Die Kasuistik als Verifikationswerkzeug

Dr. Carl Rudolf Klinkenberg, Vortrag auf dem 8. Internationalen Coethener Erfahrungsaustausch (ICE) am 21.11.2008 in Köthen

 

Ich begrüße Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Ich spreche über „Die Kasuistik als Verifikationswerkzeug“.
Der Begriff „Verifikation“ leitet sich vom Lateinischen ab. „Verificare“ heißt „die Wahrheit erweisen“. In der Homöopathie spricht man von Verifikation, wenn ein Symptom, das in der Arzneiprüfung auftrat, bei einem Kranken geheilt wird. Wenn also das Prüfungssymptom den Praxistest besteht. Mit Verifikationen verbessern und erweitern wir die Materia medica.

So läuft das ab:

Verifikation

 – A
        – B
            – C
                – D
Patient hat Symptome A, B, C, D.
⇒ Arznei X.
Symptom B Verschwindet.

Ich habe einen Patienten mit den Symptomen A, B, C und D. Ich gebe die Arznei X und das Symptom B verschwindet dauerhaft. Das bedeutet, ich habe das Symptom B durch die Arznei X verifiziert, vorausgesetzt, es ist ein Prüfungs-Symptom der Arznei X.

Ein Beispiel aus meiner Praxis

Frau A., 37 Jahre, 21.6.2001

♦Magenbeschwerden
       ♦ „Klumpen im Magen“
          ♦ Heisshunger
               ♦ Frostig
                   ♦ Traurig
                    ♦ Nase verstopft

Frau A., 37 Jahre, hat seit drei Jahren ständige Magenbeschwerden, sie hat das Gefühl eines Klumpens im Magen wie ein schweres Gewicht oder einen Stein. Dieses Gefühl wechselt mit Heißhunger ab. Seit zwei Jahren ist sie verfroren. Oft traurig in letzter Zeit. Verstopfte Nase.
Die Magenbeschwerden sind Prüfungssymptome von Sepia:

S. Hahnemann, Die chronischen Krankheiten (CK)

Sepia

Schmerz mitten im Bauch…; es lag da wie ein Klumpen fest… (CK5, Nr. 666).

Drücken auf den Magen, wie von einem Stein. (Nr. 603)

Gefühl wie von einer Last im Bauch, beim Bewegen. (Nr. 665)

Aufgrund der Gesamtheit ihrer Symptome gebe ich Frau A. Sepia Q3.
In den ersten drei Wochen verschwinden die Traurigkeit und die Frostigkeit. Unter Sepia Q6 und Q9 heilen die Magenbeschwerden und die anderen Symptome vollständig innerhalb der nächsten fünf Wochen. Nachbeobachtungszeit sechs Jahre.

Frau A., 37 Jahre, 21.6.2001

Magenbeschwerden
       „Klumpen im Magen“            ⇒ Sepia Q3 (Zinsser)
           Heisshunger                         ⇒ Sepia Q6, Q9
               Frostig
                   Traurig
                   Nase verstopft

Die Empfindung eines Klumpens im Magen wie ein Gewicht oder Stein wurde für Sepia verifiziert. Durch wiederholte Verifikation steigt das Symptom in seiner Wertigkeit im Repertorium. Im Kent, im Synthesis 9 und im Complete steht Sepia bisher zweiwertig in der Rubrik „Magen, Empfindung eines Klumpens“ (stomach, lump, sensation of, K 504) und nur einwertig unter „Magen, Empfindung eines Steins“ (stomach, stone, sensation of, K 527):

Bild1Bild2

 

Dennoch ist dieser Fall keine besondere Verifikation. Ich bin überzeugt, dass Sepia für dieses Symptom schon hunderte Male verifiziert worden ist. Der Fall zeigt nur, dass wir keine Kultur mit Verifikationen haben, sonst stände das Symptom heute schon dreiwertig im Repertorium. Wir sind bei den Verifikationen auf dem Stand von Kent stehengeblieben!

Für eine Verifikation muß das Mittel den Patienten nicht endgültig geheilt haben. Es müssen auch nicht alle Symptome verschwinden. Verifikation heißt, dass das Mittel ein oder mehrere Prüfungssymptome eindeutig weggenommen hat.

Hierzu eine Kasuistik von E.E. Case:

CaseEine dunkelhaarige Witwe, 64 Jahre
alt, hatte seit einigen Jahren
Husten…
Der Auswurf ist grün mit salzigem
Geschmack.
Nach dem Husten fühlt sich die
Brust schwach und leer an. …
Sie erwacht morgens mit
reichlichem Schweiß, schwach
und erschöpft.

Some Clinical Experiences of Erastus E. Case, 1991, S. 180

 

 

29.03.1913: Eine Dosis (ein Pulver) Stannum M von Boericke & Tafel.
18.05.1913: Der Husten ist verschwunden und sie kommt schnell wieder zu Kräften.

Im Kent Repertorium ist Stannum bei den Symptomen hochgradig vertreten: Grünlicher Auswurf – dreiwertig; salziger Auswurf – zweiwertig; Leeregefühl der Brust, Schwäche in der Brust und Schwäche in der Brust nach Husten sind jeweils dreiwertig im Kent.
Diese spezifischen Husten- und Brustsymptome von Stannum wurden in diesem Fall erneut verifiziert.¹
Aber: Die Patientin ist noch nicht geheilt. Sie hat neue Symptome, ein schwaches, nagendes Gefühl im Magen um 11 Uhr, und Verstopfung mit vergeblichem Stuhldrang:  Eine Dosis Sulfur M heilt die restlichen Symptome.

Stannum hat nicht die ganze Krankheit geheilt. Für eine Verifikation muß es das auch nicht! Unterscheiden Sie zwei Dinge:

(1) Einzelne Symptome einer chronischen Krankheit werden im Behandlungsverlauf eindeutig verifiziert.
(2) Eine chronische Krankheit wird über Jahre mit einem oder meist mehreren Mitteln geheilt.

Das relativiert Fragen wie: „Was ist Heilung?“ „Bedeutet Heilung, dass alle Symptome des Kranken geheilt sind?“ „Bedeutet Heilung, dass er auf Jahre nie wieder chronisch krank werden darf?“ usw.

Sie sehen: Verifikationen werden als Kasuistiken vorgestellt. Ich nenne Ihnen heute die Angaben, die eine Kasuistik meiner Meinung nach enthalten muß, damit man sie als Verifikation verwerten kann.

Die Verifikation in der Literatur

Welche Angaben der Fallbericht enthält, variiert je nach Epoche und Autor. Es gibt seitenlange Fälle wie dieser hier von Carlos Cámpora, der über sieben Seiten Din-A-4 Seiten geht, mit einer sehr ausführlichen Darstellung der Geistes- und Gemüts¬symptome – oft in den eigenen Worten des Patienten -, einer Darstellung der Allgemeinsymptome, mit Angaben zur Vorgeschichte, eine detaillierte Fallanalyse, Repertorisation und Differentialdiagnose der Arzneien, ein ausführlicher Verlauf.

C. Cámpora

CámporaEin Fall von Schizophrenie und seine Heilung mit Cenchris contortrix (ZKH 2/2007 Bd. 51)

This paper is a shortened version of the ideas presented by Dr. Cámpora at the 60th LIGA-Congress in Berlín on May 2005. Upon the request of the editor of the magazine, one case out of seven is presented and analyzed in more depth. The research based on high-quality case reports is one of the most useful tools to understand and improve the outcomes of homeopathic prescriptions. Since before Hippocrates’ times, the report of clinical cases has been a valuable source for medical teaching and research [7]. Along with the appearance of the Evidence Based Medicine (EBM) and its focus on the controlled and randomized clinical assays, the reporting of cases started to be considered the lowest step in the knowledge pyramid of the EBM [12]. Therefore, it is not in fashion, so to speak, to base the practice of the medicine in the knowledge arising from cases. However, our homeopathic practice, as well as the pathogenetic research has been historically based on the information obtained from cured cases which allow the clinical verification of known symptoms and, also, recognize new symptoms.

I believe that homeopaths need and must go on making case-based-research, but we must concentrate our efforts in the research of  high-quality cases, because these cases, actually are one of the most useful tools to understand and improve the outcomes of the treatment, and to deepen the knowledge of our materia medica. To account for this position, this paper presents a severe case in one of the most challenging and difficult areas for the homeopathic physician, as is homeopathic psychiatry. The presented case has been incorporated to BRECHA (Banco de Reporte y Estudio de Casos Homeopáticos de Argentina) Report and Study Casebank of Homeopathic Cases of Argentina. [1], which requires a rigorous standard of presentation, documentation and assessment of outcomes. At the homeopathic casebank of BRECHA, principles of qualitative research such as independent review are used: Consultations are videotaped and a full transcription is made; the latter records such details as pauses, gestures and facial expressions. Transcriptions are performed by an independent person. The data for each patient are highly documented (see Tab. 1) and are obtained from multiple and different sources (Tab. 2). All cases are subjected to a two-independent peer review.  Of herself, she says: “I’m very happy, I make jokes all the time … very responsible, exaggeratedly. I was raised to win a prize in everything, to be perfect. Of the others, I do not expect perfection but the minimum, and I assess with the response if they love me as I love them or, at least, I assess that, how they love me with their response … If there is no response, I start disregarding them, as if they do not occupy the same place as they would; before, I would call them and reproach; I would call them with anger, because I felt neglected, abandoned. Has this happened in other circumstances in your life? Yes. When? Well, when my dad would go out of the hooouse (her voice starts to break) … abandonment, abandonment but the whole time … Ah! Yes, please, tell me. (She cried; there was a long pause) My father used to slam the door and went out of my house, that was all the time.

What did you feel? (She cried) No, I cannot describe that because … (crying) Look, you can do it because you are feeling that now. (Pause) I am moved, but I want to see myself there, a little girl, and in that place (crying), and that was death (she weeps with grief) Why was it death, dear? Because he was my father. So, did he slam the door angrily? Yes (her voice can be barely heard upon answering) Did he go out? Yes. (barely audible) And what did you do? I remained alone (crying) saying that we would no longer come back … So, being alone was to be how? Without anything, it’s like, I was very poor, and my house was a great burden at that time; the house was sad, it was, let’s say, dirty, ugly, the place that I had, I could say, was even wet, it didn’t give me health, and when I was little I was always ill, I didn’t eat, I was inappetent, I was anemic … So he used to slam the door and went out … that he would never return and I was alone …? Without …. Without what …? I see myself very tiny, and I cannot say without, without what … because I know what I was, without my father, without the security, let’s say, nothing was certain at that time. He hugged me, he made me sleep, he held me in his arms, he pampered me, he defended me from my sisters … I don’t know if my sisters were different from me, well, the security, I don’t know, the love, all the love, the affection, everything, everything went away (pause) and (she remains in a position in which she hugs herself tight, holding herself, with both arms crossed).

Fears of things to be definitive; she believes a word or a situation defines something. For example, the death of her mother, or her own death, or that she will never get married or that she will not have children;  very intense fear that somebody made her something inside her body; for example, doctors’ ligation of tubes or that she has been stolen an embryo and that she may have had a child without her knowledge. Another fear her father may have been killed. She hears voices, of her boyfriend or  voices naming her niece. She was a bad student at University, she had to re-attend subjects and did badly at the exams. Before them, she became ill and when she was a child, during all the elementary school, she had vomits before leaving for school. …But now these ailments do not appear in stressful situations. She is sensitive and she feels hurt if she sees a child in the street, in a pitiful situation, and so does she if she sees an abandoned little dog going around in the street.

Physical examination: without abnormalities. Past history: recurring upper airways infections in childhood and adolescence; coxalgias; cervical arthrosis. Family Antecedents: not significant.

C. Cámpora …Ende

videotaped and a full transcription is made; the latter records such details as pauses, gestures and facial expressions. Transcriptions are performed by an independent person. The data for each patient are highly documented (see Tab. 1) and are obtained from multiple and different sources (Tab. 2). All cases are subjected to a two-independent peer review.  Table 2: Sources of documents of patient´s data.-  Physician’s notes.-  Prior medical records.-  Testimonies of relatives, teachers,friends.-  Testimonies of other physicians-  Complementary measurements (laboratory, Peak-flow)-  Physical measurements. The two messages I intend to convey here are: 1. To emphasise that a high-quality cured clinical case represents a homeopathic evidence and homeopathic proof and also the best manner to teach and learn homeopathy. 2. To demonstrate that severe cases traditionally considered incurable in psychiatry are likely to improve and cure with homeopathy.Case of SchizophreniaMrs. P., a 46-year-old woman, single, without children, agronomic engineer, teacher, with psychiatric leave which started six months ago. She consulted me at Fundación Médica Homeopática Vitalis Educational Office on November 29th, 2001, referred by her homeopathic doctor due to the lack of response to the treatments she gave her. Presenting complaints were: 1. Schizophrenia with 25 years of evolution. She suffered a crisis 6 months ago, of which she has not yet recovered, and has shown a recurring pattern since she was 21, at a rate of several crisis each year. 2. Pain in the left shoulder which irradiates to the upper limbs and homolateral hand, with numbness of the hand, which evolving for 11 months and that persists despite the diverse treatments performed (allopathic, kinesiological, and homeopathic). She had performed 25 years of allopathic treatment with different drugs (Tioridazon, Trifluoperazin, Haloperidol, Risperidon, Diazepam etc.) and different psychological approaches with several therapists, plus 10 years of homeopathic treatment, but the crisis went on and she had been hospitalized three times for acute episodes. The day before she consulted, she had been directed to increase gradually Risperidon from 6 to 9 mg per day. The patient says (verbatim): “Well, when I was working … my pathology started closing … we could say … I have tended to fall, many times, in a sort of … what some call “accelerations”. I start building up a lot of pressure … and start, how could I say? with persecution disorders, we could say … but that I reason a lot; I write down things that I see and that happened to me, and I use a lot my intellectual side. Currently I have already completed four or five copybooks; now, I have stopped writing; there are things that frighten me and, well, it’s like it stopped. I commented Dr. … that, sometimes, I get mute, mute in the sense that I could recognize or associate everything through my sight; so, now, there is a sort of assembly of these and I can interpret gestures and they coincide … now I am sort of all right … I am, that is, reasoning these type of coincidence that, at the time of crisis, bring me that surprise, that fear. Now, I carry them with me but sort of in a parallel way. For this reason, I do not want to be asleep because now my risperdone has been increased…”In the last 11 years, the use of antipsychotics has been continuous but the outbreaks still occur; the beginning of her ailment coincides with her first sexual relation when she was 21 years old. Here, her speech lost coherence, confusely and mixing ideas, she tells me that three months ago, in a trip to Salta, when she arrived at her hotel room, she saw that in it, there was the same picture on the wall as when she had sexual intercourse with her boyfriend, when she was 21. That she felt that, from the plane, she was being taken to somewhere else and that, when she made a complaint on the phone, she heard that the answering voice was that boyfriend’s, and that at the hotel she was being moked at, and she was told “my sweetie” or “divine”, but that it was her boyfriend’s voice the one which said that. Therefore, she refused to get out of her room, she even ate in there, she did not understand what was happening to her, she felt that everything had been plotted against her and she started her mutism, and she said that she found a hundred pesos in her room and that she felt that she was being harassed with proposals, that someone was about to get into her room to have sexual intercourse with her, and that she felt very bad, forced. She wanted to find her ex boyfriend, but not in that situation, that she felt as if “we will give a hundred pesos to sleep with him”. And she heard his voice on the phone, as if he spoke to her, as when she had a relationship with him many years ago and he used to say that she was his slave, and in this trip she says: “it is as if we, the slaves, were going to Africa”, and she felt that she was like a slave that was subjected to himShe remembers that, in her relationship with him, he had a very marked tendency to make her feel inferior in public. She belonged to a lower social class and he made her notice this, and she felt diminished wherever they went because he hid her; and so she felt like a whore. She says that she remembers images, where she felt that it was then when she lost everything, a boyfriend with whom she had been going out for 4 years, her spontaneity. She even changed her character, she quarrelled with her father, who humiliated in front of him treating her as a whore; she blames her father for the breakup of her couple, and she never forgave him for this and harboured “the rancour of my life”. She thinks that even today this boyfriend can be her match and that he loves her; she feels that he watches her, he accompanies her from somewhere and, although she never saw him again, she hears his voice and she feels touched by this. She says that she has heard that voice in passengers, in hosts of TV sports programmes, in international tennis matches; that his voice “envelopes me and makes me feel by his side, and that she fears that people may imitate his voice and she may say “yes” and can be taken to a place she does not wish to go.Recurring dreams: packing suitcases, go away and know places, watch landscapes, cathedrals, watch the tiles of the buildings, monasteries and domes, also inside, even while doing relaxation she saw the painted domes of a church and dreams of faces that tell her that they are angry and reproach her. Desires: fruits; condiments. Perspiration: nates and between the thighs excessively.  Sensitive to cold.  She says: “I feel that any garment around my neck strangles me, not during the day but, if at night I have something it’s like it bothers me, here, in this place, it makes me feel something like disgust if it is tight (she points out her larynx) and I feel I want to vomit. Another tight-fitting garment? I prefer not to use tight-fitting sleeves. d patient with diagnosis of chronic schizophrenia with many outbreaks throughout the 21 years of the evolution of her illness and that, according to the different stages that have taken place, frequently interepisode residual symptoms (both positive and negative) have interspersed. She was hospitalized on three occasions. She has received irregular homeopathic treatment at different points
ZKH 2/2007 Bd. 51 S. 52-60

Oder der Fall wird wie in vielen Lehrbüchern aufgebaut mit einem:

(a) Spontanbericht
(b) gelenkten Bericht
(c) aktiver Befragung

Viele Fälle vor 1930 sind ähnlich wie der gerade gezeigte prägnante Fall von Case. Schauen Sie noch einmal, wie wenige Angaben Case macht.

E. E. Case

CaseEine dunkelhaarige Witwe, 64 Jahre
alt, hatte seit einigen Jahren
Husten… Der Auswurf ist grün mit
salzigem Geschmack.
Nach dem Husten fühlt sich die Brust
schwach und leer an. …
Sie erwacht morgens mit reichlichem
Schweiß, schwach und erschöpft.
29.3.1913. Ein Pulver Stannum M von
Boericke & Tafel.
18.5. Der Husten ist verschwunden und
sie kommt schnell wieder zu Kräften.
Schwaches, nagendes Gefühl im Magen
um 11 Uhr. Verstopfung mit vergeblichem Stuhldrang.
Ein Pulver Sulfur M vervollständigt die Heilung.

Some Clinical Experiences of Erastus E. Case, 1991, S. 180

Case nennt das Geschlecht, Alter, macht eine Bemerkung zur Konstitution, das Datum der Behandlung, die Hauptbeschwerde, seit wann sie besteht. Er nennt alle charakteristischen Symptome, auch schwere/ intensive Symptome wie die Erschöpfung. Die heilende Arznei, den Namen des Herstellers und einen kurzen Verlauf (18.5.).
Es treten neue Symptome auf. Gefühl im Magen um 11 Uhr. Verstopfung mit vergeblichem Stuhldrang. Eine Dosis Sulfur M heilte die restlichen Symptome.

Selbst diese kurze Kasuistik enthält eine Menge an Informationen!
Fehlt etwas? Die Arzneiwahl wurde in diesen frühen Kasuistiken meist nicht begründet, ein Materia medica-Vergleich wurde nur selten gemacht.

Ein Fall von C.M. Boger

BogerHartnäckige Rückenschmerzen,
< beim Hinlegen
> beim Gehen,
Mehrere Mittel brachten keine
Besserung.
Vorgeschichte von rezidivierender
Angina.
Tabacum CM heilte.

C.M. Boger, Collected Writings (1994: 280)

 

 

Backache persistent, worse when lying down, better walking, had defied many remedies. History of angenoid attacks. TABACUM CM cured.
Boger  CM:  Collected Writings. Hrsg. R. Bannan. London: Churchill Livingstone; 1994: 280.

Hier ist noch annähernd eine Kasuistik erkennbar, aber von Boger gibt es auch das:

C. M. Boger

Boger

Ferrum iod. D2
Weiche Struma bei anämischen
Mädchen in der Pubertät.
Zwei sofortige Heilungen.

C.M. Boger, Collected Writings (1994: 326)

 

 

 

 

 

Ferrum iod. 2x. Soft goitre in chlorotic girls at the age of puberty. Two very prompt cures.
Boger CM:  CollectedWritings. Hrsg. R. Bannan. London: Churchill Livingstone; 1994: 326.

Boger schreibt nur noch ein geheiltes Symptom bzw. einen Befund auf! Wir sind jetzt von einem 7-Seiten langen Fallbericht bei einer einzigen Zeile angelangt! Wenn Boger seine geheilten Fälle so gekürzt bringt, heißt das für die Dokumentation einer Verifikation dürfen wir unsere Fälle auf eine Zeile verkürzen?

Die früheren Herausgeber der ZKH haben das wahrscheinlich so gesehen. Von 1987 bis 1994 wurden in der ZKH Verifikationen veröffentlicht, die sich an diese Vorbilder der Literatur anlehnen. Im Kapitel ‚Verifikationen und klinische Symptome‘ stehen keine langen Kasuistiken, sondern eine Verifikation extrahiert aus einer Kasuistik. Außerdem wird die Materia medica-Quelle genannt.

Verifikationen in der ZKH

Ein Beispiel, die Bestätigung eines Prüfungssymptoms:

ZKH: Verifikationen und klinische Symptome

Indigo
Nasenbluten beim Niesen. (H.F., männl., 39 J.)
„Gegen 7 Uhr bekam ich heftiges
Niesen, welches bis 7 ¼ Uhr
anhielt, und darauf stellte sich
ein heftiges Nasenbluten ein,
welches bis gegen 8 Uhr anhielt.“
Verabreichte Potenz:  Q 6 (Zinsser)

v. Keller, Tübingen, ZKH 1987; Bd. 6: 232

Der ganze Fall ist auf eine Zeile reduziert.

Noch ein Beispiel, die Bestätigung eines klinischen Symptoms von Berberis vulgaris durch K.S. Srinivasan:

K. S. Srinivasan

SrinivasanBerberis vulgaris
Neigung, von Mücken gestochen zu
werden; besonders …die Arme;
starkes Jucken.
Die Patientin sagt: „Ich ziehe die
Mücken förmlich an.“ (R., weibl., 24 J.)
Verabreichte Potenz:  C 200 (Schwabe)
„…6 Wochen nach …der Prüfung berichtete
die Probantin als auffallend: Trotz
Reiterurlaub mit vielen Bremsen und
Schnaken bei extremer Hitze …kein
einziger Mückenstich. Sonst voller
Stiche von jedem Frühsommer an.“

K.S. Srinivasan, Chennai, ZKH 1988 Bd. 1: 27

In diesen Verifikationen stehen nur folgende Angaben:

Ein charakteristisches Symptom.
Das Geschlecht, das Alter.
Arznei, Hersteller.
Materia medica-Vergleich.
Autor.
Die Kollegen, die Verifikationen einreichten, waren fast ausschließlich renommierte Homöopathen wie Will Klunker, Georg von Keller, K.S. Srinivasan, Klaus-Henning Gypser, Martin Furlenmeier usw.

Inwieweit hängt eigentlich die Akzeptanz einer Verifikation vom Renommée eines Homöopathen ab?
Constantin Hering teilt seinen Fall so mit:

C. Hering

HeringLobelia inflata
Beim Monatlichen, ein heftiger
Schmerz im Kreuzbein selber,
und sonst nirgends, oder Gefühl
einer grossen Schwere in den
Geschlechtstheilen.

C. Hering, Philadelphia (USA)
AHZ 1869 Bd. 78 Nr. 7

 

 

 

Hier werden nur die Arznei, das geheilte Symptom, indirekt das Geschlecht und der Autor genannt. Hering schreibt nichts über die Patientin selbst, über ihr Alter, das Datum der Behandlung oder die Nachbeobachtungszeit – nichts!

Was denken Sie über diese Mitteilung, ist sie glaubwürdig?
Also ich glaube sie. Ich persönlich halte Constantin Hering für sehr kompetent. Dasselbe gilt für Mitteilungen von Adolf Lippe oder z.B. von Pierre Schmidt. Ich nehme an, auch Sie glauben deren Mitteilungen – weil Sie diesen Kollegen vertrauen, weil Sie andere Fälle und Bücher von ihnen kennen, die ihre Glaubwürdigkeit gezeigt haben.
Hering liefert immerhin ein neues klinisches Symptom eines eher seltenen Mittels, Lobelia! Ich würde diesen „Fall“ von Hering, oder besser dieses Fällchen in die Materia medica übernehmen.

Die nächste Mitteilung kommt von Peter Kowalski aus Tönisberg:

KowalskiLobelia inflata
Bei der Periode, ein
heftiger Schmerz im
Kreuzbein, und nur dort,
oder Gefühl einer großen
Schwere in den Geschlechtsteilen.

P. Kowalski, Tönisberg (Deutschland)
AHZ 2004 Bd. 254 Nr. 4

 

 

 

Was sagen Sie dazu?

Sie kennen Herrn Kowalski nicht. Glauben Sie ihm diese Mitteilung trotzdem?
Ich meine: „So geht es nicht. Der Kollege Kowalski soll den Fall doch mal etwas genauer aufschreiben!“

Warum reicht mir das nicht, was Kowalski schreibt?
Weil ich nicht weiß, ob seine Angaben zuverlässig beobachtet sind. Hering glaube ich das, aber von Herrn Kowalski möchte ich mehr Informationen.

Übrigens: Den Kowalski habe ich erfunden, den gibt es gar nicht…

Sie sehen aber an diesem Beispiel, dass Verifikation nicht gleich Verifikation ist, sondern auch von der mitteilenden Person abhängt.

Ich fasse zusammen:

(1) Es gibt einerseits Fälle von mehreren Seiten. Andererseits kann eine Verifikation effektiv in drei Sätzen (denken Sie an Case) oder in einem Satz (Beispiel ZKH) vermittelt werden.
(2) Der Autor der Verifikation ist möglicherweise völlig unbekannt.

Angaben für Verifikationen

Um eine schriftlich eingereichte Verifikation dennoch beurteilen zu können, müssen Fälle meiner Meinung nach folgende Angaben enthalten, in Ihrer Kongressmappe liegt eine Liste mit diesen Angaben:

        Verifikationen enthalten…                Optional…

  • Das verifizierte Symptom                    ♦ Konstitution
  • Patient                                                     ♦ Auffallende körperliche Merkmale
  • Datum
  • Hauptbeschwerde
  • Charakteristische Symptome
  • Intensive uncharakteristische Symptome
  • Auffallende pathologische Befunde
  • Ätiologie
  • Frühere Krankheit
  • Familiäre Krankheit
  • Arznei
  • Begründung der Arzneiwahl
  • Materia medica
  • Parallelbehandlung
  • Verlauf
  • Nachbeobachtungszeit

Das verifizierte Symptom bzw. geheilte klinische Symptom.
Der Patient mit Alter, Geschlecht und Beruf. Die genauen Lebensverhältnisse müssen nicht angegeben werden. Das Datum der Behandlung.
Die Hauptbeschwerde, ggf. die klinische Diagnose. Die Dauer und der Schweregrad der Krankheit. Ein detaillierter Krankheitsverlauf ist nicht erforder-lich.
Die charakteristischen Symptome nach Hahnemann, d.h. näher bestimmte (§153, §165), seltene (§178) oder besonders auffallende Symptome (§95, §153 ORG). Aus der Fallbeschreibung sollte hervorgehen, warum diese Symptome charakteristisch sind. Besonders markante, sicher beobachtete Symptome können kursiv gesetzt werden.
Es sollten alle charakteristischen Symptome genannt werden, auch solche die nicht zur Arzneiwahl führten oder nicht repertorisierbar sind. Auf diese Weise werden bisher unbe¬kannte Arznei¬symptome gefunden.
Intensive uncharakteristische Symptome wie starke Abmagerung, Schwäche, Schwindel, Blässe, Atemnot. Diese Symptome vervollständigen das Gesamtbild und zeigen, unter welchen Begleitsymptomen die betreffende Arznei wirkt.
Die übrigen uncharakteristischen Symptome, d.h. unbestimmte, häufige Symptome wie Kopfschmerz, Appetitlosigkeit, gestörter Schlaf (§153 ORG) müssen nicht aufgeführt werden.
Auffallende pathologische Befunde wie z.B. ein rissiger Mundwinkel, eine Landkartenzunge.
Laborbefunde und andere diagnostische Befunde (z.B. Röntgen, Ultraschall) können, müssen aber nicht genannt werden.
Der Auslöser der Krankheit, ein Kummer, unterdrückter Hautausschlag usw. Ein möglicher Auslöser muß speziell begründet werden.
Frühere Krankheiten, wenn sie für diesen Fall ein wesentlicher Hinweis für die Arzneiwahl waren (z.B. bei früherer Infektion mit TBC).
Familiäre Krankheiten, wenn sie ein wesentlicher Hinweis für die Arzneiwahl waren, z.B. TBC in der Familie.
Die Arznei inkl. Potenz, Dosierung und Hersteller.
Eine stichwortartige Begründung der Arzneiwahl. Die Differentialdiagnose der in Frage kommenden Arzneien ist nicht erforderlich, ebensowenig die Darstellung des Repertorisationsergebnisses.
Der Materia medica-Quellenvergleich.
Parallelbehandlungen, die während der Behandlung stattfanden, z.B. Akupunktur oder eine Gesprächstherapie. Es muß genau begründet werden, warum die Heilung auf die homöopathische Arznei und nicht auf die Parallelbehandlung zurückgeführt wird!
Eine kurze zusammenfassende Darstellung des Verlaufs. Detaillierte Ereignisse aus dem Behandlungsverlauf wie eine Erstverschlimmerung, interkurrente Erkrank¬ungen, eine Heilung nach der Hering´schen Regel usw. können ausgelassen werden.
Nachbeobachtungszeit.

Optional können konstitutionelle Symptome (z.B. Verlangen nach frischer Luft) sowie auffällige körperliche Merkmale (sog. „indikative” Symptome wie z.B. ein Arcus senilis (indikativ für Arzneien wie Lyc., Sulf.) angegeben werden.

Ein Fall in der Schriftform

Zum Abschluß ein Fall aus meiner Praxis, der beispielhaft zeigt, wie eine Verifikation schriftlich mitgeteilt werden kann:

Arznei & verifizierte Symptome
Kalium iodatum
• Atemnot (Asthma) < durch Wärme, < im warmen Raum, < abends, > frische Luft
• reichlicher grüner Schnupfen, < abends; mild, schleimig
• grüner Auswurf

Patient, Datum, Hauptbeschwerde, charakteristische Symptome (kursiv)
8.02.07: Herr B., 39 Jahre, Schreinermeister, etwas adipös, leidet seit 20 Jahren an allergischem Asthma, das sich in den letzten Jahren weiter verschlimmert.
Asthma < in warmen, stickigen Räumen, beim Eintreten in einen warmen Raum, bei Wetterwechsel zum Warmen, besser in frischer kühler Luft. Allgemeine Abneigung gegen warme Räume. Atemnot < abends, durch Staub, verschiedene Nahrungsmittel (Paprika, Apfel), bei Anstrengung. Ständiges Pfeiffen über den Bronchien, nachts Engegefühl. Grünlicher Auswurf. Husten nach warmen Essen oder bei warmen Wasserdampf.
Weitere Symptome: Reichlicher grüner Schleim aus der Nase morgens und tagsüber.
Nase abends verstopft. Niesen beim Sehen in die Sonne. Im Frühjahr und August/September Heuschnupfen mit starkem Augenjucken und -brennen.
Oft Angina. Häufige Anginen in der Kindheit. Als Kleinkind Impfung gegen Tuberkulose.

Puls., Tub. und Iod. beenden die Infektanfälligkeit und die Augensymptome, bessern die Allergien, führen aber zu keiner endgültigen Ausheilung des Asthmas. Cortison und ein Antiallergicum wurden initial abgesetzt.

Mittelgabe & Dosierung
21.3.08: Kalium iodatum C30 (Gudjons) morgens und abends jeweils ein Globulus pur.

Begründung der Arzneiwahl
< Wärme (im Zimmer, warmes Essen, heißer Wasserdampf), > frische Luft, < Wetterwechsel, < abends (Quellen: H.C. Allen, C. Hering, Hartlaub/Trinks, C.M. Boger)
Reichliche grünliche, kalte, nicht reizende nasale Absonderungen (K.C. Bhanja) (Hervorhebungen v. Verfasser)

Materia medica
Verstopfung der Nase… (Hartlaub/ Trinks Nr. 184)
Häufiger Abgang gelben dicken Schleims aus der Nase. (Hartlaub/ Trinks Nr. 187)
Discharge from nose of greenish black or yellow matter. (Hering 428)
Opression of breathing, awakening patient in morning hours. (Hering 433)
Asthma in young people that have not gotten their growth. (Hering 433)
Expectoration greenish. (Hering 433)

Verlauf
Das Mittel wird fünf Wochen gegeben. Keine Parallelbehandlung.
Schon nach vier Tagen kein Schnupfen mehr, innerhalb von zehn Tagen sind alle asthmatischen Symptome verschwunden. Kein Niesen mehr in der Sonne, keinerlei allergische Reaktionen auf Lebensmittel oder Staub.
Nachbeobachtung: 6 Monate.

Ausblick

Durch Verifikationen verbessern wir unsere Materia medica und machen die Mittelwahl immer sicherer. Ich lade Sie ein: Dokumentieren Sie Ihre Heilungen!
Ab Januar 2009 gibt es wieder eine Rubrik ‚Verifikationen’ in der ZKH. Schicken Sie die Kasuistiken an die ZKH oder an die neue InHom-Wissenschafts-gesellschaft. Tragen Sie durch Heilungsmitteilungen zur Verbesserung der Materia medica bei!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

¹Die Prüfungssymptome ‚grünlicher und salziger Auswurf‘ werden verifiziert.
Die ‚Schwäche und Leerheit in der Brust nach Husten‘ ist ein klinisches Symptom von Stannum, das hier bestätigt wird. Schon in der Prüfung gibt es Hinweise auf das Symptom – ein Beispiel dafür, wie klinische Symptome Prüfungssymptome genauer charakterisieren!

Materia medica
Scharriger Husten, anfänglich lösend, mit grünlichem Auswurfe von widrigem, süsslichtem Geschmacke… (RA VI 123).
Salzig schmeckender Brust-Auswurf (RA VI 125).
* Schwächegefühl in der Brust, wie ausgeweidet, – besonders nach Reden oder Hustenauswurf (G.H.G. Jahr, Symptomenkodex, S. 591)
Nach Husten und Auswurf fühlt sich der Patient sehr hohl und leer (Guernsey, Keynotes, S. 239)
Von Zeit zu Zeit, ein Kotzhusten, wie aus Schwäche der Brust, ohne allen andern Husten-Reiz und ohne Auswurf … mit einem heisern, ganz schwachen Laute, weil’s ihm an Kraft der Brust fehlte (RA VI A221). Vormittags, Schleim in der Luftröhre, welcher durch leichte Husten-Stösse ausgeworfen wird, bei einer ungemeinen Schwäche der Brust, als wäre sie ausgeweidet… (RA VI A222).
Er athmet kurz und, wiewohl es ihm nicht an Luft fehlt, doch mühsam, aus Schwäche der Athem-Werkzeuge, bei grosser Leerheit der Brust (RA VI A238)

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