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Meine sehr verehrten Damen und Herren, Kolleginnen und Kollegen, Homöopathen und Nicht-Homöopathen, Bekannte und Nicht-Bekannte! Wenn wir zu dieser feierlichen Stunde – und ich meine, nur das hat wirklich Bedeutung, meine Damen und Herren! Denn Sie sind sicherlich nicht nur gekommen, um diese neuen, schönen Räume hier zu sehen? Nein, das sind Sie nicht – und schon Goethe fragte es einst, brennend interessiert daran zu wissen: Wie läuft eine homöopathische Behandlung denn eigentlich ab? Was erwartet den Patienten, wenn er zu einem homöopathischen Arzt in Behandlung kommt?

Damit Sie nun, meine sehr verehrten Damen und Herren, und ich verzichte auf jedwede ausschweifende Weitschweifigkeit. Damit Sie also die homöopathische Erstanamnese, die Fallaufnahme, also die homöopathische Fallaufnahme im Speziellen und die klassisch homöopathische Art des Vorgehens im Besonderen kennenlernen … (Absetzen) mögen – durch oder besser im Sinne der medizinischen Standardisierung und Glaubwürdigkeit als Selbstverständnis meiner Arbeit im Geiste einer richtig­verstandenen Medizin (Luftholen) – werde ich Ihnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, Kollegen und Kolleginnen, Homöopathen und Nicht-Homöopathen, Bekannte und Unbekannte, im folgenden ein solches Erstgespräch demonstrieren:

(Kleiner Tisch, links ein Stapel Unterlagen, mehrere übergroße, dicke Bücher; unter dem Tisch ein Stapel Papier; Arzt (Dr) sitzt, Patientin (P) kommt herein. Betonungen in kursiv)

P: Guten Tag.

Dr: Ach guten Tag, Frau (schaut hektisch nochmal in seinen Terminkalender), Frau Schmitt (lächelnd).

P: Ich hatte einen Termin um 12.23 Uhr.

Dr: Ja, einen kleinen Moment (schaut auf die Uhr). Es ist 12.22 – in einer Minute bin ich soweit. (sucht ein Blatt Papier, erst auf dem Tisch in einem Stapel, dann) „Verzeihung“ (kriecht unter den Tisch und wühlt und kommt mit einem Papier wieder hoch). So, Frau (schaut noch einmal ganz schnell in den Terminkalender) … Frau … Schmitt. Jetzt sagen Sie mir doch mal: Wegen welcher Beschwerden suchen Sie meine Behandlung?

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P: Herr Doktor, wenn ich mir die Zähne putze, kribbelt´s mir im rechten Arm (zeigt es) und dann es zieht mir ins Kreuz, sodaß ich mich richtig zusammenkrümmen muß.

Dr: Ein sehr gutes homöopathisches Symptom! Also (schreibt): Sie haben sich mal die Zähne geputzt …

P: (unterbricht, etwas gereizt)  Ich putze mir immer die Zähne!

Dr: Ja, selbstverständlich putzen Sie sich immer die Zähne!  Also (schreibt): Beim Zähneputzen, immer, mit dem rechten Arm, schießt es Ihnen ins Kreuz, obwohl Sie sich sofort zusammenkrümmen und …

P: (unterbricht)  Herr Doktor! (Pause) Nicht, obwohl ich mich krümme, sondern weil ich mich krümme, … Entschuldigung, weil ich mir die Zähne putze, muß ich mich zusammenkrümmen.

Dr: (wirft ein, onkelhaft, etwas besserwisserisch)  Tja, Frau Schmitt, man sollte sich eben nicht zu häufig die Zähne putzen!

P: Ja nun, das leuchtet mir ein, aber …  (Pause. Setzt neu an)  Herr Doktor, vielleicht habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt, also: (spricht konzentriert, zunächst langsam)  Ich putze mir – gelegentlich – die Zähne, (jetzt schneller werdend) und nur dann, wenn ich mir die Zähne putze, krümme ich mich zusammen, weil mein Kreuz kribbelt und ich … (weiß nicht weiter und überlegt), ach … (zunehmend verzweifelt), ich bin schon ganz durcheinander!

Dr: Immer mit der Ruhe, Frau Schmitt, wir kriegen das schon. Genau das sagte ich doch eben: Es kribbelt Ihnen im Kreuz bis in die Arme, weil Sie sich die Zähne putzen, und dann krümmen Sie sich zusammen, nicht wahr?  Eben weil Sie sich beim Zähneputzen zusammenkrümmen, obwohl Sie sich einfach nur die Zähne putzen, stimmt´s?

P: (fast am Ende)  Na ja, so ungefähr. Herr Doktor, kann man so etwas denn mit dieser Hö-mo-pathie heilen?

Dr: Also, Frau Schmitt, die klassische Homöopathie, also die Homöopathie nach Hahnemann klassisch, ich meine die klassisch Homöopathische, äh klassischer Hahnemann … Sie wissen schon … die … Dings da, unterscheidet sich grundlegend von der nicht-klassischen Homöopathie, also der Homöopathie ohne Klassisch. Und in dieser Hömopathie ist es sehr wichtig, daß Sie ihre Symptome ganz genau beschreiben.

P: (richtet sich im Stuhl auf)  Ja natürlich, Herr Doktor, aber ich habe Ihnen doch genau meine Beschwerden geschildert und …

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Dr: (unterbricht und besserwisserisch)  Frau Schmii-it, hören Sie mir überhaupt zu???

P: (ernüchtert, kleinbeigebend)  Ja. Natürlich.

Dr: Dann bitte unterbrechen Sie mich nicht ständig! (Pause) Ich schaue jetzt in meinem besten Buch, dem „Großen Buch aller Arzneisymptome“ nach, was sich finden läßt.  (Steht auf) Würden Sie mir bitte kurz helfen? Homöopathische Bücher sind sehr schwer. (Beide tragen zusammen das riesige Buch auf den Tisch)

Dr: (im Buch suchend spricht er noch mit P)  Wissen Sie, wir Homöopathen erfassen alle Symptome ganz genau. Was der Patient uns mitteilt, ganz gelassen und in Ruhe. (murmelt leise – im Buch suchend – vor sich hin)  So, schauen wir mal, ob wir das finden: Kribbeln in den Zähnen beim Putzen mit dem Arm, gleichzeitig … (Pause, Blättern) … gleichzeitig: Zusammenkrümmen der Wirbelsäule im rechten Kreuz. (schaut empört auf, etwas wütend)  Hör´n Sie mal! Dieses Symptom giiibt es überhaupt nicht! Sie haben sich geirrt!

P: (erbost, steht auf)  Was? Gibt es nicht? Aber immer beim Zähnep…

Dr: (unterbricht, steht auch auf, auch erbost! Stehen sich gegenüber und schauen sich in die Augen) Versetzen Sie sich mal in meine Lage: Ich muß ein Mittel für Sie finden, und dieses Symptom steht hier gar nicht!! Es wurden schon hunderte, tausende Arzneiprüfungen gemacht von tausenden freiwilligen Personen und dieses Symptom ist dabei nie, aber auch nie aufgetreten (wird immer lauter), und jetzt kommen Sie (zeigt auf sie) daher und behaupten, Sie hätten Zähne­putzen mit Kribbeln oder was weiß ich denn!!?

P: (versucht einzulenken)  Herr Doktor …

Dr: (unterbricht wieder)  Was glauben Sie, was für eine Arbeit das war: Diese ganzen Arzneiprüfungen! Unermeßliches Leid! Furchtbare Symptome wurden da ertragen. Und jetzt kommen Sie … Sie kommen (fängt an zu schluckzen) … und gehen einfach darüber hinweg! (beide setzen sich wieder)

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P: (etwas verwirrt)  Es tut mir ja sehr leid, Herr Doktor, aber dieses Ziehen im Kreuz …

Dr: Aaha!!  Also jetzt … ein Ziehen im Kreuz! Erst krümmen Sie ihre Wirbelsäule. Dann putzen Sie sich die Zähne. Und jetzt, jetzt zieht es im Kreuz!? Also Frau Schmitt, Sie wissen aber auch nicht, was Sie haben!! Also gut. (er sucht wieder im Buch; interessiert, redet vor sich hin)  Ziehen im Kreuz – ein seltenes, wirklich einzigartiges Symptom. Und (wieder in nettem Tonfall, sucht aber trotzdem weiter im Buch) … jetzt beruhigen Sie sich bitte! In einer homöopathischen Praxis braucht man sich doch nicht so aufzuregen! Die Homöopathie ist eine nüchterne, wissenschaftliche Arbeit, ganz patientennah … (schaut dabei nicht auf und sucht immer noch). Hier! Ich hab´s, ich hab das Mittel: Hören Sie, wie es hier in der Original-Arzneilehre steht: „Ziehendes Zahnweh, vorzüglich rechts, in einem hohlen Zahne, unter klagendem Gemüthe, voller Vorwürfe und Verzweifelung …“  das paßt doch!  Und hier: (sucht mit dem Zeigefinger, spricht schneller) „Ziehend zuckendes Stechen im Kreuze bis in den Arm hinein, zum Krummsitzen nöthigend, spannendes Schneiden, kollerndes Zucken und Zusammenziehen desselben, … (sucht weiter)  Oder hier: „Ziehen und Drücken unter dem Kreuze, mit Zusammenkrümmen der Zähne …“ – das haben Sie doch, oder??  (wartet keine Antwort ab, immer schneller) „schmerzhaftes Kriebeln und Klemmen daselbst, laut über Schmerzen klagend, mit …“ … ja das ist ja exakt Ihr Symptom: (langsam) „… mit Verkrümmung der Rückenwirbel beim Putzen, vorzüglich bei großer Reizbarkeit …“ – Großartig!! Genau das Mittel!  Also, (Pause) die passende Arznei ist eindeutig Nux vomica !

So, Frau Schmitt. Jetzt erkläre ich Ihnen, wie Sie die Arznei bitte einnehmen. Die Dosierung ist nämlich schon sehr wichtig in der Homöopathie. (er baut 10 Plastikbecher nebeneinander auf) Man sagt ja: „In der Kürze liegt die Würze.“ Ich sage: „In der Klarheit liegt die Kürze, äh … die Würze.“  Wissen Sie – das ist übrigens ein Service unserer Praxis. Ich erkläre Ihnen das jetzt persönlich, damit es wirklich haften bleibt. Also: Bitte jeden Abend (stellt immer noch die Becher hin) die Arznei einnehmen …

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Sie brauchen diese 10 Becher, um die für Sie optimale Dosierung zu erhalten: Alle Becher mit Wasser halb füllen, so … (füllt alle Becher).  Sie kennen doch die Geschichte da, äh mit dem Tropfen im Bodensee usw. (schaut sie fragend und etwas schief an, sie nickt). Also gut (belehrend): Um einen weiteren Wirkstoffverlust zu vermeiden… Tun Sie bitte fünf Globuli … also Kügelchen der Arznei direkt in den ersten Becher. Jetzt gut umrühren …, jawohl, und … aufgepaßt!! Einen Teelöffel davon in den zweiten Becher (sie fängt an hastig abwechselnd zu schauen und mitzuschreiben).

Gut umrühren. So… (rührt). Davon zweieinhalb Teelöffel bitte in den vierten Becher. Umrühren …, jawohl (allmählich schneller werdend). Einen Teelöffel in den zweiten Becher. Dann, bitte aus dem fünften Becher (noch hektischer) … Frau Schmi-itt! Bitte aufpassen! Aus dem fünften Becher nehmen Sie zwei Teelöffel in den zweiten Becher – das ist eine weitere Verdünnung. Und der Rest ist ganz einfach: Zwei Teelöffel in den sechsten, einen Teelöffel in den siebten Becher, und … ganz wichtig! Bitte merken: Jeden zweiten Abend den achten Becher überspringen. Aber jetzt also: Einen Teelöffel in den achten Becher – denn heute ist ja der erste und nicht der zweite Abend! (spricht immer schneller) Drei Teelöffel in den neunten Becher. Bitte immer gut umrühren!! Und jetzt nehmen Sie bitte einen Teelöffel …, einen Teelöffel aus dem zehnten Becher. Jawohl … , bitte zwei Minuten im Mund behalten und dann herunterschlucken. Haben Sie alles verstanden?

P: Ja, soweit ich …

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Dr: (wartet ihre Antwort nicht ab)  So … (leert die Becher in der Schüssel aus und drückt Ihr sie ihr alle auf einmal in die Arme, dazu noch stapelweise Unterlagen, teilweise purzeln ihr die Becher herunter), bitte lesen Sie sich das alles ganz genau durch  … einige Infoblätter. Das ist auch ein Service unserer Praxis.

Haben Sie noch Fragen?

P: Nein, ich glaube, … soweit, Herr Doktor …

Dr: Dann wünsche ich Ihnen alles Gute. Auf Wiedersehen!

P: Auf Wiedersehen.

 

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