of the editor of the magazine, one case out of seven is presented and analyzed in more depth. The research based on high-quality case reports is one of the most useful tools to understand and improve the outcomes of homeopathic prescriptions. Since before Hippocrates’ times, the report of clinical cases has been a valuable source for medical teaching and research [7]. Along with the appearance of the Evidence Based Medicine (EBM) and its focus on the controlled and randomized clinical assays, the reporting of cases started to be considered the lowest step in the knowledge pyramid of the EBM [12]. Therefore, it is not in fashion, so to speak, to base the practice of the medicine in the knowledge arising from cases. However, our homeopathic practice, as well as the pathogenetic research has been historically based on the information obtained from cured cases which allow the clinical verification of known symptoms and, also, recognize new symptoms.

I believe that homeopaths need and must go on making case-based-research, but we must concentrate our efforts in the research of  high-quality cases, because these cases, actually are one of the most useful tools to understand and improve the outcomes of the treatment, and to deepen the knowledge of our materia medica. To account for this position, this paper presents a severe case in one of the most challenging and difficult areas for the homeopathic physician, as is homeopathic psychiatry. The presented case has been incorporated to BRECHA (Banco de Reporte y Estudio de Casos Homeopáticos de Argentina) Report and Study Casebank of Homeopathic Cases of Argentina. [1], which requires a rigorous standard of presentation, documentation and assessment of outcomes. At the homeopathic casebank of BRECHA, principles of qualitative research such as independent review are used: Consultations are videotaped and a full transcription is made; the latter records such details as pauses, gestures and facial expressions. Transcriptions are performed by an independent person. The data for each patient are highly documented (see Tab. 1) and are obtained from multiple and different sources (Tab. 2). All cases are subjected to a two-independent peer review.  Of herself, she says: “I’m very happy, I make jokes all the time … very responsible, exaggeratedly. I was raised to win a prize in everything, to be perfect. Of the others, I do not expect perfection but the minimum, and I assess with the response if they love me as I love them or, at least, I assess that, how they love me with their response … If there is no response, I start disregarding them, as if they do not occupy the same place as they would; before, I would call them and reproach; I would call them with anger, because I felt neglected, abandoned. Has this happened in other circumstances in your life? Yes. When? Well, when my dad would go out of the hooouse (her voice starts to break) … abandonment, abandonment but the whole time … Ah! Yes, please, tell me. (She cried; there was a long pause) My father used to slam the door and went out of my house, that was all the time.

What did you feel? (She cried) No, I cannot describe that because … (crying) Look, you can do it because you are feeling that now. (Pause) I am moved, but I want to see myself there, a little girl, and in that place (crying), and that was death (she weeps with grief) Why was it death, dear? Because he was my father. So, did he slam the door angrily? Yes (her voice can be barely heard upon answering) Did he go out? Yes. (barely audible) And what did you do? I remained alone (crying) saying that we would no longer come back … So, being alone was to be how? Without anything, it’s like, I was very poor, and my house was a great burden at that time; the house was sad, it was, let’s say, dirty, ugly, the place that I had, I could say, was even wet, it didn’t give me health, and when I was little I was always ill, I didn’t eat, I was inappetent, I was anemic … So he used to slam the door and went out … that he would never return and I was alone …? Without …. Without what …? I see myself very tiny, and I cannot say without, without what … because I know what I was, without my father, without the security, let’s say, nothing was certain at that time. He hugged me, he made me sleep, he held me in his arms, he pampered me, he defended me from my sisters … I don’t know if my sisters were different from me, well, the security, I don’t know, the love, all the love, the affection, everything, everything went away (pause) and (she remains in a position in which she hugs herself tight, holding herself, with both arms crossed).

Fears of things to be definitive; she believes a word or a situation defines something. For example, the death of her mother, or her own death, or that she will never get married or that she will not have children;  very intense fear that somebody made her something inside her body; for example, doctors’ ligation of tubes or that she has been stolen an embryo and that she may have had a child without her knowledge. Another fear her father may have been killed. She hears voices, of her boyfriend or  voices naming her niece. She was a bad student at University, she had to re-attend subjects and did badly at the exams. Before them, she became ill and when she was a child, during all the elementary school, she had vomits before leaving for school. …But now these ailments do not appear in stressful situations. She is sensitive and she feels hurt if she sees a child in the street, in a pitiful situation, and so does she if she sees an abandoned little dog going around in the street.

Physical examination: without abnormalities. Past history: recurring upper airways infections in childhood and adolescence; coxalgias; cervical arthrosis. Family Antecedents: not significant.

C. Cámpora …Ende

videotaped and a full transcription is made; the latter records such details as pauses, gestures and facial expressions. Transcriptions are performed by an independent person. The data for each patient are highly documented (see Tab. 1) and are obtained from multiple and different sources (Tab. 2). All cases are subjected to a two-independent peer review.  Table 2: Sources of documents of patient´s data.-  Physician’s notes.-  Prior medical records.-  Testimonies of relatives, teachers,friends.-  Testimonies of other physicians-  Complementary measurements (laboratory, Peak-flow)-  Physical measurements. The two messages I intend to convey here are: 1. To emphasise that a high-quality cured clinical case represents a homeopathic evidence and homeopathic proof and also the best manner to teach and learn homeopathy. 2. To demonstrate that severe cases traditionally considered incurable in psychiatry are likely to improve and cure with homeopathy.Case of SchizophreniaMrs. P., a 46-year-old woman, single, without children, agronomic engineer, teacher, with psychiatric leave which started six months ago. She consulted me at Fundación Médica Homeopática Vitalis Educational Office on November 29th, 2001, referred by her homeopathic doctor due to the lack of response to the treatments she gave her. Presenting complaints were: 1. Schizophrenia with 25 years of evolution. She suffered a crisis 6 months ago, of which she has not yet recovered, and has shown a recurring pattern since she was 21, at a rate of several crisis each year. 2. Pain in the left shoulder which irradiates to the upper limbs and homolateral hand, with numbness of the hand, which evolving for 11 months and that persists despite the diverse treatments performed (allopathic, kinesiological, and homeopathic). She had performed 25 years of allopathic treatment with different drugs (Tioridazon, Trifluoperazin, Haloperidol, Risperidon, Diazepam etc.) and different psychological approaches with several therapists, plus 10 years of homeopathic treatment, but the crisis went on and she had been hospitalized three times for acute episodes. The day before she consulted, she had been directed to increase gradually Risperidon from 6 to 9 mg per day. The patient says (verbatim): “Well, when I was working … my pathology started closing … we could say … I have tended to fall, many times, in a sort of … what some call “accelerations”. I start building up a lot of pressure … and start, how could I say? with persecution disorders, we could say … but that I reason a lot; I write down things that I see and that happened to me, and I use a lot my intellectual side. Currently I have already completed four or five copybooks; now, I have stopped writing; there are things that frighten me and, well, it’s like it stopped. I commented Dr. … that, sometimes, I get mute, mute in the sense that I could recognize or associate everything through my sight; so, now, there is a sort of assembly of these and I can interpret gestures and they coincide … now I am sort of all right … I am, that is, reasoning these type of coincidence that, at the time of crisis, bring me that surprise, that fear. Now, I carry them with me but sort of in a parallel way. For this reason, I do not want to be asleep because now my risperdone has been increased…”In the last 11 years, the use of antipsychotics has been continuous but the outbreaks still occur; the beginning of her ailment coincides with her first sexual relation when she was 21 years old. Here, her speech lost coherence, confusely and mixing ideas, she tells me that three months ago, in a trip to Salta, when she arrived at her hotel room, she saw that in it, there was the same picture on the wall as when she had sexual intercourse with her boyfriend, when she was 21. That she felt that, from the plane, she was being taken to somewhere else and that, when she made a complaint on the phone, she heard that the answering voice was that boyfriend’s, and that at the hotel she was being moked at, and she was told “my sweetie” or “divine”, but that it was her boyfriend’s voice the one which said that. Therefore, she refused to get out of her room, she even ate in there, she did not understand what was happening to her, she felt that everything had been plotted against her and she started her mutism, and she said that she found a hundred pesos in her room and that she felt that she was being harassed with proposals, that someone was about to get into her room to have sexual intercourse with her, and that she felt very bad, forced. She wanted to find her ex boyfriend, but not in that situation, that she felt as if “we will give a hundred pesos to sleep with him”. And she heard his voice on the phone, as if he spoke to her, as when she had a relationship with him many years ago and he used to say that she was his slave, and in this trip she says: “it is as if we, the slaves, were going to Africa”, and she felt that she was like a slave that was subjected to himShe remembers that, in her relationship with him, he had a very marked tendency to make her feel inferior in public. She belonged to a lower social class and he made her notice this, and she felt diminished wherever they went because he hid her; and so she felt like a whore. She says that she remembers images, where she felt that it was then when she lost everything, a boyfriend with whom she had been going out for 4 years, her spontaneity. She even changed her character, she quarrelled with her father, who humiliated in front of him treating her as a whore; she blames her father for the breakup of her couple, and she never forgave him for this and harboured “the rancour of my life”. She thinks that even today this boyfriend can be her match and that he loves her; she feels that he watches her, he accompanies her from somewhere and, although she never saw him again, she hears his voice and she feels touched by this. She says that she has heard that voice in passengers, in hosts of TV sports programmes, in international tennis matches; that his voice “envelopes me and makes me feel by his side, and that she fears that people may imitate his voice and she may say “yes” and can be taken to a place she does not wish to go.Recurring dreams: packing suitcases, go away and know places, watch landscapes, cathedrals, watch the tiles of the buildings, monasteries and domes, also inside, even while doing relaxation she saw the painted domes of a church and dreams of faces that tell her that they are angry and reproach her. Desires: fruits; condiments. Perspiration: nates and between the thighs excessively.  Sensitive to cold.  She says: “I feel that any garment around my neck strangles me, not during the day but, if at night I have something it’s like it bothers me, here, in this place, it makes me feel something like disgust if it is tight (she points out her larynx) and I feel I want to vomit. Another tight-fitting garment? I prefer not to use tight-fitting sleeves. d patient with diagnosis of chronic schizophrenia with many outbreaks throughout the 21 years of the evolution of her illness and that, according to the different stages that have taken place, frequently interepisode residual symptoms (both positive and negative) have interspersed. She was hospitalized on three occasions. She has received irregular homeopathic treatment at different points
ZKH 2/2007 Bd. 51 S. 52-60

Oder der Fall wird wie in vielen Lehrbüchern aufgebaut mit einem:

(a) Spontanbericht
(b) gelenkten Bericht
(c) aktiver Befragung

Viele Fälle vor 1930 sind ähnlich wie der gerade gezeigte prägnante Fall von Case. Schauen Sie noch einmal, wie wenige Angaben Case macht.

E. E. Case

CaseEine dunkelhaarige Witwe, 64 Jahre
alt, hatte seit einigen Jahren
Husten… Der Auswurf ist grün mit
salzigem Geschmack.
Nach dem Husten fühlt sich die Brust
schwach und leer an. …
Sie erwacht morgens mit reichlichem
Schweiß, schwach und erschöpft.
29.3.1913. Ein Pulver Stannum M von
Boericke & Tafel.
18.5. Der Husten ist verschwunden und
sie kommt schnell wieder zu Kräften.
Schwaches, nagendes Gefühl im Magen
um 11 Uhr. Verstopfung mit vergeblichem Stuhldrang.
Ein Pulver Sulfur M vervollständigt die Heilung.

Some Clinical Experiences of Erastus E. Case, 1991, S. 180

Case nennt das Geschlecht, Alter, macht eine Bemerkung zur Konstitution, das Datum der Behandlung, die Hauptbeschwerde, seit wann sie besteht. Er nennt alle charakteristischen Symptome, auch schwere/ intensive Symptome wie die Erschöpfung. Die heilende Arznei, den Namen des Herstellers und einen kurzen Verlauf (18.5.).
Es treten neue Symptome auf. Gefühl im Magen um 11 Uhr. Verstopfung mit vergeblichem Stuhldrang. Eine Dosis Sulfur M heilte die restlichen Symptome.

Selbst diese kurze Kasuistik enthält eine Menge an Informationen!
Fehlt etwas? Die Arzneiwahl wurde in diesen frühen Kasuistiken meist nicht begründet, ein Materia medica-Vergleich wurde nur selten gemacht.

Ein Fall von C.M. Boger

BogerHartnäckige Rückenschmerzen,
< beim Hinlegen
> beim Gehen,
Mehrere Mittel brachten keine
Besserung.
Vorgeschichte von rezidivierender
Angina.
Tabacum CM heilte.

C.M. Boger, Collected Writings (1994: 280)

 

 

Backache persistent, worse when lying down, better walking, had defied many remedies. History of angenoid attacks. TABACUM CM cured.
Boger  CM:  Collected Writings. Hrsg. R. Bannan. London: Churchill Livingstone; 1994: 280.

Hier ist noch annähernd eine Kasuistik erkennbar, aber von Boger gibt es auch das:

C. M. Boger

Boger

Ferrum iod. D2
Weiche Struma bei anämischen
Mädchen in der Pubertät.
Zwei sofortige Heilungen.

C.M. Boger, Collected Writings (1994: 326)

 

 

 

 

 

Ferrum iod. 2x. Soft goitre in chlorotic girls at the age of puberty. Two very prompt cures.
Boger CM:  CollectedWritings. Hrsg. R. Bannan. London: Churchill Livingstone; 1994: 326.

Boger schreibt nur noch ein geheiltes Symptom bzw. einen Befund auf! Wir sind jetzt von einem 7-Seiten langen Fallbericht bei einer einzigen Zeile angelangt! Wenn Boger seine geheilten Fälle so gekürzt bringt, heißt das für die Dokumentation einer Verifikation dürfen wir unsere Fälle auf eine Zeile verkürzen?

Die früheren Herausgeber der ZKH haben das wahrscheinlich so gesehen. Von 1987 bis 1994 wurden in der ZKH Verifikationen veröffentlicht, die sich an diese Vorbilder der Literatur anlehnen. Im Kapitel ‚Verifikationen und klinische Symptome‘ stehen keine langen Kasuistiken, sondern eine Verifikation extrahiert aus einer Kasuistik. Außerdem wird die Materia medica-Quelle genannt.

Verifikationen in der ZKH

Ein Beispiel, die Bestätigung eines Prüfungssymptoms:

ZKH: Verifikationen und klinische Symptome

Indigo
Nasenbluten beim Niesen. (H.F., männl., 39 J.)
„Gegen 7 Uhr bekam ich heftiges
Niesen, welches bis 7 ¼ Uhr
anhielt, und darauf stellte sich
ein heftiges Nasenbluten ein,
welches bis gegen 8 Uhr anhielt.“
Verabreichte Potenz:  Q 6 (Zinsser)

v. Keller, Tübingen, ZKH 1987; Bd. 6: 232

Der ganze Fall ist auf eine Zeile reduziert.

Noch ein Beispiel, die Bestätigung eines klinischen Symptoms von Berberis vulgaris durch K.S. Srinivasan:

K. S. Srinivasan

SrinivasanBerberis vulgaris
Neigung, von Mücken gestochen zu
werden; besonders …die Arme;
starkes Jucken.
Die Patientin sagt: „Ich ziehe die
Mücken förmlich an.“ (R., weibl., 24 J.)
Verabreichte Potenz:  C 200 (Schwabe)
„…6 Wochen nach …der Prüfung berichtete
die Probantin als auffallend: Trotz
Reiterurlaub mit vielen Bremsen und
Schnaken bei extremer Hitze …kein
einziger Mückenstich. Sonst voller
Stiche von jedem Frühsommer an.“

K.S. Srinivasan, Chennai, ZKH 1988 Bd. 1: 27

In diesen Verifikationen stehen nur folgende Angaben:

Ein charakteristisches Symptom.
Das Geschlecht, das Alter.
Arznei, Hersteller.
Materia medica-Vergleich.
Autor.
Die Kollegen, die Verifikationen einreichten, waren fast ausschließlich renommierte Homöopathen wie Will Klunker, Georg von Keller, K.S. Srinivasan, Klaus-Henning Gypser, Martin Furlenmeier usw.

Inwieweit hängt eigentlich die Akzeptanz einer Verifikation vom Renommée eines Homöopathen ab?
Constantin Hering teilt seinen Fall so mit:

C. Hering

HeringLobelia inflata
Beim Monatlichen, ein heftiger
Schmerz im Kreuzbein selber,
und sonst nirgends, oder Gefühl
einer grossen Schwere in den
Geschlechtstheilen.

C. Hering, Philadelphia (USA)
AHZ 1869 Bd. 78 Nr. 7

 

 

 

Hier werden nur die Arznei, das geheilte Symptom, indirekt das Geschlecht und der Autor genannt. Hering schreibt nichts über die Patientin selbst, über ihr Alter, das Datum der Behandlung oder die Nachbeobachtungszeit – nichts!

Was denken Sie über diese Mitteilung, ist sie glaubwürdig?
Also ich glaube sie. Ich persönlich halte Constantin Hering für sehr kompetent. Dasselbe gilt für Mitteilungen von Adolf Lippe oder z.B. von Pierre Schmidt. Ich nehme an, auch Sie glauben deren Mitteilungen – weil Sie diesen Kollegen vertrauen, weil Sie andere Fälle und Bücher von ihnen kennen, die ihre Glaubwürdigkeit gezeigt haben.
Hering liefert immerhin ein neues klinisches Symptom eines eher seltenen Mittels, Lobelia! Ich würde diesen „Fall“ von Hering, oder besser dieses Fällchen in die Materia medica übernehmen.

Die nächste Mitteilung kommt von Peter Kowalski aus Tönisberg:

KowalskiLobelia inflata
Bei der Periode, ein
heftiger Schmerz im
Kreuzbein, und nur dort,
oder Gefühl einer großen
Schwere in den Geschlechtsteilen.

P. Kowalski, Tönisberg (Deutschland)
AHZ 2004 Bd. 254 Nr. 4

 

 

 

Was sagen Sie dazu?

Sie kennen Herrn Kowalski nicht. Glauben Sie ihm diese Mitteilung trotzdem?
Ich meine: „So geht es nicht. Der Kollege Kowalski soll den Fall doch mal etwas genauer aufschreiben!“

Warum reicht mir das nicht, was Kowalski schreibt?
Weil ich nicht weiß, ob seine Angaben zuverlässig beobachtet sind. Hering glaube ich das, aber von Herrn Kowalski möchte ich mehr Informationen.

Übrigens: Den Kowalski habe ich erfunden, den gibt es gar nicht…

Sie sehen aber an diesem Beispiel, dass Verifikation nicht gleich Verifikation ist, sondern auch von der mitteilenden Person abhängt.

Ich fasse zusammen:

(1) Es gibt einerseits Fälle von mehreren Seiten. Andererseits kann eine Verifikation effektiv in drei Sätzen (denken Sie an Case) oder in einem Satz (Beispiel ZKH) vermittelt werden.
(2) Der Autor der Verifikation ist möglicherweise völlig unbekannt.

Angaben für Verifikationen

Um eine schriftlich eingereichte Verifikation dennoch beurteilen zu können, müssen Fälle meiner Meinung nach folgende Angaben enthalten, in Ihrer Kongressmappe liegt eine Liste mit diesen Angaben:

        Verifikationen enthalten…                Optional…

  • Das verifizierte Symptom                    ♦ Konstitution
  • Patient                                                     ♦ Auffallende körperliche Merkmale
  • Datum
  • Hauptbeschwerde
  • Charakteristische Symptome
  • Intensive uncharakteristische Symptome
  • Auffallende pathologische Befunde
  • Ätiologie
  • Frühere Krankheit
  • Familiäre Krankheit
  • Arznei
  • Begründung der Arzneiwahl
  • Materia medica
  • Parallelbehandlung
  • Verlauf
  • Nachbeobachtungszeit

Das verifizierte Symptom bzw. geheilte klinische Symptom.
Der Patient mit Alter, Geschlecht und Beruf. Die genauen Lebensverhältnisse müssen nicht angegeben werden. Das Datum der Behandlung.
Die Hauptbeschwerde, ggf. die klinische Diagnose. Die Dauer und der Schweregrad der Krankheit. Ein detaillierter Krankheitsverlauf ist nicht erforder-lich.
Die charakteristischen Symptome nach Hahnemann, d.h. näher bestimmte (§153, §165), seltene (§178) oder besonders auffallende Symptome (§95, §153 ORG). Aus der Fallbeschreibung sollte hervorgehen, warum diese Symptome charakteristisch sind. Besonders markante, sicher beobachtete Symptome können kursiv gesetzt werden.
Es sollten alle charakteristischen Symptome genannt werden, auch solche die nicht zur Arzneiwahl führten oder nicht repertorisierbar sind. Auf diese Weise werden bisher unbe¬kannte Arznei¬symptome gefunden.
Intensive uncharakteristische Symptome wie starke Abmagerung, Schwäche, Schwindel, Blässe, Atemnot. Diese Symptome vervollständigen das Gesamtbild und zeigen, unter welchen Begleitsymptomen die betreffende Arznei wirkt.
Die übrigen uncharakteristischen Symptome, d.h. unbestimmte, häufige Symptome wie Kopfschmerz, Appetitlosigkeit, gestörter Schlaf (§153 ORG) müssen nicht aufgeführt werden.
Auffallende pathologische Befunde wie z.B. ein rissiger Mundwinkel, eine Landkartenzunge.
Laborbefunde und andere diagnostische Befunde (z.B. Röntgen, Ultraschall) können, müssen aber nicht genannt werden.
Der Auslöser der Krankheit, ein Kummer, unterdrückter Hautausschlag usw. Ein möglicher Auslöser muß speziell begründet werden.
Frühere Krankheiten, wenn sie für diesen Fall ein wesentlicher Hinweis für die Arzneiwahl waren (z.B. bei früherer Infektion mit TBC).
Familiäre Krankheiten, wenn sie ein wesentlicher Hinweis für die Arzneiwahl waren, z.B. TBC in der Familie.
Die Arznei inkl. Potenz, Dosierung und Hersteller.
Eine stichwortartige Begründung der Arzneiwahl. Die Differentialdiagnose der in Frage kommenden Arzneien ist nicht erforderlich, ebensowenig die Darstellung des Repertorisationsergebnisses.
Der Materia medica-Quellenvergleich.
Parallelbehandlungen, die während der Behandlung stattfanden, z.B. Akupunktur oder eine Gesprächstherapie. Es muß genau begründet werden, warum die Heilung auf die homöopathische Arznei und nicht auf die Parallelbehandlung zurückgeführt wird!
Eine kurze zusammenfassende Darstellung des Verlaufs. Detaillierte Ereignisse aus dem Behandlungsverlauf wie eine Erstverschlimmerung, interkurrente Erkrank¬ungen, eine Heilung nach der Hering´schen Regel usw. können ausgelassen werden.
Nachbeobachtungszeit.

Optional können konstitutionelle Symptome (z.B. Verlangen nach frischer Luft) sowie auffällige körperliche Merkmale (sog. „indikative” Symptome wie z.B. ein Arcus senilis (indikativ für Arzneien wie Lyc., Sulf.) angegeben werden.

Ein Fall in der Schriftform

Zum Abschluß ein Fall aus meiner Praxis, der beispielhaft zeigt, wie eine Verifikation schriftlich mitgeteilt werden kann:

Arznei & verifizierte Symptome
Kalium iodatum
• Atemnot (Asthma) < durch Wärme, < im warmen Raum, < abends, > frische Luft
• reichlicher grüner Schnupfen, < abends; mild, schleimig
• grüner Auswurf

Patient, Datum, Hauptbeschwerde, charakteristische Symptome (kursiv)
8.02.07: Herr B., 39 Jahre, Schreinermeister, etwas adipös, leidet seit 20 Jahren an allergischem Asthma, das sich in den letzten Jahren weiter verschlimmert.
Asthma < in warmen, stickigen Räumen, beim Eintreten in einen warmen Raum, bei Wetterwechsel zum Warmen, besser in frischer kühler Luft. Allgemeine Abneigung gegen warme Räume. Atemnot < abends, durch Staub, verschiedene Nahrungsmittel (Paprika, Apfel), bei Anstrengung. Ständiges Pfeiffen über den Bronchien, nachts Engegefühl. Grünlicher Auswurf. Husten nach warmen Essen oder bei warmen Wasserdampf.
Weitere Symptome: Reichlicher grüner Schleim aus der Nase morgens und tagsüber.
Nase abends verstopft. Niesen beim Sehen in die Sonne. Im Frühjahr und August/September Heuschnupfen mit starkem Augenjucken und -brennen.
Oft Angina. Häufige Anginen in der Kindheit. Als Kleinkind Impfung gegen Tuberkulose.

Puls., Tub. und Iod. beenden die Infektanfälligkeit und die Augensymptome, bessern die Allergien, führen aber zu keiner endgültigen Ausheilung des Asthmas. Cortison und ein Antiallergicum wurden initial abgesetzt.

Mittelgabe & Dosierung
21.3.08: Kalium iodatum C30 (Gudjons) morgens und abends jeweils ein Globulus pur.

Begründung der Arzneiwahl
< Wärme (im Zimmer, warmes Essen, heißer Wasserdampf), > frische Luft, < Wetterwechsel, < abends (Quellen: H.C. Allen, C. Hering, Hartlaub/Trinks, C.M. Boger)
Reichliche grünliche, kalte, nicht reizende nasale Absonderungen (K.C. Bhanja) (Hervorhebungen v. Verfasser)

Materia medica
Verstopfung der Nase… (Hartlaub/ Trinks Nr. 184)
Häufiger Abgang gelben dicken Schleims aus der Nase. (Hartlaub/ Trinks Nr. 187)
Discharge from nose of greenish black or yellow matter. (Hering 428)
Opression of breathing, awakening patient in morning hours. (Hering 433)
Asthma in young people that have not gotten their growth. (Hering 433)
Expectoration greenish. (Hering 433)

Verlauf
Das Mittel wird fünf Wochen gegeben. Keine Parallelbehandlung.
Schon nach vier Tagen kein Schnupfen mehr, innerhalb von zehn Tagen sind alle asthmatischen Symptome verschwunden. Kein Niesen mehr in der Sonne, keinerlei allergische Reaktionen auf Lebensmittel oder Staub.
Nachbeobachtung: 6 Monate.

Ausblick

Durch Verifikationen verbessern wir unsere Materia medica und machen die Mittelwahl immer sicherer. Ich lade Sie ein: Dokumentieren Sie Ihre Heilungen!
Ab Januar 2009 gibt es wieder eine Rubrik ‚Verifikationen’ in der ZKH. Schicken Sie die Kasuistiken an die ZKH oder an die neue InHom-Wissenschafts-gesellschaft. Tragen Sie durch Heilungsmitteilungen zur Verbesserung der Materia medica bei!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

¹Die Prüfungssymptome ‚grünlicher und salziger Auswurf‘ werden verifiziert.
Die ‚Schwäche und Leerheit in der Brust nach Husten‘ ist ein klinisches Symptom von Stannum, das hier bestätigt wird. Schon in der Prüfung gibt es Hinweise auf das Symptom – ein Beispiel dafür, wie klinische Symptome Prüfungssymptome genauer charakterisieren!

Materia medica
Scharriger Husten, anfänglich lösend, mit grünlichem Auswurfe von widrigem, süsslichtem Geschmacke… (RA VI 123).
Salzig schmeckender Brust-Auswurf (RA VI 125).
* Schwächegefühl in der Brust, wie ausgeweidet, – besonders nach Reden oder Hustenauswurf (G.H.G. Jahr, Symptomenkodex, S. 591)
Nach Husten und Auswurf fühlt sich der Patient sehr hohl und leer (Guernsey, Keynotes, S. 239)
Von Zeit zu Zeit, ein Kotzhusten, wie aus Schwäche der Brust, ohne allen andern Husten-Reiz und ohne Auswurf … mit einem heisern, ganz schwachen Laute, weil’s ihm an Kraft der Brust fehlte (RA VI A221). Vormittags, Schleim in der Luftröhre, welcher durch leichte Husten-Stösse ausgeworfen wird, bei einer ungemeinen Schwäche der Brust, als wäre sie ausgeweidet… (RA VI A222).
Er athmet kurz und, wiewohl es ihm nicht an Luft fehlt, doch mühsam, aus Schwäche der Athem-Werkzeuge, bei grosser Leerheit der Brust (RA VI A238)

Zwei Tuberkulinum- Fälle

erschienen in der Zeitschrift für Klassische Homöopathie, 2003; 47: 163 – 177

von Dr. med. Carl Rudolf Klinkenberg

Zusammenfassung

Fallbeschreibung von zwei Jungen mit chronischen Folgen nach BCG-Impfung und familiärer Tuberkulose. Der Heilungsverlauf unter Tuberkulinum wird beschrieben, die Materia medica-Quellen der Arznei untersucht. Weitere Themen sind die Erblichkeit infektiöser Krankheiten sowie die Bedeutung einer infektiösen Diathese für die Arzneiwahl.

Schlüsselwörter
Tuberkulinum, Bacillinum, Nosoden, tuberkulöse Diathese, BCG-Impfung, Vererbung, Materia medica, spezifische Infektion.

Chronische Folgen der BCG-Impfung

Am 9.03.2001 wird der 8jährige Tobias mit ausgeprägter Hyperaktivitätsstörung vorgestellt.
Die ersten Symptome begannen mit 3 Jahren. Die Eltern berichten, er sei sehr unruhig, habe immer etwas zum Spielen in der Hand und könne nicht ruhig sitzen. Nervös, unkonzentriert, wechselhaft. Für vieles interessiere er sich mit Feuereifer und kurz darauf habe er es vergessen. Er wirke oft abwesend, wie ganz woanders.
Er sei sensibel, nehme sich vieles sehr zu Herzen wie z.B. einen Bericht im Fernsehen über ein ermordetes Kind. Ziehe sich in ein kindliches Gehabe und Verhalten wie ein Baby zurück. Oder er spiele den Kasper und habe ein großes Mundwerk. Die Mutter meint, ihm fehle Selbstvertrauen, was er überspiele.

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Blühende Phantasien von Monstern und gruseligen Geschichten. Alpträume: Sieht Menschen als Leichen. Er bringt einen Räuber um. Dinge entfernen sich und kommen wieder zurück. Ein Mörder, der immer größer wird. Sein Kopf wird zusammengequetscht. Aus Angst steht er dann morgens nicht auf und ruft nach seinen Eltern.
Ständige Bewegungen der Zunge, beißt sich auf die Lippen. Störung der Feinmotorik beim Schreiben, Basteln und Spielen. Koordinationsschwierigkeiten beim Turnen.
Großes Süßverlangen. Schwitzt stark bei Anstrengung, besonders am behaarten Kopf. Kalt-feuchte Hände. Die Haut an den Oberarmen ist grießelig. Auffallend rote Lippen bei blassem Gesicht.
Im Alter von 6 Wochen antibiotisch behandelter Harnwegsinfekt, deshalb abgestillt. Freies Laufen mit 19 Monaten. Ein bis zweimal im Jahr Husten oder spastische Bronchitis. Laut Kinderarzt dreimal Scharlach ohne Hautausschlag mit 3, 4 und 7 Jahren.

Impfungen: BCG-Impfung 4 Tage nach Geburt, Merieux-Test 3 Monate später positiv. Zwischen 3. Lebensmonat und 7 Jahren Impfungen gegen Polio, Diph., Tet., Pert., Hib, HepB und MMR. Familiäre Erkrankungen: Beide Geschwister des Vaters – Neurodermitis. Der Kinderarzt diagnostiziert ein ADHS-Syndrom. Bisherige Therapie (Ergotherapie, Physiotherapie) erfolglos. Tobias soll in zwei Monaten in eine neurologische Spezial-Klinik eingewiesen werden.

Arzneiwahl

Wegen der ausgeprägten körperlichen und geistigen Unruhe und der roten Lippen bei BCG-Impfung vermute ich eine Tuberkulose-Infektion. Nicht nur die Tuberkulose (TBC) selbst, auch der abgeschwächte Krankheitserreger der Impfung ist offenbar in der Lage, chronische Störungen auszulösen, die ich auf eine tuberkulöse Infektion zurückführe. Für die Ausarbeitung wurden u.a. die Repertorien von Murphy und Pennekamp verwendet [25,28], in die klinische Tuberkulinum-Symptome eingearbeitet sind. Tuberkulinum findet sich in folgenden Rubriken:

Restlessness, in children (MMR 239): Tub. (2).
Hyperaktive, hypermotorische Kinder (PKR 85): Tub. (3).
Sensitive children (MMR 240): Tub. (2).
Childish behavior (MMR 1011): Tub. (1).
Ideen Reichtum, Phantasie (PKR 86): Tub. (3).
Gedanken, versunken in, Tagträume (PKR 79): Tub. (2).
Alpträume (PKR 433): Tub. (2).
Discoloration, lips, red (MMR 1126): Tub. (2).
Kopfschweiss (PKR 155): Tub. (1).
Süßigkeiten, Verlangen (SR II 274) [3]: Tub. (2).

Materia Medica

 A very restless feeling, not able to read with profit (Boocock, Bac.). Very weak and nervous, full of anxiety… (Boocock, Bac.). Nervous and irritable (Burnett, BCC 97, Bac.). (Intense restlessness; and inward restlessness. Comprehension and concentration almost impossible. Allen, AN 502).
 Very sensitive mentally and physically (Phatak, PMM 602).
Night very restless; …full of dreams (Boocock, Bac.). (Schreckliche Träume… CNC 6051, Nebel). Dreams… frightful. Awakes in horror (PMM 605).
 Craves cold milk, or sweets (Boger, SK 325).

Die Arzneiwahl Tuberkulinum wird nicht allein durch Symptomenähnlichkeit getroffen, sondern auch durch die spezifische Ansteckung, die durch die Impfung erfolgte. Dieses Vorgehen ist durch die Erfahrungstatsache begründet, dass Tuberkulinum ein verifiziertes Mittel bei tuberkulöser Diathese ist.

Verlauf

12.03.01 Tuberkulinum C1000 (Gudjons) 2 Glob. in etwas Wasser aufgelöst an zwei Abenden. Verbot von Zucker.
29.03. Der Junge ist viel ruhiger. Im Unterricht und beim Spielen mehr Ausdauer und Motivation. Keine Alpträume. Kaum Süßverlangen. Befund: Lippen weniger rot, Gesicht rosiger.
9.04. Rückfall nach einer Tüte voll Süßigkeiten, direkt am nächsten Tag extrem unruhig, unkonzentriert und wieder rote Lippen. Blaß. Zustand fast wie vor der Gabe.
12.04. Unverändert unruhig. Er fragt wieder mehr nach Süßem.
Tuberkulinum C1000 (Gudjons) 1 Glob. unter die Zunge.
8.05. Direkt nach der Einnahme wird er von Tag zu Tag ruhiger und konzentrierter, ähnlich wie nach der ersten Gabe. Weniger blaß.
Vor zwei Wochen hat er bei einem Freund viele Süßigkeiten gegessen, danach wieder zwei Tage unruhig. Keine schweißigen Hände mehr. Die Eltern sagen den Kliniktermin ab.
6.06. Es geht ihm gut. Nicht mehr hyperaktiv. Konzentration und Leistung in der Schule sind wesentlich besser geworden. Kein kindisches Verhalten mehr. Keine Alpträume mehr. Er hat Selbstvertrauen und übernimmt beim Spielen mit seinen Freunden mehr Initiative. Die Sensibilität, wenn z.B. anderen Menschen etwas Schlimmes passiert, ist gleich geblieben. Hin und wieder fragt er nach etwas Süßem. Gesichtsfarbe normal, keine roten Lippen.
21.12.01 Leichte Bronchitis, keine Arzneigabe.
17.04.03 In den letzten zwei Jahren hat sich Tobias normal entwickelt, er hat noch leichte Konzentrationsprobleme, keine Unruhe mehr. Alpträume, schweißige Hände und Infektneigung sind weg, der körperliche Zustand unauffällig.
Eine Weiterbehandlung wäre wünschenswert gewesen, aber die Eltern waren mit der Heilung der dringlichsten Symptome zufrieden.
Auch wenn ich daher nicht von einer vollständigen Heilung spreche, Voraussetzung hierfür wäre ein längerer Beobachtungszeitraum und eine Weiterbehandlung der Restsymptomatik, hat mich die tiefgreifende und anhaltende Wirkung von Tuberkulinum auf das Kind beeindruckt.

Tuberkulöse Diathese

TBC hat die Kraft, den Organismus mit einer bleibenden Störung der Lebenskraft zu hinterlassen. Frühere Homöopathen, z.B. C. M. Boger und E. A. Farrington beobachteten, dass eine konventionell kurierte TBC, die geheilt scheint, nicht wirklich geheilt ist. Sie werde zwar still, aber nicht eliminiert, was sich an Folgekrankheiten und Anfälligkeiten zeige [31].

Die akute Infektion mit Tuberkelbakterien ist unter den guten sozioökonomischen Bedingungen der industrialisierten Länder selten geworden , heute erfolgt die Ansteckung im wesentlichen über drei Wege:
1. TBC der Vorfahren.
2. Eine durchgemachte TBC.
3. Ansteckung durch BCG-Impfung oder Tuberkulin-Test.
Mit Ansteckung bzw. Infektion bezeichne ich im erweiterten Sinne die Übertragung einer Krankheit. Dabei ist der Mensch nicht mit positivem Erregernachweis infiziert, sondern durch eine dynamisch vererbte Diathese (familiäre TBC) oder eine schwelende Infektion (frühere TBC oder BCG-Impfung) chronisch krank. Diese tuberkulöse Diathese hat einen nachhaltigen Einfluss auf den Organismus und muß bei der Arzneiwahl beachtet werden. Tuberkulinum ist eine Arznei, die bei den chronischen Folgen einer TBC-Infektion häufig indiziert ist.


Chronische Folgen von familiärer TBC und BCG-Impfung

Am 16.08.2001 wird der 5jährige Peter mit rezidivierendem Reizhusten vorgestellt. Der Husten trat erstmals im Sommer 2000 nach Aufenthalt in einer feuchten Berghütte auf. Von November 2000 bis April 2001 ständig rezidivierender Reizhusten, oft ausgelöst durch feuchtes oder nebliges Wetter. Husten trocken, < nachts. Nach einem beschwerdefreien Intervall tritt im Juni nach Übernachtung in einer Berghütte erneut ein trockenes Hüsteln auf.

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Diagnose im Universitätsklinikum Tübingen: Hyperreagibles Bronchialsystem. Bisherige Therapien erfolglos, inhalative Kortisontherapie geplant.
Schwitzt leicht bei körperlicher Bewegung. Schweißneigung am behaarten Vorderkopf, auch nachts, und an Oberlippe und Fußsohlen. Ständig feucht-warme Hände und Füße, Füße oft unangenehm heiß. Immer Unwohlsein und Müdigkeit in warmen Räumen, fühlt sich wohl an der frischen Luft. Er friert nie und möchte immer ins Kühle. Abneigung gegen Sonnenhitze. Trinkt nur Kaltes. Warme Speisen lehnt er ab. Besondere Vorliebe für saure, salzige und pikante Speisen, z.B. saure Salatsoße, salzige Brezel, Oliven. Ißt auch gerne Eier und Nudeln.
Reizbarkeit vor Gewitter oder Sturm. Auch bei Vollmond gereizt und sehr unruhiger Schlaf. Psyche sonst unauffällig.
Gesicht blass. Zwei Warzen an der linken Hand. Während des Reizhustens sind Lippen und Lippenrand auffallend rot. Schon während der Zahnung hatte er rote Lippen, außerdem feuerrote, mit rauhen Papeln übersäte Wangen.
Körperlich normal entwickelt. Als Säugling starker Milchschorf. Infektanfälligkeit im Herbst und Frühjahr: Er hatte je dreimal Bronchitis und Otitis und zuletzt mehrere schwere Magen-Darminfekte.

Impfungen: BCG-Impfung 6 Wochen nach Geburt, anschließend lokal kleine eitrige Infektion ohne Fieber. Tuberkulin-Test (PPD) mehrfach negativ. Fünffach-Impfungen gegen Diph., Tet., Pert., Hib, Polio, Impfungen gegen HepB und MMR im 1. und 2. Lebensjahr, zweimalige FSME-Impfung im 4. Lebensjahr. Jeweils bei der ersten Fünffach- und ersten HepB-Impfung hatte er einen halben Tag lang erhöhte Temperaturen, Schlappheit und Muskelhypotonie.

Familiäre Erkrankungen: Gehäuftes Auftreten von TBC in der Familie der Mutter: Großmutter, Großtante, Onkel, Cousin. Die Mutter des Kindes wurde als Säugling gegen TBC geimpft. Der Vater hat Heuschnupfen, Asthma und nimmt Kortison.

Hier liegt eine doppelte tuberkulöse Belastung vor: Familiäre TBC und BCG-Impfung. D. M. Borland schreibt über Fälle dieser Art: „…Es ist angebracht, einige Bemerkungen über Tuberkulinum zu machen. Wenn in der Familiengeschichte eines Kindes Tuberkulose vorgekommen ist, empfiehlt es sich aus langer Erfahrung heraus früher oder später bei der Behandlung eines solchen Kindes unabhängig von dem im spezifischen Krankheitsfalle angezeigten Heilmittel, Tuberkulinum oder Bacillinum (C30, C100, C200, C500 und C1000) als Zwischengabe in vierwöchentlichen Abständen zu geben. Einschränkend muß man dazu sagen, dass oft auch eine einzige Gabe in 6 oder 12 Monaten manches zur Umstimmung durch die Nosode ausreicht“ [7].

Repertorisation

Bei tuberkulöser Diathese erfasse ich, wie in jedem Fall, die Gesamtheit der Symptome und achte genau auf Tuberkulinum-Symptome. Einige fallen sofort auf: Allergischer Husten, Infektanfälligkeit, < Wetterwechsel, schweißige Hände, rote Lippen. Auch wenn die Arzneiwahl getroffen ist, hier Tuberkulinum, repertorisiere ich nach der Erstanamnese. Jetzt sind die charakteristischen Symptome präsent, und die anfangs durchgeführte Reper-torisation gibt für die weitere Behandlung wichtige Hinweise auf Folge- und Zwischenmittel.

Die Repertorisation weist klar auf Phosphorus als Folgemittel. Die Arzneiwahl kann mit hinreichender Heilungsgewißheit wie folgt festgelegt werden:
1.) Tuberkulinum und 2.) ggf. Phosphorus.

Materia medica

Anämic, sickly, pale (BCC 39, Bac.).
Hard dry cough, …more during sleep (GS X 352, Boardman) [16]. Bad cough < at night; wakened by it (BCC 111,172, Bac.). (Trockener Husten nachts. CNC 6045, Nebel). Bad cough of about twelve month´s duration (BCC 116, Bac.).
Perspired profusely (GS X 353, Burnett, Bac.). (Reichlicher Schweiß nach geringer Anstrengung. CNC 6051, Nebel). Sweat; easy; …on hands (SK 326). Perspiration on head (GS X 353, Burnett, Bac.). (Viel Schweiß, besonders am Kopf, nachts. CNC 6051). Heat (SK 326).
Air Hunger. < Close Room. > Open air. < Weather: Damp (cold) (SK 325).
Constant disposition to take cold (PMM 86, Bac.). Takes cold easily; ends in diarrhoea (SK 325). Great susceptibility to taking cold (GS X 353, Burnett, Bac.).

Verlauf

Die meisten Termine sind Telefonate, da die Familie von auswärts kommt.

17.08.01 Tuberkulinum C1000 (Gudjons) 2 Glob. in 3 EL Wasser aufgelöst an zwei aufeinanderfolgenden Abenden. Daraufhin Besserung der Schweißneigung: Schwitzen bei Anstrengung weg, Hände nicht mehr schweißig, Schwitzen nachts >.
14.09. Erkältung mit Fließschnupfen und starker Heiserkeit nach Unterkühlung.
Phosphorus C30 (Spagyros) 1 Glob. pur, dann aufgelöst einige Tage.
20.09. Heiserkeit schnell vergangen, noch etwas Husten. Abwarten.
8.10. Der Husten nach der Erkältung ging nicht ganz weg. Nach Pilzesammeln im Wald ab 3.10. wieder trockener Reizhusten, < 22 bis 24 Uhr und 6 bis 7.30 Uhr, tags selten. Husten und Allgemeinzustand deutlich > im Freien; in warmen Räumen ist er richtig müde und schwach. Viel Durst. Ißt jetzt gerne Obst und saftige Dinge. Wieder schweißige Hände.
Kurz darauf entwickelt sich eine obstruktive Bronchitis, die Mutter gibt ohne Rücksprache Sultanol.

Repertorisation
Air open >, in Room <, Air Hunger SK 19 Tub. (3).
Verlangen nach Obst SR II –

Materia medica
Slight hacking cough (hackender Husten), continuing all day, < at bedtime and on rising (GS X 352, Burnett, Bac.). (Durst: extrem, Tag und Nacht. Trockener Husten; nachts. Reizhusten, < nachts. CNC 6045, Nebel).

Verlauf
15.10. Tuberkulinum C1000 (Gudjons) 2 Glob. in 5 EL Wasser.
24.10. Er hat sehr schnell auf das Mittel angesprochen: Die obstruktive Bronchitis, die auf dem Weg der Besserung war, ist schon am nächsten Tag weggegangen.
Am 31.10. plötzlich wieder trockener, bellender Husten und Schnupfen. Die Mutter gibt Peter in Eigenregie 1 Glob. Tuberkulinum C1000 (Gudjons).
6.11. Der Husten löst sich jetzt. Gesicht blaß, fiebrige Augen, hochrote Wangen, Lippen feuerrot. Bauchweh > Wärme. Stockschnupfen mit dicker, grünlicher Absonderung seit gestern Abend. Sehr weinerlich, ängstlich, will dass jemand bei ihm bleibt.
Pulsatilla C30 (Spagyros) 1 Glob., dann aufgelöst.
12.11. Alle Beschwerden innerhalb von zwei Tagen vergangen, auch der Husten.
26.11. Bei der U9 wird ein Tuberkulin-Test (PPD) durchgeführt, ohne die Mutter nach ihrem Einverständnis zu fragen. Der Test ist zum dritten Mal negativ. Am Folgetag Fließschnupfen, einen Tag darauf wieder trockener Reizhusten.
Tuberkulinum C1000 (Gudjons) 1 Glob. in 1 EL Wasser je eine Hälfte abends und morgens.
3.12. Husten schon nach der ersten Gabe Tuberkulinum besser: Er löst sich und tritt nur noch abends von 21 bis 22 Uhr und morgens von 7 bis 8 Uhr auf. Jetzt Stockschnupfen mit starker Krustenbildung und grasgrüner Absonderung.

Repertorisation
Nose, discharge, greenish- yellow MMR 1190 Tub. (3)
Nose, discharge, crusts MMR 1189, KD III 169 Tub. (3)

Materia medica
Hinweis: Absonderung von Schleim aus der Nase, …gelb-grün (CNC 6041).

Verlauf
Tuberkulinum Q6 (Rosegger), 5 Tropfen auf 100 ml Wasser, davon 1 TL morgens und abends.
10.12. Alle Beschwerden sind nach zwei Gaben der Q6 innerhalb von zwei Tagen verschwunden.
9.01.02 Mit dem Verschwinden des Reizhustens hat sich Peters Stimmung sehr gebessert: Singt viel, ist freundlicher und offener anderen gegenüber. Im Dezember einmal kurz Reizhusten, der nach einer Gabe Tuberkulinum Q6 verschwand. Normaler Durst, trinkt auch mal warme Getränke. Weniger Verlangen nach Saurem, kein Verlangen mehr nach Salz. Schwitzt weniger, Schweiße an Händen, Füßen und Kopf sind weg.
Trockener, manchmal geröteter Ausschlag zwischen Mittel- und Ringfinger seitlich und in der Falte, begann Mitte Dezember, zunächst links, jetzt bds. Rötung < nach Schwitzen. Warzen idem.

Repertorisation
DD Sulf., Sep., Calc., (Psor.).

Verlauf
Sulfur C30 (Spagyros) 2 Glob. unter die Zunge.
15.10. Nach Sulfur am nächsten Tag Bauchschmerz und Durchfall ohne Anlaß. Der Ausschlag zwischen den Fingern ist innerhalb von zwei Tagen weggegangen.
31.01. Stockschnupfen und Husten ohne Auslöser, < morgens, deutlich > an der frischen Luft, < im warmen Zimmer. Auch allgemein > im Freien. Trockene Lippen. Husten seit heute locker.
Pulsatilla C30 (Spagyros) 1 Glob. abends. Am Folgetag Husten verstärkt, danach alle Symptome vollständig verschwunden.
22.02. Sulfur C200 (Spagyros) 1 Glob.
4.03. Eine Erkältung mit Fließschnupfen, bellendem Husten < nachts, Herzklopfen, Unruhe und Hitze der Haut ohne Fieber heilt mit Aconitum C30 und Emser Salz-Inhalationen in wenigen Tagen aus. Eine Woche später schält sich die Haut an Handinnenflächen und Fußsohlen: Es war Scharlach.
14.03. Neues Symptom: Zwei kahle Stellen an der Kopfhaut, am Hinterkopf (1,5 cm ) und seitlich rechts (0,5 cm ). Diagnose des Hautarztes: Alopecia areata.
Immer noch etwas Husten und Schwäche nach Scharlach. Lippen rot, sehr trocken. Träumt viel und lebhaft wie noch nie, Schlaf unruhig.
Ich frage nach den chronischen Symptomen: Verlangen nach Salzigem, Saurem, Abneigung gegen heiße Speisen,Verlangen nach kaltem Wasser, Warzen: idem.
Auch wenn es klinische Hinweise auf die Wirksamkeit von Tuberkulinum bei Alopecia areata gibt, entscheide ich mich nach Repertorisation für Phosphorus, das diese Störung oft geheilt hat und von dem nach bereits häufiger Tuberkulinum-Gabe für die Gesundheit des Jungen mehr zu erwarten ist.
Phosphorus C1000 (Gudjons) 2 Glob.
11.04. Haare unverändert. Seit ein paar Tagen hochrote Wangen mit eitrigen Pickeln auf trockener Haut – ein altes Symptom, er hatte das während der Zahnung. Stimmung auffällig >, singt schon morgens im Bett und den ganzen Tag über.
17.05. Seit Anfang Mai wachsen die Haare nach. Wieder Ausschlag zwischen den Fingern seit einer Woche. Lehnt Süßigkeiten ab. Eine Warze verändert sich, sie wird hart mit schwarzen Punkten. Abwarten.
27.05. Ekzem zwischen den Fingern weg.

Die Mutter meldet sich wieder im April und im August 2003, um zu berichten, dass es Peter sehr gut geht: Kein Husten und keine Infekte mehr. Aufenthalte in Berghütten in zwei Sommerurlauben ohne Probleme. Die Haare sind vollständig nachgewachsen. Keine Schweiße mehr. Keine heißen Füße, keine Unverträglichkeit von warmen Räumen und Sonnenhitze mehr. Beide Warzen sind wenige Wochen nach dem letzten Termin verschwunden. Lippenfarbe normal. Süßes ißt er wieder, auch warme Speisen.
Geblieben sind: Peter trinkt immer noch nur kalte Getränke. Verlangen nach Salz und Saurem noch vorhanden, aber nicht sehr ausgeprägt. Leichte Reizbarkeit vor Gewitter oder Sturm.

Ursprung der Nosode

Die Wirkungen von Tuberkulinum Koch und Bacillinum scheinen identisch zu sein.
Prüfungssymptome und klinische Symptome von Bacillinum können daher als Hinweis für die Verordnung von Tuberkulinum verwendet werden und umgekehrt, sollten aber gekennzeichnet werden.
Als Erster stellte S. Swan ein Präparat aus tuberkulösem Sputum her und nannte es Tuberkulinum. J. C. Burnett, der die Nosode therapeutisch anwandte und bekannt machte, bezeichnete Swans Präparat als Bacillinum. Er stellte sein eigenes Bacillinum aus einem tuberkulösen Kaverneninhalt mit angrenzendem Lungengewebe her und nannte diese ebenfalls Bacillinum. Das von R. Koch aus einer Kultur von menschlichen Tuberkulose-bakterien hergestellte Alt-Tuberkulin wurde homöopathisch aufbereitet als Tuberkulinum Koch eingeführt. Schließlich präparierte J. T. Kent die Nosode aus tuberkulösem Lungengewebe der Kuh, Tuberkulinum bovinum genannt.

Materia medica

Prüfungen
Von Tuberkulinum sind nur vier verwertbare Arzneimittelprüfungen homöopathischer Ärzte bekannt. 1890 prüften J.C. Burnett und J. H. Clarke Bacillinum, R. Boocock machte 1892 beim Potenzieren von Bacillinum eine unfreiwillige Mittelprüfung [6] und H. Straten prüfte 1895 Tuberkulinum [30]. Die Prüfungen wurden einmalig und über wenige Tage durchgeführt und ergaben nur eine geringe Anzahl von Symptomen. Größere Bedeutung für die heutige Materia medica hat die Arzneimittelprüfung von A. Nebel aus dem Jahre 1900 an immerhin 50 Personen [26]. Nebel schreibt, dass es ihm unmöglich war, Tuberkulin am Gesunden zu prüfen. Hieraus kann man auf die zur damaligen Zeit große Angst vor Ansteckung schließen. Die Prüfer waren Initialtuberkulöse mit sehr leichten Krankheitserscheinungen, denen alle 6 bis 8 Tage Tuberkulinum C30 gegeben wurde. Nebel begründet den Wert seiner Prüfung mit der These, dass beginnend TBC-Kranke durch die Erkrankung geradezu sensibilisiert seien, Prüfungssymptome der Nosode zu entwickeln: „Hat doch… das Tuberculin schon im Mutterleibe auf sie eingewirkt und Jahre hindurch in geringen Mengen von den Bacillen secerniert, die ganze Körperconstitution durchdrungen und umgeändert, so dass dieselben nun auf geringe Dosen (einer C30, A.d.V.) mit… beträchtlichen Krankheitserscheinungen reagierten…“
Nebels Prüfung wurde von Clarke in dessen Materia medica [11] eingearbeitet und auf diese Weise als Basis für zahlreiche erfolgreiche Verschreibungen genutzt. Da die Prüfer nicht gesund waren, entspricht sie nicht vollständig den Voraussetzungen einer homöopathischen Arzneimittelprüfung. Nebels Prüfungssymptome können also nicht Grundlage, sondern nur Hinweise für eine Verschreibung sein.

Tuberkulin- Injektionen
Nebel stellte außerdem Symptome zusammen, die R. Koch in den Jahren 1890 bis 1891 durch Injektion von Alt-Tuberkulin (siehe Anm. 9) an TBC-Kranken hervorrief [27]. Diese Symptome sind nicht in die Materia medica eingegangen.
Clarke führt in seiner Materia medica zahlreiche Symptome, Nebenwirkungen und auch Heilwirkungen auf, die nach Tuberkulin-Injektionen an Kranken, vorwiegend TBC-Kranken beobachtet wurden, er entnahm diese Symptome medizinischen Journalen seiner Zeit. Injektionen mit materiellen Dosen Alt-Tuberkulin sind mit einer Vergiftung vergleichbar, deren Symptome Hahnemann als „Andeutungen ihrer homöopathischen Heilwirkungen“ in die Materia medica übernahm. Hier wurde Tuberkulin jedoch parenteral gegeben. Da es sich außerdem um Kranke handelte, läßt sich nicht ausschließen, dass sich Krankheitssymptome mit Prüfungssymptomen mischen. Zur Diskussion gestellt sei, ob Symptome dieser Art in eine Materia medica gehören. Sie wurden in dieser Arbeit nicht zum Vergleich herangezogen.
Ich konnte nicht belegen, dass regelrechte Krankheitssymptome der TBC in die Materia medica übernommen wurden, wie vielfach behauptet wird. Die Symptome der Materia medica von Tuberkulinum lassen sich entweder auf Prüfungssymptome, Symptome nach Tuberkulin-Injektionen oder auf geheilte Fälle zurückführen.

Klinische Symptome
In über 100 Jahren wurden zahlreiche klinische Erfahrungen mit Tuberkulinum gesammelt. Die meisten Tuberkulinum-Symptome werden als klinisches Erfahrungswissen seit Jahrzehnten überliefert, ergänzt und wechselseitig von Autoren abgeschrieben. Viele haben sich in der Praxis bewährt. Ausgewählte Tuberkulinum-Symptome sind: Rezidivierende Infekte und Bronchitiden, auch als langwierige Hustenphasen (Burnett, BCC; Boger, SK), Tendenz zu Abmagerung (H. C. Allen) [1], Verlangen nach frischer Luft (Boger), Schweißneigung (Burnett), schweißige Hände, Zornausbrüche (Boger), schlägt seinen Kopf gegen die Wand, leicht beleidigt (P. Schmidt, SR), Kopfschmerzen (Burnett; Straten), Drüsenschwellungen, besonders am Hals, Himbeerzunge, Zähneknirschen (Burnett), chronisch vergrößerte Tonsillen, Bettnässen (Boger), Ekzeme (Clarke, BCC), chronische Folgen von Influenza (Clarke, CNC).
Die klinischen Symptome von Tuberkulinum müssen nun im Rahmen einer angestrebten Materia medica-Revision auf Primärquellen, d.h. Kasuistiken zurückgeführt werden. Erst dann stehen sie auf wissenschaftlicher Grundlage und die Arznei kann nach homöopathischen Regeln sicher verordnet werden.
Man könnte nun einwenden, es sei egal, woher die Angabe komme, Hauptsache es funktiere. Wenn die Homöopathie Bestand haben soll, muss sie sich an ihre eigenen Regeln halten, und das heißt die Rückführung der Symptome auf Primärquellen bzw. die nachvollziehbare Verordnung aufgrund einer sicheren Materia medica.
Bis dies geschehen ist, halte ich ein pragmatisches Vorgehen für sinnvoll: Das vorhandene Erfahrungswissen in der Praxis anwenden und verifizieren, statt eine Arznei, die ihre Wirksamkeit vielfach bewiesen hat, links liegen zu lassen.

Materia medica-Literatur

Die Guiding Symptoms (GS) enthalten fast ausschließlich klinische Tuberkulinum-Symptome. Die meisten Kasuistiken Burnetts aus „The New Cure For Consumption“ [9] sind hier integriert, auch dessen Bacillinum-Prüfung. Einzelne Hinweise anderer Autoren, u.a. Rose, Boardman, Swan und Kent wurden übernommen. Die Prüfungen von Clarke, Boocock und Straten fehlen.
Clarkes Materia medica führt die Arzneien Tuberkulinum und Bacillinum getrennt auf. Erstere enthält vornehmlich Prüfungssymptome Nebels, gefolgt von Symptomen nach Tuberkulin-Injektion. Unter Bacillinum sind die Prüfungen Burnetts, Clarkes und, unvollständig, die Prüfung Boococks sowie klinische Symptome von Burnett und Clarke zusammengestellt.
Die Werke von Clarke und Hering (GS) bilden den Grundstock der heutigen Materia medica. In der Enzyklopädie von T. F. Allen sind Tuberkulinum und Bacillinum nicht enthalten.
Die Tuberkulinum-Materia medica von H. C. Allen, veröffentlicht im Jahre 1910 in „The Materica Medica of the Nosodes“, ist zum überwiegenden Teil eine Zusammenstellung der Symptome aus den GS und Clarkes Materia medica. Darüber hinaus finden sich eine Reihe neuer Symptome ohne Quellenangabe. Es ist unklar, ob es sich um klinische Nachträge oder Symptome aus einer Prüfung Allens an Studenten handelt [13].
Weitaus mehr klinische Symptome und Ergänzungen aufbauend auf Allens Materia medica bietet eine Tuberkulinum-Zusammenstellung von M. Burgess-Webster aus dem Jahre 1933 [8]. Die Autorin nennt immerhin am Ende Ihrer Arbeit Quellen.

Tuberkulinum als Zwischenmittel

Tuberkulinum kann die chronischen Folgen einer TBC-Infektion heilen, das übrige Kranksein des Menschen bleibt i.d.R. bestehen. Auch die Blockierung der Wirkung angezeigter Arzneien kann Folge einer chronischen Infektion sein. C. Hering schreibt über Nosoden: „Alle potenzierten Leibesprodukte dürfen nicht als absolute Spezifika betrachtet werden, sondern als chronische Zwischenmittel. Die nachher gegebenen Mittel bewirken dann dauerndere Reaktionen, die vorher gegebenen entfalten nun erst ihre Wirkung.“
Hierzu ein Beispiel:
Der 2- jährige Joshua wird am 9.05.2001 mit chronischem Wangenekzem seit dem 7. Lebensmonat vorgestellt. Auch hinter den Ohren und am Unterrand der Augenbrauen trockene gerötete Haut. Milchschorf. Häufiges Umknicken im Sprunggelenk. Ißt sehr gerne Ei und besonders Butter. Lippen rot. Bauchlage. Zurückhaltend gegenüber Neuem. Viermal Bronchitis. Nach Angabe der Mutter keine schwerwiegenden Krankheiten in der Familie.
Calcium carbonicum C200. Ekzem anfangs >, dann wieder <. Kein Umknicken mehr. Wiederholung. Nach Änderung der Symptomatik – Stuhl wundmachend, ekzematöser Ausschlag linke Hüfte – Sulfur C30 und später C200. Daraufhin Verschwinden des Ausschlags an der Hüfte und weniger Wundsein, aber < des Wangenekzems. Auch Rhus toxicodendron bringt keine Besserung von Ekzem und Milchschorf. Einige Wochen später neue Symptomatik: Zornig, außer sich vor Wut, wirft Dinge auf den Boden, schlägt nach seiner Mutter und provoziert andere Kinder. Kommt jede Nacht zu den Eltern ins Bett und sucht Körperkontakt, was er vorher nur tat, wenn er krank war. Hört auffallend gerne klassische Musik. Die Symptomatik besteht seit zwei Monaten.
Es ist ungewöhnlich, dass ein chronisches Ekzem trotz gut gewählter Mittel nicht ausheilt, besonders bei einem Kind. Offenbar wird hier die Arzneiwirkung verhindert. Ich frage noch einmal eindrücklich nach TBC in der Familie, da der Junge Tuberkulinum-Symptome wie Zorn, rote Lippen und Verlangen nach Butter hat. Die Mutter erkundigt sich bei ihren Eltern und erfährt jetzt, dass mütterlicherseits die Ur-Großmutter, die Großmutter und zwei Großtanten TBC hatten. Jetzt beziehe ich die chronische Folge einer TBC-Infektion als klinische Tatsache (Burnett) in die Mittelwahl mit ein und gebe nach Repertorisation und Materia medica-Vergleich Tuberkulinum C200 (Spagyros).
Am nächsten Tag singt Joshua im Kindergarten nach langer Zeit wieder mit. Weniger zornig. Wachstumsschub. Wangenekzem erst >, dann wieder <. Zwei Monate später: Sehr anhänglich, Stuhl veränderlich. Pulsatilla C1000. Nach einem Monat: Sucht nachts wieder Körperkontakt. Stuhl >, aber wieder wundmachend. Das Zähneknirschen – davon höre ich zum ersten Mal – ist wieder häufiger, es war zwischendurch besser. Zähneknirschen ist ein klinisch bestätigtes Tuberkulinum-Symptom. Tuberkulinum C1000 (Gudjons).
Das Mittel hatte folgende Wirkung: Wangenekzem nach drei Wochen vollkommen verschwunden. Stimmung ausgeglichen und fröhlich. Schläft wieder allein. Interessanterweise bevorzugt er nicht mehr klassische Musik, sondern Kindermusik. Keine rezidivierenden Erkältungen mehr, nur noch selten Verlangen nach Butter, Lippenfarbe normal, Zähneknirschen weg.
Von der ursprünglichen Symptomatik sind unverändert geblieben: Die trockene, leicht gerötete Haut hinter den Ohren und in den Augenbrauen und der Milchschorf. Die Behandlung wird weitergeführt.

Vererbung

Was hat das Kind mit der TBC seiner Großmutter zu tun?
Hahnemann hält eine durch „Erbschaft“ eingeprägte Krankheit für möglich. Das Phänomen einer Vererbung infektiöser Krankheiten wie TBC oder Gonorrhoe, die über eine bei der Geburt erfolgte Ansteckung hinausgeht, haben eine Reihe bekannter Homöopathen wie A. Nebel, J. T. Kent, L. Vannier, D. M. Foubister und M. Tyler beobachtet. M. Tyler spricht von einer Ansteckung, die durch mehrere Generationen hindurch „gefiltert“ worden ist. Über welchen Mechanismus vererbt wird, durch dynamische Prägung oder genetisch, läßt sich nicht sagen. Man kann von der Vererbung einer Diathese sprechen, wobei ich unter Diathese eine reale chronische Krankheit im Gegensatz zur Krankheitsanfälligkeit oder Disposition verstehe.
TBC kann offenbar über Generationen weitervererbt werden. Bis zur Mitte des 20ten Jahrhunderts war sie in Westeuropa überaus häufig. Daher wundert es nicht, dass viele Menschen heute TBC-kranke Vorfahren hatten.

Spezifische Infektion und Arzneiwahl

Infektionen können Schäden setzen, die weit über das akute Geschehen hinausreichen. Bei den dargestellten Fällen handelt es sich um die chronischen Folgen der TBC-Infektion, die der tuberkulösen Diathese konditional zugrundeliegt. Auch andere virale und bakterielle Infektionen einschließlich der Kinderkrankheiten zählen hierzu, wenn sie schwer verlaufen, der Kranke sich lange danach nicht richtig erholt oder vor der Infektionskrankheit völlig gesund war.

Am Beispiel der TBC zeigt sich, dass nicht nur die Totalität der chronischen Symptome, sondern auch die tatsächlichen und familiären Ansteckungen des Patienten eruiert werden müssen. Ich schließe mit einem Zitat von Klunker, der eine wesentliche Aussage meiner Arbeit in klare Worte faßt :
„Es ist keine Hypothese, dass der ‚Ansteckungsstoff‘ in einem konditionalen, nicht notwendig symptomatischen Ähnlichkeitsverhältnis zur chronischen Krankheit steht. Es ist auch keine Hypothese, dass er zu gewissen spezifischen Lokalsymptomen (gemeint sind Kondylome, Muttermale, Nagelveränderungen usw., A.d.V.) in einer konditionalen Beziehung steht. Das heißt: Bei der wissenschaftlich-homöopathischen Behandlung der chronischen Krankheiten können neben die symptomatischen Simillima noch die spezifischen Ansteckungsstoffe, die Nosoden treten.“


Literatur

[1] Allen H C: Leitsymptome der homöopathischen Materia Medica. Übers. M. F. von Ungern-Sternberg u. A. Grimm. Göttingen: Burgdorf Verlag 1992 (11898 Philadelphia „Keynotes and Characteristics with Comparisons…“).
[2] Allen H C: Materia Medica of the Nosodes (AN). Reprint Edition, New Dehli: B. Jain Publishers 2002 (11910 Philadelphia, U.S.).
[3] Barthel H, Klunker W: Synthetisches Repertorium (SR). Band 1-3. 4. Aufl., Heidelberg: Haug Verlag 1992.
[4] Bönninghausen C v: Therapeutisches Taschenbuch (TB). Hrsg. K.-H. Gypser. 1. Aufl., Stuttgart: Sonntag Verlag 2000.
[5] Boger C M: A Synoptic Key To Materia Medica (SK). Reprint Edition, New Dehli: B. Jain Publishers 1994 (11915 Parkersburg, U.S.).
[6] Boocock R: A Partial Proving Of Bacillinum. HRC 1892; No. 7: 260-262.
[7] Borland D M: Kindertypen. Übers. H. Zulla. Ulm/Donau: Haug Verlag 1961, S. 16 (11939 London „Children´s Types“).
[8] Burgess-Webster M: Tuberculinum. HRC 1933 (Vol. 48); No. 1,2,3.
[9] Burnett J C: The New Cure For Consumption By Its Own Virus (BCC). 4. Aufl. Reptint Edition. New Dehli: B. Jain Publishers 1998 (11890 London).
[10] Burnett J C: Vakzinose und Ihre Heilung mit Thuja. Übers. I. Torp. Nachdruck, München: Müller & Steinicke 1991 (11884 London „Vaccinosis and its Cure by Thuja“).
[11] Clarke J H: Der Neue Clarke (CNC). Übers. P. Vint. Bielefeld: Silvia Stefanovic 1990.
[12] Genneper T, Wegener A: Lehrbuch der Homöopathie. Heidelberg: Haug Verlag 2001.
[13] Gypser K H: Nosodenseminar 4./5.05.1996, Köthen.
[14] Hahnemann S: Die chronischen Krankheiten (CK). Band 1-5. Heidelberg: Haug Verlag 1995 (11835-39 Dresden und Leipzig).
[15] Hahnemann S: Organon der Heilkunst (ORG). Hrsg. J.M. Schmidt. Standardausgabe der 6. Aufl., Heidelberg: Haug Verlag 1992 (11842 Paris).
[16] Hering C: Guiding Symptoms Of Our Materia Medica (GS). Reprint Edition. New Dehli: B. Jain Publishers 1974 (11881 Philadelphia, U.S.).
[17] Imhäuser H: Homöopathie in der Kinderheilkunde. 7. Aufl. Heidelberg: Haug Verlag 1985, S. 81.
[18] Jahr G H G: Ausführlicher Symptomen-Kodex der homöopathischen Arzneimittellehre (JSK). Nachdruck ohne Jahrgang B.v.d. Lieth, Hamburg: Verlag für homöopathische Literatur (11848 Leipzig).
[19] Jahr G H G: Handbuch der Haupt-Anzeigen (JHA). Nachdruck. Euskirchen: Verlag Homöopathisches Wissen 1998 (11851 Leipzig).
[20] Keller G v: Psorinum, Psora und die Miasmen. AHZ 1984; 1: 10-17.
[21] Kent J T: Kent’s Repertorium der homöopathischen Arzneimittel (KD). Hrsg. u. Übers. G. v. Keller u. J. Künzli v. Fimelsberg. Bd. 1-3. 9. Aufl., Heidelberg: Haug Verlag 1986 (11897 Lancaster, U.S.).
[22] Klunker W: Clemens von Bönninghausen und die Zukunft von Hahnemanns Miasmenlehre für die Behandlung chronischer Krankheiten. ZKH 1990; 34: 229-236.
[23] Klunker W: Hahnemanns Miasmen und Organon § 3. ZKH 1998; 5: 179-186.
[24] Kropp R: Das Deutsche Tuberkulose-Archiv, Fulda.
[25] Murphy R: Homeopathic Medical Repertory (MMR). 1. Aufl. New Dehli: B. Jain Publishers 1994.
[26] Nebel A: Bruchstücke einer Tuberculinprüfung. Zeitschrift des Berliner Vereins homöopathischer Ärzte. Hrgs. Windelband und Burkhard. Berlin: B. Behr´s Verlag 1900; 19: 295-303.
[27] Nebel A: Symptomenregister des Tuberkulin Koch (Zusammenstellung aus: Robert Koch´s Heilmittel gegen die Tuberkulose. Heft 1-12. Berlin und Leipzig: Verlag G. Thieme 1890-1891). Zeitschrift des Berliner Vereins homöopathischer Ärzte. Hrgs. Windelband und Burkhard. Berlin: B. Behr´s Verlag 1902; Bd. 21, Heft 2-3: 81-133.
[28] Pennekamp H: Kinder-Repertorium (PKR). 2. Auflage, Osten-Isensee: Pennekamp MDT-Verlag 1999.
[29] Phatak S R: Materia Medica Of Homoeopathic Medicines (PMM). Reprint Edition, New Dehli: B. Jain Publishers 1993 (11977).
[30] Straten H: Tuberculinum. CMA 1895; 33: 97-101.
[31] Underhill E: Bemerkungen zu den Nosoden. Dt.J.f.Hom. 1991; 1: 15,16 (aus HRC 1929; 79).

Ich danke der Deutschen Homöopathie-Union (DHU) und Herrn K.-H. Gypser für die zur Verfügung gestellte Literatur.

Siglen
(ausführliche Angaben stehen im Literaturverzeichnis)

AN = Allen, Nosodes
BCC = Burnett, Cure for Consumption
CK = Hahnemann, Die chronischen Krankheiten
CNC = Clarke, Der Neue Clarke
GS = Hering, Guiding Symptoms
JSK = Jahr, Symptomen-Kodex
JHA = Jahr, Haupt-Anzeigen
KD = Kent, Repertorium deutsch, Keller-Künzli
MMR = Murphy, Medical Repertory
ORG = Hahnemann, Organon
PKR = Pennekamp, Kinder-Repertorium
PMM = Phatak, Materia Medica
SK = Boger, Synoptic Key
SR = Barthel/Klunker, Synthetisches Repertorium
TB = Bönninghausen, Therapeutisches Taschenbuch

Das Symptom

Dr. med. Carl Rudolf Klinkenberg, Eröffnungsvortrag auf dem Internationalen Hahnemann Congress (IHC) am 27.09.2007

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, und liebe Referenten.

Ich begrüße auch die Ehrengäste des Kongresses, Dr. Gebhardt aus Karlsruhe und Dr. Rastogi aus Indien, den Ehrenbürger der Stadt Ettlingen und Bad. Wü. Sozialminister a.D., Dr. Erwin Vetter, und den Vorsitzenden des Dt. Zentralvereins Hom. Ärzte Lars Broder Stange und den Vorsitzenden des LV Baden-Würtemberg Andreas Gärtner.

Ich freue mich, daß der Hahnemann-Congress beginnt. Dieses Ereignis hat in den letzten zwei Jahren meinen Alltag ganz entscheidend mitbestimmt. Die häufigste Frage, die mir gestellt wurde war: Warum machen Sie diesen Kongress?

Ich mache den Kongress aus Liebe zur Homöopathie. Weil Homöopathie die einzige mir bekannte Heilmethode ist, die eine Heilungsgewißheit bietet.

Meine Frau und ich hatten in der Silvesternacht 2004 abends am Strand in Spanien die Idee, einen Kongress mit erstklassigem Niveau ins Leben zu rufen. Meine Vision ist es, ein weltweites Forum für Homöopathie zu schaffen. Mit Homöopathie meine ich: Homöopathie – keine klassische, klinische, systemische, psychologische oder genuine Homöopathie. Sondern eine Methode, die Hahnemann sehr klar definiert und Homöopathie genannt hat. Diese Methode ist sehr erfolgreich, das sehe ich in meiner Praxis. Und sie ist eine Methodik, die auch die Kliniker und die Öffentlichkeit ernst nehmen werden.

Was ist überhaupt Homöopathie? Vereinfacht gesagt: Die Herstellung einer Ähnlichkeits­beziehung zwischen den Symptomen des Patienten und den Symptomen der Arznei.

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Das, was am Patienten krankhaft und zu heilen ist, seine Symptome werden in Beziehung gesetzt mit den Symptomen, die die Arzneien beim Prüfer hervorgerufen haben.

Ich schaue in meinem Begrüßungsvortrag auf diesen Teil der Homöopathie und untersuche: Was ist ein Symptom?

Warum stellt sich überhaupt diese Frage? Weil das Symptom in der Homöopathie etwas völlig anderes ist als das Symptom in der übrigen Medizin und in unserem allgemeinen Sprachgebrauch.

Ein Begrüßungsvortrag hat ja einen gewissen Freiraum und darf über den homöopathischen Tellerrand schauen. Ich werde bei dieser Untersuchung mit Ihnen eine Reise in die Geschichte der Medizin machen, und zwar am Beispiel von Migräne und Kopfschmerzen:

Die Menschheit wurde durch alle Jahrhunderte hindurch von Kopfschmerzen geplagt, schon aus den ältesten medizinischen Aufzeichnungen ist die Behandlung von Kopfschmerzen bekannt.

Im Jahr 2500 v.C. lebt ein 40-jähriger Mann, und er hat einmal pro Woche halbseitige pulsierende KS an d. rechten Schläfe mit Übelkeit, schlimmer abends und besser in der Ruhe.

Hier sehen Sie eine Kugel: Sie zeigt symbolhaft einen Menschen mit seinen Symptomen. Die Symptome sind die kleinen Kugeln hier außen. Es sind die wahrnehmbaren krankhaften Veränderungen – deshalb sind sie außen an der Kugel dargestellt.

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Die blaue Kugel rechts oben ist die Migräne. Die übrigen Kugeln sind andere Symptome des Patienten.

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Als Beobachtender nehme ich nur die Symptome wahr, ich kann nicht in das Innere der Kugel hineinsehen.

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Aber die Migräne muß ja irgendeine Ursache haben, und diese Ursache muß sich im Inneren der Kugel befinden.

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Von 2500 v.C. bis ins späte Mittelalter waren viele Mediziner davon überzeugt, daß die Migräne des Patienten durch böse Wesen oder Geister verursacht wird. Wir finden das schon bei den alten Assyrern und Ägyptern.

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Anerkannte Therapie über viele Jahrhunderte war, diesem 40-jährigen Mann ein Loch in den Schädel zu bohren, damit die bösen Geister entweichen konnten.

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Im Mittelalter haben die Professoren an den Universitäten Abhandlungen darüber geschrieben, an welcher Stelle genau das Loch gebohrt werden muß und wie groß es bei welchem Geist sein muß!

Hier das berühmte Bild von Hieronymus Bosch, in dem eine Trepanation dargestellt wird.

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Hier das Endergebnis mit verschiedenen, unterschiedlich plazierten und verschieden großen Löchern.

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Sie schütteln heute den Kopf darüber, aber vielleicht hatten unsere Kollegen damals gar nicht so unrecht: In jüngster Vergangenheit, Mitte der 90iger Jahre, fand eine Arbeitsgruppe um Olesen tatsächlich gasförmige Neurotransmitter im Gehirn, die eine Vasodilatation bewirken, nämlich das Stickstoffmonoxid. Es gibt also wirklich gasförmige Stoffe in unseren Köpfen, die bei der Migräne eine Rolle spielen. Trotzdem ist die Trepanation natürlich keine empfehlenswerte Methode!

Auch wurden viele Jahrhunderte lang bei Kopfschmerzen allgemeine Ursachen angenommen, wie z.B. die „Folge von Sünde“ oder „Schwäche der menschlichen Natur“.

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Also bei dem 40-jährigen Patienten ist Sünde die Ursache der Kopfschmerzen.

Im Jahre 100 n.C. behandelt der berühmte römische Arzt Galen die Migräne mit Leberpillen. Diesen Bezug zur Leber finden wir auch in der Chinesischen Medizin, eine der ältesten Heilkünste der Welt. Als häufigste Ursache der Migräne wird hier eine Blockade der Yang-Meridiane des Kopfes, meist bedingt durch eine innere Störung der Leber gesehen, das „aufsteigende Leber-Feuer“.

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Im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit ist die auf Hippokrates zurückgehende Vier-Säftelehre das dominierende Modell: Kopfschmerzen und Migräne werden durch ein Ungleichgewicht der vier Körpersäfte Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle verursacht.

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Und im 16. Jahrhundert postuliert der englische Arzt Thomas Willis, dass der Migräne-Kopfschmerz durch eine Schwellung der Blutgefäße hervorgerufen wird, die sog. vaskuläre Hypothese.

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Was sich immer noch nicht geändert hat sind die Kopfschmerzen des 40-jährigen Patienten, schlimmer abends und besser in der Ruhe.

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Bei ihm wird jetzt ein Aderlaß zur Ausleitung der Blutfülle vorgenom­men.

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Sie sehen: Seit der Antike suchen Mediziner die eigentliche, ursächliche Krankheit hinter der Migräne: Einen bösen Geist, die Sünde, die Leber, die Blutfülle oder die Schwellung der Blutgefäße. Auch unsere Mitmen­schen und Patienten sind es gewohnt, erstmal nach den Ursachen der Krankheit zu fragen.

Dann entdeckt im Jahre 1796 Samuel Hahnemann die Homöopathie.

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In der Homöopathie Hahnemanns sind nur die sinnlich wahrnehmbaren Symptome für die Behandlung wichtig – im Fall von Kopfschmerzen also das, was der Patient dem Arzt berichtet. Nach Hahnemanns Auffassung werden Krankheiten durch eine krankhaft gestimmte Lebenskraft hervorgerufen. Aber wie die Lebenskraft das macht, d.h. wie Krankheit entsteht, diese innere Ursache sei für den Menschen nicht erkennbar und bliebe verborgen. Die Symptome selbst sind die Krankheit:

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Hier sehe ich nur die Symptome, die innere Ursache ist nicht erkennbar, behauptet Hahnemann.

Aber: Macht er sich das hier nicht zu einfach? Sind wir nicht heute, im 21. Jahrhundert, was das Verständnis von Krankheit angeht, wesentlich weiter?

Hahnemann weist zwar in seinem wichtigsten Werk, dem Organon, darauf hin, daß der Gemütszustand bei der Arzneiwahl oft den Ausschlag gibt, aber ihm standen noch nicht die Erkenntnisse der Psychoanalyse und Psychologie zur Verfügung. Er kannte weder Freud und dessen Einsichten in die psychische Struktur und das Unbewußte des Menschen.

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Noch kannte er die Erkenntnisse der Tiefen-Psychologie und psychosomatischen Medizin, die Forschungen C.G. Jungs oder zum Beispiel Carl Rogers.

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Durch diese Wissen­schaftler ist es heute akzeptiert, daß die Psyche eine direkte Auswirkung auf den Körper hat, und daß auch Kopfschmerzen und Migräne tiefe psychische Ursachen haben: Das können verdrängte oder ungelöste Konflikte sein,

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z.B. durch lange zurückliegende Störungen in der Mutter-Kind-Beziehung oder eine problembesetzte Sexualität. Auch Kummer und anhaltender Ärger können Ursachen einer Migräne sein.

Der 40-jährige Patient mit Migräne bekommt jetzt eine Gesprächs­therapie.

Zeitgleich mit Freud weist der amerikanische Homöopath Kent daraufhin, daß die Geist- und Gemüts­symptome die wichtigsten Symptome für die Arzneiwahl sind – hier sehen wir, wie der Zeitgeist dieselben Erkenntnisse zeitgleich an verschiedenen Orten der Welt auftauchen läßt! In seiner Philosophie bezeichnet Kent das Gemüt als das Zentrum des Menschen, dem alle übrigen Funktionen untergeordnet sind und ohne den Heilung nicht möglich ist.

Kent sagt:

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Ein anderer bedeutender Homöopath, Candegabe schreibt viele Jahre später, 1975 über ein „Silicea-Kind“ (er meint damit einen Patienten seiner Praxis):

„Wollen wir das Gesamtbild wirklich verstehen, so müssen wir uns auf den tiefsten Kern des Silicea-Bildes zurückziehen, der uns im tiefsten Grund als eine Persönlichkeit voller Angst … erscheint.“

(Zeitschr. für Klass. Homöopathie 2007 Heft 1).

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Es ist also wichtig, den Kern der Persönlichkeit zu verstehen. Diese Aussage Candegabes ist für viele von Ihnen bestimmt sehr einleuchtend.

Aber, vergessen Sie nicht, wir leben gerade hier:

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In einem Zeitalter, in dem Krankheiten auf psychische Ursachen zurückgeführt werden!

Wieder kommt der 40-jährige Patient, dieser arme Kerl in die Sprechstunde, heute wie vor drei Tausend Jahren. Er wird jetzt homöopathisch behandelt! Dabei ist es wichtig, seine Persönlichkeit, seine Charakterzüge, Gefühle und Schicksals­umstände in die Arzneiwahl mit­einzubeziehen.

Ein kurzer Seitenblick auf die Hochschulmedizin im 20. Jahrhundert:

Sie sucht weiterhin nach meßbaren organischen Ursachen der Migräne und erforscht die Rolle des Neurotransmitters Serotonin: Sie entdeckt, daß Migräne durch eine Fehlsteuerung biochemischer Vorgänge an den Serotonin-Rezeptoren ausgelöst wird.

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Aber das ist viel zu physiologisch gedacht, und bei der Behandlung mit Triptanen handelt es sich um eine rein symptomatische Therapie, die nicht an die wirklichen Ursachen geht!

Ein Blick in die Naturheilmedizin: Die Spezialisten der Naturheil­verfahren haben erkannt, daß Migräne auf einer Übersäuerung beruht: Der „Säureschmerz“ wird durch Nervenfasern über Nervenimpulse weitergeleitet, die zum Migräneschmerz führen.

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Unser Migränepatient bekommt jetzt eine Basenkur, Heilfasten und seine Ernährung wird grundlegend umgestellt.

In der Homöopathie wird im 20. Jahrhundert das Krankheitsverständnis bedeutend weiterentwickelt, wobei es hier auch unterschiedliche Richtungen gibt. Migräne ist Ausdruck eines Prozesses, der in der inneren Persönlichkeit des Kranken zu finden ist. Man sollte sie nicht nur als körperliches Phänomen sehen, sondern auch ihren Sinn verstehen. Ein Homöopath muß bereit sein, sich auf den Patienten einzulassen und herausfinden, was er uns mit seinen Symptomen sagen will. Das ist nicht nur im Sinne einer Ursache zu verstehen, sondern als die gegenseitige Beeinflussung von Geist und Körper.

Viele Homöopathen heute haben die Symptome besser verstehen gelernt und können sehen, daß der Patient ein bestimmtes Thema oder ein grundlegendes Problem hat. Sie fragen:

Was ist der Gemütszustand, die Psychodynamik, die dahinter steht? Was ist der Kernpunkt, das Wesen dieses Menschen? Was sind seine wesentlichen Charakterzüge? Was ist das Geheimnis dieses Menschen?

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Es geht also darum, den Patienten in seinem innersten Wesen, in seinem tiefsten Grund zu verstehen. Wenn man diese zentrale Störung erkennt, und behandelt, dann werden alle davon abhängigen Symptome wie so ein bißchen Kopfschmerz logischerweise auch verschwinden. Wenn der Kern geheilt ist, ist Heilung passiert, der migränekranke Mensch ist wieder ein Ganzes und „Heil“.

Was sich in der ganzen Zeit nicht geändert hat: Der 40-jährige Patient hat Migräne.

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Seit drei Tausend Jahren kommt dieser Mann in die Sprechstunde. Aber heute bekommt er eine homöopathische Hochpotenz für sein tiefliegendes Problem.

Auch die Arzneimittellehre der Homöopathie wird seit den 70iger Jahren durch ein neues Verständnis außerordentlich bereichert. Man findet spezifische Arzneimittelbilder mit typischen Charaktereigenschaften und Gemütssymptomen, die der Patient als Simillimum braucht.

Gelingt es uns nun, das richtige Arzneimittelbild bei unserem 40-jährigen Migräne-Patienten zu finden, dann werden alle seine Symptome einschließlich der Migräne geheilt.

Ein Blick in die Zukunft

Das ist der heutige Stand, aber Sie interessiert bestimmt, wie die Entwicklung weitergeht. Für diesen Zweck durfte ich mir bei Andreas Gärtner, unserem Landesverbandsvorsitzenden, der an diesem Wochenende die Tontechnik leitet, für wenige Minuten eine Zeitmaschine leihen. Und so kann ich Ihnen, verehrte Kolleginnen und Kollegen, die Frage beantworten: Welche Erkenntnisse wird die medizinische Kopfschmerzforschung in den nächsten 150 Jahren haben?

Folgendes wird passieren: Auch in der Schulmedizin setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, daß es mehr gibt, als nur Meßwerte. Aber als Übertreibung einer im Grunde vergangenen Epoche kommt im Jahre 2028 das klassische Infektionsmodell in Mode. Ähnlich wie beim Magengeschwür soll im Gehirn das Bakterium Campylobacter cerebrum für Migräne verantwortlich sein:

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Die Homöopathen können darüber natürlich nur lachen!

Wie zu erwarten: Der Behandlungserfolg ist mäßig. So einfach lassen sich Kopfschmerzen nicht erklären! Diese materialistische Ursachenforschung der Hochschulmedizin, die nur nach organischen Ursachen sucht, haben wir Homöopathen weit hinter uns gelassen.

Dann aber kommt das Jahr 2120, und mit ihm die größte Medizin, die Entdeckung der letzten Jahrhunderte:

Die meisten Krankheiten werden durch eine Dysharmonie der Chakren verursacht! – Wir befinden uns inzwischen im spirituellen Zeitalter.

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Sehen Sie, hier geht alles kreuz und quer mit den Chakren. Und das macht natürlich auch Kopfschmerzen!

Die Diagnose erfolgt mit hochentwickelten Chakra-Testgeräten.

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Durch dieses neue Modell wird die Perspektive endlich erweitert, das jahrhunderte­lange Paradigma seit Sigmund Freud, jede Krankheit hätte letztendlich eine psychische Ursache, wird endgültig verlassen. Man sieht jetzt, daß man 200 Jahre lang der Psyche eine viel zu große Bedeutung gegeben hat.

Die Chakren werden eine wirklich ganzheitliche Sichtweise sein, schauen Sie selbst, wie begrenzt und unbedeutend das Gehirn im Vergleich mit den Chakren ist!

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Resümee

Das war in Kürze die Geschichte der Kopfschmerzen. Wie geht es Ihnen damit?

Ich zeige Ihnen hier die ganze Geschichte im Überblick:

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Das ist zwar alles sehr anregend, aber ist es nicht immer das Gleiche? Stellen Sie sich vor – nur 100 Jahre später hat man auch das Chakrenmodell belächelt!

Was sich immer wiederholt:

Die Symptome der Migräne werden nur als eine Krankheits-Erscheinung gesehen, als eine Erscheinung von Krankheit. Nach dieser Sichtweise sind die Kopfschmerzen dann „nur“ Symptome. Behandelt werden muß eine Krankheit, die kausal, als wirkliche Ursache hinter den Symptomen steht.

Das Symptom als eine Krankheits- Erscheinung meldet nur etwas Dahinterliegendes, Verborgenes, etwas, das sich selbst nicht zeigt.

Hier ist dann das eigentliche Kranksein, die wirkliche Ursache.

Und genau an diesem Punkt beginnt Spekulation! Es ist vom Prinzip her kein Unterschied, ob ich einen Dämon im Kopf, ein übersteigertes Leberfeuer oder einen Kummer in der Ehe annehme: Ich schaue auf das vermeintlich Eigentliche, das ich hinter dem Symptom vermute:

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Früher hat man hier böse Geister gesehen, dann den Blutüberfluss, dann die frühkindliche Bindungsangst, und dann den Gemütszustand oder das Thema des Patienten. So bestimmt eine von der jeweiligen Epoche abhängige Theorie von Krankheit die Therapie.

Prinzipiell, damit meine ich, vom Prinzip her, sind die bösen Geister und die psychische Struktur des Patienten ein und dasselbe:

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Warum machen wir Menschen das, warum suchen wir nach etwas Dahinterliegendem?

Es liegt offenbar in der Natur unseres Geistes, daß wir zu einer Ursache eine Wirkung suchen. Der menschliche Geist strebt nach Bedeutung, nach einem tieferem Sinn, nach Erkenntnis. Wir sind gelehrt, haben viele Jahre studiert und eine Menge Bücher gelesen. Und jetzt sollen wir einfach nur die Symptome nehmen wie sie sind? Das reicht uns nicht. Und unseren Vorfahren hat das auch nicht gereicht.

Und deshalb fällt es vielen heute schwer, Homöopathie zu machen, diese in ihrem Prinzip ja sehr einfache Methode.

Außerdem glauben Menschen, daß das Übel eine Wurzel haben muß. Die Wurzel muß heraus. Jeder, der einen Garten hat, weiß, wenn man das Unkraut ohne die Wurzel ausreißt, wächst es wieder nach. Klar. Daß das Übel eine Wurzel hat, steckt schon tausende Jahre in unseren Köpfen, Luther hat es gesagt, in der Bibel steht es, alle haben darüber gesprochen. Und das prägt.

Was sagt Samuel Hahnemann dazu, dessen Namen wir diesem Kongress gewidmet haben. Warum suchen Menschen nach dem Dahinterliegendem?

Hahnemann war sich sicher, daß es einen Weg geben mußte, auf dem sich Krankheiten heilen lassen, und er fragt: Warum hat man diesen Weg nicht in den bisherigen zigtausend Jahren gefunden?

Er sagt:

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Die Symptome, so wie sie sind, ohne eine Erklärung für sie, liegen ganz nah. Ich will dahinter schauen, sie verstehen, und dabei laufe ich über das Ziel, das ganz nahe liegt, hinaus.

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Und die Homöopathie? Unterscheidet sie sich von den anderen Methoden?

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Sie sehen hier, wie deutlich sich die Homöopathie in der Geschichte der Kopfschmerzen von allen anderen Heil-Methoden abhebt.

Über das hier außen, die Symptome, sagt Hahnemann:

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Also Krankheit ist die Gesamtheit der Symptome. Die sinnlich wahrnehmbaren Symptome sind das einzige, wodurch die Krankheit anzeigt, welches Heilmittel sie braucht. Die Symptome sind das Einzige, was der Heilkünstler erkennen und behandeln kann.

Anders gesagt: In der Homöopathie ist ein Symptom nicht Ausdruck von etwas, sondern einfach existent. Das Symptom zeigt sich schon als das, was es ist! Es braucht keine Begründung, keinen Beweis, keine Erklärung, daß es existiert und warum es existiert. Hinter den Symptomen müssen keine seelischen Mechanismen gesucht werden. Es ist einfach nur Symptom, das unmittelbare sich selbst zeigende Kranksein.

Diese Sichtweise des Symptoms gibt es unter allen mir bekannten medizinischen Systemen nur in der Homöopathie, und sie geht zurück auf die eigentliche Bedeutung des Wortes:

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Das griechische „symptoma“ bedeutet: Zufall, Ereignis, Überkommnis, Befall. Das Symptom ist etwas, das einem zu-fällt, das einen überkommt oder befällt. Es ist ein Phänomen.

In unserem heutigen Sprachgebrauch ist ein Symptom aber etwas völlig anderes: Es wandelt sich vom Ereignis, Zu-Fall, Phänomen der alten Griechen zur Krankheits-Erscheinung. Die Krankheit zeigt sich also nicht mehr selbst, sondern ist ein Geschehen im Hintergrund, auf welches die Symptome nur verweisen. Krankheit ist jetzt nicht mehr eine Sache des Kranken, sondern des Arztes, der die „eigentliche“ Krankheit des Patienten sucht.

Homöopathie aber heißt: Der Patient kommt herein, man nimmt die Symptome und gibt das Heilmittel. Das ist alles.

Ist das nicht schrecklich? Das ist viel zu einfach. Simpel.

Außerdem ist das nüchtern, und langweilig.

Ich will meinen Patienten doch tiefgreifend heilen, und das heißt auch Transformieren.

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Das ist ein Urbedürfnis von uns! Wenn wir das nicht mehr tun dürfen, dann nimmt man uns das Schönste weg!

Also – ich bleibe dabei: Die Sache ist zu simpel. Warum lösen wir nicht das Problem, indem wir uns das Beste von allem nehmen und einfach beides machen: Wir nehmen die Symptome des Patienten – ganz nach Hahnemann – und wir interpretieren sie, aber mit unserem heutigen Wissen und Verständnis über den Sinn der Symptome und den Gemütszustand des Patienten. Haben wir dann nicht beides!?

Leider nicht, wir stehen wieder am Anfang. Wir sind wieder bei dem, was die Medizin schon drei Tausend Jahre vor Hahnemann gemacht hat: Löcher in die Köpfe bohren!

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Warum?

Weil man eine Aussage über die tiefere, innere Ursache von Krankheit nicht auf ihre Wahrheit überprüfen kann. Jede Aussage, die ich treffe kann stimmen, oder sie kann nicht stimmen. Eine erst noch zu beweisende Theorie über eine Krankheit ist immer auch jederzeit falsifizierbar. Gewißheit in der Therapie ist damit nicht möglich und wird nie möglich sein.

Deshalb lösen sich diese Wahrheiten seit Menschen­gedenken ab. Warum sollte die heutige Interpretation, der Patient hat Kummer in der Ehe, wahrer sein als die Interpretation vor 2000 Jahren, er hat einen Dämon in seinem Kopf?

Ende

Wie Sie sehen, ist die Homöopathie eine in der Medizingeschichte einzigartige Behandlungs­methode. Es geht mir darum, Ihnen diesen Unterschied vom Wesen her zu zeigen. Die Homöopathie ist ein Wendepunkt in einer jahrtausende alten Denkweise! Hahnemann hat seine Heilmethode im Jahre 1796 unter dem Titel: „Über ein neues Prinzip der Auffindung der Arzneikräfte“ bekanntgemacht. Die Ausgabe aus dem Hufelandjournal finden Sie übrigens draußen in der Vitrine. Es ist ein neues Prinzip, nicht mehr das Alte.

Zum Ende meiner Ausführungen zitiere ich große Fürsprecher dieses neuen Prinzips:

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Kant legt dar, daß der Mensch aufgrund seiner Denkstruktur nur das erkennt, was er mit seinen Sinnen wahrnimmt. Eine das Ding an sich erreichende Erkenntnis ist „allein dem Urwesen“ vorbehalten.

Goethe sagt:

Die Quantenphysiker sagen:

Es gibt keine Ursache, sondern ein Nichts, aus dem die Welt permanent neu erschaffen wird, wie die Wellen, die aus anderen Wellen hervorgehen und wieder verschwinden. Eine Ursache ist nicht sichtbar, man kann sie nicht denken. Alles ist mit allem verbunden und geht nicht von einem bestimmten Punkt aus. Wir leben immer nur in dem Wirken von etwas.

Ich schließe meinen Vortrag mit einem Zitat von Albert Einstein:

Der Weg nach vorne – Ein neues Repertorium

Dr. med. Carl Rudolf Klinkenberg, Eröffnungsvortrag auf dem Internationalen Coethener Erfahrungsaustausch (ICE) am 8.10.2009

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, dear colleagues, estimados colegas, doro’gije ko’legi,

das Thema des ICE sind die Werkzeuge unserer Praxis – Repertorium und Materia medica. Das Verhältnis zwischen den beiden ist nicht ganz unbeschwert. Und wichtiger noch: Die Gewichtung zwischen Materia medica und Repertorium hat sich im Laufe der Homöopathie­geschichte gewandelt. Ich möchte Ihnen das heute anhand der Entwicklung der Mittelwahl in der Homöopathie zeigen. Darauf aufbauend spreche ich über den „Weg nach vorn”.

Das Verhältnis von Materia medica und Repertorium

Die erste Symptomensammlung Hahnemanns ist die Fragmenta de viribus medicamentorum von 1805:

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Die Fragmenta hat zwei Teile: Die Materia medica und einen Index. Im ersten Teil, in der Materia medica stehen die Prüfungen Hahnemanns seit dem Chinarindenversuch 1790. Für den ersten Teil schreibt Hahnemann ein 6-seitiges Vorwort.

Der zweite Teil ist der Index. Der Index ist eine lange alphabetische Liste der Symptome, ein ganz frühes Repertorium. Dieser zweite Teil ist fast doppelt so lang wie der erste Teil mit der Materia medica.

Trotzdem widmet ihm Hahnemann im Vorwort nur eine einzige Zeile. Er schreibt:

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Pars secunda indicem complectetur, übersetzt: „Der zweite Teil umfaßt den Index”.

Stattdessen hebt Hahnemann im Vorwort 6 Seiten lang die Bedeutung der Materia medica hervor und schreibt:

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Sie sehen: In der Anfangszeit der Homöopathie hat die Materia medica einen absoluten Vorrang gegenüber dem Repertorium: Der Homöopath kennt die Arzneien weitgehend auswendig und liest zur Kontrolle in der Materia medica nach. Das Arzneimittel wird direkt anhand der Materia medica bestimmt. Hahnemann schreibt:

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Auf diese Weise wählen die ersten Homöopathen ihre Mittel:

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Ein Homöopath um 1820 trifft mit seinem Arzneiwissen eine Vorauswahl. Diese Mittel vergleicht er miteinander in der Materia medica. Er hat nur die „Reine Arzneimittellehre” Hahnemanns zur Verfügung und schaut dort mit dem Kopf-zu-Fuß-Schema nach. Nebenbei gibt es einen Index, der das Finden der Symptome erleichtert.

Ein Fall von Attomyr

Aber die Suche in der Materia medica kann sehr zeitaufwendig sein. Manchmal muß der Homöopath alle Prüfungen von Aconitum bis Zincum durcharbeiten, bis er das richtige Mittel gefunden hat. Als Beispiel ein Fall von Attomyr aus dem Jahre 1829.

Attomyr (1807-1856) war ein Vordenker. Hahnemann schätzte ihn so sehr, dass er ihm die Übernahme seiner Köthener Praxis anbot.

Der Fall: Ein 18-jähriges Mädchen mit einer Amenorrhoe und vielen anderen Symptomen:

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Attomyr schreibt:

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Das ist auch der Fall. Aber was für ein Aufwand, bis Attomyr endlich Pulsatilla unter den vielen anderen Arzneien gefunden hat! Und achten Sie auf seine Formulierung:

Nach langem Deliberiren mit der Hahnemannschen Materia medica glaubte ich, die Pulsatille dürfte diesem Krankheitsfalle am meisten homöopathisch entsprechen.

Seine Formulierung wirkt unsicher – von Heilungsgewißheit keine Spur. Bestimmt ist Attomyr sehr neugierig auf den Folgetermin gewesen.

Bönninghausens Ileus-Behandlung

Ein anderes Beispiel: 1833, Bönninghausens Eigenbehandlung seines Ileus. Vier Homöopathen hatten ihm erst Nux vomica, dann Cocculus gegeben – beide Mittel ohne Erfolg. Er hatte nun schon 12 Tage keinen Stuhl mehr gehabt und beschloss am Abend des 12. Tages, er wolle nicht eher nachlassen, ehe er ein passendes Mittel gefunden oder durch den Tod von seinen Schmerzen befreit wäre.

Bönninghausen schreibt:

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Bönninghausen hatte etwa vier Stunden (!) für die Mittelfindung gebraucht.

Thuja half.

Erste Schwierigkeiten mit der Materia medica

Die Mittelwahl in der Frühzeit der Homöopathie erfolgt also direkt aus der Materia medica. Das ist zwar manchmal zeitaufwendig, aber machbar.

Aber noch zu Lebzeiten Hahnemanns zeichnen sich erste Schwierigkeiten ab: Die Materia medica wird immer umfangreicher. Stetig kommen neue Prüfungen und klinische Fälle hinzu.

Ein Beispiel:

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Sulfur: 1825 stehen 755 Symptome in der „Reinen Arzneimittellehre” Hahnemanns (RA). 1835 sind es schon 1969 Symptome in den „Chronischen Krankheiten” (CK), und 1880 stehen über 4000 Prüfungssymptome in Allens „Encyclopädie”. Dazu kommen noch die klinischen Symptome, die Allen nicht aufgenommen hat. Es wird immer schwieriger, das Symptombild des Kranken in dieser immer größer werdenden Materia medica zu finden. Man kann sich längst nicht mehr alle Symptome merken.

G.H.G. Jahr (1800-1875) beschreibt diese Entwicklung wie folgt:

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Hahnemann hatte gefordert, die Arzneiwahl müsse auf der Materia medica basieren. Aber dies war nach etwa drei Jahrzehnten Homöopathie – um 1830 – praktisch nicht mehr durchführbar. Aus der Masse der Materia medica war eine Unmasse geworden. Ohne Hilfsmittel mußte man die gesamte Materia medica nach einem bestimmten Symptom durchsuchen.

Ein erster Lösungsansatz: Die Entwicklung der Repertorien

Der erste Lösungsansatz ist die Entwicklung eines Repertoriums als ein Nachschlagewerk für Symptome. Diese Nachschlagewerke gab es von Anfang an: Sie hießen Index, Verzeichnis, Repertorium, Lexikon, Register. Später etabliert sich die Bezeichnung „Repertorium”. Hier die wichtigsten frühen Repertorien, Lexika, Indexe:

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Das erste praxistaugliche Repertorium erstellt Bönninghausen 1832:

Das „Systematisch-Alphabetische Repertorium der Antipsorischen Arzneien”.

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Es ist das erste Repertorium mit Rubriken nach unserem heutigen Verständnis. Alle vorhergehenden Werke hatten noch die vollständigen Symptome aufgeführt!

Außerdem führt Bönninghausen erstmals 4 verschiedene Grade ein.

Diese Grade sind eine grandiose Idee! Sie sind ein Weg, die Materia medica beherrschbarer zu machen.

In den folgenden Jahren erscheinen weitere Repertorien: 1834 das Repertorium im „Handbuch der Hauptanzeigen” von Jahr, und 1835 Bönninghausens „Systematisch-Alphabetisches Repertorium der Nicht- Antipsorischen Arzneien”.

Die Repertorien kommen mehr und mehr in Gebrauch. Jetzt machen es sich manche Homöopathen einfach: Sie arbeiten nur noch mit dem Repertorium.

Hahnemann kritisiert das scharf. Er schreibt 1835 in den „Chronischen Krankheiten”:

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Die Repertorien bis zum Ende des 19. Jahrhunderts sollten nur Hinweise auf die Mittel geben. Sie sind eine Erinnerungshilfe – „kurze, übersichtliche Wegweiser”, wie Bönninghausen schreibt. Mehr aber auch nicht:

Ihre Verfasser wollten keine vollständige Umsetzung der Materia medica ins Repertorium. Das ist ganz wichtig, sich das klar zu machen!

Zum Beispiel macht Jahr für sein Handbuch erst einen Auszug aus der Materia medica. Diesen Text indiziert er in seinem Repertorium. Die Repertorien des 19. Jahrhunderts sind also unvollständig und nicht für die alleinige Mittelwahl gedacht.

Sudler oder Halbwisser

1846 erscheint Bönninghausens Therapeutisches Taschenbuch. Bönninghausen bringt in der Einleitung zum Taschenbuch einen Fall, bei dem man gleich an Pulsatilla oder China denkt. Das Nachschlagen im Repertorium zeigt aber, dass Valeriana das angezeigte Mittel ist. Bönninghausen schreibt:

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Das ist eine große Veränderung:

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1835 war jemand, der nur im Repertorium nachschlagen will, ein Sudler. 1846, nur 11 Jahre später, ist jemand ein Halbwisser, der nur in den Quellen nachschlägt und kein Repertorium benutzt!!

Diese Veränderung zeigt: Die Homöopathie ist nicht fix und fertig „aus dem Ei geschlüpft”.

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Sie entwickelt sich seit ihrer Geburtsstunde weiter. Deshalb müssen wir die Aussagen unserer Vorgänger immer vor dem Hintergrund ihrer Zeit sehen. Die homöopathischen Grundsätze wie Arzneimittelprüfung und Ähnlichkeitsprinzip bleiben. Aber ihre Anwendung wird kontinuierlich weiterentwickelt.

In der Anfangszeit der Homöopathie muß man die Materia medica nach den Symptomen durchblättern. Ggf. wird ein Index oder Register zur Hilfe genommen:

Methode der Arzneiwahl

1805 – ca. 1832

Symptome des Kranken

Arzneiwissen (ergänzt von Index)

Materia medica

Ab ca. 1832 wird für die Arzneiwahl häufiger ein Repertorium zwischengeschaltet – ich Ihnen hier die großen Linien, die Übergänge sind fließend:

Methode der Arzneiwahl

ab ca. 1832

Symptome des Kranken

Repertorium

Materia medica

Hahnemann selbst nutzte vor allem das Systematisch-Alphabetische Repertorium von Bönninghausen und eigene handschriftliche Symptomenlexika. Er hat damit nicht „repertorisiert” wie wir heute, sondern das eine oder andere Symptom nachgeschlagen. In seine Krankenjournale hat er sich manchmal Mittel aus dem Repertorium als Gedächtnis­­­stütze notiert.

Ein zweiter Lösungsansatz:

Die Charakteristischen Arznei­symptome

Die ersten Repertorien lösten aber noch nicht die Probleme, die durch die exponentiell wachsende Materia medica entstanden waren. Es ist wieder Bönninghausen, der ein intelligentes Konzept hat. Er konzentriert sich auf die charakteristischen Symptome der Arzneien. Zum Beispiel bei Causticum:

Die Lähmung einzelner Körperteile oder der Oberlider, die Wirkung auf die rechte Seite, das Gefühl von Rauheit oder Wundheit in der Brust, der Harnröhre, im Rektum usw. oder die Folge von Verbrennungen.

Oder dass zum Beispiel Belladonna ein rotes Gesicht, weite Pupillen und einen trockenen Mund hat.

Das Herausarbeiten dieser Charakteristika ist ein großer Verdienst Bönninghausens, mit dem er sich sein Leben lang befaßt. Die Charakteristika bilden eine reduzierte Materia medica, die man sich merken kann.

Das läutet eine Entwicklung ein, die sich bis heute fortsetzt: Die meisten Homöopathen lernen nur noch die charakteristischen Symptome. Wenn der Fall ihr Standardwissen überschreitet, schlagen sie in der großen Materia medica nach. Besonders in Nordamerika entstehen kleine übersichtliche Arzneimittellehren:

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Hier finden Sie Namen wie Lippe, Hering, Farrington, Allen und Nash. Diese Bücher enthalten die Leitsymptome der Mittel – ein Arzneiwissen, das man sich einprägen kann.

Wieder ändert sich die Methode der Arzneiwahl:

Erst kam das Repertorium dazu. Jetzt – mehr und mehr – die Beschränkung auf charakteristische Arzneisymptome:

Methode der Arzneiwahl

Charakteristische Arzneisymptome

1. Repertorium

2. Materia medica

Die Zweistufigkeit der Mittelwahl

Die Mittelwahl erfolgt also in zwei Schritten:

Im 1. Schritt wird eine charakteristische Materia medica gedanklich abgerufen oder im Repertorium nachgeschlagen. Daraus ergeben sich Hinweise für mögliche Mittel.

Im 2. Schritt werden diese Mittel in der Original- Materia medica nachgelesen. Die Entscheidung für ein Mittel fällt durch das Materia medica-Studium.

Diese Zweistufigkeit der Mittelwahl hat aber mehrere Nachteile:

  • Die Beschränkung auf wenige Mittel.
  • Ein zeitaufwendiger Materia medica-Vergleich
  • Lückenhafte Repertorien = lückenhafte „Winke”

1. Die Mittelwahl beruht auf einer Reduktion der Materia medica. Sie beschränkt sich auf relativ wenige Mittel, deren Charakteristika man kennt und in der Praxis anzuwenden gelernt hat. Eine sichere Mittelwahl erfordert aber den Symptomvergleich aller in Frage kommenden Mittel.

2. Der weiterhin zeitaufwendige Vergleich mit der Materia medica.

3. Und drittens die bewußte Verkürzung des Repertoriums, das eben nur Winke bzw. Hinweise geben soll.

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Ein unvollständiges Repertorium „winkt” aber keinesfalls sicher das passende Mittel herbei! Wurde das Simile beim Repertorisieren übergangen, dann kann es auch die Suche in der Materia medica nicht mehr herbeizaubern.

Bönninghausens lückenhafte Mittelwahl

Ein Beispiel von Bönninghausen aus seinen Krankentageblättern von 1835:

Johann Breimann, 62 Jahre aus Ostbevern bei Münster.

Bönninghausen notiert folgende Symptome:

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Bönninghausen verordnet jedesmal zwei Mittel. Das erste gibt er sofort. Das zweite etwa eine Woche später. Diese Gabe von zwei Mitteln ist eine häufige Vorgehensweise Bönning­hausens. Den Behandlungserfolg notiert er nicht.

Ich habe die Schwindelsymptome des Patienten mit Kents Repertorium nachrepertorisiert:

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Phosphorus, auch Calcium passen viel besser als die Mittel, die Bönninghausen gab:

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Phosphorus z.B. hat die Schwindelsymptome des Patienten viel ähnlicher als Nux vomica, Sulfur oder Sepia. Alles ist enthalten: Das Vergehen des Gesichts, der Schwindel in der Früh nach dem Aufstehen, Schwindel mit Übelkeit. Es hat in den Guidung Symptoms sogar das Symptom Schwindel in Verbindung mit Herzklopfen.

Dieses Symptom – „Herzklopfen beim Schwindel” – steht nicht im Kent. Aber es gibt noch andere wichtige Repertorien.

Wenn ein Symptom nicht im Kent steht, schaue ich als erstes im Boger-Bönning­hausen („Boenninghausen´s Characteristics and Repertory”, 1905), dann im Knerr („Repertory of Herings´s Guiding Symptoms”, 1896) oder im Symptomrregister von Allen (1880) nach.

Im Boger-Bönninghausen steht die Rubrik „Schwindel, Begleitsymptome, bei Herz­symptomen” (vertigo, concomitans, heart symptoms, on), Phosphorus ist zweiwertig. (C.M. Boger, Boenninghausen´s Characteristics And Repertory, 1905, S. 248, Reprint edit. 1995)

Und in den Guiding Symptoms findet sich das Phos.-Symptom „Vertigo, cannot lie on left side because of palpitation.”

(C. Hering, The Guiding Symptoms of our Materia Medica, 1879)

Die Repertorisation rückt aber auch kleinere Mittel in den Vordergrund wie Sabadilla, das immerhin vier der fünf Schwindelsymptome hat:

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Morgens nach dem Aufstehen schwindelig. Schwindel, bei steter Übelkeit

Bei … Schwindel wird es ihm ganz schwarz vor den Augen.

Dieser ausführliche Mittelvergleich geht nur mit einem großen Repertorium. Niemand kann sich die Schwindelsymptome von über 100 Arzneien merken!

Bönninghausen ist bei der Arzneiwahl nur auf seine Materia medica-Kenntnis, also auf sein Gedächtnis, und auf sein „Winke gebendes” Repertorium angewiesen. Also kommt er nur zu lückenhaften Arznei­vorschlägen. Ein modernes Repertorium bietet uns heute eine unvergleichlich größere und präzisere Auswahl von Mitteln zur Entscheidung an!

Hahnemanns Symptomenlexikon

Soweit zu den Schwierigkeiten der Mittelwahl 1835.

Auch Hahnemann sucht nach einer Lösung für die exponentiell wachsende Materia medica. Er möchte ein Symptomen­lexikon ausarbeiten lassen. Jedes Stichwort eines Symptoms, also Ort, Empfindung, Modalität will er hier alphabetisch anordnen. Hahnemann will

Jeden wichtigen Begriff in einem Symptom ins Alphabet bringen … ohne dessen Inhalt zu verfälschen…“

(Briefwechsel zwischen Hahnemann und Bönninghausen, Brief Nov. 1833. M. Stahl S. 91)

Das Pulsatilla-Symptom „Abends heiß im ganzen Gesichte” müßte demnach dreimal aufgeführt werden:

Abends heiß im ganzen Gesichte.

Gesicht, im ganzen, abends heiß.

Heiß im ganzen Gesichte abends.

Hahnemann sucht also einen Weg, den Inhalt, die Information der Materia medica in eine neue Form zu gießen, damit man besser an sie herankommt.

Er schreibt 1834 an Bönninghausen:

Nur ein Lexikon kann vollständigere Auskunft den Suchenden geben…“

(Briefwechsel zwischen Hahnemann und Bönninghausen, Brief Juni 1834. M. Stahl S.102)

Ein Lexikon, das vollständigere Auskunft gibt, das nicht bloß ein Wegweiser ist wie das Repertorium! Achten Sie auf seine Wortwahl, Hahnemann schreibt: „vollständiger”:

Ein 100% vollständiges Lexikon bzw. Repertorium kommt für Hahnemann noch nicht in Frage. Es ist noch nicht im Horizont seiner Zeit.

Wahrscheinlich aus prinzipiellen Gründen. Hahnemann stellt die Materia medica an erste Stelle. Ein Repertorium kann und darf sie nicht ersetzen. Das war seine Maxime.

Was bedeutet seine Maxime nun für die Praxis?

Die Information und die Form

Wir wählen die Arznei aufgrund der Information der Quellen – die Information sind die Symptome, die Symptomenreihen der Arzneien wie Hahnemann sagt, z.B. die Schwindel­symptome von Sabadilla.

Aber das bedeutet ja nicht, dass auch ihre Form – die Form, wie Sie sie hier am Beispiel von Sabadilla sehen, nämlich – die nach Mitteln im Kopf-zu-Fuß-Schema geordnete Materia medica – unentbehrlich ist!

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Diese Form, also die Quelle selbst, ist für die Praxis die ungeschickteste! Eine nach den Symptomen geordnete Materia medica, eben ein Repertorium, ist viel praktischer.

Die Repertorien sind unvollständig

Ich gehe jetzt ans Ende des 19. Jahrhunderts. Die Homöopathie ist mit der Bewältigung der Symptomen­masse der Materia medica nicht fertig geworden. Sie steht immer noch an dem Punkt, den Hahnemann ihr vorgegeben hat: Man bestimme das heilende Mittel anhand der Materia medica „so wie sie ist“, d.h. anhand der Symptomreihen der Arzneien.

Die Repertorien wären für die praktische Arbeit besser geeignet. Aber den Repertorien mißtraut man – mit Recht. Denn die Repertorien bieten keine systematisch eingearbeitete Materia medica. Sie wurden bewußt beschränkt. Die Repertorium sind nicht vollständig, und – so merkwürdig es klingt – sie sollen auch gar nicht vollständig sein! So schreibt Bönning­hausen, Hahnemanns Lexikon aufgreifend, über sein Systematisch-Alphabetisches Repertorium:

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Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es viele Lösungsversuche für die Bewältigung der Materia medica. Man versuchte der Masse Herr zu werden mit Hilfe der Repertorien und den Charakteristika, mit den Arzneiverwandtschaften, der Verordnung nach Organbe­ziehungen, mit der Kombinations­methode von Bönninghausen usw. Keine Methode löste das Problem der immer weiter wachsenden Materia medica. Eine Lösung mußte her!

Wo ist das vollständige und verlässliche Repertorium?

Erastus E. Case nimmt 1892 wieder die Frage des Repertorium auf, er schreibt:

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Er sagt: Es gibt zwar gute Spezialrepertorien wie das von Bell über Diarrhoe, von Lee über Husten. Das Taschenbuch von Bönninghausen ist eines der besten Repertorium, aber die feinen Schattierungen der Symptome findet man nicht darin.

Case fragt:

Aber wo ist das vollständige und verlässliche Repertorium?”

(„But where is the complete and reliable repertory?”)

Das Repertorium – die praktische Materia medica

Das vollständige und verläßliche Repertorium muß die gesamte Materia medica enthalten. Es muss eine repertoriale Materia medica sein – der gesamte Inhalt der Materia medica in die Form des Repertoriums gegossen.

Ein Repertorium in diesem Sinn ist nicht bloß ein Index für die Materia medica, sondern mehr als das: Es ist eine spiegel­bildliche Umkehrung der Materia medica!

Ich nenne dies die „praktische Materia medica“, weil sie unser Hauptwerkzeug in der Praxis sein wird. „Sein wird“ – denn sie gibt es noch nicht.

Die primäre Materia medica sind die Arzneimittelprüfungen:

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Für die Praxis brauchen wir eine praktische Materia medica: Die Sammlung der Symptome mit den dazugehörigen Mitteln, eben das Repertorium. Hinzu kommen die klinischen Symptome, die Verifikationen und die generalisierbaren charakteristischen Symptome – die Symptome, die sich durch das Mittel hin­durchziehen bzw. der Genius des Mittels.

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Die erste praktische Materia medica ist das Repertorium von Kent aus dem Jahr 1897.

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Kent geht den bisher fehlenden Schritt, der endlich kommen musste:

Die konsequente Umkehrung der Materia medica ins Repertorium. Erstmalig kommt ein Repertorium mit dem Anspruch, möglichst vollständig zu sein. Das zeigt sich schon am damaligen Umfang von 1400 Seiten. Kent schreibt über sein Repertorium:

It has been built from all sources”.

Die Materia medica des Repertorium ist inhaltlich die gleiche wie die Materia medica aus Prüfungen und klinischen Erfahrungen. Die Symptome werden für das Repertorium formal, aber nicht inhaltlich verändert. Formal heißt: Sie werden sprachlich vereinfacht und gekürzt, umgestellt, und in ihre Einzelteile zerlegt.

Eine neue Möglichkeit

Im Prinzip sind mit dem Erscheinen des Kent die fast 100 Jahre andauernden Schwierigkeiten mit der Masse des Materials gelöst.

Ich sage: Im Prinzip sind sie gelöst. Aber noch nicht in der Realität – mir sind die Fehler im Kent absolut bewußt. Es geht mir um eine neue prinzipielle Möglichkeit. Um eine Vision. Lassen Sie diese neue Möglichkeit einmal unvoreingenommen auf sich wirken.

Bis zum Erscheinen des Kent hatten wir fast 100 Jahre lang die Schwierigkeiten mit der Masse der Materia medica. Die Wurzel dieser Schwierigkeiten war das Festhalten an der Materia medica als die oberste Instanz für die Mittelwahl. Anstatt den Inhalt der Materia medica von ihrer Darstellung zu trennen und in eine praxisgerechte Form zu setzen. Was bedeutet das?

Bisher sollten die Repertorien nur Hinweise auf die Materia medica geben. Jetzt stellt die praktische Materia medica des Repertoriums die Symptome schon direkt bereit! Prinzipiell könnten jetzt alle charakteristischen Symptome im Repertorium aufgesucht werden.

Damit gibt es jetzt erstmalig die Möglichkeit einer sicheren Arzneiwahl mit dem Repertorium:

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Die Materia medica ist nicht mehr primäre Entscheidungsinstanz. Sie tritt in den Hintergrund und wird eine sekundäre Kontrollinstanz, und zwar für spezielle Fälle.

Das ist eine Revolution. Die Gewichtung zwischen Materia medica und Repertorium hat sich endgültig verschoben!

Repertorisation als Methode der Mittelwahl

Die Zäsur von 1897 ist so groß, dass sich eine neue Methode der Mittelwahl entwickelt: Die Repertorisation.

Repertorisation ist eine neue Methode der Mittelwahl, nicht nur einfach das Eingeben von Symptomen in einen Computer. Diese Methode wurde aus den neuen Möglichkeiten, die ein vollständiges Repertorium bietet, geboren. Vor dem Kent hat man nicht repertorisiert wie heute. Man hat nur in absichtsloser Zufälligkeit repertorisiert, aber nicht im Sinne einer Methode. Jetzt, wo man prinzipiell alle Symptome im Repertorium finden kann, wird es noch wichtiger als bisher, eine Vorauswahl zu treffen.

Das bedeutet:

1. die Trennung der wahlanzeigenden Symptome von den für die Mittelwahl unwichtigen Symptomen,

2. die Gewichtung, also Rangfolge der wahlanzeigenden Symptome.

Die Vorteile dieser neuen Methode sind:

  • Erweitertes Arzneispektrum
  • Präzision der Mittelwahl
  • Sicherheit der Mittelwahl
  • Materia medica direkt zugänglich

Der Homöopath muß sich nicht mehr auf die Mittel beschränken, deren Charakteristika er auswendig kennt. Vorausgesetzt, er wählt und gewichtet die Symptome richtig, ergibt die Repertorisation ein erweitertes und präziseres Spektrum von in Frage kommenden Mitteln – wie Phosphorus und Sabadilla in dem Fall von Bönninghausen. Das bedeutet mehr Sicherheit in der Mittelwahl. Die gesamte Materia medica ist direkt zugäng­lich – ohne die Begrenzung des Gedächtnisses und ohne das umständliche Suchen in der primären Materia medica.

Ein Paradigma: Das Repertorium ist nur ein Index

Hahnemanns Kritik am Repertorium wurde über die Jahrhunderte immer und immer wieder aufgegriffen und wiederholt. Die meisten Homöopathen sagen heute immer noch: Das Repertorium kann die Materia medica nicht ersetzen. Es ist nur ein Index.

Wir haben eine lange Tradition, das Repertorium auf diese Weise klein zu reden. Das ist in unseren Köpfen, es ist unser Paradigma. Es ist an der Zeit, dieses Paradigma endlich abzulegen.

Natürlich wird das Repertorium die Materia medica nicht ersetzen. Das Repertorium gehört zur Arzneimittel­lehre. Erst wenn ich die charakteri­stischen Symptome der Arzneien studiert habe und kenne, kann ich vernünftig mit einem Repertorium umgehen. Auch mit einem perfekten Repertorium wird man nicht vollständig auf die Materia medica verzichten können.

Hierzu zwei Beispiele: Wir brauchen in manchen Fällen für die Arzneiwahl die Symptome in ihrem Zusammenhang. Außerdem gibt es Fälle, in denen wir mehrere Symptome der Materia medica hintereinander lesen müssen, um eine vom Patienten geschilderte Empfindung gewissermaßen „einkreisen” bzw. um auf diese Weise die Ähnlichkeit zu der Patientensymptomik in der Materia medica festzustellen.Ein Index ist ein Anzeiger, ein Verzeichnis der Stichworte. Das Repertorium ist nicht bloss ein Index, es ist eine umgekehrte Materia medica.

Ein Index ist ein Anzeiger, ein Verzeichnis der Stichworte. Das Repertorium ist nicht bloss ein Index, es ist eine umgekehrte Materia medica.

Der Kent – eine Katastrophe

Das ist also der Kent, der Prototyp einer praktischen Materia medica:

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Dann wäre ja alles in Ordnung und wir können uns jetzt drei freie Tage machen.

Nur, es gibt noch eine andere Seite: Das Kentsche Repertorium ist eine Katastrophe. Es ist fehlerhaft und inhomogen.

Wenn ich im Folgenden über den Kent spreche, dann meine ich auch seine verbesserten Nachfolger Synthesis und Complete.

Viele Rubriken und Einträge im Kent wurden von Homöopathen auf ihre Quellen hin untersucht, von Gypser, Klunker, Eppenich, Srinivasan und vielen anderen. Es fanden sich Übersetzungsfehler, falsche Mittel, verwechselte Mittel, eine unklare Definition der Grade usw. In den letzten 20 Jahren sind viele Anstrengungen unternommen worden, das Repertorium zu verbessern, z.B. mit dem Synthesis in Form von Fehlerkorrekturen, Quellenangaben, Nachträgen alter und neuer Quellen, Verbesserungen der Struktur usw.

Für Synthesis ist der Kent die Ausgangsbasis. Die Herausgeber versuchen, den Weg quasi „rückwärts“ zu gehen und nach und nach alle Fehler des Kent zu korrigieren.

Das hat allerdings Grenzen. Ich zeige Ihnen jetzt drei Beispiele, warum dieser Weg nicht funktioniert, warum wir das Repertorium nicht effektiv rückwärts verbessern können.

1. Beispiel: Unwillkürliches Weinen

Die Rubrik unwillkürliches Weinen (weeping involuntary, Kent 1981 S. 93) hat 23 Mittel:

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Will Klunker hat die Primärquellen dieser Rubrik untersucht. Zum Materia medica- Abgleich wurden folgende Werke herangezogen:

T.F. Allen/ Encyclopedia 1879, S. Hahnemann/ Chronische Krankheiten, S. Hahnemann/ Reine Arzneimittellehre, C. Hering/ Guiding Symptoms 1881, C. Hering/ Amerikanische Arzneiprüfungen 1857, G.H.G. Jahr/ Symptomenkodex 1848 und E. Stapf/ Beiträge zur reinen Arzneimittellehre 1836.

Von den 23 Mitteln stimmen nur 8 Mittel mit der Rubrikenüberschrift überein, und zwar:

Alum., Cann-i., Merc., Nat-m., Plat., Rhus-t., Stram., Verat.

Die restlichen 15 Mittel haben Symptome, die nur weitgehend mit Weinen zu tun haben, wie z.B. einfaches Weinen, exzessives Weinen (Aur., Bell., Ign., Lach.), ist beim Weinen außer sich, kann Weinen nicht unterdrücken. Das sind zwar alle Symptome mit Weinen, aber alle diese Symptome haben kein unwill­kürliches Weinen! So hat Kent z.B. das exzessive Weinen und Schreien bei Aur., Bell., Ign. und Lach. in ein unwillkürliches Weinen uminterpretiert.

2. Beispiel: Kopfweh vom Fasten

Ein weiteres Beispiel: Die Rubrik „Kopfweh vom Fasten“ (head, pain, fasting, from, K 140) enthält 19 Mittel:

Ars-i., Caust., Cist., Elaps., Ind., Iod., Kali-c., Kali-s., Lyc., Nux-v., Phos., Ptel., Ran-b., Sang., Sil., Spig., Sulf., Thuj., Uran.

Es ist sehr zeitaufwendig, die Quellen einer Rubrik aufzusuchen. Von diesen 19 Mitteln haben 9 eine Besserung von Kopfschmerzen nach dem Essen. Die ‚Besserung von Kopfschmerzen nach dem Essen‘ ist aber etwas anderes als ‚Kopfschmerz vom Fasten‘. Die korrigierte Rubrik lautet:

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Es bleiben also nur 10 von 19 Mitteln übrig!!

Immerhin befassen sich alle Einträge dieser Rubriken noch irgendwie mit ‚Weinen‘ oder ‚Kopfweh‘. Es gibt leider viele Rubriken im Kent, deren Einträge nicht annähernd dem Titel entsprechen:

3. Beispiel: Gemüt, Theorien aufstellen

Z.B. die Rubrik „Gemüt, Theorien aufstellen“. Sie enthält im Original-Kent 13 Arzneien:

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Für 5 Mittel findet sich keine Entsprechung in den Primärquellen, und zwar für Ars., Aur., Lyc., Sel., Sil. Es bleiben 8 Mittel übrig:

Ang., Arg-n., Cann-i., Chin., Coff., Lach., Sep., Sulf.

Von diesen 8 Mitteln paßt der Rubrikentitel noch am ehesten für Cannabis indica mit dem Symptom „constantly theorizing“.

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Bei Coffea findet sich in der Materia medica: „Lebhafte Phantasie, voll Pläne über die Zukunft…“

(Stapfs Archiv Bd. 3 S. 282 Nr. 185)

Aus „Pläne für die Zukunft machen“ wurde „Aufstellen von Theorien“!

Sulfur hat das Symptom: „Große Neigung zu philosophischen und religiösen Schwärmereien.“

(Hahnemann, CK V S. 330 Nr. 61)

Lachesis:

(Hering, C., Denkschrift d. N. Akademie d. hom. Heilkunst, 1837)

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Sie sehen: In die Rubrik „Gemüt, Theorien aufstellen“ wurden unterschiedliche Symptome aufgenommen, die nur sehr entfernt etwas mit „Theorien aufstellen” zu tun haben. Jetzt, wo Sie diese Informationen haben: Würden Sie noch mit dieser Rubrik repertorisieren?

Die Notwendigkeit exakter Quellenangaben

Die Untersuchung einer Rubrik wie „Theorien aufstellen“ ist mühsam, denn Kent hat keine Quellen für seine Arzneieinträge angegeben. Er hat auch nicht angegeben, ob es sich um ein Prüfungssymptom oder ein klinisches Symptom handelt.

Daran hat sich bis heute nichts geändert: In der Computerversion von Synthesis werden alle Einträge aus dem Kent mit einem „k“ gekennzeichnet. Das „k“ bedeutet nicht, dass dieser Eintrag von Kent ist, sondern dass der Eintrag aus dem Kentschen Repertorium entnommen ist. Die eigentliche Quelle des Symptoms bleibt weiterhin unklar. Es wäre ein riesiger Aufwand, für jeden Eintrag im Repertorium die originale Quelle aufzusuchen und sie im Nachhinein auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.

Andererseits braucht jeder Eintrag eine exakte Quellenangabe, und zwar aus folgendem Gründen:

1. Die Quellenangabe ist heute ein wissenschaftlicher Standard. Sie macht die Nachprüfung durch den Anwender möglich. Deshalb werden bei wissenschaftlichen Arbeiten in der Medizin und anderen Naturwissenschaften grundsätzlich Quellen angegeben.

2. Der Anwender will unabhängig vom Bearbeiter sein. Homöopathen heute wollen sich selbst ein Urteil bilden und nicht auf die persönliche Einschätzung eines anderen Kollegen angewiesen sein.

Klinische Nachträge einzelner Autoren zum Beispiel basieren immer auf der persönlichen Einschätzung der Autoren. Selbst wenn es bekannte Homöopathen sind wie z.B. Alfons Geukens bleibt die Frage, ob sie den Wert der Symptome auch richtig gesehen haben. Es ist doch immer nur ihre subjektive Ansicht, und in dieser Erfahrung können sie auch irren. Deswegen brauchen wir im Repertorium eine genaue Kennzeichnung unterschiedlicher Symptom­arten wie der klinischen Symptome und eine Kennzeichnung der Autoren. Es gibt nun einmal Fälle, wo ein einziges Symptom entscheidet und man die Quelle ganz genau wissen will.

Eine Untersuchung: Die Angstsymptome von Pulsatilla

Das waren drei Kent-Rubriken. Umgekehrt können Sie sich auch ein x-beliebiges Mittel aus Hahnemanns Materia medica vornehmen und nachschauen, welche Symptome im Repertorium stehen und welche nicht. Sie werden feststellen:

Viele Symptome fehlen oder sind unvollständig, oft auch charakteristische Symptome.

Ich zeige Ihnen jetzt eine Stichprobe. Meine Überlegung war: Ich nehme ein bekanntes Mittel – nämlich Pulsatilla, und ein häufiges Symptom – die Angst. Und dazu die bekannteste Arzneiprüfung, nämlich die von Hahnemann.

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Im Gemütskapitel von Pulsatilla stehen 14 Angstsymptome, also nicht viele. Ich halte es für selbstverständlich, dass diese Symptome im Kent und Synthesis verzeichnet sind, und auf eine Weise, dass man sie findet.

Das Ergebnis der Stichprobe ist erschreckend: Von den 14 Angstsymptomen von Puls. sind nur 3 korrekt im Kent und Synthesis aufgenommen, 3 von 14 Symptomen! 4 Symptome fehlen ganz.

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Zum Beispiel fehlt das Symptom „…Große Angst, so daß er die Kleider von sich werfen muß.“

(Hahnemann, RA II: 340 Nr. 1101)

(Der Nachtrag von Pierre Schmidt im Synthesis „Angst, muß die Kleidung lockern und die Fenster öffnen. ist entweder ein anderes Symptom oder das Symptom wurde sehr ungenau transkribiert.)

Erstaunlich ist, dass die übrigen 7 Symptome falsch oder ungenau im Kent und Synthesis aufgenommen sind.

Zum Beispiel steht das Symptom „Nach dem Erwachen fortgesetzte Angst…“ (Hahnemann, RA II: 340 Nr. 1109)

unter „Gemüt – Angst – Erwachen – beim

Dieses Angstsymptom von Puls. hat Hahnemann gesperrt gedruckt:

Ängstliche Hitze, als wenn er mit heißem Wasser begossen würde…

(Hahnemann, RA II: 340 Nr. 1099/ Kents Repertory reprint edit. 1981, p. 6)

Die „ängstliche Hitze steht nicht unter „Gemüt, Angst, Hitze, wo Sie es suchen würden, sondern in der Rubrik „Gemüt, Angst, Fieber, während (Mind, Anxiety, fever, during).

Das bedeutet, Sie müssen erst einmal gedanklich umschalten von Hitze auf Fieber. Hitze und Fieber sind aber nicht dasselbe und werden auch im Kent als unterschiedliche Symptome behandelt.

Als wenn er mit heißem Wasser begossen würde steht nicht bei Angst, auch nicht bei Hitze, es steht bei Hitzewallung:

Allgemeines, Hitzewallungen, warmes Wasser, wie mit warmen Wasser übergossen. (Generalities, Heat, flushes of, warm water were poured over one)

(Hahnemann, RA II: 340 Nr. 1099/ Kents Repertory reprint edit. 1981, p. 1366)

Aus ängstlicher Hitze ist eine Hitzewallung geworden. Mit diesem Unsinn arbeiten wir heute, im 21. Jahrhundert!

Die meisten von uns setzen aber voraus, dass unser Arbeitswerkzeug, das Repertorium, in Ordnung ist. Wir können nämlich nicht während der Behandlung jeden Eintrag in den Originalquellen überprüfen. Dafür haben wir

1. nicht die Zeit,

2. nicht alle Quellen zur Verfügung und

3. ist das auch nicht unsere Aufgabe! Schließlich haben wir uns ein Buch oder Computer-Programm gekauft und erwarten, dass auch stimmt, was da drinsteht. Sind die Angaben im Repertorium falsch, werden wir ständig auf eine falsche Fährte geführt.

Andere Angst-Symptome wiederrum sind unvollständig. Überhaupt ist es ein grundsätzliches Problem, dass die meisten Symptome der Materia medica nicht vollständig im Kent übernommen wurden. Ich meine damit nicht den konkreten Wortlaut der Symptome, sondern ihre Information. All dies zeigt:

Der Kent ist keine vollständige Umkehrung der Materia medica.

Meine Beispiele sind keine Einzelfälle, sondern die Regel. Nicht einmal Hahnemanns Prüfungen sind vollständig im Kent eingearbeitet.

Eine amerikanische Geschichte: Karl Julius Hempel

Sie fragen sich vielleicht, wie es zu diesen Lücken in unserem Repertorium kommt, und ich nenne Ihnen einen Grund, der nicht so bekannt ist.

Der Großteil der Einträge im Kent stammt aus deutschen Prüfungen der Hahnemannzeit. Weil das Niveau der Homöopathie in der zweiten Jahrhunderthälfte in Amerika höher war als in Deutschland, hatten englisch­sprachige Werke einen großen Einfluss auf die Homöopathie und besonders auf die Entstehung der amerikanischen Repertorien.

Der Amerikaner Kent war auf Übersetzungen angewiesen. Die einzige Übersetzung der CK war die von Charles Hempel aus dem Jahr 1846. Sie war, wie erst viel später erkannt wurde, vollkommen fehlerhaft.

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Karl Julius Hempel stammte aus Deutschland. Er wurde 1811 geboren und war 1835 in die USA ausgewandert. In der Zeit von 1845 bis mindestens 1879, also über mehr als drei Jahrzehnte (!) nutzten die amerikanischen Ärzte ausschließlich die Übersetzung von Charles Hempel. Es war die einzige auf dem Markt. Man muß davon ausgehen, dass Hempels Fehler ihren Weg in etliche Lehrbücher und Repertorien der amerikanischen Literatur gefunden haben.

Lippe und Dunham hatten Hempels Übersetzung schon 1852 stark kritisiert. Aber die homöopathische Presse in Amerika war bis 1858 fest in den Händen von Buch-Verlegern, die keinerlei Kritik an ihren Büchern erlaubten. 1862 meldete Wilson scharfe Kritik an. Er verglich 13 Arzneien Hempels mit dem Original und wies erschreckende Fehler nach:

1785 Symptome waren weggelassen worden, darunter auch sehr charakteristische, die Sie heute nicht im Repertorium finden. 1785 Symptome sind 13% – das sind mehr Symptome, als die Arznei Sepia hat! Möglicherweise hat Hempel aus diesem Grund auch die Durch-Nummerierung der Symptome Hahnemanns weggelassen. Zahlreiche Symptome hat Hempel falsch oder lückenhaft übersetzt. Die „Halsgrube“ z.B. übersetzt er mit „Herzgrube“, ein süßer Geschmack ist oft ein saurer, usw. Gegensätzliche Symptome läßt er oft einfach weg, z.B. das Symptom „Durst“, wenn ein Mittel auch mehrfach „Durstlosigkeit“ hatte.

Man muß davon ausgehen, dass Hempels Fehler ihren Weg in etliche Lehrbücher und Repertorien der amerikanischen Literatur gefunden haben. Diese wurden später wieder ins Deutsche rückübersetzt.

Hempels lückenhaftes Werk ist eine Sekundärquelle. Primärquellen sind die originalen Arzneimittel­prüfungen und Kasuistiken, die Erstveröffentlichungen. Der Kent als das Basis-Repertorium von Synthesis wurde größtenteils aus den damals gängigen Repertorien, also Sekundär­quellen zusammengestellt – mit all ihren Fehlerquellen!!

(Im Gegensatz dazu wurde z.B. das sehr zuverlässige Therapeutische Taschenbuch von v. Bönninghausen direkt aus Primärquellen erstellt).

Der Weg nach vorne – ein neues Repertorium

Wir können dieses Repertorium nicht rückwärts verbessern, wir können auf diesem Repertorium nicht aufbauen. Viele Homöopathen haben dieses Problem schon aufgegriffen: Von Keller, Gypser, Klunker und viele mehr. Sie kommen alle zu demselben Ergebnis: Immer weiter die Repertorien überarbeiten, ist tröstlich, löst aber nicht das Problem!

Wollten wir das Repertorium weiter rückverbessern, müßten wir – wie bei Pulsatilla – jeden Eintrag im Kent auf seine Original­quelle hin überprüfen. Und außerdem noch jedes einzelne Prüfungs-Symptom der Materia medica mit dem Eintrag im Repertorium überprüfen. Das ist dasselbe, als wollten wir ein Haus neu bauen, indem wir jeden Stein herauslösen, noch einmal anschauen und dann ggf. austauschen oder erneut einsetzen. Da ist es viel weniger Aufwand, jedes einzelne Symptom der Materia medica noch einmal quasi „anzufassen und direkt in ein neues Repertorium zu übertragen.

Das ist der Weg nach vorne: Ein neues Repertorium, direkt gebaut aus den Primärquellen. Die praktische Materia medica des Repertoriums, von der ich eben gesprochen habe.

Grundlage für das neue Repertorium wird eine überarbeitete Materia medica sein, eine Sammlung aller Primärquellen.

Wo sind unsere Primärquellen?

Es gibt die kurzgefaßten Arzneimittellehren, Kent´s Materia medica, Phatak, Vermeulen. Und wo sind die Primärquellen?

Es gibt Hahnemanns Prüfungen, Stapf´s Archiv, die amerikanischen Prüfungen. Aber viele Prüfungen und v.a. klinische Erfahrungen sind in der Weltliteratur verstreut. Die Arzneimittel z.B., die Hahnemann nicht selbst veröffentlicht hat, sind kaum bekannt geworden. Ein Beispiel:

Sabina ist bekannt als Mittel für Unterleibsblutungen und -entzündungen.

Stichwort: Unterleib. Das kann man sich zwar gut merken, ist aber viel zu begrenzt. Sabina hat viele detailliert beschriebene Symptome, es hat einen viel größeren Umfang und könnte bei vielen anderen Krankheiten angewendet werden. Aber die meisten Homöopathen kennen das Mittel nur als Uterus- oder Nierenmittel.

Das liegt an Folgendem:

Die Prüfung von Sabina erschien 1826 in der Zeitschrift Stapf´s Archiv. Im Hinblick auf unsere Materia medica ist das ganz wichtig:

Denn in der Anfangszeit wurden die Prüfungen noch überwiegend in Sammelwerken heraus­gegeben, und zwar in der „Reinen Arzneimittellehre und den „Chronischen Krankheiten von S. Hahnemann, der „Reinen Arzneimittellehre von C.G. Hartlaub und C.F. Trinks, in Stapf´s „Beiträgen zur Reinen Arzneimittellehre und in den

Amerikanischen Arzneiprüfungen von C. Hering. Das ist aber auch schon alles, was es an Büchern gibt.

Primärquellen in Zeitschriften

Ab 1835 wurden die meisten Prüfungen und Heilerfolge in Zeitschriften veröffentlicht.

Weltweit verstreut gibt es mehr als 700 Zeitschriften, die meisten mit einer Laufzeit von mehreren Jahren. Sie wurden 1984 in der „Bibliotheca biographica“ zusammen­gestellt. Damit Sie sich den Umfang dieser Zeitschriften vorstellen können, hier ein kleiner Teil nur der deutschsprachigen Zeitschriften:

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In Amerika erschienen ca. 135 Zeitschriften, manche über mehrere Jahrzehnte:

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Außerdem gibt es Zeitschriften aus Indien, England, Frankreich, Italien, Österreich, Südamerika und vielen anderen Ländern. Es ist erstaunlich, aber in diesen Zeitschriften stehen viele hochwertige Original­prüfungen und vor allem klinische Symptome, über die wir heute nicht verfügen.

Georg von Keller: Unsere Repertorien sind hoffnungslos veraltet…

Die Materia medica ist überall in der Weltliteratur verstreut. Sie ist nie an einer Stelle vollständig gesammelt worden. Und weil sie nie gesammelt worden ist, steht sie auch nicht in den Repertorien.

Ich lasse den 2003 verstorbenen Georg von Keller sprechen:

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Welchen Umfang die neue Sammlung annehmen wird, läßt sich aus der Zahl der Symptome ablesen, die z.B. Kali-c. hergegeben hat: Bei T.F. Allen sind es 1695 Symptome, in der Monographie von G. von Keller 4939 Symptome.

(Georg v. Keller, AHZ 1989 S. 45-49)

Paul – Pseudokrupp

Vielleicht denken Sie: Was brauche ich all diese alten Erfahrungen? Hierzu ein Fall aus meiner Praxis:

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Der 2 ½ jährige Paul (Name geändert) kam genau vor einem Jahr mit der dritten Lungenentzündung in Folge in Behandlung. Die Lungenentzündung war damals so massiv, dass das Röntgenbild weiß verschattet war. Es ging dem Jungen schlecht, er erbrach nur noch, man wollte bronchoskopieren. Das lehnten die Eltern ab. Er hatte schon drei Antibiotika bekommen ohne Effekt. Die Schulmedizin wußte nicht mehr weiter. Dafür aber die Homöopathie: Sulfur, Arsenicum und Tuberkulinum haben die Lungenentzündung in vier Wochen ausgeheilt. Das zur Vorgeschichte.

In den Monaten danach ging es Paul gut bis auf zwei, drei kleinere Infekte. Bis vor drei Wochen: Ein Virus ging herum, die ganze Familie war krank und am 17. September bekam Paul einen Pseudokrupp. Die Symptome waren:

  • Vor 2 Tagen Heiserkeit
  • Husten bellend
  • Kurzatmigkeit
  • Tagsüber: Husten < beim Essen
  • Starkes Herzklopfen
  • Befund: exspiratorischer Stridor – Dyspnoe – Tachykardie
  • Will getragen werden

Bellender Husten in 2er Salven; er hustet im Schlaf. Der Husten ist schlimmer beim Essen. Paul ist kurzatmig, er hat einen exspiratorischen Stridor. Starkes Herzklopfen. Vor zwei Tagen war Paul heiser. Keine weiteren Modalitäten.

Das sind keine spezifischen Symptome. Welches Mittel sollte man geben?

Ein Symptom habe ich Ihnen noch nicht genannt, das Auffälligste war: Paul wollte die ganze Nacht getragen werden, er hat der Mutter ständig gesagt: Tragen.

Im Kent Repertorium gibt es hier eine Unterrubrik: Gemüt, Verlangen getragen zu werden – Krupp, bei” mit Bromum als einzigem Mittel:

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Es ist ein klinisches Symptom, ich konnte es in keiner Prüfung finden. Glücklicherweise steht es im Kent – denn sonst hätte ich nicht an Brom. gedacht! Herzklopfen ist ein weiteres charakter­istisches Symptom von Brom. und bestätigt die Mittelwahl. Brom. C200 führte zu einer sofortigen Besserung und raschen Ausheilung des Pseudokrupp.

Wir brauchen die Möglichkeit auf die gesamte Materia medica, d.h. auf alle jemals veröffentlichten Symptome zugreifen zu können. Und wir sollten die große Menge nützlicher Symptome aus den vielen Hunderten Zeitschriften und Büchern herausholen.

Die Revision der Materia medica

Deshalb plane ich eine Revision der Materia medica. Revision heißt: Die Sammlung, Bewertung und Zusammenstellung aller Primärquellen zu einer verläßlichen Basis-Materia medica. Die Materia medica also Stück für Stück mit den in Zeitschriften und Büchern enthaltenen Prüfungen und Heilungsberichten ergänzen.

Ein solches Projekt kann weder von einer Gruppe noch in einem Schritt geschehen. Es ist eine Herausforderung an die ganze homöopathische Welt.

Die Revision ist also der erste Schritt. Schon parallel dazu sollte ein Repertorium mit neuer Konzeption entstehen. Voraussetzung dafür ist, das die Symptome erstens gesammelt und zweitens auch bearbeitet werden. Mit Bearbeitung meine ich, dass sie auf das spätere Einfügen ins Repertorium vorbereitet werden. Hierfür muß man die Symptome indizieren, d.h. mit unsichtbaren Codes (Metastrukturen) versehen. Das wäre ein Thema für einen anderen Vortrag.

Durch den Einsatz der richtigen Software kann der Zeitaufwand enorm minimiert werden. Es gibt lernfähige Text-Programme, mit denen man Symptome indizieren kann, z.B.: Dies ist eine Modalität, das ist ein Ort, das eine Empfindung. Dieser Symptomteil ist ein Begleitsymptom. Eine Erstreckung. Oder: Zehen sind immer Teil des Fußes, der Fuß ist immer Teil des Beins. Der Begriff „Heiligenbein bedeutet Os sacrum usw.

Für die Bearbeitung müssen Kriterien festgelegt werden. Mit einem lernfähigen Programm ist es möglich, sehr große Textmengen zu bearbeiten. Sind die Metastrukturen einmal hinterlegt, kann das Symptom dann für unterschiedliche Repertoriumsstrukturen genutzt werden – Stichwort Bönninghausens Taschenbuch. Es kann mit einem Mausklick für andere Anordnungen der Materia medica genutzt werden – Stichwort Plates Symptomenlexikon.

Erinnern Sie sich an das Beispiel Hempel und an Pulsatilla? Wir haben bis heute noch keine korrekte Bearbeitung nicht einmal der Prüfungen Hahnemanns! Ich finde das peinlich für eine Methode, die beansprucht, eine Wissenschaft zu sein.

Das Repertorium der Zukunft

Welche Vorzüge wird das Repertorium der Zukunft, unsere praktische Materia medica haben?

Es wird verläßliche Arzneieinträge und vollständige Quellenangaben haben, eine Kennzeichnung der Symptomart – also ob es sich z.B. um ein Prüfungs- oder ein klinisches Symptom handelt. Die Symptomqualität (charakteristisch, verifiziert, nicht verifiziert) wird erkennbar sein. Und es wird eine konsequente logische Struktur und eine klare Definition der Grade haben. Das Repertorium der Zukunft wird die Vorzüge von Kent, Hahnemann, Bönninghausen, Boger und anderer Autoren vereinen:

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Kent zerlegt das Symptom in seine einzelnen Teile, die er bis ins Detail im Repertorium abbildet, z.B. Furcht – vor dem Alleinsein – nachts: Stram.

Das Repertorium als eine vollständige Umkehrung der Materia medica.

Bönninghausen nimmt das Symptom aus seinem Zusammenhang. Er zerlegt es in die Symptomelemente Ort, Empfindung, Modalität und Begleitsymptom. Ein Symptomelement wie z.B. „Brennen“ oder „< durch Bewegung“ kann jetzt generalisiert, d.h. auf andere Körperbereiche übertragen werden.

Boger führt die Generalisierung noch weiter. Er arbeitet übergeordnete Charakteristika heraus wie z.B. die Farbe „Gelb“ für Absonderungen oder Hautfarbe, „Krampf“ als Symptom, das Auftreten eines Symptoms hier und da, wiederholte Anfälle”, wechselnde Effekte/ Zustände” oder einfach „Gemüt“.

Hahnemann hatte in seinen Symptomenlexika die vollständigen Arzneisymptome. Auch das brauchen wir: Der ungekürzte Wortlaut eines Symptoms sollte für jeden Eintrag ablesbar sein. Die Verbindung vom Arzneimittel zum Originaltext.

Erinnern sie sich an die Phantasiesymptome von Coffea und Lachesis in der Rubrik „Theorien aufstellen“:

Coffea: Lebhafte Phantasie, voll Pläne über die Zukunft, gegen seine Gewohnheit beständig entzückt und empfindelnd über Naturschönheiten, von welchen er Beschreibungen liest.

Lachesis: Erhöhte Tätigkeit der Phantasie, bei der sich Szenen und Begebenheiten in ungewöhnlicher Fülle aufdrängen.

Diese Feinheiten der psychischen Empfindung werden mit einem stichwortartigen Sammel­begriff wie „Phantasie“ nicht ausgedrückt.

Diese unterschiedlichen Bearbeitungsweisen eines Symptoms können mit unserer heutigen Computertechnik in ein Repertorium integriert werden.

Ich fasse zusammen

Immer nur die Repertorien überarbeiten, ist dauerhaft der falsche Weg. Wir können uns jetzt den Wunschtraum erfüllen, der schon unseren Vorgängern vorschwebte:

In einer gemeinsamen Aktion eine revidierte Materia medica schaffen – eine Arznei­mittel­lehre mit sicherer Quellenlage, die alle jemals veröffentlichten Symptome enthält. Von hier aus gehen wir den Weg nach vorne und entwickeln direkt aus den Primärquellen ein zuverlässiges Repertorium. Unsere heutigen technischen Möglichkeiten unterstützen uns dabei. Damit verbessern wir die Homöopathie enorm. Wir machen unsere Arzneiwahl sicherer.

Und: Die Homöo­pathie hat durch die Revision die Chance, eine eigenständige wissenschaft­liche Arzneitherapie zu werden. Mit unseren heutigen Werkzeugen ist sie das nicht. Jeder von uns kann zu ihrem Wachstum beitragen!