Indienreise 2006

Homöopathie steht in Indien in sehr hohem Ansehen und wird von der Regierung gefördert. Die Inder verstehen nicht, daß diese geniale Heilmethode, deren Begründer der Leipziger Arzt Dr. Samuel Hahnemann war, an den deutschen Universitäten kaum gelehrt wird und noch dazu viele Gegner hat. Karl Carstens, deutscher Bundespräsident 1979 bis 1984

 

Claudia und Carl Rudolf Klinkenberg besuchten vom 16.12.06 bis 2.1.07 homöopathische Praxen, Kliniken, Colleges und Arzneimittelhersteller auf dem Subkontinent. Sie hatten während ihres Aufenthaltes 20 TV-Auftritte und 3 TV-Interwies über Homöopathie. Dr. Carl Rudolf Klinkenberg war als Redner auf dem All India Homoeopathic Congress 2006 eingeladen.

Von Claudia Klinkenberg

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Über Weihnachten und Neujahr 2006 reiste ich mit meinem Mann Dr. med. Carl Rudolf Klinkenberg nach Südindien, Kerala, Aurangabad und Bangalore.

In Indien praktizieren 200.000 homöopathische Ärzte, in keinem Land der Welt gibt es so viele Homöopathen. Im Südwesten liegt Kerala, ein Küstenstreifen geprägt von breiten Wasserkanälen im Hinterland, Dschungel, Landwirtschaft und Kokospalmen. Kerala braucht den Vergleich mit westlichen Ländern nicht zu scheuen, hier werden die höchsten Löhne Indiens bezahlt. Lebenserwartung und Alphabetisierungsquote sind so hoch wie in den USA. Für 32 Millionen Einwohner gibt es ca. 47.000 allopathische, 12.000 homöopathische und 3.500 ayurvedische Krankenhausbetten.

Am 16.12. landen wir in Kochi, genießen Fort Kochi mit seinem Strand und den malerischen chinesischen Fischernetzen. Am 18.12. reisen wir mit dem Intercity-Express nach Norden. Für 150 km bis Kozhikode braucht der „super fast train“ vier Stunden, Kosten: 2,70 € für zwei Personen. Indische Züge sind zugig und überfüllt. Trauben von Menschen hängen in den offenen Türen. Zum Ausgleich gibt es frische Snacks, heißen Tee, Kaffee, Zeitungen, nette Gespräche und ab und an ein hübsches Lied von einem Bettler gesungen.

Kozhikode gilt als Hochburg der Homöopathie. Wir sind Gast bei Dr. Vidya Prakash und seiner Familie. Er führt mit seinem Bruder Dr. Prem Prakash in der dritten Generation eine große homöopathische Praxis. Die beiden Ärzte behandeln etwa 100 Patienten am Tag. Eine homöopathische Apotheke ist integriert, wie in Indien generell üblich. Ihr Großvater lernte die Homöopathie Anfang des letzten Jahrhunderts von einem schweizerischen Missionar, der Vater gründete das erste homöopathische Krankenhaus in Kerala.

Die Erstanamnese wird mit einem Fragebogen vorbereitet und dauert bei einem der beiden Brüder ca. 10 Minuten. Die Behand­lungs­verläufe bei chronischen Krankheiten sind erstaunlich schnell. Es werden häufig Zwischenmittel gegeben, Heilungshindernisse und konstitutionelle Merkmale werden in die Mittelwahl einbezogen. Oft wird eine Hochpotenz als konstitutionelles oder „miasmatisches“ Mittel gegeben und der Patient mit seinem chronischen Heilmittel nach Hause geschickt, das er nach ein paar Tagen nehmen soll. Die follow-ups machen eine guten Eindruck.

In Kozhikode steht eines der fünf homöopathischen Medical Colleges des Bundesstaates. An dem Tag, an dem wir es mit dem Dekan des Colleges Prof. Dr. Abdul Rehman besichtigen, findet in der Aula gerade die Weihnachtsfeier der Studenten mit Musik und viel Kuchen statt. Dort singt der „German Doctor“ Carl „silent night“ und beantwortet viele Fragen der selbstbewussten und hellwachen Studenten und vor allem Studentinnen.

Das homöopathische Medizinstudium ist in vielen Fächern mit dem allopathischen identisch, aber statt Pharmakologie lernen die Studenten ausführlich Materia medica, im Lehrplan sind allein für ein Mittel wie Sepia 36 Stunden vorgesehen.

In der Qualität der Ausbildung gibt es große Unterschiede in diesem riesigen Land, es gibt sehr gute, aber auch sehr schlechte Colleges. Das Gleiche gilt auch für die Behandlung. Einige Homöopathen arbeiten mit Komplexmitteln oder verschreiben gleichzeitig mehrere Hochpotenzen, die nach Keynotes zusammengestellt und über Wochen dreimal täglich eingenommen werden.

Ein Krankenhaus mit 100 Betten und grosser Tagesklinik, in der ca. 350 Patienten täglich homöopathisch behandelt werden, ist dem College angeschlossen. Die leistungsfähige und moderne Institution wird von der keralischen Regierung genauso gefördert und bezahlt wie allopathische und ayurvedische Kliniken, wir sind beeindruckt.

Von Kozhikode geht es am 22.12. per Flugzeug nach Aurangabad zum 15. All India Homoeopathic Congress der HMAI (Homeopathic Medical Association of India).

Unser Hotel lasse ich anonym. So bewahre ich den geneigten Leser vor der Gefahr, dort abzusteigen. Die homöopathischen Ärzte stören sich nicht an ein paar kleinen Viechern im Hotel. Sie machen es sich in den Mehrbettzimmern bequem, die kollegiale Geselligkeit genießend. Die Konferenz ist nicht nur Fortbildung und Arbeit, sondern auch Party.

Den Kongress besuchen 5000 Teilnehmer, davon 4000 Studenten – für europäische Verhältnisse eine fantastische Zahl.

Am Weihnachtsmorgen verteile ich auf dem Gelände Infomaterial über den International Hahnemann Congress, der 2007 in Ettlingen stattfinden wird, und über die Reise auf Hahnemanns Spuren. Ich stehe in der prallen Sonne in einer großen Menschentraube, alle  wollen das Heft und fragen: Was kostet es? Bald dämmert es mir, dass nur das Heft gemeint ist und nicht die Reise. Ich will über die Konferenz und die Reise informieren und die Menschen hier interessieren sich für das Heft aus Germany mit den schönen Bildern von Hahnemanns Stätten. Mein Stand ist ein voller Erfolg, die Hefte gehen weg wie warme Semmeln. Tröstlich, wenn ich daran denke, dass durch meinen Einsatz so viele Studenten in jenem fernen Land genauestens über den Kongress informiert sind.

Beim Auschecken aus unserem liebenswerten Hotelchen habe ich ein typisches Erlebnis. Das Zimmer ist bereits bezahlt, da mein Mann als Kongressredner eingeladen war. Als ich das Essen bezahlen will, besteht ein mir unbekannter Herr darauf, unsere Rechnung zu übernehmen. „Guest is god.“ Es geht eine Weile hin und her, aber ich spüre es wäre nicht in Ordnung, die Einladung abzulehnen.

Nach der Konferenz stehen die berühmten Höhlen von Ellora und Ajanta auf dem Plan, ein absolutes Muss jeder Indienreise. Ich entschließe mich jedoch zu einem gründlichem Studium der Wandkacheln in der Toilette des Luxushotels, in das wir nach der Konferenz umgezogen waren.

Die nächste Station unserer Reise ist Bangalore, das Silicon Valley Asiens, wo wir bei einem befreundeten Homöopathen und seiner Familie eingeladen sind. Die Hauptstadt Karnatakas hatte ich im Jahr 2000 das letzte Mal besucht und teilweise jetzt nicht mehr wiedererkannt. Die jungen Menschen, die für amerikanische Firmen arbeiten, haben amerikanische Arbeitszeiten, sie arbeiten nachts. Dieser Umstand, und dass sie das Dreifache ihrer Väter verdienen, verändert die Gesellschaft. In dieser Stadt bricht das alte Wertesystem, wo Ehen von den Eltern arrangiert werden, auf.

In Whitefield, einem Vorort, besuchen wir Dr. Issac Mathai auf seiner exklusiven Oase „Soukya“. Soukya, das ist Ayurveda Klinik, Homöopathie Klinik, Wellnessparadies und Luxushotel in Einem. Hier in Soukya können Sie am Tag das 1000fache von jenem Hotel in Aurangabad ausgeben. Wer sich das leisten kann, bekommt eine ärztliche Topbehandlung in paradiesischer Umgebung.

Dr. Mathai macht die Erfahrung, dass nach einer ayurvedischen Reinigungsbehandlung homöopathische Hochpotenzen ihre Wirkung noch schneller und tiefer entfalten. Eine Erstanamnese bei ihm dauert zu vier Stunden.

Die Klinik ist eine sinnvolle Einrichtung. Mit uns ist gerade die Königsfamilie aus Dubai und der Besitzer des grössten indischen Verlagshauses als Patienten zu Gast. Je mehr positive Erfahrung sie hier machen, um so mehr fördern sie auf politischer und gesellschaftlicher Ebene alternative Heilmethoden. Neben Soukya besitzt Dr. Mathai mehrere homöopathische Kliniken, davon zwei, in denen arme Menschen kostenlos homöopathisch behandelt werden.

Von Bangalore geht es weiter nach Wyanad, in die hohen Berge, wo wilde Elefanten und Tiger leben. Es sind angeblich nur fünf Stunden Taxifahrt in Richtung Süden. Vorsichtshalber buche ich auf halbem Weg, in Mysore, ein Hotelzimmer. Und richtig, die Fahrt dauert dreimal so lang. Vielleicht liegt es daran, dass auf indischen „Autobahnen“ so viele Fußgänger herumlaufen. Und das liegt wahrscheinlich daran, daß Indien so überbevölkert ist. Irgendwo müssen die ganzen Menschen ja hin, warum nicht auf die Autobahn.

In Mysore steht ein berühmter Maharadjapalast, und da wir hier keinen Homöopathen kennen, schauen wir uns den Palast an. Der 29. Dezember ist ein heißer Tag. Ich wickle mich wie jeden Morgen in einen Sari, das traditionelle Frauengewand Indiens. Auf dem Vorplatz gibt es Fotoshootings, German Doctor mit Lady im leuchtend roten Sari im Kreis einheimischer Familien. Im Inneren des Palastes, der wirklich sehenswert ist, falls man gerade keinen Homöopathen besuchen kann, werden wir mehr besichtigt als wir besichtigen. Ein zehnjähriges, sehr hübsches Mädchen hat sich an meine Fersen geheftet, Meera. Wenn sie groß ist, will Meera Software Engeneer in Bangalore werden und, weil sie dann sehr viel Geld verdient, nach Germany reisen. Ihr Vater arbeitet als Polizist auf dem Palastgelände. Sie ist unsere Führerin durch die Säle und Tempel. Mit Nachdruck bekennt sie: „I am so proud of you“.

In Wyanad treffen wir zwar keine Elefanten, aber immerhin, aus gebühr­ender Entfernung, eine riesige Spinne. Mitten im Dschungel geben Vidya und Prem Prakash eine Party für uns. Mit Jeeps fahren wir nachts über nicht existierende Wege und waten durch existierende Flüsse bis an ein völlig einsames Wochenendhaus an einem Flussufer. Mit Karaoke aus großen Boxen beschallen wir den Urwald. Viel geschlafen haben wir wieder nicht, aber viel erlebt.

Zum Abschluß machen wir einen dreitägigen Stopover in Doha, Qatar, einem Zwergstaat am persischen Golf. Im reichsten Land der Welt, in einer für uns irrealen Umgebung, im Hotel Intercontinental am Strand, liegen wir drei Tage herum bzw. versuchen, das Buffet aufzuessen, bis uns das Flugzeug am 5. Januar in unseren Alltag zurückbringt.

Es ist uns, als seien wir drei Monate weg gewesen.

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