Das Symptom

Dr. med. Carl Rudolf Klinkenberg, Eröffnungsvortrag auf dem Internationalen Hahnemann Congress (IHC) am 27.09.2007

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, und liebe Referenten.

Ich begrüße auch die Ehrengäste des Kongresses, Dr. Gebhardt aus Karlsruhe und Dr. Rastogi aus Indien, den Ehrenbürger der Stadt Ettlingen und Bad. Wü. Sozialminister a.D., Dr. Erwin Vetter, und den Vorsitzenden des Dt. Zentralvereins Hom. Ärzte Lars Broder Stange und den Vorsitzenden des LV Baden-Würtemberg Andreas Gärtner.

Ich freue mich, daß der Hahnemann-Congress beginnt. Dieses Ereignis hat in den letzten zwei Jahren meinen Alltag ganz entscheidend mitbestimmt. Die häufigste Frage, die mir gestellt wurde war: Warum machen Sie diesen Kongress?

Ich mache den Kongress aus Liebe zur Homöopathie. Weil Homöopathie die einzige mir bekannte Heilmethode ist, die eine Heilungsgewißheit bietet.

Meine Frau und ich hatten in der Silvesternacht 2004 abends am Strand in Spanien die Idee, einen Kongress mit erstklassigem Niveau ins Leben zu rufen. Meine Vision ist es, ein weltweites Forum für Homöopathie zu schaffen. Mit Homöopathie meine ich: Homöopathie – keine klassische, klinische, systemische, psychologische oder genuine Homöopathie. Sondern eine Methode, die Hahnemann sehr klar definiert und Homöopathie genannt hat. Diese Methode ist sehr erfolgreich, das sehe ich in meiner Praxis. Und sie ist eine Methodik, die auch die Kliniker und die Öffentlichkeit ernst nehmen werden.

Was ist überhaupt Homöopathie? Vereinfacht gesagt: Die Herstellung einer Ähnlichkeits­beziehung zwischen den Symptomen des Patienten und den Symptomen der Arznei.

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Das, was am Patienten krankhaft und zu heilen ist, seine Symptome werden in Beziehung gesetzt mit den Symptomen, die die Arzneien beim Prüfer hervorgerufen haben.

Ich schaue in meinem Begrüßungsvortrag auf diesen Teil der Homöopathie und untersuche: Was ist ein Symptom?

Warum stellt sich überhaupt diese Frage? Weil das Symptom in der Homöopathie etwas völlig anderes ist als das Symptom in der übrigen Medizin und in unserem allgemeinen Sprachgebrauch.

Ein Begrüßungsvortrag hat ja einen gewissen Freiraum und darf über den homöopathischen Tellerrand schauen. Ich werde bei dieser Untersuchung mit Ihnen eine Reise in die Geschichte der Medizin machen, und zwar am Beispiel von Migräne und Kopfschmerzen:

Die Menschheit wurde durch alle Jahrhunderte hindurch von Kopfschmerzen geplagt, schon aus den ältesten medizinischen Aufzeichnungen ist die Behandlung von Kopfschmerzen bekannt.

Im Jahr 2500 v.C. lebt ein 40-jähriger Mann, und er hat einmal pro Woche halbseitige pulsierende KS an d. rechten Schläfe mit Übelkeit, schlimmer abends und besser in der Ruhe.

Hier sehen Sie eine Kugel: Sie zeigt symbolhaft einen Menschen mit seinen Symptomen. Die Symptome sind die kleinen Kugeln hier außen. Es sind die wahrnehmbaren krankhaften Veränderungen – deshalb sind sie außen an der Kugel dargestellt.

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Die blaue Kugel rechts oben ist die Migräne. Die übrigen Kugeln sind andere Symptome des Patienten.

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Als Beobachtender nehme ich nur die Symptome wahr, ich kann nicht in das Innere der Kugel hineinsehen.

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Aber die Migräne muß ja irgendeine Ursache haben, und diese Ursache muß sich im Inneren der Kugel befinden.

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Von 2500 v.C. bis ins späte Mittelalter waren viele Mediziner davon überzeugt, daß die Migräne des Patienten durch böse Wesen oder Geister verursacht wird. Wir finden das schon bei den alten Assyrern und Ägyptern.

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Anerkannte Therapie über viele Jahrhunderte war, diesem 40-jährigen Mann ein Loch in den Schädel zu bohren, damit die bösen Geister entweichen konnten.

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Im Mittelalter haben die Professoren an den Universitäten Abhandlungen darüber geschrieben, an welcher Stelle genau das Loch gebohrt werden muß und wie groß es bei welchem Geist sein muß!

Hier das berühmte Bild von Hieronymus Bosch, in dem eine Trepanation dargestellt wird.

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Hier das Endergebnis mit verschiedenen, unterschiedlich plazierten und verschieden großen Löchern.

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Sie schütteln heute den Kopf darüber, aber vielleicht hatten unsere Kollegen damals gar nicht so unrecht: In jüngster Vergangenheit, Mitte der 90iger Jahre, fand eine Arbeitsgruppe um Olesen tatsächlich gasförmige Neurotransmitter im Gehirn, die eine Vasodilatation bewirken, nämlich das Stickstoffmonoxid. Es gibt also wirklich gasförmige Stoffe in unseren Köpfen, die bei der Migräne eine Rolle spielen. Trotzdem ist die Trepanation natürlich keine empfehlenswerte Methode!

Auch wurden viele Jahrhunderte lang bei Kopfschmerzen allgemeine Ursachen angenommen, wie z.B. die „Folge von Sünde“ oder „Schwäche der menschlichen Natur“.

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Also bei dem 40-jährigen Patienten ist Sünde die Ursache der Kopfschmerzen.

Im Jahre 100 n.C. behandelt der berühmte römische Arzt Galen die Migräne mit Leberpillen. Diesen Bezug zur Leber finden wir auch in der Chinesischen Medizin, eine der ältesten Heilkünste der Welt. Als häufigste Ursache der Migräne wird hier eine Blockade der Yang-Meridiane des Kopfes, meist bedingt durch eine innere Störung der Leber gesehen, das „aufsteigende Leber-Feuer“.

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Im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit ist die auf Hippokrates zurückgehende Vier-Säftelehre das dominierende Modell: Kopfschmerzen und Migräne werden durch ein Ungleichgewicht der vier Körpersäfte Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle verursacht.

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Und im 16. Jahrhundert postuliert der englische Arzt Thomas Willis, dass der Migräne-Kopfschmerz durch eine Schwellung der Blutgefäße hervorgerufen wird, die sog. vaskuläre Hypothese.

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Was sich immer noch nicht geändert hat sind die Kopfschmerzen des 40-jährigen Patienten, schlimmer abends und besser in der Ruhe.

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Bei ihm wird jetzt ein Aderlaß zur Ausleitung der Blutfülle vorgenom­men.

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Sie sehen: Seit der Antike suchen Mediziner die eigentliche, ursächliche Krankheit hinter der Migräne: Einen bösen Geist, die Sünde, die Leber, die Blutfülle oder die Schwellung der Blutgefäße. Auch unsere Mitmen­schen und Patienten sind es gewohnt, erstmal nach den Ursachen der Krankheit zu fragen.

Dann entdeckt im Jahre 1796 Samuel Hahnemann die Homöopathie.

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In der Homöopathie Hahnemanns sind nur die sinnlich wahrnehmbaren Symptome für die Behandlung wichtig – im Fall von Kopfschmerzen also das, was der Patient dem Arzt berichtet. Nach Hahnemanns Auffassung werden Krankheiten durch eine krankhaft gestimmte Lebenskraft hervorgerufen. Aber wie die Lebenskraft das macht, d.h. wie Krankheit entsteht, diese innere Ursache sei für den Menschen nicht erkennbar und bliebe verborgen. Die Symptome selbst sind die Krankheit:

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Hier sehe ich nur die Symptome, die innere Ursache ist nicht erkennbar, behauptet Hahnemann.

Aber: Macht er sich das hier nicht zu einfach? Sind wir nicht heute, im 21. Jahrhundert, was das Verständnis von Krankheit angeht, wesentlich weiter?

Hahnemann weist zwar in seinem wichtigsten Werk, dem Organon, darauf hin, daß der Gemütszustand bei der Arzneiwahl oft den Ausschlag gibt, aber ihm standen noch nicht die Erkenntnisse der Psychoanalyse und Psychologie zur Verfügung. Er kannte weder Freud und dessen Einsichten in die psychische Struktur und das Unbewußte des Menschen.

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Noch kannte er die Erkenntnisse der Tiefen-Psychologie und psychosomatischen Medizin, die Forschungen C.G. Jungs oder zum Beispiel Carl Rogers.

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Durch diese Wissen­schaftler ist es heute akzeptiert, daß die Psyche eine direkte Auswirkung auf den Körper hat, und daß auch Kopfschmerzen und Migräne tiefe psychische Ursachen haben: Das können verdrängte oder ungelöste Konflikte sein,

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z.B. durch lange zurückliegende Störungen in der Mutter-Kind-Beziehung oder eine problembesetzte Sexualität. Auch Kummer und anhaltender Ärger können Ursachen einer Migräne sein.

Der 40-jährige Patient mit Migräne bekommt jetzt eine Gesprächs­therapie.

Zeitgleich mit Freud weist der amerikanische Homöopath Kent daraufhin, daß die Geist- und Gemüts­symptome die wichtigsten Symptome für die Arzneiwahl sind – hier sehen wir, wie der Zeitgeist dieselben Erkenntnisse zeitgleich an verschiedenen Orten der Welt auftauchen läßt! In seiner Philosophie bezeichnet Kent das Gemüt als das Zentrum des Menschen, dem alle übrigen Funktionen untergeordnet sind und ohne den Heilung nicht möglich ist.

Kent sagt:

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Ein anderer bedeutender Homöopath, Candegabe schreibt viele Jahre später, 1975 über ein „Silicea-Kind“ (er meint damit einen Patienten seiner Praxis):

„Wollen wir das Gesamtbild wirklich verstehen, so müssen wir uns auf den tiefsten Kern des Silicea-Bildes zurückziehen, der uns im tiefsten Grund als eine Persönlichkeit voller Angst … erscheint.“

(Zeitschr. für Klass. Homöopathie 2007 Heft 1).

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Es ist also wichtig, den Kern der Persönlichkeit zu verstehen. Diese Aussage Candegabes ist für viele von Ihnen bestimmt sehr einleuchtend.

Aber, vergessen Sie nicht, wir leben gerade hier:

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In einem Zeitalter, in dem Krankheiten auf psychische Ursachen zurückgeführt werden!

Wieder kommt der 40-jährige Patient, dieser arme Kerl in die Sprechstunde, heute wie vor drei Tausend Jahren. Er wird jetzt homöopathisch behandelt! Dabei ist es wichtig, seine Persönlichkeit, seine Charakterzüge, Gefühle und Schicksals­umstände in die Arzneiwahl mit­einzubeziehen.

Ein kurzer Seitenblick auf die Hochschulmedizin im 20. Jahrhundert:

Sie sucht weiterhin nach meßbaren organischen Ursachen der Migräne und erforscht die Rolle des Neurotransmitters Serotonin: Sie entdeckt, daß Migräne durch eine Fehlsteuerung biochemischer Vorgänge an den Serotonin-Rezeptoren ausgelöst wird.

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Aber das ist viel zu physiologisch gedacht, und bei der Behandlung mit Triptanen handelt es sich um eine rein symptomatische Therapie, die nicht an die wirklichen Ursachen geht!

Ein Blick in die Naturheilmedizin: Die Spezialisten der Naturheil­verfahren haben erkannt, daß Migräne auf einer Übersäuerung beruht: Der „Säureschmerz“ wird durch Nervenfasern über Nervenimpulse weitergeleitet, die zum Migräneschmerz führen.

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Unser Migränepatient bekommt jetzt eine Basenkur, Heilfasten und seine Ernährung wird grundlegend umgestellt.

In der Homöopathie wird im 20. Jahrhundert das Krankheitsverständnis bedeutend weiterentwickelt, wobei es hier auch unterschiedliche Richtungen gibt. Migräne ist Ausdruck eines Prozesses, der in der inneren Persönlichkeit des Kranken zu finden ist. Man sollte sie nicht nur als körperliches Phänomen sehen, sondern auch ihren Sinn verstehen. Ein Homöopath muß bereit sein, sich auf den Patienten einzulassen und herausfinden, was er uns mit seinen Symptomen sagen will. Das ist nicht nur im Sinne einer Ursache zu verstehen, sondern als die gegenseitige Beeinflussung von Geist und Körper.

Viele Homöopathen heute haben die Symptome besser verstehen gelernt und können sehen, daß der Patient ein bestimmtes Thema oder ein grundlegendes Problem hat. Sie fragen:

Was ist der Gemütszustand, die Psychodynamik, die dahinter steht? Was ist der Kernpunkt, das Wesen dieses Menschen? Was sind seine wesentlichen Charakterzüge? Was ist das Geheimnis dieses Menschen?

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Es geht also darum, den Patienten in seinem innersten Wesen, in seinem tiefsten Grund zu verstehen. Wenn man diese zentrale Störung erkennt, und behandelt, dann werden alle davon abhängigen Symptome wie so ein bißchen Kopfschmerz logischerweise auch verschwinden. Wenn der Kern geheilt ist, ist Heilung passiert, der migränekranke Mensch ist wieder ein Ganzes und „Heil“.

Was sich in der ganzen Zeit nicht geändert hat: Der 40-jährige Patient hat Migräne.

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Seit drei Tausend Jahren kommt dieser Mann in die Sprechstunde. Aber heute bekommt er eine homöopathische Hochpotenz für sein tiefliegendes Problem.

Auch die Arzneimittellehre der Homöopathie wird seit den 70iger Jahren durch ein neues Verständnis außerordentlich bereichert. Man findet spezifische Arzneimittelbilder mit typischen Charaktereigenschaften und Gemütssymptomen, die der Patient als Simillimum braucht.

Gelingt es uns nun, das richtige Arzneimittelbild bei unserem 40-jährigen Migräne-Patienten zu finden, dann werden alle seine Symptome einschließlich der Migräne geheilt.

Ein Blick in die Zukunft

Das ist der heutige Stand, aber Sie interessiert bestimmt, wie die Entwicklung weitergeht. Für diesen Zweck durfte ich mir bei Andreas Gärtner, unserem Landesverbandsvorsitzenden, der an diesem Wochenende die Tontechnik leitet, für wenige Minuten eine Zeitmaschine leihen. Und so kann ich Ihnen, verehrte Kolleginnen und Kollegen, die Frage beantworten: Welche Erkenntnisse wird die medizinische Kopfschmerzforschung in den nächsten 150 Jahren haben?

Folgendes wird passieren: Auch in der Schulmedizin setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, daß es mehr gibt, als nur Meßwerte. Aber als Übertreibung einer im Grunde vergangenen Epoche kommt im Jahre 2028 das klassische Infektionsmodell in Mode. Ähnlich wie beim Magengeschwür soll im Gehirn das Bakterium Campylobacter cerebrum für Migräne verantwortlich sein:

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Die Homöopathen können darüber natürlich nur lachen!

Wie zu erwarten: Der Behandlungserfolg ist mäßig. So einfach lassen sich Kopfschmerzen nicht erklären! Diese materialistische Ursachenforschung der Hochschulmedizin, die nur nach organischen Ursachen sucht, haben wir Homöopathen weit hinter uns gelassen.

Dann aber kommt das Jahr 2120, und mit ihm die größte Medizin, die Entdeckung der letzten Jahrhunderte:

Die meisten Krankheiten werden durch eine Dysharmonie der Chakren verursacht! – Wir befinden uns inzwischen im spirituellen Zeitalter.

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Sehen Sie, hier geht alles kreuz und quer mit den Chakren. Und das macht natürlich auch Kopfschmerzen!

Die Diagnose erfolgt mit hochentwickelten Chakra-Testgeräten.

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Durch dieses neue Modell wird die Perspektive endlich erweitert, das jahrhunderte­lange Paradigma seit Sigmund Freud, jede Krankheit hätte letztendlich eine psychische Ursache, wird endgültig verlassen. Man sieht jetzt, daß man 200 Jahre lang der Psyche eine viel zu große Bedeutung gegeben hat.

Die Chakren werden eine wirklich ganzheitliche Sichtweise sein, schauen Sie selbst, wie begrenzt und unbedeutend das Gehirn im Vergleich mit den Chakren ist!

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Resümee

Das war in Kürze die Geschichte der Kopfschmerzen. Wie geht es Ihnen damit?

Ich zeige Ihnen hier die ganze Geschichte im Überblick:

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Das ist zwar alles sehr anregend, aber ist es nicht immer das Gleiche? Stellen Sie sich vor – nur 100 Jahre später hat man auch das Chakrenmodell belächelt!

Was sich immer wiederholt:

Die Symptome der Migräne werden nur als eine Krankheits-Erscheinung gesehen, als eine Erscheinung von Krankheit. Nach dieser Sichtweise sind die Kopfschmerzen dann „nur“ Symptome. Behandelt werden muß eine Krankheit, die kausal, als wirkliche Ursache hinter den Symptomen steht.

Das Symptom als eine Krankheits- Erscheinung meldet nur etwas Dahinterliegendes, Verborgenes, etwas, das sich selbst nicht zeigt.

Hier ist dann das eigentliche Kranksein, die wirkliche Ursache.

Und genau an diesem Punkt beginnt Spekulation! Es ist vom Prinzip her kein Unterschied, ob ich einen Dämon im Kopf, ein übersteigertes Leberfeuer oder einen Kummer in der Ehe annehme: Ich schaue auf das vermeintlich Eigentliche, das ich hinter dem Symptom vermute:

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Früher hat man hier böse Geister gesehen, dann den Blutüberfluss, dann die frühkindliche Bindungsangst, und dann den Gemütszustand oder das Thema des Patienten. So bestimmt eine von der jeweiligen Epoche abhängige Theorie von Krankheit die Therapie.

Prinzipiell, damit meine ich, vom Prinzip her, sind die bösen Geister und die psychische Struktur des Patienten ein und dasselbe:

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Warum machen wir Menschen das, warum suchen wir nach etwas Dahinterliegendem?

Es liegt offenbar in der Natur unseres Geistes, daß wir zu einer Ursache eine Wirkung suchen. Der menschliche Geist strebt nach Bedeutung, nach einem tieferem Sinn, nach Erkenntnis. Wir sind gelehrt, haben viele Jahre studiert und eine Menge Bücher gelesen. Und jetzt sollen wir einfach nur die Symptome nehmen wie sie sind? Das reicht uns nicht. Und unseren Vorfahren hat das auch nicht gereicht.

Und deshalb fällt es vielen heute schwer, Homöopathie zu machen, diese in ihrem Prinzip ja sehr einfache Methode.

Außerdem glauben Menschen, daß das Übel eine Wurzel haben muß. Die Wurzel muß heraus. Jeder, der einen Garten hat, weiß, wenn man das Unkraut ohne die Wurzel ausreißt, wächst es wieder nach. Klar. Daß das Übel eine Wurzel hat, steckt schon tausende Jahre in unseren Köpfen, Luther hat es gesagt, in der Bibel steht es, alle haben darüber gesprochen. Und das prägt.

Was sagt Samuel Hahnemann dazu, dessen Namen wir diesem Kongress gewidmet haben. Warum suchen Menschen nach dem Dahinterliegendem?

Hahnemann war sich sicher, daß es einen Weg geben mußte, auf dem sich Krankheiten heilen lassen, und er fragt: Warum hat man diesen Weg nicht in den bisherigen zigtausend Jahren gefunden?

Er sagt:

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Die Symptome, so wie sie sind, ohne eine Erklärung für sie, liegen ganz nah. Ich will dahinter schauen, sie verstehen, und dabei laufe ich über das Ziel, das ganz nahe liegt, hinaus.

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Und die Homöopathie? Unterscheidet sie sich von den anderen Methoden?

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Sie sehen hier, wie deutlich sich die Homöopathie in der Geschichte der Kopfschmerzen von allen anderen Heil-Methoden abhebt.

Über das hier außen, die Symptome, sagt Hahnemann:

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Also Krankheit ist die Gesamtheit der Symptome. Die sinnlich wahrnehmbaren Symptome sind das einzige, wodurch die Krankheit anzeigt, welches Heilmittel sie braucht. Die Symptome sind das Einzige, was der Heilkünstler erkennen und behandeln kann.

Anders gesagt: In der Homöopathie ist ein Symptom nicht Ausdruck von etwas, sondern einfach existent. Das Symptom zeigt sich schon als das, was es ist! Es braucht keine Begründung, keinen Beweis, keine Erklärung, daß es existiert und warum es existiert. Hinter den Symptomen müssen keine seelischen Mechanismen gesucht werden. Es ist einfach nur Symptom, das unmittelbare sich selbst zeigende Kranksein.

Diese Sichtweise des Symptoms gibt es unter allen mir bekannten medizinischen Systemen nur in der Homöopathie, und sie geht zurück auf die eigentliche Bedeutung des Wortes:

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Das griechische „symptoma“ bedeutet: Zufall, Ereignis, Überkommnis, Befall. Das Symptom ist etwas, das einem zu-fällt, das einen überkommt oder befällt. Es ist ein Phänomen.

In unserem heutigen Sprachgebrauch ist ein Symptom aber etwas völlig anderes: Es wandelt sich vom Ereignis, Zu-Fall, Phänomen der alten Griechen zur Krankheits-Erscheinung. Die Krankheit zeigt sich also nicht mehr selbst, sondern ist ein Geschehen im Hintergrund, auf welches die Symptome nur verweisen. Krankheit ist jetzt nicht mehr eine Sache des Kranken, sondern des Arztes, der die „eigentliche“ Krankheit des Patienten sucht.

Homöopathie aber heißt: Der Patient kommt herein, man nimmt die Symptome und gibt das Heilmittel. Das ist alles.

Ist das nicht schrecklich? Das ist viel zu einfach. Simpel.

Außerdem ist das nüchtern, und langweilig.

Ich will meinen Patienten doch tiefgreifend heilen, und das heißt auch Transformieren.

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Das ist ein Urbedürfnis von uns! Wenn wir das nicht mehr tun dürfen, dann nimmt man uns das Schönste weg!

Also – ich bleibe dabei: Die Sache ist zu simpel. Warum lösen wir nicht das Problem, indem wir uns das Beste von allem nehmen und einfach beides machen: Wir nehmen die Symptome des Patienten – ganz nach Hahnemann – und wir interpretieren sie, aber mit unserem heutigen Wissen und Verständnis über den Sinn der Symptome und den Gemütszustand des Patienten. Haben wir dann nicht beides!?

Leider nicht, wir stehen wieder am Anfang. Wir sind wieder bei dem, was die Medizin schon drei Tausend Jahre vor Hahnemann gemacht hat: Löcher in die Köpfe bohren!

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Warum?

Weil man eine Aussage über die tiefere, innere Ursache von Krankheit nicht auf ihre Wahrheit überprüfen kann. Jede Aussage, die ich treffe kann stimmen, oder sie kann nicht stimmen. Eine erst noch zu beweisende Theorie über eine Krankheit ist immer auch jederzeit falsifizierbar. Gewißheit in der Therapie ist damit nicht möglich und wird nie möglich sein.

Deshalb lösen sich diese Wahrheiten seit Menschen­gedenken ab. Warum sollte die heutige Interpretation, der Patient hat Kummer in der Ehe, wahrer sein als die Interpretation vor 2000 Jahren, er hat einen Dämon in seinem Kopf?

Ende

Wie Sie sehen, ist die Homöopathie eine in der Medizingeschichte einzigartige Behandlungs­methode. Es geht mir darum, Ihnen diesen Unterschied vom Wesen her zu zeigen. Die Homöopathie ist ein Wendepunkt in einer jahrtausende alten Denkweise! Hahnemann hat seine Heilmethode im Jahre 1796 unter dem Titel: „Über ein neues Prinzip der Auffindung der Arzneikräfte“ bekanntgemacht. Die Ausgabe aus dem Hufelandjournal finden Sie übrigens draußen in der Vitrine. Es ist ein neues Prinzip, nicht mehr das Alte.

Zum Ende meiner Ausführungen zitiere ich große Fürsprecher dieses neuen Prinzips:

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Kant legt dar, daß der Mensch aufgrund seiner Denkstruktur nur das erkennt, was er mit seinen Sinnen wahrnimmt. Eine das Ding an sich erreichende Erkenntnis ist „allein dem Urwesen“ vorbehalten.

Goethe sagt:

Die Quantenphysiker sagen:

Es gibt keine Ursache, sondern ein Nichts, aus dem die Welt permanent neu erschaffen wird, wie die Wellen, die aus anderen Wellen hervorgehen und wieder verschwinden. Eine Ursache ist nicht sichtbar, man kann sie nicht denken. Alles ist mit allem verbunden und geht nicht von einem bestimmten Punkt aus. Wir leben immer nur in dem Wirken von etwas.

Ich schließe meinen Vortrag mit einem Zitat von Albert Einstein:

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