Zwei Tuberkulinum- Fälle

erschienen in der Zeitschrift für Klassische Homöopathie, 2003; 47: 163 – 177

von Dr. med. Carl Rudolf Klinkenberg

Zusammenfassung

Fallbeschreibung von zwei Jungen mit chronischen Folgen nach BCG-Impfung und familiärer Tuberkulose. Der Heilungsverlauf unter Tuberkulinum wird beschrieben, die Materia medica-Quellen der Arznei untersucht. Weitere Themen sind die Erblichkeit infektiöser Krankheiten sowie die Bedeutung einer infektiösen Diathese für die Arzneiwahl.

Schlüsselwörter
Tuberkulinum, Bacillinum, Nosoden, tuberkulöse Diathese, BCG-Impfung, Vererbung, Materia medica, spezifische Infektion.

Chronische Folgen der BCG-Impfung

Am 9.03.2001 wird der 8jährige Tobias mit ausgeprägter Hyperaktivitätsstörung vorgestellt.
Die ersten Symptome begannen mit 3 Jahren. Die Eltern berichten, er sei sehr unruhig, habe immer etwas zum Spielen in der Hand und könne nicht ruhig sitzen. Nervös, unkonzentriert, wechselhaft. Für vieles interessiere er sich mit Feuereifer und kurz darauf habe er es vergessen. Er wirke oft abwesend, wie ganz woanders.
Er sei sensibel, nehme sich vieles sehr zu Herzen wie z.B. einen Bericht im Fernsehen über ein ermordetes Kind. Ziehe sich in ein kindliches Gehabe und Verhalten wie ein Baby zurück. Oder er spiele den Kasper und habe ein großes Mundwerk. Die Mutter meint, ihm fehle Selbstvertrauen, was er überspiele.

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Blühende Phantasien von Monstern und gruseligen Geschichten. Alpträume: Sieht Menschen als Leichen. Er bringt einen Räuber um. Dinge entfernen sich und kommen wieder zurück. Ein Mörder, der immer größer wird. Sein Kopf wird zusammengequetscht. Aus Angst steht er dann morgens nicht auf und ruft nach seinen Eltern.
Ständige Bewegungen der Zunge, beißt sich auf die Lippen. Störung der Feinmotorik beim Schreiben, Basteln und Spielen. Koordinationsschwierigkeiten beim Turnen.
Großes Süßverlangen. Schwitzt stark bei Anstrengung, besonders am behaarten Kopf. Kalt-feuchte Hände. Die Haut an den Oberarmen ist grießelig. Auffallend rote Lippen bei blassem Gesicht.
Im Alter von 6 Wochen antibiotisch behandelter Harnwegsinfekt, deshalb abgestillt. Freies Laufen mit 19 Monaten. Ein bis zweimal im Jahr Husten oder spastische Bronchitis. Laut Kinderarzt dreimal Scharlach ohne Hautausschlag mit 3, 4 und 7 Jahren.

Impfungen: BCG-Impfung 4 Tage nach Geburt, Merieux-Test 3 Monate später positiv. Zwischen 3. Lebensmonat und 7 Jahren Impfungen gegen Polio, Diph., Tet., Pert., Hib, HepB und MMR. Familiäre Erkrankungen: Beide Geschwister des Vaters – Neurodermitis. Der Kinderarzt diagnostiziert ein ADHS-Syndrom. Bisherige Therapie (Ergotherapie, Physiotherapie) erfolglos. Tobias soll in zwei Monaten in eine neurologische Spezial-Klinik eingewiesen werden.

Arzneiwahl

Wegen der ausgeprägten körperlichen und geistigen Unruhe und der roten Lippen bei BCG-Impfung vermute ich eine Tuberkulose-Infektion. Nicht nur die Tuberkulose (TBC) selbst, auch der abgeschwächte Krankheitserreger der Impfung ist offenbar in der Lage, chronische Störungen auszulösen, die ich auf eine tuberkulöse Infektion zurückführe. Für die Ausarbeitung wurden u.a. die Repertorien von Murphy und Pennekamp verwendet [25,28], in die klinische Tuberkulinum-Symptome eingearbeitet sind. Tuberkulinum findet sich in folgenden Rubriken:

Restlessness, in children (MMR 239): Tub. (2).
Hyperaktive, hypermotorische Kinder (PKR 85): Tub. (3).
Sensitive children (MMR 240): Tub. (2).
Childish behavior (MMR 1011): Tub. (1).
Ideen Reichtum, Phantasie (PKR 86): Tub. (3).
Gedanken, versunken in, Tagträume (PKR 79): Tub. (2).
Alpträume (PKR 433): Tub. (2).
Discoloration, lips, red (MMR 1126): Tub. (2).
Kopfschweiss (PKR 155): Tub. (1).
Süßigkeiten, Verlangen (SR II 274) [3]: Tub. (2).

Materia Medica

 A very restless feeling, not able to read with profit (Boocock, Bac.). Very weak and nervous, full of anxiety… (Boocock, Bac.). Nervous and irritable (Burnett, BCC 97, Bac.). (Intense restlessness; and inward restlessness. Comprehension and concentration almost impossible. Allen, AN 502).
 Very sensitive mentally and physically (Phatak, PMM 602).
Night very restless; …full of dreams (Boocock, Bac.). (Schreckliche Träume… CNC 6051, Nebel). Dreams… frightful. Awakes in horror (PMM 605).
 Craves cold milk, or sweets (Boger, SK 325).

Die Arzneiwahl Tuberkulinum wird nicht allein durch Symptomenähnlichkeit getroffen, sondern auch durch die spezifische Ansteckung, die durch die Impfung erfolgte. Dieses Vorgehen ist durch die Erfahrungstatsache begründet, dass Tuberkulinum ein verifiziertes Mittel bei tuberkulöser Diathese ist.

Verlauf

12.03.01 Tuberkulinum C1000 (Gudjons) 2 Glob. in etwas Wasser aufgelöst an zwei Abenden. Verbot von Zucker.
29.03. Der Junge ist viel ruhiger. Im Unterricht und beim Spielen mehr Ausdauer und Motivation. Keine Alpträume. Kaum Süßverlangen. Befund: Lippen weniger rot, Gesicht rosiger.
9.04. Rückfall nach einer Tüte voll Süßigkeiten, direkt am nächsten Tag extrem unruhig, unkonzentriert und wieder rote Lippen. Blaß. Zustand fast wie vor der Gabe.
12.04. Unverändert unruhig. Er fragt wieder mehr nach Süßem.
Tuberkulinum C1000 (Gudjons) 1 Glob. unter die Zunge.
8.05. Direkt nach der Einnahme wird er von Tag zu Tag ruhiger und konzentrierter, ähnlich wie nach der ersten Gabe. Weniger blaß.
Vor zwei Wochen hat er bei einem Freund viele Süßigkeiten gegessen, danach wieder zwei Tage unruhig. Keine schweißigen Hände mehr. Die Eltern sagen den Kliniktermin ab.
6.06. Es geht ihm gut. Nicht mehr hyperaktiv. Konzentration und Leistung in der Schule sind wesentlich besser geworden. Kein kindisches Verhalten mehr. Keine Alpträume mehr. Er hat Selbstvertrauen und übernimmt beim Spielen mit seinen Freunden mehr Initiative. Die Sensibilität, wenn z.B. anderen Menschen etwas Schlimmes passiert, ist gleich geblieben. Hin und wieder fragt er nach etwas Süßem. Gesichtsfarbe normal, keine roten Lippen.
21.12.01 Leichte Bronchitis, keine Arzneigabe.
17.04.03 In den letzten zwei Jahren hat sich Tobias normal entwickelt, er hat noch leichte Konzentrationsprobleme, keine Unruhe mehr. Alpträume, schweißige Hände und Infektneigung sind weg, der körperliche Zustand unauffällig.
Eine Weiterbehandlung wäre wünschenswert gewesen, aber die Eltern waren mit der Heilung der dringlichsten Symptome zufrieden.
Auch wenn ich daher nicht von einer vollständigen Heilung spreche, Voraussetzung hierfür wäre ein längerer Beobachtungszeitraum und eine Weiterbehandlung der Restsymptomatik, hat mich die tiefgreifende und anhaltende Wirkung von Tuberkulinum auf das Kind beeindruckt.

Tuberkulöse Diathese

TBC hat die Kraft, den Organismus mit einer bleibenden Störung der Lebenskraft zu hinterlassen. Frühere Homöopathen, z.B. C. M. Boger und E. A. Farrington beobachteten, dass eine konventionell kurierte TBC, die geheilt scheint, nicht wirklich geheilt ist. Sie werde zwar still, aber nicht eliminiert, was sich an Folgekrankheiten und Anfälligkeiten zeige [31].

Die akute Infektion mit Tuberkelbakterien ist unter den guten sozioökonomischen Bedingungen der industrialisierten Länder selten geworden , heute erfolgt die Ansteckung im wesentlichen über drei Wege:
1. TBC der Vorfahren.
2. Eine durchgemachte TBC.
3. Ansteckung durch BCG-Impfung oder Tuberkulin-Test.
Mit Ansteckung bzw. Infektion bezeichne ich im erweiterten Sinne die Übertragung einer Krankheit. Dabei ist der Mensch nicht mit positivem Erregernachweis infiziert, sondern durch eine dynamisch vererbte Diathese (familiäre TBC) oder eine schwelende Infektion (frühere TBC oder BCG-Impfung) chronisch krank. Diese tuberkulöse Diathese hat einen nachhaltigen Einfluss auf den Organismus und muß bei der Arzneiwahl beachtet werden. Tuberkulinum ist eine Arznei, die bei den chronischen Folgen einer TBC-Infektion häufig indiziert ist.


Chronische Folgen von familiärer TBC und BCG-Impfung

Am 16.08.2001 wird der 5jährige Peter mit rezidivierendem Reizhusten vorgestellt. Der Husten trat erstmals im Sommer 2000 nach Aufenthalt in einer feuchten Berghütte auf. Von November 2000 bis April 2001 ständig rezidivierender Reizhusten, oft ausgelöst durch feuchtes oder nebliges Wetter. Husten trocken, < nachts. Nach einem beschwerdefreien Intervall tritt im Juni nach Übernachtung in einer Berghütte erneut ein trockenes Hüsteln auf.

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Diagnose im Universitätsklinikum Tübingen: Hyperreagibles Bronchialsystem. Bisherige Therapien erfolglos, inhalative Kortisontherapie geplant.
Schwitzt leicht bei körperlicher Bewegung. Schweißneigung am behaarten Vorderkopf, auch nachts, und an Oberlippe und Fußsohlen. Ständig feucht-warme Hände und Füße, Füße oft unangenehm heiß. Immer Unwohlsein und Müdigkeit in warmen Räumen, fühlt sich wohl an der frischen Luft. Er friert nie und möchte immer ins Kühle. Abneigung gegen Sonnenhitze. Trinkt nur Kaltes. Warme Speisen lehnt er ab. Besondere Vorliebe für saure, salzige und pikante Speisen, z.B. saure Salatsoße, salzige Brezel, Oliven. Ißt auch gerne Eier und Nudeln.
Reizbarkeit vor Gewitter oder Sturm. Auch bei Vollmond gereizt und sehr unruhiger Schlaf. Psyche sonst unauffällig.
Gesicht blass. Zwei Warzen an der linken Hand. Während des Reizhustens sind Lippen und Lippenrand auffallend rot. Schon während der Zahnung hatte er rote Lippen, außerdem feuerrote, mit rauhen Papeln übersäte Wangen.
Körperlich normal entwickelt. Als Säugling starker Milchschorf. Infektanfälligkeit im Herbst und Frühjahr: Er hatte je dreimal Bronchitis und Otitis und zuletzt mehrere schwere Magen-Darminfekte.

Impfungen: BCG-Impfung 6 Wochen nach Geburt, anschließend lokal kleine eitrige Infektion ohne Fieber. Tuberkulin-Test (PPD) mehrfach negativ. Fünffach-Impfungen gegen Diph., Tet., Pert., Hib, Polio, Impfungen gegen HepB und MMR im 1. und 2. Lebensjahr, zweimalige FSME-Impfung im 4. Lebensjahr. Jeweils bei der ersten Fünffach- und ersten HepB-Impfung hatte er einen halben Tag lang erhöhte Temperaturen, Schlappheit und Muskelhypotonie.

Familiäre Erkrankungen: Gehäuftes Auftreten von TBC in der Familie der Mutter: Großmutter, Großtante, Onkel, Cousin. Die Mutter des Kindes wurde als Säugling gegen TBC geimpft. Der Vater hat Heuschnupfen, Asthma und nimmt Kortison.

Hier liegt eine doppelte tuberkulöse Belastung vor: Familiäre TBC und BCG-Impfung. D. M. Borland schreibt über Fälle dieser Art: „…Es ist angebracht, einige Bemerkungen über Tuberkulinum zu machen. Wenn in der Familiengeschichte eines Kindes Tuberkulose vorgekommen ist, empfiehlt es sich aus langer Erfahrung heraus früher oder später bei der Behandlung eines solchen Kindes unabhängig von dem im spezifischen Krankheitsfalle angezeigten Heilmittel, Tuberkulinum oder Bacillinum (C30, C100, C200, C500 und C1000) als Zwischengabe in vierwöchentlichen Abständen zu geben. Einschränkend muß man dazu sagen, dass oft auch eine einzige Gabe in 6 oder 12 Monaten manches zur Umstimmung durch die Nosode ausreicht“ [7].

Repertorisation

Bei tuberkulöser Diathese erfasse ich, wie in jedem Fall, die Gesamtheit der Symptome und achte genau auf Tuberkulinum-Symptome. Einige fallen sofort auf: Allergischer Husten, Infektanfälligkeit, < Wetterwechsel, schweißige Hände, rote Lippen. Auch wenn die Arzneiwahl getroffen ist, hier Tuberkulinum, repertorisiere ich nach der Erstanamnese. Jetzt sind die charakteristischen Symptome präsent, und die anfangs durchgeführte Reper-torisation gibt für die weitere Behandlung wichtige Hinweise auf Folge- und Zwischenmittel.

Die Repertorisation weist klar auf Phosphorus als Folgemittel. Die Arzneiwahl kann mit hinreichender Heilungsgewißheit wie folgt festgelegt werden:
1.) Tuberkulinum und 2.) ggf. Phosphorus.

Materia medica

Anämic, sickly, pale (BCC 39, Bac.).
Hard dry cough, …more during sleep (GS X 352, Boardman) [16]. Bad cough < at night; wakened by it (BCC 111,172, Bac.). (Trockener Husten nachts. CNC 6045, Nebel). Bad cough of about twelve month´s duration (BCC 116, Bac.).
Perspired profusely (GS X 353, Burnett, Bac.). (Reichlicher Schweiß nach geringer Anstrengung. CNC 6051, Nebel). Sweat; easy; …on hands (SK 326). Perspiration on head (GS X 353, Burnett, Bac.). (Viel Schweiß, besonders am Kopf, nachts. CNC 6051). Heat (SK 326).
Air Hunger. < Close Room. > Open air. < Weather: Damp (cold) (SK 325).
Constant disposition to take cold (PMM 86, Bac.). Takes cold easily; ends in diarrhoea (SK 325). Great susceptibility to taking cold (GS X 353, Burnett, Bac.).

Verlauf

Die meisten Termine sind Telefonate, da die Familie von auswärts kommt.

17.08.01 Tuberkulinum C1000 (Gudjons) 2 Glob. in 3 EL Wasser aufgelöst an zwei aufeinanderfolgenden Abenden. Daraufhin Besserung der Schweißneigung: Schwitzen bei Anstrengung weg, Hände nicht mehr schweißig, Schwitzen nachts >.
14.09. Erkältung mit Fließschnupfen und starker Heiserkeit nach Unterkühlung.
Phosphorus C30 (Spagyros) 1 Glob. pur, dann aufgelöst einige Tage.
20.09. Heiserkeit schnell vergangen, noch etwas Husten. Abwarten.
8.10. Der Husten nach der Erkältung ging nicht ganz weg. Nach Pilzesammeln im Wald ab 3.10. wieder trockener Reizhusten, < 22 bis 24 Uhr und 6 bis 7.30 Uhr, tags selten. Husten und Allgemeinzustand deutlich > im Freien; in warmen Räumen ist er richtig müde und schwach. Viel Durst. Ißt jetzt gerne Obst und saftige Dinge. Wieder schweißige Hände.
Kurz darauf entwickelt sich eine obstruktive Bronchitis, die Mutter gibt ohne Rücksprache Sultanol.

Repertorisation
Air open >, in Room <, Air Hunger SK 19 Tub. (3).
Verlangen nach Obst SR II –

Materia medica
Slight hacking cough (hackender Husten), continuing all day, < at bedtime and on rising (GS X 352, Burnett, Bac.). (Durst: extrem, Tag und Nacht. Trockener Husten; nachts. Reizhusten, < nachts. CNC 6045, Nebel).

Verlauf
15.10. Tuberkulinum C1000 (Gudjons) 2 Glob. in 5 EL Wasser.
24.10. Er hat sehr schnell auf das Mittel angesprochen: Die obstruktive Bronchitis, die auf dem Weg der Besserung war, ist schon am nächsten Tag weggegangen.
Am 31.10. plötzlich wieder trockener, bellender Husten und Schnupfen. Die Mutter gibt Peter in Eigenregie 1 Glob. Tuberkulinum C1000 (Gudjons).
6.11. Der Husten löst sich jetzt. Gesicht blaß, fiebrige Augen, hochrote Wangen, Lippen feuerrot. Bauchweh > Wärme. Stockschnupfen mit dicker, grünlicher Absonderung seit gestern Abend. Sehr weinerlich, ängstlich, will dass jemand bei ihm bleibt.
Pulsatilla C30 (Spagyros) 1 Glob., dann aufgelöst.
12.11. Alle Beschwerden innerhalb von zwei Tagen vergangen, auch der Husten.
26.11. Bei der U9 wird ein Tuberkulin-Test (PPD) durchgeführt, ohne die Mutter nach ihrem Einverständnis zu fragen. Der Test ist zum dritten Mal negativ. Am Folgetag Fließschnupfen, einen Tag darauf wieder trockener Reizhusten.
Tuberkulinum C1000 (Gudjons) 1 Glob. in 1 EL Wasser je eine Hälfte abends und morgens.
3.12. Husten schon nach der ersten Gabe Tuberkulinum besser: Er löst sich und tritt nur noch abends von 21 bis 22 Uhr und morgens von 7 bis 8 Uhr auf. Jetzt Stockschnupfen mit starker Krustenbildung und grasgrüner Absonderung.

Repertorisation
Nose, discharge, greenish- yellow MMR 1190 Tub. (3)
Nose, discharge, crusts MMR 1189, KD III 169 Tub. (3)

Materia medica
Hinweis: Absonderung von Schleim aus der Nase, …gelb-grün (CNC 6041).

Verlauf
Tuberkulinum Q6 (Rosegger), 5 Tropfen auf 100 ml Wasser, davon 1 TL morgens und abends.
10.12. Alle Beschwerden sind nach zwei Gaben der Q6 innerhalb von zwei Tagen verschwunden.
9.01.02 Mit dem Verschwinden des Reizhustens hat sich Peters Stimmung sehr gebessert: Singt viel, ist freundlicher und offener anderen gegenüber. Im Dezember einmal kurz Reizhusten, der nach einer Gabe Tuberkulinum Q6 verschwand. Normaler Durst, trinkt auch mal warme Getränke. Weniger Verlangen nach Saurem, kein Verlangen mehr nach Salz. Schwitzt weniger, Schweiße an Händen, Füßen und Kopf sind weg.
Trockener, manchmal geröteter Ausschlag zwischen Mittel- und Ringfinger seitlich und in der Falte, begann Mitte Dezember, zunächst links, jetzt bds. Rötung < nach Schwitzen. Warzen idem.

Repertorisation
DD Sulf., Sep., Calc., (Psor.).

Verlauf
Sulfur C30 (Spagyros) 2 Glob. unter die Zunge.
15.10. Nach Sulfur am nächsten Tag Bauchschmerz und Durchfall ohne Anlaß. Der Ausschlag zwischen den Fingern ist innerhalb von zwei Tagen weggegangen.
31.01. Stockschnupfen und Husten ohne Auslöser, < morgens, deutlich > an der frischen Luft, < im warmen Zimmer. Auch allgemein > im Freien. Trockene Lippen. Husten seit heute locker.
Pulsatilla C30 (Spagyros) 1 Glob. abends. Am Folgetag Husten verstärkt, danach alle Symptome vollständig verschwunden.
22.02. Sulfur C200 (Spagyros) 1 Glob.
4.03. Eine Erkältung mit Fließschnupfen, bellendem Husten < nachts, Herzklopfen, Unruhe und Hitze der Haut ohne Fieber heilt mit Aconitum C30 und Emser Salz-Inhalationen in wenigen Tagen aus. Eine Woche später schält sich die Haut an Handinnenflächen und Fußsohlen: Es war Scharlach.
14.03. Neues Symptom: Zwei kahle Stellen an der Kopfhaut, am Hinterkopf (1,5 cm ) und seitlich rechts (0,5 cm ). Diagnose des Hautarztes: Alopecia areata.
Immer noch etwas Husten und Schwäche nach Scharlach. Lippen rot, sehr trocken. Träumt viel und lebhaft wie noch nie, Schlaf unruhig.
Ich frage nach den chronischen Symptomen: Verlangen nach Salzigem, Saurem, Abneigung gegen heiße Speisen,Verlangen nach kaltem Wasser, Warzen: idem.
Auch wenn es klinische Hinweise auf die Wirksamkeit von Tuberkulinum bei Alopecia areata gibt, entscheide ich mich nach Repertorisation für Phosphorus, das diese Störung oft geheilt hat und von dem nach bereits häufiger Tuberkulinum-Gabe für die Gesundheit des Jungen mehr zu erwarten ist.
Phosphorus C1000 (Gudjons) 2 Glob.
11.04. Haare unverändert. Seit ein paar Tagen hochrote Wangen mit eitrigen Pickeln auf trockener Haut – ein altes Symptom, er hatte das während der Zahnung. Stimmung auffällig >, singt schon morgens im Bett und den ganzen Tag über.
17.05. Seit Anfang Mai wachsen die Haare nach. Wieder Ausschlag zwischen den Fingern seit einer Woche. Lehnt Süßigkeiten ab. Eine Warze verändert sich, sie wird hart mit schwarzen Punkten. Abwarten.
27.05. Ekzem zwischen den Fingern weg.

Die Mutter meldet sich wieder im April und im August 2003, um zu berichten, dass es Peter sehr gut geht: Kein Husten und keine Infekte mehr. Aufenthalte in Berghütten in zwei Sommerurlauben ohne Probleme. Die Haare sind vollständig nachgewachsen. Keine Schweiße mehr. Keine heißen Füße, keine Unverträglichkeit von warmen Räumen und Sonnenhitze mehr. Beide Warzen sind wenige Wochen nach dem letzten Termin verschwunden. Lippenfarbe normal. Süßes ißt er wieder, auch warme Speisen.
Geblieben sind: Peter trinkt immer noch nur kalte Getränke. Verlangen nach Salz und Saurem noch vorhanden, aber nicht sehr ausgeprägt. Leichte Reizbarkeit vor Gewitter oder Sturm.

Ursprung der Nosode

Die Wirkungen von Tuberkulinum Koch und Bacillinum scheinen identisch zu sein.
Prüfungssymptome und klinische Symptome von Bacillinum können daher als Hinweis für die Verordnung von Tuberkulinum verwendet werden und umgekehrt, sollten aber gekennzeichnet werden.
Als Erster stellte S. Swan ein Präparat aus tuberkulösem Sputum her und nannte es Tuberkulinum. J. C. Burnett, der die Nosode therapeutisch anwandte und bekannt machte, bezeichnete Swans Präparat als Bacillinum. Er stellte sein eigenes Bacillinum aus einem tuberkulösen Kaverneninhalt mit angrenzendem Lungengewebe her und nannte diese ebenfalls Bacillinum. Das von R. Koch aus einer Kultur von menschlichen Tuberkulose-bakterien hergestellte Alt-Tuberkulin wurde homöopathisch aufbereitet als Tuberkulinum Koch eingeführt. Schließlich präparierte J. T. Kent die Nosode aus tuberkulösem Lungengewebe der Kuh, Tuberkulinum bovinum genannt.

Materia medica

Prüfungen
Von Tuberkulinum sind nur vier verwertbare Arzneimittelprüfungen homöopathischer Ärzte bekannt. 1890 prüften J.C. Burnett und J. H. Clarke Bacillinum, R. Boocock machte 1892 beim Potenzieren von Bacillinum eine unfreiwillige Mittelprüfung [6] und H. Straten prüfte 1895 Tuberkulinum [30]. Die Prüfungen wurden einmalig und über wenige Tage durchgeführt und ergaben nur eine geringe Anzahl von Symptomen. Größere Bedeutung für die heutige Materia medica hat die Arzneimittelprüfung von A. Nebel aus dem Jahre 1900 an immerhin 50 Personen [26]. Nebel schreibt, dass es ihm unmöglich war, Tuberkulin am Gesunden zu prüfen. Hieraus kann man auf die zur damaligen Zeit große Angst vor Ansteckung schließen. Die Prüfer waren Initialtuberkulöse mit sehr leichten Krankheitserscheinungen, denen alle 6 bis 8 Tage Tuberkulinum C30 gegeben wurde. Nebel begründet den Wert seiner Prüfung mit der These, dass beginnend TBC-Kranke durch die Erkrankung geradezu sensibilisiert seien, Prüfungssymptome der Nosode zu entwickeln: „Hat doch… das Tuberculin schon im Mutterleibe auf sie eingewirkt und Jahre hindurch in geringen Mengen von den Bacillen secerniert, die ganze Körperconstitution durchdrungen und umgeändert, so dass dieselben nun auf geringe Dosen (einer C30, A.d.V.) mit… beträchtlichen Krankheitserscheinungen reagierten…“
Nebels Prüfung wurde von Clarke in dessen Materia medica [11] eingearbeitet und auf diese Weise als Basis für zahlreiche erfolgreiche Verschreibungen genutzt. Da die Prüfer nicht gesund waren, entspricht sie nicht vollständig den Voraussetzungen einer homöopathischen Arzneimittelprüfung. Nebels Prüfungssymptome können also nicht Grundlage, sondern nur Hinweise für eine Verschreibung sein.

Tuberkulin- Injektionen
Nebel stellte außerdem Symptome zusammen, die R. Koch in den Jahren 1890 bis 1891 durch Injektion von Alt-Tuberkulin (siehe Anm. 9) an TBC-Kranken hervorrief [27]. Diese Symptome sind nicht in die Materia medica eingegangen.
Clarke führt in seiner Materia medica zahlreiche Symptome, Nebenwirkungen und auch Heilwirkungen auf, die nach Tuberkulin-Injektionen an Kranken, vorwiegend TBC-Kranken beobachtet wurden, er entnahm diese Symptome medizinischen Journalen seiner Zeit. Injektionen mit materiellen Dosen Alt-Tuberkulin sind mit einer Vergiftung vergleichbar, deren Symptome Hahnemann als „Andeutungen ihrer homöopathischen Heilwirkungen“ in die Materia medica übernahm. Hier wurde Tuberkulin jedoch parenteral gegeben. Da es sich außerdem um Kranke handelte, läßt sich nicht ausschließen, dass sich Krankheitssymptome mit Prüfungssymptomen mischen. Zur Diskussion gestellt sei, ob Symptome dieser Art in eine Materia medica gehören. Sie wurden in dieser Arbeit nicht zum Vergleich herangezogen.
Ich konnte nicht belegen, dass regelrechte Krankheitssymptome der TBC in die Materia medica übernommen wurden, wie vielfach behauptet wird. Die Symptome der Materia medica von Tuberkulinum lassen sich entweder auf Prüfungssymptome, Symptome nach Tuberkulin-Injektionen oder auf geheilte Fälle zurückführen.

Klinische Symptome
In über 100 Jahren wurden zahlreiche klinische Erfahrungen mit Tuberkulinum gesammelt. Die meisten Tuberkulinum-Symptome werden als klinisches Erfahrungswissen seit Jahrzehnten überliefert, ergänzt und wechselseitig von Autoren abgeschrieben. Viele haben sich in der Praxis bewährt. Ausgewählte Tuberkulinum-Symptome sind: Rezidivierende Infekte und Bronchitiden, auch als langwierige Hustenphasen (Burnett, BCC; Boger, SK), Tendenz zu Abmagerung (H. C. Allen) [1], Verlangen nach frischer Luft (Boger), Schweißneigung (Burnett), schweißige Hände, Zornausbrüche (Boger), schlägt seinen Kopf gegen die Wand, leicht beleidigt (P. Schmidt, SR), Kopfschmerzen (Burnett; Straten), Drüsenschwellungen, besonders am Hals, Himbeerzunge, Zähneknirschen (Burnett), chronisch vergrößerte Tonsillen, Bettnässen (Boger), Ekzeme (Clarke, BCC), chronische Folgen von Influenza (Clarke, CNC).
Die klinischen Symptome von Tuberkulinum müssen nun im Rahmen einer angestrebten Materia medica-Revision auf Primärquellen, d.h. Kasuistiken zurückgeführt werden. Erst dann stehen sie auf wissenschaftlicher Grundlage und die Arznei kann nach homöopathischen Regeln sicher verordnet werden.
Man könnte nun einwenden, es sei egal, woher die Angabe komme, Hauptsache es funktiere. Wenn die Homöopathie Bestand haben soll, muss sie sich an ihre eigenen Regeln halten, und das heißt die Rückführung der Symptome auf Primärquellen bzw. die nachvollziehbare Verordnung aufgrund einer sicheren Materia medica.
Bis dies geschehen ist, halte ich ein pragmatisches Vorgehen für sinnvoll: Das vorhandene Erfahrungswissen in der Praxis anwenden und verifizieren, statt eine Arznei, die ihre Wirksamkeit vielfach bewiesen hat, links liegen zu lassen.

Materia medica-Literatur

Die Guiding Symptoms (GS) enthalten fast ausschließlich klinische Tuberkulinum-Symptome. Die meisten Kasuistiken Burnetts aus „The New Cure For Consumption“ [9] sind hier integriert, auch dessen Bacillinum-Prüfung. Einzelne Hinweise anderer Autoren, u.a. Rose, Boardman, Swan und Kent wurden übernommen. Die Prüfungen von Clarke, Boocock und Straten fehlen.
Clarkes Materia medica führt die Arzneien Tuberkulinum und Bacillinum getrennt auf. Erstere enthält vornehmlich Prüfungssymptome Nebels, gefolgt von Symptomen nach Tuberkulin-Injektion. Unter Bacillinum sind die Prüfungen Burnetts, Clarkes und, unvollständig, die Prüfung Boococks sowie klinische Symptome von Burnett und Clarke zusammengestellt.
Die Werke von Clarke und Hering (GS) bilden den Grundstock der heutigen Materia medica. In der Enzyklopädie von T. F. Allen sind Tuberkulinum und Bacillinum nicht enthalten.
Die Tuberkulinum-Materia medica von H. C. Allen, veröffentlicht im Jahre 1910 in „The Materica Medica of the Nosodes“, ist zum überwiegenden Teil eine Zusammenstellung der Symptome aus den GS und Clarkes Materia medica. Darüber hinaus finden sich eine Reihe neuer Symptome ohne Quellenangabe. Es ist unklar, ob es sich um klinische Nachträge oder Symptome aus einer Prüfung Allens an Studenten handelt [13].
Weitaus mehr klinische Symptome und Ergänzungen aufbauend auf Allens Materia medica bietet eine Tuberkulinum-Zusammenstellung von M. Burgess-Webster aus dem Jahre 1933 [8]. Die Autorin nennt immerhin am Ende Ihrer Arbeit Quellen.

Tuberkulinum als Zwischenmittel

Tuberkulinum kann die chronischen Folgen einer TBC-Infektion heilen, das übrige Kranksein des Menschen bleibt i.d.R. bestehen. Auch die Blockierung der Wirkung angezeigter Arzneien kann Folge einer chronischen Infektion sein. C. Hering schreibt über Nosoden: „Alle potenzierten Leibesprodukte dürfen nicht als absolute Spezifika betrachtet werden, sondern als chronische Zwischenmittel. Die nachher gegebenen Mittel bewirken dann dauerndere Reaktionen, die vorher gegebenen entfalten nun erst ihre Wirkung.“
Hierzu ein Beispiel:
Der 2- jährige Joshua wird am 9.05.2001 mit chronischem Wangenekzem seit dem 7. Lebensmonat vorgestellt. Auch hinter den Ohren und am Unterrand der Augenbrauen trockene gerötete Haut. Milchschorf. Häufiges Umknicken im Sprunggelenk. Ißt sehr gerne Ei und besonders Butter. Lippen rot. Bauchlage. Zurückhaltend gegenüber Neuem. Viermal Bronchitis. Nach Angabe der Mutter keine schwerwiegenden Krankheiten in der Familie.
Calcium carbonicum C200. Ekzem anfangs >, dann wieder <. Kein Umknicken mehr. Wiederholung. Nach Änderung der Symptomatik – Stuhl wundmachend, ekzematöser Ausschlag linke Hüfte – Sulfur C30 und später C200. Daraufhin Verschwinden des Ausschlags an der Hüfte und weniger Wundsein, aber < des Wangenekzems. Auch Rhus toxicodendron bringt keine Besserung von Ekzem und Milchschorf. Einige Wochen später neue Symptomatik: Zornig, außer sich vor Wut, wirft Dinge auf den Boden, schlägt nach seiner Mutter und provoziert andere Kinder. Kommt jede Nacht zu den Eltern ins Bett und sucht Körperkontakt, was er vorher nur tat, wenn er krank war. Hört auffallend gerne klassische Musik. Die Symptomatik besteht seit zwei Monaten.
Es ist ungewöhnlich, dass ein chronisches Ekzem trotz gut gewählter Mittel nicht ausheilt, besonders bei einem Kind. Offenbar wird hier die Arzneiwirkung verhindert. Ich frage noch einmal eindrücklich nach TBC in der Familie, da der Junge Tuberkulinum-Symptome wie Zorn, rote Lippen und Verlangen nach Butter hat. Die Mutter erkundigt sich bei ihren Eltern und erfährt jetzt, dass mütterlicherseits die Ur-Großmutter, die Großmutter und zwei Großtanten TBC hatten. Jetzt beziehe ich die chronische Folge einer TBC-Infektion als klinische Tatsache (Burnett) in die Mittelwahl mit ein und gebe nach Repertorisation und Materia medica-Vergleich Tuberkulinum C200 (Spagyros).
Am nächsten Tag singt Joshua im Kindergarten nach langer Zeit wieder mit. Weniger zornig. Wachstumsschub. Wangenekzem erst >, dann wieder <. Zwei Monate später: Sehr anhänglich, Stuhl veränderlich. Pulsatilla C1000. Nach einem Monat: Sucht nachts wieder Körperkontakt. Stuhl >, aber wieder wundmachend. Das Zähneknirschen – davon höre ich zum ersten Mal – ist wieder häufiger, es war zwischendurch besser. Zähneknirschen ist ein klinisch bestätigtes Tuberkulinum-Symptom. Tuberkulinum C1000 (Gudjons).
Das Mittel hatte folgende Wirkung: Wangenekzem nach drei Wochen vollkommen verschwunden. Stimmung ausgeglichen und fröhlich. Schläft wieder allein. Interessanterweise bevorzugt er nicht mehr klassische Musik, sondern Kindermusik. Keine rezidivierenden Erkältungen mehr, nur noch selten Verlangen nach Butter, Lippenfarbe normal, Zähneknirschen weg.
Von der ursprünglichen Symptomatik sind unverändert geblieben: Die trockene, leicht gerötete Haut hinter den Ohren und in den Augenbrauen und der Milchschorf. Die Behandlung wird weitergeführt.

Vererbung

Was hat das Kind mit der TBC seiner Großmutter zu tun?
Hahnemann hält eine durch „Erbschaft“ eingeprägte Krankheit für möglich. Das Phänomen einer Vererbung infektiöser Krankheiten wie TBC oder Gonorrhoe, die über eine bei der Geburt erfolgte Ansteckung hinausgeht, haben eine Reihe bekannter Homöopathen wie A. Nebel, J. T. Kent, L. Vannier, D. M. Foubister und M. Tyler beobachtet. M. Tyler spricht von einer Ansteckung, die durch mehrere Generationen hindurch „gefiltert“ worden ist. Über welchen Mechanismus vererbt wird, durch dynamische Prägung oder genetisch, läßt sich nicht sagen. Man kann von der Vererbung einer Diathese sprechen, wobei ich unter Diathese eine reale chronische Krankheit im Gegensatz zur Krankheitsanfälligkeit oder Disposition verstehe.
TBC kann offenbar über Generationen weitervererbt werden. Bis zur Mitte des 20ten Jahrhunderts war sie in Westeuropa überaus häufig. Daher wundert es nicht, dass viele Menschen heute TBC-kranke Vorfahren hatten.

Spezifische Infektion und Arzneiwahl

Infektionen können Schäden setzen, die weit über das akute Geschehen hinausreichen. Bei den dargestellten Fällen handelt es sich um die chronischen Folgen der TBC-Infektion, die der tuberkulösen Diathese konditional zugrundeliegt. Auch andere virale und bakterielle Infektionen einschließlich der Kinderkrankheiten zählen hierzu, wenn sie schwer verlaufen, der Kranke sich lange danach nicht richtig erholt oder vor der Infektionskrankheit völlig gesund war.

Am Beispiel der TBC zeigt sich, dass nicht nur die Totalität der chronischen Symptome, sondern auch die tatsächlichen und familiären Ansteckungen des Patienten eruiert werden müssen. Ich schließe mit einem Zitat von Klunker, der eine wesentliche Aussage meiner Arbeit in klare Worte faßt :
„Es ist keine Hypothese, dass der ‚Ansteckungsstoff‘ in einem konditionalen, nicht notwendig symptomatischen Ähnlichkeitsverhältnis zur chronischen Krankheit steht. Es ist auch keine Hypothese, dass er zu gewissen spezifischen Lokalsymptomen (gemeint sind Kondylome, Muttermale, Nagelveränderungen usw., A.d.V.) in einer konditionalen Beziehung steht. Das heißt: Bei der wissenschaftlich-homöopathischen Behandlung der chronischen Krankheiten können neben die symptomatischen Simillima noch die spezifischen Ansteckungsstoffe, die Nosoden treten.“


Literatur

[1] Allen H C: Leitsymptome der homöopathischen Materia Medica. Übers. M. F. von Ungern-Sternberg u. A. Grimm. Göttingen: Burgdorf Verlag 1992 (11898 Philadelphia „Keynotes and Characteristics with Comparisons…“).
[2] Allen H C: Materia Medica of the Nosodes (AN). Reprint Edition, New Dehli: B. Jain Publishers 2002 (11910 Philadelphia, U.S.).
[3] Barthel H, Klunker W: Synthetisches Repertorium (SR). Band 1-3. 4. Aufl., Heidelberg: Haug Verlag 1992.
[4] Bönninghausen C v: Therapeutisches Taschenbuch (TB). Hrsg. K.-H. Gypser. 1. Aufl., Stuttgart: Sonntag Verlag 2000.
[5] Boger C M: A Synoptic Key To Materia Medica (SK). Reprint Edition, New Dehli: B. Jain Publishers 1994 (11915 Parkersburg, U.S.).
[6] Boocock R: A Partial Proving Of Bacillinum. HRC 1892; No. 7: 260-262.
[7] Borland D M: Kindertypen. Übers. H. Zulla. Ulm/Donau: Haug Verlag 1961, S. 16 (11939 London „Children´s Types“).
[8] Burgess-Webster M: Tuberculinum. HRC 1933 (Vol. 48); No. 1,2,3.
[9] Burnett J C: The New Cure For Consumption By Its Own Virus (BCC). 4. Aufl. Reptint Edition. New Dehli: B. Jain Publishers 1998 (11890 London).
[10] Burnett J C: Vakzinose und Ihre Heilung mit Thuja. Übers. I. Torp. Nachdruck, München: Müller & Steinicke 1991 (11884 London „Vaccinosis and its Cure by Thuja“).
[11] Clarke J H: Der Neue Clarke (CNC). Übers. P. Vint. Bielefeld: Silvia Stefanovic 1990.
[12] Genneper T, Wegener A: Lehrbuch der Homöopathie. Heidelberg: Haug Verlag 2001.
[13] Gypser K H: Nosodenseminar 4./5.05.1996, Köthen.
[14] Hahnemann S: Die chronischen Krankheiten (CK). Band 1-5. Heidelberg: Haug Verlag 1995 (11835-39 Dresden und Leipzig).
[15] Hahnemann S: Organon der Heilkunst (ORG). Hrsg. J.M. Schmidt. Standardausgabe der 6. Aufl., Heidelberg: Haug Verlag 1992 (11842 Paris).
[16] Hering C: Guiding Symptoms Of Our Materia Medica (GS). Reprint Edition. New Dehli: B. Jain Publishers 1974 (11881 Philadelphia, U.S.).
[17] Imhäuser H: Homöopathie in der Kinderheilkunde. 7. Aufl. Heidelberg: Haug Verlag 1985, S. 81.
[18] Jahr G H G: Ausführlicher Symptomen-Kodex der homöopathischen Arzneimittellehre (JSK). Nachdruck ohne Jahrgang B.v.d. Lieth, Hamburg: Verlag für homöopathische Literatur (11848 Leipzig).
[19] Jahr G H G: Handbuch der Haupt-Anzeigen (JHA). Nachdruck. Euskirchen: Verlag Homöopathisches Wissen 1998 (11851 Leipzig).
[20] Keller G v: Psorinum, Psora und die Miasmen. AHZ 1984; 1: 10-17.
[21] Kent J T: Kent’s Repertorium der homöopathischen Arzneimittel (KD). Hrsg. u. Übers. G. v. Keller u. J. Künzli v. Fimelsberg. Bd. 1-3. 9. Aufl., Heidelberg: Haug Verlag 1986 (11897 Lancaster, U.S.).
[22] Klunker W: Clemens von Bönninghausen und die Zukunft von Hahnemanns Miasmenlehre für die Behandlung chronischer Krankheiten. ZKH 1990; 34: 229-236.
[23] Klunker W: Hahnemanns Miasmen und Organon § 3. ZKH 1998; 5: 179-186.
[24] Kropp R: Das Deutsche Tuberkulose-Archiv, Fulda.
[25] Murphy R: Homeopathic Medical Repertory (MMR). 1. Aufl. New Dehli: B. Jain Publishers 1994.
[26] Nebel A: Bruchstücke einer Tuberculinprüfung. Zeitschrift des Berliner Vereins homöopathischer Ärzte. Hrgs. Windelband und Burkhard. Berlin: B. Behr´s Verlag 1900; 19: 295-303.
[27] Nebel A: Symptomenregister des Tuberkulin Koch (Zusammenstellung aus: Robert Koch´s Heilmittel gegen die Tuberkulose. Heft 1-12. Berlin und Leipzig: Verlag G. Thieme 1890-1891). Zeitschrift des Berliner Vereins homöopathischer Ärzte. Hrgs. Windelband und Burkhard. Berlin: B. Behr´s Verlag 1902; Bd. 21, Heft 2-3: 81-133.
[28] Pennekamp H: Kinder-Repertorium (PKR). 2. Auflage, Osten-Isensee: Pennekamp MDT-Verlag 1999.
[29] Phatak S R: Materia Medica Of Homoeopathic Medicines (PMM). Reprint Edition, New Dehli: B. Jain Publishers 1993 (11977).
[30] Straten H: Tuberculinum. CMA 1895; 33: 97-101.
[31] Underhill E: Bemerkungen zu den Nosoden. Dt.J.f.Hom. 1991; 1: 15,16 (aus HRC 1929; 79).

Ich danke der Deutschen Homöopathie-Union (DHU) und Herrn K.-H. Gypser für die zur Verfügung gestellte Literatur.

Siglen
(ausführliche Angaben stehen im Literaturverzeichnis)

AN = Allen, Nosodes
BCC = Burnett, Cure for Consumption
CK = Hahnemann, Die chronischen Krankheiten
CNC = Clarke, Der Neue Clarke
GS = Hering, Guiding Symptoms
JSK = Jahr, Symptomen-Kodex
JHA = Jahr, Haupt-Anzeigen
KD = Kent, Repertorium deutsch, Keller-Künzli
MMR = Murphy, Medical Repertory
ORG = Hahnemann, Organon
PKR = Pennekamp, Kinder-Repertorium
PMM = Phatak, Materia Medica
SK = Boger, Synoptic Key
SR = Barthel/Klunker, Synthetisches Repertorium
TB = Bönninghausen, Therapeutisches Taschenbuch

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