Asthma bronchiale, Pulsatilla und die Repertorien

Dr. med. Carl Rudolf Klinkenberg

 Für jeden Krankheitsfall muß die jeweils optimale Methode der Fallanalyse gewählt werden, die wichtigsten sind die Methoden nach Bönninghausen, Kent und Boger. Es geht mir nur darum, das beste Heilmittel sicher und auf schnellsten Weg zu finden. Jede Methode hat ihre Stärken und Schwächen und wird nicht jeder Patientensymptomatik gerecht. Daher sollte keine Methode einseitig bevorzugt werden.

Asthma, endogene Depression – 25-jährige Patientin

Frau E., 25 Jahre, kommt am 18.05.2006 wegen Asthma bronchiale in Behandlung. Weitere Diagnosen, die sie auf dem Standardfragebogen angibt, sind: Endogene Depression, Angstzustände, Schlafstörung, Nachtschweiße, Müdigkeit, Reizdarm, Knieprobleme, V.a. Rheuma, Migräne, Medikamentenunverträglichkeit, Sonnenallergie, Kreislaufprobleme.

Hauptbeschwerden

Im November 2004 begann sie eine Psychotherapie, da sie viel Stress an ihrem Arbeitsplatz hatte. Nach einigen Therapiesitzungen trat im Januar 2005 ein stark juckender Ausschlag großflächig am ganzen Körper auf, außer im Gesicht. Sie hatte früher schon öfters Hautausschläge gehabt, z.T. nur als Hautrötungen oder rötelnartige Ausschläge. Jetzt war die Haut rot und glatt wie mit Wasserfarben bemalt, der Juckreiz verschlimmerte sich nach Kratzen. Ein Hautarzt verschrieb ihr eine Salbe, worauf der Hautausschlag schnell verschwand. Sofort nachdem der Ausschlag „geheilt“ war, begann im Februar 2005 ihr Asthma.
Bei körperlicher Anstrengung, z.B. wenn sie Fahrrad fährt, fangen erst die Beine bis zur Hüfte an zu brennen, danach bekommt sie Atemnot. Wenn sie dabei mal ihre Nase zuhält, hat sie panische Angst, keine Luft mehr zu bekommen. Nachts häufig Hustenanfälle: Der Husten ist trocken, sie wacht davon auf, hat Angst und fühlt sich müde. Ihr Freund kümmert sich dann um sie. Der Husten ist, als ob ein Härchen im Hals, am Kehlkopf hängt; auch wie ein Kratzen an dieser Stelle. Sie will das Härchen weghusten, setzt sich auf, aber es läßt sich nicht weghusten. Sie hustet dann immer mehr und bekommt Atemnot. Schließlich tritt ein Würgereiz auf und sie kämpft gegen Erbrechen. Man hat bei ihr eine Hausstaubmilbenallergie festgestellt.
Das Asthma verschlimmert sich bei kalter und v.a. feucht-kalter Luft, oder wenn es schwül-heiß ist. Beim Einatmen von feuchter Luft hustet sie. In einer Parfümwolke bekommt sie auch etwas Atemnot. Bei Atemnot bekommt sie Angst, tränende Augen und sie weiß nicht mehr, was sie machen soll.
Bevor das alles anfing, ging es ihr psychisch schlecht. Gegen Ende des Jahres 2003 hat sie innerhalb von zwei Wochen ein paarmal hyperventiliert. Auch als Kind war ihr zweimal die Luft weggeblieben und sie konnte nicht mehr sprechen. Sie nimmt seit 2004 CitalopramÒ (Antidepressivum) 10mg täglich. Seither ist ihre Nase immer verstopft und sie fühlt sich sehr müde. Schon vor dem Medikament hatte sie eine leicht verstopfte Nase, aber seit CitalopramÒ viel stärker. Außerdem macht dieses Mittel bei ihr eine Gedächtnisstörung, sie erinnert sich nur ein paar Monate zurück. Ein Versuch, das Medikament abzusetzen scheiterte, sie kam in einen Entzug mit Zitteranfällen.

Weitere Beschwerden

Kopf

Phasenweise Kopfschmerzen an den Schläfen, oder in der Stirn und am Hinterkopf. Ihr wird übel dabei, der Kopf pocht, oder schmerzt, als wenn er zerbricht. Sie nimmt dann eine AspirinÒ, denn ohne Schmerzmittel werden die Schmerzen so schlimm, dass sie nicht mehr sprechen kann. Seit CitalopramÒ immer wieder Schwindelgefühle, die plötzlich beginnen.

Augen, Ohren und Nase

Augen und Ohren sind o.B. Die Absonderung aus der Nase ist weiß, und wenn sie krank ist, grün; seit CitalopramÒ manchmal auch blutig. Von der Konsistenz her klebrig, man kann es in Fäden ziehen. Und dicklich wie ein Röhrchen. Immer sind beide Nasenlöcher verstopft, besonders morgens. Als Kind hatte sie sehr oft Nasennebenhöhlen-Entzündungen.

Verdauungstrakt

Öfters Aphthen im Mund, im Winter alle zwei Monate. Schon als Kind regelmäßig sehr viel Aphthen. Sie hat viel Durst und trinkt immer eiskalte Sachen, weil sie Lust darauf hat und es besser den Durst löscht. Der Appetit ist normal. Nur vor und während der Regel extreme Lust auf Süßes und Salziges, z.B. Tomatenmark, Chips, Nutella und Eis. Eis ißt sie gerne. Kiwis verträgt sie nicht, der Hals geht ihr zu. Auch bei Aufregung schnürt sich ihr der Hals zu.
Sie hat oft Bauchweh und manchmal viel Durchfall, besonders wenn sie sich geärgert hat. Bauch häufig aufgebläht. Ihr Hausarzt „diagnostizierte“ einen Reizdarm. Sehr oft Übelkeit: Bei Ärger, wenn sie traurig ist oder geweint hat, wenn sie Angst hat, während ihrer Regel. Die Übelkeit geht immer in den Hals hinein. Eigentlich müßte sie brechen, aber sie schluckt dagegen. Seit ein paar Monaten hat sie häufigen Harndrang. Als Kind und bis zu ihrem 20. Lebensjahr häufig Blasenentzündungen.

Menstruation
Seit fast einem Jahr trägt sie einen Nuva Vaginalring. Seither weniger Menstruations­schmerzen. Eine Woche vor der Regel ist sie knatschig und unausstehlich. Sie weint schneller und fällt in ihre Depression zurück. Sie ist ohnehin permanent traurig, aber vor der Regel verschlimmert sich das. Sie hat auch Kopfschmerzen vor der Regel. Vor dem Nuva Ring nahm sie seit ihrem 15. Lebensjahr die normale Pille. Bei der Pille hatte sie auch Bauchschmerzen vor der Regel. Die Blutung dauert 5 Tage, ist zu Beginn dickflüssig, dann ganz hellrot und wässrig, wie ein Tropfen Blut in einem Wasserglas. Die Blutung setzt hin und wieder für einen halben Tag aus. Die Brüste spannen vor und während der Regel, manchmal sehr. Außerdem hat Frau E. schon lange einen starken weißen Ausfluß, wie Milch. Sie hat oft eine Vaginose, die mit Zäpfchen behandelt wird. Früher hatte sie häufig Pilzinfektionen. Trockenheit der Scheide, beim Geschlechtsverkehr.

Rücken und Extremitäten
Von Geburt an linksseitige Skoliose. Manchmal ist morgens eine Hand taub und sie kann sie nicht mehr kontrollieren. Die Wirbelgelenke und auch viele andere Gelenke bei ihr knacken. Ein großes Problem sind ihre Kniebeschwerden: Oft fühlen sich beide Knie an, als wären sie nicht richtig im Gelenk, schwammig, als könne sie sie nicht richtig spüren. Sie knacken oft ganz unangenehm. Die Kniebeschwerden sind < beim Laufen. Der orthopädische Befund ist in Ordnung. Sie hat auch Hüftschmerzen, brennend, mal rechts, mal links, meistens beim Fahrradfahren oder Schieben einer Schubkarre (Frau E. hat ein Pferd). Seit Sommer 2005 spürt sie meistens ein Brennen oder Ziepen in ihren Gelenken.

Temperatur und Schweiße

Ihre Nase ist kalt, oft eiskalt. Bei einem Luftzug bekommt sie ein eisiges Gefühl an der Nase wie Eiszapfen daran. Seit einem halben Jahr schwitzt sie nachts am ganzen Körper. Sie schwitzt auch sehr, wenn sie ihre Regel hat.

Wetter
Frau E. ist gerne an der frischen Luft, aber stickige Räume machen ihr nichts aus. Sie hat eine Sonnenallergie.

Haut
Seit ein paar Wochen hat sie ein juckendes, trockenes Ekzem am rechten und etwas am linken Handrücken, Kratzen verschlimmert.

Schlaf
Frau E. kann sehr schlecht einschlafen, früher wegen vieler schlechter Gedanken, heute hat sich das „verselbstständigt“. Bis vor einem Jahr wachte sie immer frühmorgens auf und konnte nicht wieder einschlafen, jetzt besser. Sie schläft schon immer meistens in Bauchlage, nachts dreht und wendet sie sich von einer Seite auf die andere oder vom Kopf- zum Fußende. Sie hat schlechte Träume, z.B. dass sie dickflüssiges Blut erbrechen muß, oder dass ihr die Zähne ausfallen oder der Kiefer aufplatzt. Extremes Zähneknirschen schon immer. Sie beißt ihre Zähne stark zusammen und muß sich dann richtig anstrengen, ihren Mund wieder aufzubekommen.

Gemüt
Im Jahr 2003 hatte sie einen Autounfall und seither Probleme mit ihrem Gedächtnis. Nach dem Unfall ist ihre Depression richtig ausgebrochen. Sie vermutet als Ursache ihrer Depression, dass sie mit drei oder vier Jahren vom Hausmeister mißbraucht wurde. Frau E. ist schon ihr ganzes Leben lang traurig, sie könnte viel weinen. Mit acht Jahren hat man sie von einem Balkon zurückgezogen, auch heute noch hat sie sporadisch Selbstmordgedanken. Bevor sie CitalopramÒ bekam, hat sie sich einmal die Arme aufgeritzt. Angst vor Männern, als kleines Kind hatte sie Angst vor einem schwarzen Mann. Noch vor ein paar Jahren hätte sie deshalb nicht allein in meine Praxis kommen können. Als sie einmal im Krankenhaus war, hatte sie Angst vor den Pflegern und hat sich die ganze Nacht wachgehalten.
Frau E. ärgert sich über vergangene Dinge, ärgert sich überhaupt oft. Panische Angst vor Gewitter. Angst vor Feuer, sie kann kein Feuerwerk aushalten. Sie hat furchtbares Mitleid, wenn sie einen Penner auf der Straße sieht und weiß nicht, ob sie ihm etwas geben soll oder nicht. Damit beschäftigt sie sich dann rund um die Uhr und sie kann nicht abschalten.

Medikamente: Berodual Spray bei Atemnot, CitalopramÒ 10mg 1 Tbl. morgens.
Eigenanamnese: Als Kind war sie sehr oft krank: Einmal hatte sie drei Ausschläge gleichzeitig. Bis zum 20. Lebensjahr hatte sie ca. viermal im Jahr eine Angina mit hohem Fieber, zweimal im Jahr einen bellenden Husten, Nasennebenhöhlenvereiterungen. Als Kind wurde bei ihr lautes systolisches Herzgeräusch festgestellt. Die Patientin hat seit Geburt nur eine Niere. Ihre Kinderärztin nannte sie ein „medizinisches Wunder“, weil trotz ihrer vielen Krankheiten ihre Laborwerte immer normal waren.
Familiär: Tuberkulose des Großvaters mütterlicherseits.
Übliche Impfungen, inklusive BCG-Impfung und positiver Tuberkulinprobe.
Befund: Pulmonal verschärftes Atemgeräusch über der ganzen Lunge, schweißige Hände, Ekzem rechter und linker Handrücken, Amalgamfüllungen.

 

Fallanalyse

Interessant an dieser Krankheitsgeschichte sind die auftretenden Metaschematismen : Während einer Psychotherapie tritt zunächst ein massiver Hautausschlag auf – ein Vorgang, der der homöopathischen Erstverschlimmerung ähnelt. Als dieser mit einer Cortisonsalbe behandelt wird und verschwindet, bekommt die Patientin Asthma.
Weiterhin zeigt sich die Unfähigkeit der konventionellen Medizin, ihr eine adäquate Therapie zur Verfügung zu stellen: Die Patientin leidet unter häufigen nächtlichen Anfällen von Husten mit Atemnot, die regelmäßig auch den Schlaf ihres Freundes mit beeinträchtigen. Außerdem muß sie mit den bedenklichen, aber bekannten Nebenwirkungen von CitalopramÒ wie Amnesie zurechtkommen.

Fallanalyse nach Kent
Frau E. hat einige merkwürdige Empfindungen und spezifische Gemüts- und Lokalsymptome, wofür sich am besten die Fallanalyse nach Kent (siehe Abb.1) eignet: Gefühl eines Haares im Hals. Kälte der Nase. Schweiß während der Menses. Wässrige Menses. Milchiger Fluor. Zähneknirschen. Furcht vor Gewitter, Furcht vor Männern. Nicht jede ihrer merkwürdigen Empfindungen, z.B. der Knie, läßt sich repertorisieren. Die Furcht vor Männern ist ausgeprägt und daher auffallend, allerdings durch die Vorgeschichte von Missbrauch zum Teil erklärbar und in ihrem Symptomwert vermindert. Andere Symptome sind im Kent schlecht vertreten, wie Atemnot in feucht-kalter Luft, Brennen der Beine oder der Gelenke. Die Rubrik „Brennen der Gelenke“ enthält gerade mal 12 Arzneien.

Fallanalyse nach Bönninghausen
Frau E. hat aber auch Modalitäten und Empfindungen, die sich auf mehrere Körperbereiche erstrecken und sich daher für die Analyse nach Bönninghausen (siehe Abb. 2) eignen: Die Verschlimmerung vor der Regel und brennende Schmerzen. Im Therapeutischen Taschenbuch sind generalisierte Empfindungen, Modalitäten und Lokalisationen in jeweils einer Rubrik zusammengefaßt und werden bei der Repertorisation mit Symptomen des Gemüts, des Schlafs, Hitze und Kälte, Schweiße, einer Causa und mit Lokalsymptomen kombiniert.
Die Traurigkeit in den Tagen vor der Regel, ebenso die Kopfschmerzen, Unterleibsschmerzen und Brustspannung vor der Regel entsprechen der Rubrik „Verschlimmerung vor der Regelblutung“.
Das Brennen der Beine bei Anstrengung und brennende Schmerzen in der Hüfte und in anderen Gelenken finden sich in der generalisierten Rubrik „Brennen äußerer Teile“.
Die eiskalte Nase wird losgelöst von ihrer Lokalisation mit „Kälte und Kältegefühl einzelner Teile“ und „Nase“ repertorisiert.
Eine charakteristische Verschlimmerung durch feucht-kalte Luft – in diesem Fall die Verschlimmerung der Hauptbeschwerde Asthma – wird repertorial mit der Rubrik „Verschlimmerung Wetter/Luft, feucht-kalt“ erfasst.

Aufgrund der Zuverlässigkeit seiner Grade können bei einer schwierigen Arzneimittel­differenzierung wird mit dem Therapeutischen Taschenbuch auch große Allgemeinrubriken (ängstliche Träume, Erkältungsneigung) und Lokalrubriken (Stockschnupfen, juckende Hautflechten) repertorisiert werden.

Repertorisation

Schauen wir uns die Repertorisation auf beiden Wegen an. Aufgrund der Symptomfülle wird eine Auswahl getroffen und nicht jedes verwertbare Symptom repertorisiert, damit das Ergebnis stringent bleibt. Symptome, die ich dennoch repertorial erfassen und in der Auswertung sehen will, werden ungezählt mit aufgeführt und sind mit einer 0 (siehe Abb. 1) oder einem vorangestelltem Minus (-) (siehe Abb. 2) gekennzeichnet, z.B. die Erkältungs­neigung (ein Symptom ihrer Jugend und Kindheit), das Gefühl wie von einem Haar (sehr kleine Rubrik), die Verschlimmerung des Juckreizes nach Kratzen bei ihrem früheren Hautausschlag.
Beim chronischen Schnupfen kann nach meiner Erfahrung die Absonderung im Akutfall, hier die grüne Absonderung, in die Arzneiwahl mit einbezogen werden.

Abb. 1: Repertorisation nach Kent.
Abb. 2: Repertorisation nach Bönninghausen.

Bei Frau E. bringt die Repertorisation mit dem Therapeutischen Taschenbuch Klarheit. Pulsatilla paßt am besten zur Gesamtcharakteristik ihrer Symptome: Das traurige, weinerliche und ängstliche Gemüt, der milchige Fluor, die verstopfte Nase mit grüner und zäher Absonderung, Taubheitsgefühle, Kniebeschwerden und Beschwerden nach Unterdrückung. Pulsatilla steht auch in den Taschenbuch-Rubriken „Gefühl wie von einem Haar“, „Flechten juckend“, sowie dreiwertig in „Brennen äußerer Teile“ (siehe ‚Materia medica‘)! In der Rubrik „Nase, Absonderung, zäh“ wird Puls. einwertig von Bönninghausen, nicht aber von Kentaufgeführt.

Im Kent fehlt Puls. erstaunlicherweise in der Rubrik „Knacken in Gelenken“ (siehe ‚Materia medica‘). Das Mittel findet sich in den Rubriken „Kälte der Nase“ und jeweils dreiwertig in „Furcht vor Männern“ und „wässrige Menses“. Die letztere Rubrik fehlt im Taschenbuch, obwohl Bönninghausen hier andere Blutungs­qualitäten wie dunkles, scharfes und übelriechendes Blut eingearbeitet hat. Das Thera­peutische Taschenbuch ist immerhin das einzige Werk neben Bogers sehr komprimiertem General Analysis, das für die geniale Methode der freien Kombination von Symptomelementen eingesetzt werden kann. Mit seinen Nachträgen steht es jedoch auf dem Stand von 1863!

 

Materia medica- Revision
Diese Ungereimtheiten zeigen wieder sehr deutlich die Mängel unserer Repertorien, die täglich unsere Arbeit erschweren und für deren Behebung es nur eine einzige Lösung gibt:
Die grundlegende Revision der gesamten Materia medica von Beginn an einschließlich aller veröffentlichten Primärquellen (Arzneimittel­prüfungen und Kasuistiken), mit dem Ziel einer endlich vollständigen, verlässlichen Basis-Materia medica und eines Repertoriums. Homöopathie wurde in der deutschen Sprache begründet und die wichtigsten Arzneimittel­prüfungen liegen in Deutsch vor. Daher muß diese ehrenvolle Aufgabe für die Homöopathie und die ganze Menschheit von deutschsprachigen Homöopathen angegangen und zu Ende geführt werden.

Materia medica: Pulsatilla

Brennen
Typische Schmerzqualitäten von Puls. sind ziehende, reißende, umherziehende Schmerzen, Taubheits-, Schwere- und Bandgefühle und Zerschlagenheitsschmerzen. Aber warum steht Puls. dreiwertig bei „Brennen äußerer Teile“ im Taschenbuch?
Tatsächlich finden sich in der Materia medica von Puls. viele brennende Schmerzen der unteren Extremitäten:
Von der Schulter lief es mit Brennen durch den Arm herab, des Nachts (Hahnemann, Reine Arzneimittellehre (RA) Bd. 2, Nr. 742). Stiche in der Schienbeinröhre aufwärts, mit äusserlich brennenden Schmerzen… (834). Brennender Schmerz auf dem Fussrücken (848). In der Ruhe ein beständiges Brennen und Heisseyn des Fusses, das sich durch Weitergehen vermehrt (857). Im Ballen der Ferse ein brennend stechender Schmerz mit Jücken, wie in erfrornen Gliedern (874). Ein brennender Schmerz in den Fussohlen (870). Flüchtige brennende Schmerzen von den Zehen an bis in den Schooß (881).
Brennende Schmerzen kommen auch besonders bei Geschwüren und vereinzelt in anderen Körperregionen vor (Augen, Wange, Rachen, Mastdarm, Harnröhre, Brustbein usw.).

Hüftschmerzen
Hüftweh, auch langwieriges. Im Hüftgelenke, …zuckender Wundschmerz.

Nase
Die zähe Nasenabsonderung kann ich aus den Primärquellen nicht nachvollziehen. Als einwertiger Eintrag im Taschenbuch müßte es sich um ein Prüfungssymptom handeln, nicht um eine Praxiserfahrung. Wahrscheinlich liegt hier eine Deduktion Bönninghausens vor, abgeleitet aus Symptomen wie: Verstopfung der Nase, … mit Ausschnauben dicken, gelben, undurchsichtigen Schleimes, wie bei altem Schnupfen.
Auch Boger führt Puls. im General Analysis in der Rubrik „Zäh, klebrig, fadenziehend“ zweiwertig auf.

Gefühl eines Haares
Der einwertige Eintrag im Taschenbuch in der Rubrik „Gefühl wie von einem Haar“ findet sich als Prüfungssymptom am Auge: Drückend brennender Schmerz im Auge, als ob ein Härchen hineingefallen wäre (RA 2, Nr. 124).
Hinweise auf den Husten der Patientin mit dem Gefühl wie von einem Härchen oder wie ein Kratzen im Hals geben die Symptome: Husten, von Trockenheit und Kratzen im Hals; von Jücken in der Luftröhre…; von Kitzel in der Gegend des Schildknorpels…; von Schleimanhäufung und Kitzel in der Luftröhre.

Knacken der Gelenke
Knacken in den Schulterblättern bei der mindesten Bewegung, früh (RA 2, Nr. 680). Im ersten Halswirbel ein unschmerzhaftes… Knacken, wenn man den Kopf bewegt (696). Knacken in den Knieen (807).

Ekzem
Jücken, …*beißendes hier und da, …beim Warmwerden im Bette, …durch Kratzen erhöht und die ganze Nacht nicht schlafen lassend, auch am Tage…

 

Mittelgabe
Pulsatilla Q6 (Gudjons) jeden Abend 5 Tropfen in ein halbes Glas Wasser, davon 1 TL. Absetzen des Nuva Rings am Zyklusende.
Die Behandlung mit Pulsatilla Q 6, Q 9 und Q 18 erfolgte von Ende Mai 2005 bis Oktober 2006.

Follow-up

Unter der Behandlung mit Pulsatilla Q6, Q9 und Q18 von Ende Mai bis Oktober 06 zeigt sich folgender Verlauf:
In den ersten Tagen nach Beginn der Einnahme der Q6 tritt ein heftiges Jucken am ganzen Körper, v.a. an der Kopfhaut auf. Der Juckreiz dauert ca. acht Tage und verschwindet wieder. Das Asthma und die nächtlichen Anfälle von Husten und Atemnot verschwinden vollständig innerhalb von sechs Wochen. Die Nase ist weniger verstopft. Die Patientin hat keine Mundaphthen mehr, es bestehen weder Übelkeit noch der aufgeblähte Bauch. Kein Brennen der Gelenke oder der Beine bei Anstrengung, auch die brennenden Hüftschmerzen verschwinden. Das Knacken der Gelenke wird schwächer und seltener. Keine Kniebeschwerden mehr, keine morgendliche Taubheit einer Hand. Nur einmal noch, Anfang August, hat Frau E. brennende Schmerzen der Beine beim Fahrradfahren.
Stärkere Gereiztheit vor und während der Regel, aber keine Kopfschmerzen mehr. Einige Pickel im Gesicht vor der Regel, und vermehrte Schmerzen bei der Regel > durch Wärme. Diese Veränderungen sind kein schlechtes Zeichen, ich führe sie auf das Absetzen der Antikonzeptiva nach 10-jähriger Einnahme zurück. Die Blutung bekommt eine normale Farbe und ist nicht mehr wässrig. Trockenheit der Scheide besser. Nur noch wenig Ausfluss.
Obwohl in der Materia medica kaum vertreten, verschwindet auch das Ekzem am Handrücken, erst links, dann rechts. Kein Angstträume mehr, kein Nachtschweiß, keine schwitzigen Hände, Schlaf viel besser.

Das Zähneknirschen ist unverändert. Bei der Patientin muss eine tuberkulöse Belastung infolge BCG-Impfung, positiver Tuberkulinprobe und Tuberkulose des Großvaters angenommen werden. Diese tuberkulöse Diathese ist eine zweite unähnliche Krankheit im Organismus und erzeugt eine Reihe von Tuberkulinum-Symptomen wie die extreme Infektanfälligkeit in der Kindheit, Allergien (Hausstaub, Sonne), Ekzem, Zähneknirschen, Nachtschweiß, Angstträume und das Verlangen nach kalten Getränken. Das ist der Grund, weshalb ich das Fehlen von Puls. in der Rubrik „Zähneknirschen“ zunächst vernachlässige. Die tuberkulöse Belastung behalte ich während der Behandlung im Hinterkopf . Falls das angezeigte Mittel einmal nicht helfen sollte, ist bei Frau E. Tuberkulinum als Zwischenmittel angezeigt, um das Heilungshindernis ihrer tuberkulösen Vorbelastung auszuräumen.

Dies ist in dieser Behandlung nicht nötig:
Ihre Stimmung bessert sich deutlich, sie ist nicht mehr so traurig. Gewitterangst weniger.
Ende August  nimmt sie an einem Marathonlauf teil und hat auch dabei keine Atembe­schwerden. Kein Husten mehr. Im September setzt sie CitalopramÒ problemlos ab. Aufgrund ihrer Beschwerdefreiheit vereinbaren wir im Oktober 2006, die Behandlung zu beenden. Im Juli 2007 höre ich von Frau E.´s Freund, dass es ihr sehr gut geht, sie hat kein Asthma, keine körperlichen Beschwerden, keine psychischen Probleme.

Fazit

In fast jedem chronischen Krankheitsfall müssen zur vollständigen Ausheilung mehrere Arzneien gegeben werden. Das liegt nicht an einer fehlerhaften Mittelwahl, sondern in der Natur der Heilung chronischer Krankheiten begründet. Die Idee, man müsse nur das eine einzig richtige Konstitutionsmittel für den Patienten finden und alles, einschließlich der Geistes- und Gemütssymptome wird gut, ist ein Traumbild und entspricht nicht der Realität der täglichen Praxis. Aber es gibt solche Fälle, und sie sind lehrreich.

Literatur

Bönninghausen  Cv: Bönninghausens Therapeutisches Taschenbuch, Revidierte Ausgabe. Hrsg. K.-H. Gypser. 1. Aufl., Stuttgart: Sonntag; 2000.
Boger CM:  General Analysis (GA). Hrsg. N. Winter. Karlsruhe: Schule f. Klass. Homöopathie (11925 Parkersburg, U.S.).
Clarke  JH: Der Neue Clarke (CNC). Übers. P. Vint. Bielefeld: Silvia Stefanovic; 1990.
Hahnemann  S: Die chronischen Krankheiten (CK). Band 1-5. Heidelberg: Haug; 1995 (11835-39 Dresden und Leipzig).
Hahnemann  S: Organon der Heilkunst (ORG). Hrsg. J.M. Schmidt. Heidelberg: Haug; 1992 (11842 Paris).
Hahnemann  S: Reine Arzneimittellehre (RA). Band 1-6. Heidelberg: Haug; 1995  (11825 bis 1833).
Jahr  GHG: Ausführlicher Symptomen-Kodex der homöopathischen Arzneimittellehre  (JSK). Hamburg: B.v.d. Lieth (11848 Leipzig).
Kent  JT: Kent’s Arzneimittelbilder. Übers. E. Heits. 5. Auflage, Heidelberg: Haug; 1985.
Kent  JT: Kent’s Repertorium der homöopathischen Arzneimittel (KD). Hrsg. G.v. Keller u. J. Künzli. Bd. 1-3. 9. Aufl., Heidelberg: Haug; 1986 (11897 Lancaster, U.S.).
Klinkenberg  CR: Akutfälle nach Bönninghausen. Teil 1. ZKH, 2004; 48: 101-108.
Schroyens  F: Synthesis Repertorium. Radar for Windows 8.1. Greifenberg: Hahnemann
Institut.

 

Dr. med. Carl Rudolf Klinkenberg
Thiebauthstr. 2
76275 Ettlingen
doc@klinkenbegr-homoeopathie.de

 

Dr. med. Carl Rudolf Klinkenberg, Jahrgang 1961, praktiziert seit 1986 Homöopathie. Er lernte bei Will Klunker, Klaus-Henning Gypser, Raimund Kastner und anderen.
Seine wissenschaftliche Promotion hatte das Thema Therapie von Knochenkrebs bei Kindern. Regelmäßig schreibt Dr. Klinkenberg in der Zeitschrift für Klassische Homöopathie über Krebsbehandlung, ADHS, schwerkranke Kinder und psychische Krankheiten. 1999 wurde ihm auf der Medizinischen Woche, Baden-Baden der 1. Emil-Schlegel-Preis verliehen. Er ist weltweit als Referent auf medizinischen Kongressen und Seminaren gefragt. Dr. Klinkenbergs Methode ist an die Methode Hahnemanns, Bönninghausens, Kents und Bogers angelehnt.
Dr. Klinkenberg ist Präsident des International Hahnemann Congress, den er gegründet hat und der im September 2007 in Ettlingen stattfindet.

Der Nuva Vaginalring enthält zwei Depots, aus denen kontinuierlich Gestagene und Östrogene freigesetzt werden. Der Ring wirkt ähnlich wie die Pille. Er wird nach drei Wochen entfernt, nach einer Abbruchblutung wird eine neuer Ring eingeführt.

Das Wort „Metaschematismus“ leitet sich von metaschematizo, gr. verändern, umgestalten ab, das sich aus den Wörtern metá (gr.: nach) und schema (gr.: Aussehen, Gestalt) zusammensetzt. Hiermit ist der Gestaltwandel einer Krankheit in eine andere gemeint. Hahnemann, S.: Organon E35, §199 und §205 Fußn.

Bei der Atemnot von Frau E. in feucht-kalter Luft und dem Husten < in feuchter Luft könnte hier auf die unvollständige Rubrik „Husten < in feuchtkalter Luft“ (Kent´s Repertorium, Bd. 3, S. 369) zurückgegriffen werden. Die klinischen Rubriken wie Asthma nach nasskaltem oder nassem Wetter (Synthesis 8.1) sind unvollständig und daher unsicher.
Die Rubriken „Brennen der Beine“ und „Gliederschmerzen, brennender Schmerz“ (Kent´s Repertorium, Bd. 2, S. 620 und 624) sind im Verhältnis zu diesem unbestimmten Symptom relativ klein und wenig durchgearbeitet (keine dreiwertigen Einträge).

Kent´s Repertorium, Bd. 2, S. 620.

vgl. Klinkenberg C.R.: Akutfälle nach Bönninghausen, Teil 1: ZKH 2004 Bd. 48 S. 102.

Puls. hat Beschwerden nach Unterdrückung eines Exanthems, Folgen von unterdrückter Gonorrhoe, Orchitis und Zystitis, Beschwerden nach Ausbleiben der Menses, Beschwerden durch Abstillen (Clarke J.H.: Der Neue Clarke, Bd. 8, S. 4541, 4542 und 4574).

Jahr G.H.G.: Ausführliche Arzneimittellehre S. 418.

Jahr G.H.G.: Ausführliche Arzneimittellehre S. 407.

„Sticky, stringy, etc.“. Boger C.M.: General Analysis S.33.

Jahr G.H.G.: Ausführliche Arzneimittellehre S. 415.

Jahr G.H.G.: Ausführliche Arzneimittellehre S. 399.

vgl. Kent´s Arzneimittelbilder, S. 769.

Hahnemann: „Wo, wie gewöhnlich, bei der Kur chronischer Krankheiten verschiedne antipsorische Arzneien nöthig sind…“ Hahnemann S.: Chronische Krankheiten, Bd. 1, S. 159.

 

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